{"id":104125,"date":"2022-11-12T00:01:18","date_gmt":"2022-11-11T23:01:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=104125"},"modified":"2022-10-22T13:25:55","modified_gmt":"2022-10-22T11:25:55","slug":"von-wichsern-gutmenschen-spitzbuben-und-coronazis","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/11\/12\/von-wichsern-gutmenschen-spitzbuben-und-coronazis\/","title":{"rendered":"Von Wichsern, Gutmenschen, Spitzbuben und Coronazis"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einer Zeit, in der sich alle liebhaben sollen und man am liebsten alle Schimpfw\u00f6rter verbieten w\u00fcrde, weil sich irgendjemand davon verletzt f\u00fchlen k\u00f6nnte, kommt Falko Hennig mit dem \u201eSchimpfw\u00f6rter-Sammelsurium\u201c um die Ecke. Und da stehen sie alle drin: der Arsch, der Gutmensch, der Berserker, der Neger, das Opfer, die Schlampe. Und noch viel, viel mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Buch basiert auf Falko Hennigs Kolumnen aus der Schimpfwortforschung, die er von 2012 bis 2021 f\u00fcr die Berliner Zeitung in der Rubrik \u201eUnterm Strich\u201c schrieb. Entsprechend sind die Eintr\u00e4ge zu jedem Schimpfwort in seinem Buch kurz, knackig und feuilletonistisch gehalten. Es sind allerdings nicht exakt dieselben Texte wie in den Kolumnen, sondern, wie Hennig in der Einleitung schreibt, meist die l\u00e4ngere Fassung \u2013 was also f\u00fcr die Kolumne rausgek\u00fcrzt werden musste, hier findet man es.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist ein humoriges, augenzwinkerndes und sehr detailreiches B\u00fcchle geworden. Es ist ein B\u00fcchle geworden, das man gern st\u00e4ndig auf dem Nachttisch liegen hat und in dem man immer mal wieder schm\u00f6kern muss. Ich habe es mir angew\u00f6hnt, beim Zubettgehen ein Kapitel zu lesen \u2013 nicht mehr, aber auch nicht weniger, und das war genau richtig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man merkt, dass Falko Hennig Spa\u00df daran hatte, den Schimpfw\u00f6rtern hinterherzuforschen. Er st\u00f6berte in Lexika, grub in Literaturklassikern auf der Suche nach spektakul\u00e4ren Vorfahren der heute gebr\u00e4uchlichen Schimpfw\u00f6rter und f\u00f6rdert so oft wahre Goldnuggets zutage. Er vertieft sich in die Wortetymologie, zitiert Gedichte, erz\u00e4hlt und informiert, und das macht er wirklich gut. Vieles war mir neu, obwohl ich selbst ein begeisterter Etymologe bin, und ich fand es hochinteressant, von Hennig in die Geschichte der Schimpfw\u00f6rter entf\u00fchrt zu werden. Dass beispielsweise der \u201eBerserker\u201c etymologisch ein \u201eMensch im B\u00e4rengewand\u201c ist, wusste ich nicht. Oder die facettenreiche Entwicklung des Wortes \u201eFotze\u201c \u2013 kannte ich bisher nur teilweise. F\u00fcr mich als Sprachforscherin, die immer noch am liebsten in den Steinbr\u00fcchen der W\u00f6rter herumbuddelt, ist das Buch eine Schatzkiste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sch\u00f6n ist auch der objektive und sachliche Stil Hennigs. Im Kapitel \u201eGegenwart\u201c werden die \u201eC-W\u00f6rter\u201c analysiert, also die Schimpfw\u00f6rter, die seit 2020 im Zuge von Corona unseren Wortschatz erweitern: Covidiot, Coronazi, Impftr\u00f6dler, Wirrologe, Querdenker und viele mehr sind da versammelt. Wohltuend ist: man bekommt diese oft emotional hochbelasteten W\u00f6rter hier v\u00f6llig unpathetisch serviert, ohne die z\u00e4he, klebrige \u201eHaltungs\u201c-So\u00dfe, die ja aktuell noch gerne und reichlich \u00fcberall dr\u00fcbergekippt wird. Vielmehr beschr\u00e4nkt sich Hennig darauf, die Corona-W\u00f6rter sachlich zu beschreiben: wie sie aufkamen, wen oder was sie bezeichnen (sollen), wer sie gebraucht und wer nicht. Auf diese Weise kann man diesen Eintrag im Buch auch noch in hundert Jahren lesen, wenn deie politisch-moralische Hysterie verpufft ist und man einfach gern wissen m\u00f6chte, was sie bedeuten, ohne gleich hyperventilierend und shitstormgepeitscht in eine Gesinnungs-Ecke verfrachtet zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich f\u00fchle mich auch geehrt, in diesem Buch in der Danksagung aufzutauchen. Das h\u00e4ngt damit zusammen, dass Falko Hennig f\u00fcr seine Kolumne vor einigen Jahren auf Facebook die Frage in die Runde warf, ob jemand wisse, warum eine bestimmte Sorte schw\u00e4bischer Kekse \u201eSpitzbuben\u201c hei\u00dft. Ich wusste die Antwort und schrieb sie ihm; sie steht jetzt in diesem Buch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Insgesamt also eine sehr gelungene und lohnende Publikation. Erfreulich auch, dass es wenig Tippfehler gibt \u2013 anscheinend legt der Omnino-Verlag mehr Wert auf Lektorat als so mancher Kleinverlag.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Schimpfw\u00f6rter-Sammelsurium<\/strong>, von Falko Hennig. Omnino-Verlag Berlin 2022<\/p>\n<p><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-104126 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Schimpfwo\u0308rter_Cover-204x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"204\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu den Gr\u00fcndungsmythen der alten BRD geh\u00f6rt die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/04\/01\/nonkonformistische-literatur\/\">Nonkonformistische Literatur<\/a>, lesen Sie dazu auch ein Portr\u00e4t von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/04\/04\/vauo\/\">V.O. Stomps<\/a>, dem Klassiker des Andersseins. Kaum jemand hat die L\u00fcckenhaftigkeit des <em>Underground<\/em> so konzequent <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/09\/24\/underground\/\">erz\u00e4hlt<\/a> wie N\u00ed Gudix und ihre <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/08\/23\/kritik-an-der-literarischen-alternative\/\">Kritik an der literarischen Alternative<\/a> ist berechtigt. Ein Portr\u00e4t von N\u00ed Gudix findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/16\/da-lernst-du-die-menschen-kennen\/\">hier<\/a> (und als Leseprobe ihren <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/12\/30\/hausaffentango\/\">Hausaffentango<\/a>). Lesen Sie auch die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/09\/24\/erinnerungen\/\">Erinnerungen an den Bottroper Literaturrocker<\/a> von Werner Streletz und den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/09\/28\/rip-bruno\/\">Nachruf<\/a> von Bruno Runzheimer. Zum 100. Geburtstag von Charles Bukowski, eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/08\/16\/ledertasche-geborgt\/\">Doppelbesprechung<\/a> von Hartmuth Malornys Ruhrgebietsroman <em>Die schwarze Ledertasche<\/em>. 1989 erscheint Helge Schneiders allererste Schallplatte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26990\"><em>Seine gr\u00f6\u00dften Erfolge<\/em><\/a>, produziert von Helge Schneider und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/07\/20\/klangkloetzchen\/\">Tom T\u00e4ger<\/a> im Tonstudio\/Ruhr. Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26709\">Portr\u00e4t <\/a>der einzigartigen Proletendiva aus dem Ruhrgebeat auf KUNO. In einem Kollegengespr\u00e4ch mit Barbara Ester dekonstruiert A.J. Weigoni die <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/10\/09\/ruhrgebietsromantik\/\">Ruhrgebietsromantik<\/a><\/em>. Mit<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6071\"> Kersten Flenter<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/06\/23\/killroy-review\/\">Michael Sch\u00f6nauer<\/a> geh\u00f6rte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/24\/polyphone-ich-erzaehlungen\/\">Tom de Toys<\/a> zum\u00a0Dreigestirn des deutschen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/01\/05\/bewegung\/\">Poetry Slam<\/a>. Einen Nachruf von Theo Breuer auf den Urvater des Social-Beat finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/03\/07\/hubsch-revisited\/\">hier<\/a> \u2013 Sowie selbstverst\u00e4ndlich his <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/06\/25\/wie-was-social-beat-ist-und-warum-und-warum-nicht\/\">Masters voice<\/a>. Und Dr. Stahls kaltgenaue <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2002\/06\/26\/social-beat-vs-digitales-dasein\/\">Analyse<\/a>. \u2013 Constanze Schmidt beschreibt den Weg von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26080\">Proust zu Pulp<\/a>. Ebenso eindr\u00fccklich empfohlen sei Heiner Links <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42272\">Vorwort<\/a> zum Band Trash-Piloten. Inzwischen hat sich Trash andere Kunstformen erobert, dazu die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\">Aufmerksamkeit<\/a> einer geneigten Kulturkritik. In der Reihe <em>Gossenhefte<\/em> zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen, der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Die KUNO-Redaktion bat A.J. Weigoni um einen Text mit Bezug auf die Mainzer Minpressenmesse (MMPM) und er kramte eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/05\/31\/treff-der-titanen\/\">Realsatire<\/a> aus dem Jahr 1993 heraus, die er f\u00fcr den Mainzer Verleger Jens Neumann geschrieben hat. J\u00fcrgen Kipp \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/06\/01\/geschichte-und-aufgaben-des-mainzer-minipressen-archives-mmpa\/\">Aufgaben des Mainzer Minipressen-Archives<\/a>. Ein w\u00fcrdiger Abschlu\u00df gelingt Boris Kerenski mit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/03\/30\/wer-war-ist-noch-social-beat\/\">Stimmen aus dem popliterarischen Untergrund<\/a><strong>.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; In einer Zeit, in der sich alle liebhaben sollen und man am liebsten alle Schimpfw\u00f6rter verbieten w\u00fcrde, weil sich irgendjemand davon verletzt f\u00fchlen k\u00f6nnte, kommt Falko Hennig mit dem \u201eSchimpfw\u00f6rter-Sammelsurium\u201c um die Ecke. 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