{"id":104095,"date":"2022-11-19T00:01:15","date_gmt":"2022-11-18T23:01:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=104095"},"modified":"2022-10-13T15:29:39","modified_gmt":"2022-10-13T13:29:39","slug":"im-geiste-der-roaring-twenties","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/11\/19\/im-geiste-der-roaring-twenties\/","title":{"rendered":"Im Geiste der \u201eroaring twenties\u201c"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das seit 1925 in 45 \u00dcbersetzungen weltweit ver\u00f6ffentlichte Romanepos hinterl\u00e4sst in der Publikation des Reclam-Verlags auf den ersten Blick einen bewunderungsw\u00fcrdigen Eindruck. Er wird ausgel\u00f6st durch die illustrative Gestaltung des Hardcover-Umschlags wie auch durch die grafische Umsetzung eines Textes, an der zwei weltweit anerkannte K\u00fcnstlerpers\u00f6nlichkeiten partizipierten: Adam Simpson, der mit seiner in London angesiedelten Kunst-Agentur bereits durch seine zahlreichen innovativen Buchillustrationen ein hohes Renommee gewonnen hat, und Katie Benezra, eine amerikanische Designerin, die auf der Grundlage der Centaur- Schrifttypologie die buchtechnische Gestaltung des \u201eGro\u00dfen Gatsby\u201c \u00fcbernahm. Das Buch ist mit vier doppelseitigen und f\u00fcnf einseitig stilisierten Farbbildern von Adam Simpson illustriert. Es enth\u00e4lt ein umfassendes Anmerkungsregister und ein einf\u00fchlsames, ausf\u00fchrlich kommentierendes Nachwort aus der Feder von Susanne Lenz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der in seiner Erz\u00e4hlperspektive vielfach verschachtelte Roman wird eingeleitet durch zwei Widmungen. Die erste ist Fitzgeralds Ehefrau Zelda gewidmet, mit der er zwischen 1918 und 1919 verheiratet war. Die zweite wird einem gewissen Thomas Parke D\u2019Invilliers zugeschrieben. Der Vierzeiler bezieht sich auf Jay Gatz, der Hauptfigur des Romans <em>The Great Gatsby,<\/em> und dem ihm zugeschriebenen sagenhaften Reichtum. Er wird durch den Goldhut symbolisierte, nach dem Daisy, seine Geliebte, springt, um ihn und sein Gold zu erhaschen. Thomas Parke D\u2018Invilliers figuriert als John Peale Bishop in Fitzgeralds erstem Roman \u201eThis side of paradise\u201c. Diese Verkn\u00fcpfung von Widmung und Romanepos f\u00fchrt in den Kern des Handlungsstrangs, in dem Daisy in der Erinnerung von Jay Gatsby von dem Gef\u00fchl einer stetigen Langeweile gepr\u00e4gt ist. Verheiratet ist sie mit Tom Bucharan, einem brutalen, skrupellosen Polo-Spieler und Million\u00e4r. Nick Carraway, eigentlicher Erz\u00e4hler des Romanepos, pr\u00e4sentiert ihn im 1. Kapitel, wo er als Cousin von Daisy in den Handlungsstrang eingef\u00fchrt wird. Erst im Kapitel 3 taucht Jay Gatz in einer doppelten Funktion auf: als mond\u00e4ner Veranstalter von Wochenend-Partys in seiner pomp\u00f6sen Villa auf der Halbinsel Long Island in der N\u00e4he von New York und als von Legenden umgebene Pers\u00f6nlichkeit, die ihren sagenhaften Reichtum maskenhaft kaschiert. Gatsby, wie ihn Nick, Villennachbar des Kr\u00f6sus, nennt, erweist sich bei der ersten, eher zuf\u00e4lligen Begegnung mit seinem Nachbar als wenig gespr\u00e4chig. So ist er ist w\u00e4hrend seiner Partys auf den Beistand seines Butlers angewiesen, der ihn auff\u00e4llig h\u00e4ufig zu dringenden Gespr\u00e4chen ans Telefon ruft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist ein besonderes Merkmal der Erz\u00e4hlstruktur des Romans, dass dessen Figuren auf dialogische Weise in die Handlung eingef\u00fchrt werden. Diesem narrativen Grundsatz folgen auch die folgenden Kapitel, in denen der Erz\u00e4hler seine sich h\u00e4ufenden Begegnungen mit Gatsby benutzt, um Figuren einzuf\u00fchren, die im tragischen Finale auf \u00fcberraschende Weise auftreten und in das Handlungsgef\u00fcge eingebaut werden. Besonders markant ist die Figur des Mr. Wolfshiem, Boss der j\u00fcdischen <em>Treuhandgesellschaft Hakenkreuz<\/em>, enger Freund von Gatsby. Fitzgerald schreibt ihm versteckte und offene antisemitische Kennzeichen zu und bezichtigt ihn, ein zwielichtiger Betr\u00fcger und Alkoholschmuggler zu sein. \u00dcberraschenderweise kommentiert Susanne Lenz in ihrem brillanten Nachwort diese Zuschreibung nur en passent, obwohl das zweite Merkmal als Nachweis f\u00fcr das hochstablerische Wesen seiner Hauptfigur dient, die augenscheinlich von Wolfshiem protegiert wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das tragische Endspiel um Tom Bucharan, dessen Ehefrau Daisy, Gatsby wie auch Myrtle Wilson, der Geliebten von Tom, setzt im Kapitel VIII ein. Gatsby und Tom beschuldigen sich gegenseitig, ein unehrliches, verpfuschtes Liebesverh\u00e4ltnis zu Daisy gef\u00fchrt zu haben. In einem New Yorker Restaurant zeichnet sich das Vorspiel zur Trag\u00f6die ab. Auf der R\u00fcckfahrt nach Long Island in zwei Autos passiert der t\u00f6dliche Unfall. Daisy am Steuer des einen Wagens \u00fcberf\u00e4hrt Myrtle Wilson, Gatsby nimmt sich r\u00e4tselhafterweise in seiner Villa das Leben. Daisy und Tom reisen \u00fcberst\u00fcrzt mit unbekannten Ziel ab, Mr. Wolfshiem kann aus \u201egesch\u00e4ftlichen\u201c Gr\u00fcnden nicht an der Beerdigung des \u201eGro\u00dfen Gatsby\u201c teilnehmen. Nur drei Personen nehmen auf dem Friedhof von ihm Abschied. Der im letzten Augenblick angereiste Vater von Jay Gatz, wie er mit b\u00fcrgerlichem Namen hei\u00dft, Eulenauge, ein unbekannt bleibender Bewunderer der \u201eechten\u201c B\u00fccher in Gatsbys Bibliothek und der Ich-Erz\u00e4hler Nick Carraway, der \u201eseinem\u201c Gatsby mit einem wehm\u00fctigen Blick auf den Atlantik gesteht, dass \u201eer an das gr\u00fcne Licht [glaubte], an die orgastische Zukunft, die Jahr f\u00fcr Jahr ein St\u00fcck vor uns zur\u00fcckweicht.\u201c(S. 210)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist sicherlich eine euphemistische Zuschreibung, wenn in den zahlreichen Rezensionen zu diesem \u201eJahrhundertwerk\u201c immer wieder von der Sorglosigkeit der Reichen die Rede ist, denen Scott Fitzgerald ins Gewissen geschrieben habe. Das im Geiste der \u201eroaring twenties\u201c entstandene Romanepos nimmt vielmehr intuitiv auch die schwere soziale und psychische Krise der amerikanischen <em>upper class<\/em> der 1930er Jahre vorweg, indem es an der verschwommenen Leitfigur des \u201egreat Gatsby\u201c nicht nur das schillernde hochstablerische Wesen des <em>American Way<\/em> und dessen Illusionen aufzeichnet. Vielmehr entlarvt die fiktionale Struktur des Romans auch die Charakterz\u00fcge derjenigen, die sich nach dem Elend der zwanziger Jahre aus dem Staub machen, obwohl sie die Nutznie\u00dfer und Kostg\u00e4nger eines verrotteten Systems sind, eines pathologischen Systems, das immer wieder in sich erstaunliche kapitalistische Triebkr\u00e4fte entwickelt, die ungeachtet der verrotteten Vergangenheit gen\u00fcgend \u00dcberlebensenergie erzeugen. Die im Romanepos von Fitzgerald als Randfiguren auftretenden Protagonisten beweisen dies zur Gen\u00fcge. Es sind Randbemerkungen zu einem Text, der immer wieder kritisch gew\u00fcrdigt wurde und dennoch wenig von seiner hundertj\u00e4hrigen Anziehungskraft verloren hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der GROSSE GATSBY <\/strong>von F. Scott Fitzgerald. Aus dem amerikanischen Englisch \u00fcbersetzt von Hans Christian Oeser. Anmerkungen und Nachwort von Susanne Lenz. Ditzingen (RECLAM) 2012,2020,2022<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Das seit 1925 in 45 \u00dcbersetzungen weltweit ver\u00f6ffentlichte Romanepos hinterl\u00e4sst in der Publikation des Reclam-Verlags auf den ersten Blick einen bewunderungsw\u00fcrdigen Eindruck. 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