{"id":104130,"date":"2023-10-19T00:01:42","date_gmt":"2023-10-18T22:01:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=104130"},"modified":"2022-10-24T09:20:17","modified_gmt":"2022-10-24T07:20:17","slug":"lyrik-im-oeffentlichen-raum","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/10\/19\/lyrik-im-oeffentlichen-raum\/","title":{"rendered":"Lyrik im \u00f6ffentlichen Raum"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das wilde Beschriften des urbanen Raums reicht zur\u00fcck bis in die Antike: \u201eADMIROR TE PARIES NON CECIDISSE \u2013 QVI TOT SCRIPTORVM TAEDIA SVSTINEAS\u201c (\u201eIch staune, Wand, dass du nicht zerfallen bist, \/ da du soviel Unflat von Schreibern ertragen musst!\u201c) lautet eines von tausenden erhaltenen Dipinti (Bemalungen) und Graffiti (Ritzungen) in Pompeji. Neben bis heute g\u00e4ngigen Nachrichten und derben Spr\u00fcchen scherzenden wie sexuellen Inhalts hatten und haben die widerstandsf\u00e4higen Mauern Pompejis auch reihenweise teils korrekt, teils fehlerhaft von Wandbekritzlern angebrachte, der Hochkultur zugerechnete Verse von Autoren wie Lukrez, Ovid, Properz oder Vergil, auszuhalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine zusammenh\u00e4ngende Geschichte der Dichtung im \u00f6ffentlichen Raum harrt bislang ihrer Verfasser. Die pompejanischen Inschriften werden seit dem 19. Jahrhundert von Spezialisten erfasst, abgeschlossen ist der Prozess bis heute nicht. In der vor rund 100 Jahren gegr\u00fcndeten deutschen Inschriftenforschung machen lyrische Zeilen allenfalls ein Randgebiet aus; in Mitteleuropa finden sich insbesondere an Fachwerkgeb\u00e4uden Hausspr\u00fcche und Epigramme barocker oder noch \u00e4lterer Herkunft, \u00fcber deren Bedeutung und Zusammenh\u00e4nge nur aus heutiger Sicht geurteilt werden kann. Die von der Inschriften-Wissenschaft erforschte Neuzeit endet um 1650. Vermutlich erst im vergangenen Jahrhundert beginnen europ\u00e4ische Dichter, St\u00e4dte und Landschaften als Texttr\u00e4ger zu bearbeiten. Mit seinen \u201etesti-poemi murali\u201c, Einwortgedichten, die er 1944 auf Mail\u00e4nder Mauern anbringt, funktioniert Carlo Belloli die Stadt zum Buch um und setzt sich mit M\u00f6glichkeiten und Notwendigkeiten dieses frisch eroberten Schreibuntergrunds auseinander. U.a. das visuelle Moment des Gedichts gewinnt dadurch an Bedeutung; Vertreter der Konkreten Poesie, der nicht zuf\u00e4llig das lateinische Wort f\u00fcr Beton, concretum, innewohnt, entwickeln fortan das Spiel mit visuellen, klanglichen und r\u00e4umlichen Dimensionen und Positionierungen des Gedichts. Zum Aufscheinen der 60er-Jahre postulieren die Situationisten zielloses Umherschweifen, um den urbanen Raum zu erforschen und zu verwandeln. K\u00fcnstler, Intellektuelle, Linke machen sich D\u00e9rive- und R\u00e9cup\u00e9ration-Techniken zu eigen. In der neuen Wahrnehmung f\u00fcllen sich Stra\u00dfen und Pl\u00e4tze der restaurativen Nachkriegszeit mit wilden, zuvor unbeachteten Zeichen und einer Stimmung, die sich kreativ und konfrontativ entladen wird \u2013 w\u00e4hrend der 68er-Proteste in Paris gelangen schlie\u00dflich lyrisch-anarchische Parolen wie \u201eSous les pav\u00e9s, la plage !\u201c (\u201eUnter dem Pflaster liegt der Strand\u201c) oder \u201eLa po\u00e9sie est dans la rue\u201c (\u201eDie Poesie ist auf der Stra\u00dfe\u201c) von anonymer Hand \u00fcber Nacht auf Hausw\u00e4nde und von dort als Schl\u00fcssels\u00e4tze einer Generation um die gesamte Welt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Jahrzehnte sp\u00e4ter findet sich an einem Junimorgen im Jahr 2013 der Schriftzug \u201eLa po\u00e9sie est dans la rue\u201c auf erstaunliche Weise wiederbelebt: im Umfeld der Gezi-Proteste, mit Spr\u00fchlack aufs Portal des franz\u00f6sischen Generalkonsulats in Istanbuls europ\u00e4ischem Zentrum unweit des Gezi-Parks appliziert. Protestierende greifen die Parole auf und spr\u00fchen sie, ins T\u00fcrkische \u00fcbersetzt, an weitere W\u00e4nde. Mit einer Aktion des Konzeptk\u00fcnstlers Bay Per\u015fembe, der einen Vers von Ece Ayhan mit der Aufforderung \u201eSchlie\u00dft das Heft, das Gedicht ist auf der Stra\u00dfe!\u201c an einer Istanbuler Hausmauer kombiniert, beginnt ein beispielloser, anhaltender Wildwuchs poetischer Inschriften, der von Istanbul auf s\u00e4mtliche t\u00fcrkischen St\u00e4dte und, mit dem Hashtag #\u015fiirsokakta (Das Gedicht ist auf der Stra\u00dfe) versehen, in die sozialen Netzwerke ausgreift, wo seine Anh\u00e4ngerschaft rasch in die Hunderttausende geht. Zur hohen Schlagzahl der #\u015fiirsokakta-Zeilen in den St\u00e4dten tr\u00e4gt bei, dass sie schnell get\u00e4tigt sind: gew\u00f6hnliche Schreibschriftgr\u00f6\u00dfe \u00fcbersteigen die heimlichen Anbringungen selten und das ben\u00f6tigte Material steht ohnehin zur Verf\u00fcgung. Oft kommen mehrere Texte und Handschriften auf einer Wand bzw. in einer Gasse zusammen, was auf konzertierte Aktionen schlie\u00dfen l\u00e4sst. Die Idee des Satzes \u201eLa po\u00e9sie est dans la rue\u201c, der mehr eine allgemeine revolution\u00e4re Stimmung transportiert hatte, beinhaltet in seiner t\u00fcrkischen Variante auch die konkrete Vervielf\u00e4ltigung und Produktion von Versen in der Nachbarschaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Versrezitationen geh\u00f6ren in der T\u00fcrkei seit Langem zum festen Repertoire politischer Anl\u00e4sse. Das gilt nicht nur f\u00fcr Demonstrationen wie im Gezi-Park. 1997 wird Recep Tayyip Erdo\u011fan als B\u00fcrgermeister von Istanbul zu zehn Monaten Gef\u00e4ngnis verurteilt, weil er ein islamistisches Gedicht von Ziya G\u00f6kalp zitiert. Sp\u00e4ter, als Ministerpr\u00e4sident, beginnt er seine Reden u.a. mit Zitaten des kommunistischen Dichters Naz\u0131m Hikmet, den die junge Republik mehr als ein Jahrzehnt lang inhaftiert hatte. Ein bekannter t\u00fcrkischer Witz handelt von einem Gefangenen, der aus der miserablen Gef\u00e4ngnis-Bibliothek ein Buch ausleihen will: \u201eMit dem Buch k\u00f6nnen wir leider nicht dienen, aber der Verfasser w\u00e4re vorhanden\u201c, beschreibt die Antwort der Aufsicht b\u00fcndig das klassische, bis heute von Repressionen bedr\u00fcckte Klima zwischen t\u00fcrkischen Autoren, ihren Lesern und der Staatsmacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Als die Gezi-Bewegung die ersten Toten zu beklagen hat, tut sie dies mit auf Hausw\u00e4nden angebrachten Zeilen von Metin Alt\u0131ok (\u201eUmarme mich, wo ich mein Leben gelassen habe\u201c) und Hasan H\u00fcseyin Korkmazgil (&#8222;Es ist schwer im Juni zu sterben&#8220;). Insbesondere die Dichter der \u0130kinci Yeni (\u201eZweite Neue\u201c), einer literarischen Str\u00f6mung, die sich in den 50er-Jahren bildete und landl\u00e4ufig als unpolitisch angesehen wird, erleben im Rahmen von #\u015fiirsokakta paradoxerweise ein Revival aus politischer Motivation: Verse von Ece Ayhan, \u0130lhan Berk, Edip Cansever, Cemal S\u00fcreya oder Turgut Uyar erscheinen \u00fcberall im Land auf W\u00e4nden und Mauern. Der Istanbuler Dichter G\u00f6k\u00e7enur \u00c7 berichtet im Gespr\u00e4ch \u00fcber Gezi wie der republikanische Fl\u00fcgel dort seinen g\u00e4ngigen Slogan \u201eWir sind die Soldaten Mustafa Kemals\u201c lanciert habe, woraufhin der von anderen, damit nicht einverstandenen Protestlern erst auf einen Arabeske-S\u00e4nger mit \u00e4hnlichem Namen umgem\u00fcnzt und schlie\u00dflich zu \u201eWir sind die Verse Turgut Uyars\u201c wurde. Sp\u00e4ter kommen feministische Zeilen von G\u00fclten Ak\u0131n (\u201eIch schnitt meine schwarzen Haare ab\u201c) oder Lale M\u00fcld\u00fcr (\u201eIch wollte, dass dir etwas Schlimmes geschieht \/ ich wollte, dass du dich in mich verliebst\u201c) und Eigenproduktionen der nachr\u00fcckenden Dichtergeneration hinzu; aber auch Verse so unterschiedlicher Pers\u00f6nlichkeiten wie Naz\u0131m Hikmet und Sultan Selim der Grausame bzw. die typisch melancholische Feier der eigenen Stadt (\u201eWenn du blau tr\u00e4gst vergesse ich das Meer\u201c) transportieren \u2013 nebst Zeilen aus Popsongs, zu denen in der T\u00fcrkei nicht wenige zeitgen\u00f6ssische Gedichte werden \u2013 die Vielfalt der wilden Stra\u00dfenlyrik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Halbwertszeit solcher meist mit Filz- oder Benzinstift angebrachten Verse unterdessen ist kurz, Wind und Wetter greifen die ohnehin fl\u00fcchtig wirkenden Inschriften an und l\u00f6schen viele bald wieder aus. Achim Wagner, der die #\u015fiirsokakta-Bewegung fotografisch dokumentiert, berichtet, dass die Stadtverwaltungen anfangs illegal angebrachte Verse \u00fcberstreichen lassen und gleichzeitig Lyrikenthusiasten den Verwaltungen nachts auf Twitter ank\u00fcndigen, gleich wieder loszuziehen, um Stra\u00dfen und W\u00e4nde neu zu beschriften. Bis heute setzt sich, wenngleich in deutlich abgeflachtem Ma\u00dfe, dieses Neubeschriften gegen Sonne, Regen und \u00dcberstreichungen fort \u2013 und die Stadtteilverwaltungen von \u00c7ankaya (Ankara) und Kad\u0131k\u00f6y (\u0130stanbul) f\u00f6rdern zwischenzeitlich Poesie im \u00f6ffentlichen Raum und beziehen sich in der Auswahl auf die #\u015fiirsokakta-Bewegung, sprich auf die am H\u00e4ufigsten von zahllosen anonymen H\u00e4nden in die Architektur der Viertel geschmuggelten Texte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Viele #\u015fiirsokakta-Interventionen \u00fcberdauern tats\u00e4chlich ihre ephemere Pr\u00e4senz auf Hausw\u00e4nden, Stromverteilerk\u00e4sten oder dem Trottoir, weil sie fotografiert und dann im Internet oder Printmedien dokumentiert werden. Ihre \u00c4sthetik steht in Wechselwirkung mit der jeweiligen Handschrift, dem Schreibmaterial, dem Untergrundmaterial, der Lokalit\u00e4t. Zugleich eine \u00c4sthetik des unvermittelten Aufscheinens, des Verbleichens, Abbl\u00e4tterns, Verwitterns, der Heimlichkeit in aller \u00d6ffentlichkeit, des Entdeckt- und Ausgel\u00f6schtwerdens, der beharrlichen Wiederkehr. In Istanbul \u00fcberwiegen die #\u015fiirsokakta-Vorkommen bis heute das durchaus vorhandene \u201eoffizielle\u201c Lyrikvorkommen der Stadt (etwa die mit Gedichten bekannter t\u00fcrkischer Lyriker beschrifteten Parkb\u00e4nke der Prinzeninseln) bei weitem.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">In Zentralamerika geht Wandmalerei auf die Hochzeit der Maya zur\u00fcck. In der Moderne erlangt das politische Wandgem\u00e4lde (Mural) von K\u00fcnstlern wie Diego Riviera oder Jos\u00e9 Clemente Orozco weltweiten Ruf. Die Pr\u00e4senz wilder, semilegaler oder offizieller Murales in St\u00e4dten und D\u00f6rfern dieser Weltgegend ist erschlagend. H\u00e4ufig, z.B. in den von hohem Analphabetismus betroffenen l\u00e4ndlichen Mayagebieten Guatemalas, \u00fcbernehmen sie Zwecke der Identit\u00e4tsstiftung, Bildung und Geschichtsschreibung: ein Wandgem\u00e4lde zeigt den Maisanbau und seinen Zyklus, ein zweites kl\u00e4rt das Dorf \u00fcber Positionen im B\u00fcrgerkrieg auf, ein drittes besch\u00e4ftigt sich mit den Mythen der Vorfahren usw. In der Maya-Weltanschauung sind alle Gegenst\u00e4nde belebt, und tats\u00e4chlich vermitteln die mit Gem\u00e4lden \u00fcbers\u00e4ten Mauern und W\u00e4nde der Mayad\u00f6rfer eine Atmosph\u00e4re magischer Belebtheit. Zwischen bildnerischen Murales findet sich bisweilen ein Typus, der gleich Comic Panels Texte mit Bildern verkn\u00fcpft oder rein aus Text besteht: das Mural Po\u00e9tico. Auf z.B. Tzotzil verfasst, geh\u00f6rt das Mural Po\u00e9tico zu den wenigen \u00f6ffentlich sichtbaren Zeugnissen der selten, aber zunehmend h\u00e4ufiger verschriftlichten indigenen Sprachen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine lateinamerikanische Besonderheit sind die Botschaften der Acci\u00f3n Po\u00e9tica. In Quetzaltenango, kurz Xela, von seinen Bewohnern jeweils zurecht als Stadt des Mondes und des Kakaos bezeichnet, erblicke ich erstmals eine dieser Interventionen, die fortan in beinahe allen St\u00e4dten und D\u00f6rfern meiner Reisewege durch Mittelamerika auftauchen. Medial bekannt ist der Name des Initiators Armando Alanis Pulido. Der mexikanische Dichter begr\u00fcndet die Acci\u00f3n Po\u00e9tica im Jahr 1996 in Monterrey, als er eigene Texte in der Stadt gro\u00dffl\u00e4chig auf W\u00e4nde pinselt. Die Aktionen bringen ihm den Beinamen El bardo de las bardas (Der Mauerbarde) ein. Von Pulido stammt auch eines der bekanntesten Textmotive: \u201eSin poes\u00eda no hay ciudad\u201c (Ohne Poesie keine Stadt). Die Idee verbreitet sich, zun\u00e4chst in Mexiko, heute existieren in allen lateinamerikanischen L\u00e4ndern und selbst auf anderen Kontinenten Ableger der Bewegung, zu deren weltweiter Reichweite die sozialen Netzwerke ma\u00dfgeblich beitragen: die verschiedenen Facebookseiten der Acci\u00f3n Po\u00e9tica werden millionenfach abonniert. Die grafischen Oberfl\u00e4chen bei Facebook erlauben zudem eine Fortsetzung des Formats ins Elektronische. Zahlreiche selbst organisierte Gruppen sorgen f\u00fcr die Verbreitung von Idee und Texten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch wenn die Anbringungen \u00fcberwiegend illegal sind und, anders als die wenige Sekunden in Anspruch nehmenden #\u015fiirsokakta-Interventionen, eines erheblichen Zeitaufwands bed\u00fcrfen, werden sie nahezu \u00fcberall toleriert. In Interviews erz\u00e4hlt Pulido wie ihn manchmal Polizisten fragen, was er da treibe, um dann begeistert das Entstehen lyrischer Zeilen zu verfolgen; lediglich einmal sei er festgenommen worden und sehr schnell wieder laufen gelassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihren Wiedererkennungswert beziehen die Acci\u00f3n Po\u00e9tica-Murales aus \u00dcbereink\u00fcnften, an denen sich praktisch alle lokalen Aktionsgruppen stillschweigend orientieren. Verwendet werden Gedicht- oder Liedfragmente in schwarzen Gro\u00dfbuchstaben auf wei\u00df grundierter Fl\u00e4che, um an die Buchherkunft der Verse zu erinnern. Die Autorschaft bleibt ungenannt, die Signatur lautet Acci\u00f3n Po\u00e9tica, gelegentlich um eine Lokalkennung erweitert. Der klare Strich gew\u00e4hrleistet gute Leserlichkeit, auch aus dem vor\u00fcberfahrenden Auto. Religi\u00f6se und politische Themen werden zugunsten eines eher romantischen Tonfalls vermieden, die Texte gehen in der Regel nicht \u00fcber zehn W\u00f6rter bzw. zwei Zeilen hinaus. Die malerische \u00c4sthetik der Lettern ist eine eigene Betrachtung wert. Letztlich entwickelt die Bewegung auf den Stra\u00dfen eine spezielle Anthologieform verstreuter und zerstreuender Versbotschaften, ein poetisches Subraumnetz voller Tages- und Nachtmantras f\u00fcr Passanten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">In ihrer oft harmlosen, bisweilen aber auch tiefgreifenden Aphoristik, sowie in ihrer \u00e4u\u00dferen Form erinnern die verwendeten Verse und Fragmente an hiesige Kalender- und Postkarten-spr\u00fcche. Auf den W\u00e4nden des \u00f6ffentlichen Raums k\u00f6nnen sie sich unmittelbar auf ihre Umgebung beziehen, was bestimmten Texten eine zus\u00e4tzliche Dimension zu verleihen vermag, so etwa der mit kopfstehenden Buchstaben an einer Parkmauer angebrachte Vers \u201eEl cielo a tus pies\u201c (Der Himmel zu deinen F\u00fc\u00dfen). Selten entdecke ich Acci\u00f3n Po\u00e9tica-Texte an exponierten Stellen, h\u00e4ufiger an Schulen und in eher vernachl\u00e4ssigten, nicht-touristischen Ecken. Anders als bei der t\u00fcrkischen #\u015fiirsokakta-Bewegung spielt das Subversionsmoment bei der Acci\u00f3n Po\u00e9tica keine beherrschende Rolle. Im Vordergrund steht die Alltags-Konfrontation des weniger literaturaffinen Publikums mit Literatur. Gro\u00dfteils werden Texte illegal angepinselt, zunehmend jedoch auf Einladung. So bringt eine offizielle Kampagne der Stadtregierung im Jahr 2015 Acci\u00f3n Po\u00e9tica-T\u00fcpfel an Dutzende Orte entlang der Metro von Mexiko-Stadt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu den wilden, semi-organisierten, im rechtlichen Graubereich wabernden Interventionsformen der T\u00fcrkei und Lateinamerikas mit ihren meist anonymen Aktivisten bilden die institu-tionalisierten Vorkommen von Lyrik im \u00f6ffentlichen Raum der niederl\u00e4ndisch-fl\u00e4mischen Sprachgebiete einen vergleichsweise cleanen Kontrast. Auf die W\u00e4nde gelangt, oft gut durchdacht und auf spezielle Gegebenheiten angepasst, Kanonisiertes und Kuratiertes. Das experimenteller Architektur zugeneigte Klima dieser Regionen scheint ebenfalls ein Faktor, der \u201eLyrik am Bau\u201c beg\u00fcnstigt. \u00d6ffentliche Budgets bewirken edlere M\u00f6glichkeiten professioneller Anbringungen und zugleich eine erh\u00f6hte Gefahr oktroyierter Sterilit\u00e4t. Die Muurgedichten von Leiden, ein Parcours mit weit \u00fcber hundert Stationen, welcher die Stadt als internationale Lyrik-Anthologie von Sappho \u00fcber Arthur Rimbaud bis zur jung verstorbenen bulgarischen Dichterin Danila Stoyanova inszeniert, wirken oft so organisch angebracht, als seien sie bereits beim Bau der H\u00e4user ber\u00fccksichtigt gewesen. In Arnheim, Br\u00fcssel, Nimwegen, Ostende, Rotterdam, Venlo, wohin immer es mich in Belgien und den Niederlanden verschl\u00e4gt, sto\u00dfe ich auf das Stadtbild auflockernde und bereichernde Gedichte, die h\u00e4ufig mit der sie tragenden Architektur korrespondieren wie etwa \u201euiterst klein rond deel\u201c von Lucebert auf einer kreisf\u00f6rmigen betonierten Baumeinfassung in Venlo. Die erstaunlichste Bandbreite vor\u00fcbergehend wie langfristig gedachter Erscheinungen von Lyrik im \u00f6ffentlichen Raum finde ich in Antwerpen. Hochh\u00e4user, Kaimauern, Museumsfenster, Theatervordach, Friedhof \u2013 alle denkbaren Tr\u00e4ger sind dort mit angenehm unaufdringlicher, doch wirkungsvoller Pr\u00e4senz bespielt. Das liegt insbe-sondere an der Einrichtung des mit einem Budget f\u00fcr \u00f6ffentliche Lyrikinterventionen bedachten, alle zwei Jahre neu besetzten Stadtdichterpostens. Die Interventionen der Stadtdichter\/innen binden teilweise die B\u00fcrgerschaft ein und hinterlassen seit ihrer Einrichtung vor 15 Jahren beeindruckende Spuren wie das kilometerlange Scheldeufergedicht \u201eWelkom pierewaaiers\u201c, das Peter Holvoest-Hanssen nach einem Zeitungsaufruf aus hunderten Einsendungen komponierte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Die von der Universit\u00e4t Utrecht betriebene Website <em>straatpoezie.nl<\/em> indessen erstellt eine fortschreitende, aktuell \u00fcber 2000 Eintr\u00e4ge z\u00e4hlende virtuelle Landkarte, die s\u00e4mtliche Vorkommen von Dichtung im \u00f6ffentlichen Raum der Niederlande und Belgiens mit Fotos, Text, Adresse und Hintergrundinformationen dokumentiert, auch von wild angebrachten, die im Vergleich zu den \u201eoffiziellen\u201c im Stra\u00dfenbild eine klare Minderheit vorstellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sich als Dichter durch die St\u00e4dte der Niederlande und Flanderns zu bewegen, erweckt ein gutes Gef\u00fchl. Die pragmatische Pr\u00e4senz zeitgen\u00f6ssischer Dichtung im \u00f6ffentlichen Raum spricht von einer gehobenen und nachhaltigen Methode der Literaturvermittlung: einer Kulturpolitik, die erkennt, dass Lyrik der Gesellschaft zuzutrauen und auf vielf\u00e4ltige Weise das Stra\u00dfenbild aufzuwerten im Stande ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00d6ffentlich angebrachte Verse im deutschsprachigen Raum hingegen eignen oft etwas offizi\u00f6s-museal-denkmalhaftes, als seien Bronze- und Marmortafel ihr nat\u00fcrliches Habitat. Oder sie transportieren Lokalkunde bzw. Didaktik, wie z.B. die kreuzweg\u00e4hnlichen Lyrikpfade in Breisach oder Bergisch-Gladbach, die auf Touristik- bzw. Lehrberufe ihrer Betreiber r\u00fcckschlie\u00dfen lassen. Wilde Gegenbewegungen existieren, treten aber nur punktuell und lokal via Einzelpersonen und Kleinstgruppen in Erscheinung. In Deutschland, \u00d6sterreich und der Schweiz f\u00e4llt insbesondere die regionale und personelle Vereinzelung solcher Aktionen auf. Wo sie gebrochen wird, dort gerne befristet, etwa beim konzertierten Plakatieren eines B\u00fcndnisses der Literaturh\u00e4user auf Werbefl\u00e4chen zur Fu\u00dfball-Weltmeisterschaft 2006. Oder sie m\u00fcndet in \u201ebusiness as usual\u201c, das \u00fcber die eigentliche Idee hinwegschreibt, wie die Bremer Lesefutter-Aktion mit Lyrik auf Br\u00f6tchent\u00fcten, die mehrere St\u00e4dte \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum abdeckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">In K\u00f6ln best\u00fcckt vor 30 Jahren Tom Toys Ampeln und Laternenpf\u00e4hle mit eigenen Gedichten; zeitgleich spr\u00fcht Enno Stahl lautgedichtartige Texte und \u201emoderne Runen\u201c an W\u00e4nde. Aktuell positioniert die ehrenamtliche Initiative \u201eLyrik in K\u00f6ln\u201c Aufkleber mit ausgew\u00e4hlten Gedichten an unauff\u00e4lligen Orten der Stadt und findet nach langer Sendepause da und dort eine versch\u00e4mte bis originelle Intervention, entstehen gar ganze W\u00e4nde ausf\u00fcllende Gedichte in selten betretenen Vierteln. Auff\u00e4llig h\u00e4ufig sind Zeilen des persischen Mystikers R\u016bm\u012b (\u201eDankbarkeit ist Wein f\u00fcr die Seele, komm, betrinke dich!\u201c), anscheinend Bob Dylans \u201eDon&#8217;t follow leaders, watch the parkin&#8216; meters\u201c folgend, rund um den Chlodwigplatz auf Parkuhren gepinselt. Sogar Zeilen des D\u00fcsseldorfers Heinrich Heine lassen sich bei geschultem Blick, denn einen solchen braucht es f\u00fcr viele der klandestinen Beschriftungen, entdecken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">In Wien ist seit Jahrzehnten Helmut Seethaler als \u201eZetteldichter\u201c bekannt, der f\u00fcr seine materialschonenden Anbringungen jahrelang fortgesetzten \u00c4rger mit der Justiz bekommt, bis seinen Interventionen schlie\u00dflich h\u00f6chstinstanzlich stattgegeben wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Vorderrhein sto\u00dfe ich auf mit wei\u00dfen Majuskeln bepinselte Holzh\u00e4user: es handelt sich um Gedichtzeilen in Sursilvan, dem in der Gegend beheimateten r\u00e4toromanischen Dialekt. Sowohl die nahezu schwarzen Holzbalkenw\u00e4nde, als auch die schneewei\u00dfen Lettern, als auch die Textinhalte korrespondieren mit ihrer direkten Umgebung, der rauhen Natur dieses Hoch-alpentals, in dem zwar mehr Deutsch als Rumantsch gesprochen wird, die romanischen W\u00f6rter jedoch klanglich viel n\u00e4her bei den alles beherrschenden Naturerscheinungen liegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann und wann sto\u00dfe ich auf einzelne Interventionen oder erfahre von ihnen. Das reicht von mit Mascha Kal\u00e9ko-Zeilen beschrifteten Street-Art-Kacheln, mit St\u00f6cken in den immer selteneren urbanen Schnee gekerbten Ernst Jandl-Zitaten, \u00fcber private Lichtinstallationen, hin zu \u00f6ffentlich gef\u00f6rderten Arbeiten. Ihnen allen ist eines gemeinsam: eher geringe Aufmerksamkeit. Der passende Dreh in Richtung einer positiven und verst\u00e4rkten \u00f6ffentlichen Wahrnehmung \u00f6ffentlich angebrachter Dichtung scheint im deutschsprachigen Raum noch nicht entdeckt. Dabei sorgt ein einziger lyrischer Wandtext, das semi-\u00f6ffentliche Mural Po\u00e9tico \u201eavenidas\u201c von Eugen Gomringer an der Fassade der Alice Solomon Hochschule in Berlin, im Jahr 2017 ganz und gar unfreiwillig f\u00fcr eine Monate andauernde, fruchtbare, nationale Debatte. Das Gedicht, ein St\u00fcck Konkrete Poesie, mit Entstehungsjahr 1951, angebracht im Rahmen eines Poetikpreises, gelangt erst durch Anw\u00fcrfe seitens des AStA in den Fokus der \u00d6ffentlichkeit: dass es sich um einen sexistischen Text handle, dessen Pr\u00e4senz Studierenden Unwohlsein bereite, weswegen er entfernt geh\u00f6re. Anstatt im folgenden medialen Aufruhr einen Startschuss f\u00fcr M\u00f6glichkeiten des \u00f6ffentlich angebrachten Gedichts in Deutschland zu erkennen, wird der Text seitens der Hochschule entfernt, von einem als \u201epolitisch korrekt\u201c jurierten abgel\u00f6st \u2013 und setzt sich stattdessen, aus Protest von Privatpersonen an Mauern von Brooklyn \u00fcber Barcelona bis Nairobi vervielf\u00e4ltigt, sowie in unz\u00e4hligen Pastiches und als eines von sehr wenigen Nachkriegsgedichten in Deutschlands kollektivem Ged\u00e4chtnis fort.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Eine W\u00fcrdigung des Hungertuchpreistr\u00e4gers finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42817\">hier<\/a>.<\/p>\n<div id=\"attachment_99064\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-99064\" class=\"wp-image-99064 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Stan_lafleur-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-99064\" class=\"wp-caption-text\">Stan Lafleur, deutscher Autor und Spoken-Word-Performer, w\u00e4hrend einer Lesung in K\u00f6ln. Photo: Elke Wetzig<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Beitrag ist gleichsam eine Vorschau auf das KUNO-Lyrik-Jahr 2024<\/p>\n<div class=\"entry-content\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Die Redaktion blieb seit 1989 stets in <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/01\/05\/lyrik-als-seismograph-an-der-epochenschwelle\/\">\u00c4quidistanz<\/a><\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> 1995 betrachteten wir die Lyrik vor dem Hintergrund der Mediengeschichte als <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/01\/02\/laboratorium-der-poesie\/\"><em>Laboratorium der Poesie<\/em><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 2005 vertieften wir die Medienbetrachtung mit dem Schwerpunkt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/01\/02\/transmediale-poesie\/\"><em>Transmediale Poesie<\/em><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 2015 fragen wir uns in der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/01\/02\/poetologische-positionsbestimmung\/\"><em>Minima poetica<\/em><\/a> wie man mit Elementarteilchen die Gattung Lyrik neu zusammensetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 2023 finden Sie \u00fcber dieses Online-Magazin eine Betrachtung als <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=78067\">eine Anthologie im Ganzen<\/a>.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Das wilde Beschriften des urbanen Raums reicht zur\u00fcck bis in die Antike: \u201eADMIROR TE PARIES NON CECIDISSE \u2013 QVI TOT SCRIPTORVM TAEDIA SVSTINEAS\u201c (\u201eIch staune, Wand, dass du nicht zerfallen bist, \/ da du soviel Unflat von Schreibern ertragen&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/10\/19\/lyrik-im-oeffentlichen-raum\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":51,"featured_media":99064,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[98],"class_list":["post-104130","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-stan-lafleur"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104130","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/51"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=104130"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104130\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":104133,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104130\/revisions\/104133"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99064"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=104130"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=104130"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=104130"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}