{"id":104063,"date":"2008-11-28T18:27:51","date_gmt":"2008-11-28T17:27:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=104063"},"modified":"2022-09-27T18:33:06","modified_gmt":"2022-09-27T16:33:06","slug":"koma-2008","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/11\/28\/koma-2008\/","title":{"rendered":"Koma 2008"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Tagebuch f\u00fcr Uli Blendinger (2.8.1946 &#8211; 28.11.2008)<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Donnerstag, 24.7., etwa 15 Uhr<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zusammenbruch zweihundert Meter vor deiner Wohnung in der Riemenschneiderstra\u00dfe. Passanten finden dich, rufen den Krankenwagen, du kommst in die Intensivstation des Petrus-Krankenhauses im Bonner Talweg. Herzinfarkt. Du liegst bewegungslos im Wachkoma, die Augen sind nur einen kleinen Spalt ge\u00f6ffnet, du reagierst nicht. Verletzungen an der Stirn, wahrscheinlich warst du bewusstlos kopf\u00fcber auf den harten Asphalt des Gehwegs gest\u00fcrzt. Die \u00c4rzte nehmen an, dass dein Gehirn mindestens eine Viertelstunde nicht richtig durchblutet war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Montag, 28.7. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vormittags rufe ich in der DFG an, um mich mit dir zu verabreden. Ich will dir abends von den Sommerferien erz\u00e4hlen, von meinen Reisen mit Karin nach Isny im Allg\u00e4u, wo ich zehn neue Kapitel meines \u201eJanus\u201c-Romans schrieb, von unseren Tagen im Centovalli, Tessin, vom 95. Geburtstag meiner Tante am Bodensee, von der goldenen Uhr meines Vaters, die mir Gila gab, von meinem Vetter Hans-J\u00f6rgen und seiner immer schlimmer werdenden Ehe, und von meinem Bruder Christian\u2026 Aber am Telefon meldet sich eine fremde Stimme, ein Mitarbeiter deiner Registratur teilt mir mit, du seiest im Hause unterwegs.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mittags ruft mich Conny Niebus an und sagt, dass du im Krankenhaus liegst. Ich rufe deine Mutter an, 32 15 44, die alte Nummer auf dem Heiderhof, unver\u00e4ndert seit 41 Jahren, seit ich dich kenne. Deine Mutter sagt mir, wie es um dich steht und wo ich dich finde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Dienstag, 29.7. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um 16.45 Uhr besuche ich dich auf der Intensivstation. Die junge, aber sehr erfahrene Schwester ist sehr freundlich zu mir. Ich muss meine H\u00e4nde desinfizieren. Dann sehe ich dich im Bett liegen, mir stockt der Atem, so zerst\u00f6rt siehst du aus. Mir steigen Tr\u00e4nen in die Augen, ich schaue zu Boden. Die Schwester gibt mir einen Hocker und reicht mir ein Glas Wasser. Dann l\u00e4sst sie mich allein. Seit Gerdas Sterben wei\u00df ich, dass der Bewusstlose vielleicht im Unterbewusstsein h\u00f6ren kann, was man in seinem Beisein sagt. Ich rede zu dir, erz\u00e4hle von meiner Reise und schildere, was ich von dir geh\u00f6rt habe. Ich war h\u00f6chstens f\u00fcnfzehn Minuten bei dir.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Mittwoch, 30.7.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sp\u00e4ter Nachmittag. Ich fahre wieder mit dem Rad zur Klinik. Der Weg durch die sommerliche Stadt ist nicht weit. Du siehst heute besser aus, etwas kr\u00e4ftiger dein Gesicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Donnerstag, 31.7.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">17.45 Uhr in der Intensivstation bei dir. Das Koma dauert an. Der Versuch, dich mit einem k\u00fcnstlichen Koma (\u201eCooling\u201c) aus dem Koma zu holen, war misslungen. Ich treffe in der Station deine Mutter und deine Schwester. Brigitte wurde nahe gelegt, dein rechtlicher Betreuer zu werden. Sie f\u00fcrchtet sich vor der Verantwortung und hat Angst, du machst ihr sp\u00e4ter Vorw\u00fcrfe, wenn du gro\u00dfe Sch\u00e4den beh\u00e4ltst. Sie spricht mit mir, ich ermutige sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Montag, 4.8. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die \u00c4rzte m\u00fcssen einen einfachen Luftr\u00f6hrenschnitt vornehmen. Nach der Operation wachst du am Nachmittag aus der Narkose und aus dem Koma auf. Ich besuche dich zu dieser Zeit. Aber du siehst mich nicht richtig, schaust durch mich hindurch, du schaust meistens v\u00f6llig verwirrt zur Decke. Aber du scheinst zu h\u00f6ren, was ich sage, du reagierst mit heftigem Minenspiel: Fragende Augen (Was sehe ich? Was h\u00f6re ich?), Mimik des Unverst\u00e4ndnisses mit zusammengekniffenen Augen, Ausdruck der Skepsis mit ge\u00f6ffnetem Mund. Kein Sprechversuch. Der w\u00e4re auch unm\u00f6glich, denn die Luft kommt nicht an die Stimmb\u00e4nder. &#8212;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den Tagen danach bekommst du eine Lungenentz\u00fcndung (fast 40\u00b0C), die erfolgreich mit Antibiotika \u00fcberwunden wird; das dauert Tage. Das Fieber flammt am 13.8. noch einmal auf, legt sich dann wieder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Mittwoch, 5.8.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie gestern. Wohler im Gesicht. Die Wunden auf der Stirn verschwinden langsam.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Donnerstag, 7.8. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich beobachte einen Sprechversuch bei dir. Die Reaktion auf das, was ich sage, wird heftiger, genauer, bleibt aber im Rahmen der drei mimischen Muster. Du zeigst Ans\u00e4tze des Lachens. Du wirkst heiter. Dir ist deine Lage noch nicht bewusst. Du bewegst deinen Kopf, aber noch nicht Arme und H\u00e4nde. Du hast aber immerhin einmal das rechte Bein angezogen. Der Rumpf ist nerv\u00f6s, du liegst unruhig im Bett.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Montag, 11.8. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verlegung in das Rehabilitations-Zentrum \u201eGodesh\u00f6he\u201c. Beginn der von der Krankenkasse genehmigten Fr\u00fchrehabilitation, offenbar auch aufgrund einer g\u00fcnstigen Prognose des Neurologen im Petrus-Krankenhaus. Der Neurologe hatte noch Ende Juli keine guten Aussichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Dienstag, 12.8.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gro\u00dfer Durchbruch: Du erkennst mich sofort, als ich das Zimmer betrete, und nennst mich bei meinem Namen: \u201eEndlich kommst du, Uli\u201c, sagst du. Die Luftr\u00f6hre ist wieder frei. Deine Mutter und Schwester erkennst du noch tagelang nicht. Du nennst die Schwestern und Pfleger deine \u201eGalgenv\u00f6gel\u201c. Ich sage: \u201eMeinst du Aasgeier?\u201c \u201eJa\u201c, sagst du. Wir unterhalten uns sehr einfach \u00fcber die Literatur, die ich in der Schule behandeln werde: \u201eDie Verwirrungen des Z\u00f6glings T\u00f6rle\u00df\u201c von Robert Musil. Ich wei\u00df nicht genau, ob du genau wei\u00dft, wovon ich rede, aber Buchtitel und Namen kommen dir vermutlich vertraut vor. Oft redest du in Floskeln. Aber deine Redemuster sind richtig platziert und spiegeln deine gewohnten Denkmuster. Ich sage, dass meine Unterrichte in der Schule wieder begonnen haben. Du sagst: \u201eDas wurde aber auch Zeit!\u201c Du siehst mich eine Weile an, aber du kannst den Blick nicht lange halten. Ich bin nicht sicher, ob du mich wirklich siehst. Ich sch\u00e4tze dein Bewusstsein auf ungef\u00e4hr 50 Prozent. Dein Bewusstsein schwankt. Schnell bist du vom Gespr\u00e4ch erm\u00fcdet. Das Schlucken klappt noch nicht, du musst den Schleim weghusten. Das Sprechen strengt dich an. Die Stimme ist etwas leise. Die Aussprache teilweise etwas ungenau, manche Worte verstehe ich deswegen schlecht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Du zeigst gro\u00dfe Ged\u00e4chtnisl\u00fccken: Du wei\u00dft nicht, wo du wohnst und wo du arbeitest &#8211; diese L\u00fccken zeigten sich schon bei deinen mimischen Reaktionen im Petrus-Krankenhaus. Du entwickelst Ausweichstrategien: Auf die Frage, wo du wohnst, sagst du, du h\u00e4ttest schon viele Wohnungen gehabt. Du hast kein Kurzzeitged\u00e4chtnis, dir fehlen Worte, Begriffe, die Syntax ist noch sehr einfach, sie besteht aus kleinen Haupts\u00e4tzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir unterhalten uns \u00fcber klassische Musik. Du sagst, du w\u00fcrdest gerne klassische Musik h\u00f6ren. Ich frage dich: Wer ist dein Lieblingskomponist? Du sagst: Penderecki. Ich erz\u00e4hle dir, dass ich mit deiner Mutter lange sprach, und du nennst sie eine Quasseltante. Du erw\u00e4hnst auf einmal Gerda und sagst, du willst nicht sterben wie sie. Ich sage, dein Fall liegt anders, Gerda musste sterben, du wirst gesund. Du reagierst skeptisch. Als ich dir sagte, dass du Schritt f\u00fcr Schritt vorw\u00e4rts kommst, sagst du: \u201eUli, du bist ein Arschloch!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Deine H\u00e4nde sind umwickelt, damit du nicht die drei Schl\u00e4uche herausrei\u00dft: Durch die Nase wirst du ern\u00e4hrt, ein Schlauch f\u00fchrt in die Blase, ein weiterer Draht misst Puls, Herzkurve und Temperatur. Ich sage: \u201eEs wird immer besser mit dir, du hast jetzt nur noch drei Schl\u00e4uche.\u201c Da musst du dich kr\u00fcmmen vor Lachen. Du bewegst Arme und Beine von Tag zu Tag besser. Zwei Physiotherapeuten kommen und richten dich im Bett auf, setzen dich auf die Bettkante &#8211; dein Gleichgewichtsorgan funktioniert, und du kannst sekundenlang aufrecht sitzen. Du wirkst die meiste Zeit heiter. Nur dein Drang nach Unabh\u00e4ngigkeit macht dich manchmal gegen Schwestern, Pfleger und das Krankenhaus aggressiv. Du wehrst dich gegen therapeutische Ma\u00dfnahmen, arbeitest nicht mit. Als ich heute gehe, bist du ersch\u00f6pft, neigst den Kopf zur Seite. \u201eIch gehe jetzt\u201c, sage ich, \u201emorgen komme ich wieder.\u201c \u201eOkay\u201c, antwortest du und schlie\u00dft die Augen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Mittwoch, 13.8.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Du redest etwas l\u00e4nger als gestern. Du reflektierst erstmals \u00fcber deinen Zustand: Ich sage, es geht aufw\u00e4rts mit dir. Du sagst, es wird stehen bleiben. Ich sage: Du hast Angst davor, aber ich denke, es geht wirklich aufw\u00e4rts mit dir, weil dein Sprachzentrum funktioniert. Du sprichst etwas genauer und schneller, die S\u00e4tze werden etwas l\u00e4nger, aber noch immer bist du schnell ersch\u00f6pft. Noch mehr als zuletzt in der Intensivstation des Petrus-Krankenhauses und in den letzten Tagen entwickelst du Strategien, um die gro\u00dfen Erinnerungsl\u00fccken zu vertuschen. Du wei\u00dft nicht, wer Karin ist, du erinnerst dich nicht an deinen Zusammenbruch und kaum an die Zeit davor, wo du an der Nordsee Urlaub machtest, du antwortest mit Schweigen oder so, dass dein Gespr\u00e4chspartner denken soll, du wei\u00dft alles. Diese Strategie wird jetzt feiner. Du sprichst mich \u00f6fter mit meinem Namen direkt an, das ist ein Fortschritt. Du fixierst mich mit den Augen l\u00e4nger als gestern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Samstag, 16.8.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Du bist ungef\u00e4hr so bewusst wie gestern. Aber du schaust mich jetzt fast die ganze Zeit an. Ich sage: \u201eWillst du dich mal im Spiegel sehen?\u201c \u201eJa\u201c, sagst du. Aber es gibt hier keinen Handspiegel, auch die Schwester wei\u00df keinen. Ich sage, du kannst dich sehen lassen. Meinst du?, sagst du darauf. Drei Tage sp\u00e4ter, sagst du mir, dass du im Gesicht d\u00fcnner geworden bist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich erz\u00e4hle dir, dass du mich vor Tagen \u201eArschloch\u201c genannt hast. Darauf biegst du dich vor Lachen im Bett.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf einmal sagst du sehr lebendig: \u201eUli, h\u00f6r mal!\u201c Dann sagst du: \u201eDer Uli war in diesen R\u00e4umlichkeiten, aber er war nicht da.\u201c Das verstand ich erst nicht. Ich sage: \u201eMeinst du mich?\u201c Du antwortest nicht. Ich sage: \u201eMeinst du dich?\u201c Du sagst: \u201eWenn du so willst.\u201c Ich sage: \u201eHast du getr\u00e4umt?\u201c \u201eNein\u201c, sagst du, \u201eich habe nicht getr\u00e4umt.\u201c \u201eRedest du in Bildern?\u201c \u201eNein\u201c, sagst du. Ich verstand dich nicht. Drei Tage sp\u00e4ter dachte ich: Du wolltest mir sagen, dass du noch nicht ganz bei Bewusstsein bist. Du hast versucht, \u00fcber deinen Bewusstseinszustand zu reden. Du konntest nicht \u201eich\u201c sagen. Deine Identit\u00e4t war dir nicht bewusst. Die Sprache ist der Ausweis des Denkens.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Abend sagt deine Mutter am Telefon nach dem Besuch bei dir, dass du sie und Brigitte immer noch nicht erkannt hast. Sie sind sehr niedergeschlagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Dienstag, 19.8.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heute unterhielten wir uns eine ganze Stunde lang. Dein Kurzzeitged\u00e4chtnis ist zwar immer noch fast gleich Null, aber deine Konzentration beim Sprechen ist gewachsen. Du reagierst auch auf fernere Ger\u00e4usche und optische Reize. Deine Sprache wird komplexer, du bildest Nebens\u00e4tze, die Aussprache wird noch deutlicher, du bezeichnest dich als Rekonvaleszent.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Du sagst zu mir, du willst an die Nordsee. Ich sage: Nach Otterndorf und Cuxhaven? \u201eJa\u201c, sagst du, \u201eund nach Friesland und Holland\u201c. Auf einmal sagst du: \u201eUli, hast du Geld bei dir?\u201c Ich sage: \u201eJa.\u201c Du sagst: \u201eDann fahren wir an die Nordsee.\u201c \u201eUli\u201c, sage ich, \u201edas geht jetzt nicht, du kannst ja noch nicht laufen.\u201c \u201eUli!\u201c, sagst du, \u201enat\u00fcrlich kann ich laufen!\u201c Das ist paradox: Du erkennst einerseits deine Lage, aber nur partiell; andererseits bist du in einer anderen Realit\u00e4t, du bist noch in der Vergangenheit, als du gesund warst. Dein Bewusstsein ist noch nicht ganz da, ich gebe dir heute 70 Prozent, das ist viel im Vergleich zu den ersten Tagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Deine Arm- und Beinbewegungen werden differenzierter. Die Schwester befreit deine H\u00e4nde von der Schutzumwicklung, sie traut dir jetzt zu, dass du die Schl\u00e4uche nicht herausrei\u00dft. Du streichelst sie dankbar und ein wenig z\u00e4rtlich zugleich am nackten Arm. Eben noch hattest du gesagt, die Frauen werden immer schlimmer, je \u00e4lter sie sind, und jetzt bist du fast z\u00e4rtlich zu der Schwester und sagst, als sie das Zimmer verlassen hat, hier seien ein paar knusprige junge M\u00e4uschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sehe, wie du deine Finger bewegst. Du streckst die Arme aus, reckst sie empor, \u00fcber deinen Kopf, dann faltest du die H\u00e4nde. Ich sage: \u201eGib mir mal die Hand!\u201c Wir dr\u00fccken uns die H\u00e4nde. \u201eDu hast aber Kraft!\u201c, sage ich. Du machst wieder die alten Sp\u00e4\u00dfe und r\u00fchmst deine jugendliche Spannkraft, du sagst, du wirst \u00e4lter als ich, mindestens 89 willst du werden. Die Koordination deiner Bewegungen wird immer besser, au\u00dfen und innen. Deine Seele gesundet am K\u00f6rper, dein K\u00f6rper an der Seele. Ein dialektischer Prozess.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gestern haben dich die Pfleger in den Rollstuhl gesetzt, du hast vorher sogar eine Weile aufrecht gestanden!, sagte mir deine Mutter. Brigitte erz\u00e4hlte mir am Abend, wie du dich gegen den Pfleger durchgesetzt hast, als er dich im Rollstuhl auf den Flur fuhr. \u201eIch muss schei\u00dfen!\u201c, sagtest du. Du wolltest nicht in die Pampers schei\u00dfen. Dein Schamgef\u00fchl kehrt zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich rede von Brigitte, du sagst: \u201eP\u00fcppi!\u201c Ich erz\u00e4hle von deiner Mutter, \u201eMuttchen\u201c sagst du, und ich sp\u00fcre, du bekommst jetzt wieder eine deutlichere Ahnung von ihr, morgen oder \u00fcbermorgen wirst du sie erkennen und anreden. Ich erz\u00e4hle von meinem Freund Walter Ptok, der Psychotherapeut am Landeskrankenhaus war. Du sagst: \u201eDer Walter Ptok\u2026\u201c \u201eJa?\u201c, sage ich. \u201eDer kann mal zu mir kommen.\u201c \u201eIch sage es ihm\u201c, sage ich. \u201eSollen dich Theo und Conny auch besuchen?\u201c, frage ich. \u201eJa\u201c, sagst du, ein wenig sp\u00e4ter erg\u00e4nzt du: \u201eAber das muss nicht sein.\u201c Ich sage: \u201eKommt deine Registratur auch ohne dich klar?\u201c \u201eNat\u00fcrlich!\u201c, sagst du. Ich sp\u00fcre, langsam kommt die Erinnerung an deine Arbeitsstelle zur\u00fcck. Noch sind diese Begriffe undurchschaubare Vergangenheitsnebel, aber du bist nicht mehr so befremdet, wenn du sie h\u00f6rst. Vorhin hast du \u201eich\u201c gesagt, du gewinnst deine Identit\u00e4t zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Du bist heute nicht so ersch\u00f6pft vom Reden. Ich verabschiede mich und winke dir von der T\u00fcr zu, aber so weit siehst du nicht, das merke ich. Langsam willst du in die Welt zur\u00fcck. Heute merkst du nur halb deine Wiedergeburt, aber morgen, \u00fcbermorgen, \u00fcber\u00fcbermorgen wirst du dich wiederfinden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Freitag, 22.8.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich die Zimmert\u00fcr \u00f6ffne, ist es dunkel, die Rolll\u00e4den sind unten, vor deinem Bett liegt eine Schaumgummi-Matratze. Ich trete n\u00e4her, gew\u00f6hne mich an die Zimmerd\u00e4mmerung und sp\u00fcre, du bist wach. \u201eHallo, Uli!\u201c, sage ich und schiebe mit dem Fu\u00df die Matratze weg. \u201eHallo, Uli!\u201c, antwortest du. \u201eWie geht es dir?\u201c \u201eBesser\u201c, sagst du und richtest dich im Bett auf, rutschst ans Bettende und l\u00e4sst in der L\u00fccke des Bettgel\u00e4nders die Beine zum Boden baumeln. Ich denke schon, du willst aus dem Bett aussteigen, aber du bleibst sitzen. Ein Pfleger kommt ins Zimmer, zieht die Rolll\u00e4den hoch, es wird hell. Er sagt, bei dem Versuch, das Bett zu verlassen, seiest du zu Boden gefallen, daher die Schaumgummimatratze. Die Magensonde ist entfernt, deine Nase frei. Lauter als vor drei Tagen deine Stimme, deine Worte klarer. Du bem\u00fchst dich mit einigem Erfolg, elaboriert zu sprechen, schilderst dein Gef\u00fchl, dass du Fortschritte machst, dann auch deine Sorge, die Gesundung k\u00f6nnte stagnieren. Deine Laune ist gut. Du sprichst jetzt von deiner Mutter und von Brigitte anders, ich habe das Gef\u00fchl, dass du sie jetzt erkennst. Ich frage dich, ob Conny und Theo zu Besuch waren. \u201eJa\u201c, sagst du, \u201eConny war zwei Mal bei mir.\u201c Als ich die DFG erw\u00e4hne, gehst du darauf ein und ich habe den Eindruck, du wei\u00dft zum ersten Mal, dass deine Arbeitsstelle gemeint ist &#8211; wahrscheinlich noch nicht im vollen Umfang, denn du dr\u00fcckst dich um Details herum und antwortest noch zu allgemein. Als ich dich frage, ob dir die Arbeit fehlt, lachst du leise. Ich sage: \u201eDein Ged\u00e4chtnis kehrt langsam zur\u00fcck. Gib zu, du hast deine Erinnerungsl\u00fccken vor einigen Tagen noch abgestritten.\u201c \u201eJa, das stimmt\u201c, sagst du. Ich sage: \u201eDein Bewusstsein ist noch nicht ganz da, und es schwankt manchmal.\u201c Du stimmst mir wieder zu: \u201eNat\u00fcrlich!\u201c An der Tafel \u00fcber dem Bett steht eine Nachricht an die Angeh\u00f6rigen: \u201eBrille mitbringen.\u201c \u201eHast du deine Brille hier?\u201c, frage ich. \u201eJa.\u201c Du findest sie aber nicht und kannst mir nicht sagen, wo sie liegt. Da sehe ich die Brille auf dem Nachttisch. Ich setze sie dir auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann betritt deine Mutter den Raum. Du hast sie gestern erkannt, sagt sie mir. Die Brille hilft nicht. Du sagst, du brauchst eine st\u00e4rkere Brille, 3,5 Dioptrien plus. Aber ich merke, dass deine Augen noch gar nicht sehen k\u00f6nnen, dass es nicht an der Brille liegt. Du erkennst offenbar nur Umrisse, du erkennst uns alle eigentlich nur an der Stimme.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend der Pfleger dich auf den Rollstuhl setzt, gibt mir deine Mutter den 8 Seiten langen Fragebogen, den ich ausf\u00fcllen soll. Ich soll f\u00fcr die Sprechtherapeutin aufschreiben, wie du lebst, wie du denkst, was du liest, was du machst, wof\u00fcr du dich interessierst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Pfleger rollt dich auf den Flur an ein Fenster mit zwei St\u00fchlen. Dort gibt dir deine Mutter eine Illustrierte, SCH\u00d6NER WOHNEN. Die Zeitschrift liegt falsch herum auf deinem Tablett, du versuchst zu lesen und merkst trotz der gro\u00dfen Bilder auf den Seiten nicht, dass die Zeitschrift falsch herum liegt. Das Bl\u00e4ttern gelingt dir noch nicht. Du gibst den Leseversuch auf und konstatierst, dass das Sehen grunds\u00e4tzlich noch nicht klappt. Der Ergotherapeutiker kommt zu dir und will dir zu essen und zu trinken geben, aber du lehnst energisch ab. Du behauptest, du h\u00e4ttest heute schon drei Mal etwas gegessen, zwei Mal habe dir Frau Schade Essen gebracht, die Logop\u00e4din, die zuf\u00e4llig vorbeikommt. Sie widerspricht der Behauptung. Den Orangensaft lehnst du auch ab und verlangst Kaffee. Das Essen schmeckt dir nicht, du willst keinen Brei mehr, sondern Fleisch und feste Nahrung \u00fcberhaupt. Nach dem Kaffee sagst du immer wieder laut: \u201eUnd jetzt will ich schlafen!\u201c Ich gehe zum Stationszimmer und teile einem der Pfleger deinen Wunsch mit. In einem l\u00e4ngeren Gespr\u00e4ch erkl\u00e4rt er mir, dass du Bewegung brauchst, dass der Kreislauf nicht absacken darf, dass du wieder den Tag-und-Nacht-Rhythmus erlernen musst. In dem Ma\u00dfe, wie sich der K\u00f6rper erholt, stabilisiert sich auch die Psyche, und damit geht auch die Wiederherstellung des Ged\u00e4chtnisses einher. Das Verlangen nach Schlaf ist eine unbewusste Flucht, schon gestern sagtest du diese Standards\u00e4tze. Das Akzeptieren der Ern\u00e4hrung sei wichtig, meint der Pfleger. Der f\u00fcr die Schlucktherapie zust\u00e4ndige Arzt best\u00e4tigte, dass das Schlucken unbeeintr\u00e4chtigt wieder funktioniert. Das Tempo der Genesung gebe zu guten Hoffnungen Anlass. Du befindest dich noch in einem Zustand gro\u00dfer Verwirrung. Zwar seien deine Reaktionen im Bereich des Langzeitged\u00e4chtnisses schon gut, jedoch hapere es noch sehr mit dem Kurzzeitged\u00e4chtnis. Das ist auch meine Beobachtung. Erst seit heute merke ich, dass du dich an Ereignisse des gleichen Tages erinnern kannst, etwa an Connys Besuch. Auch die Zeitvorstellung wird genauer, ist aber noch unsicher und manchmal falsch. Du leidest noch an einem Durchgangssyndrom. Viel Zeit und Geduld erfordere die weitere Genesung. Definitiv k\u00f6nne jetzt noch nichts Endg\u00fcltiges erkannt oder prognostiziert werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Samstag, 24.8.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich schreibe f\u00fcr die Rehabilitationsklinik die <em>Notizen \u00fcber Ulrich Blendinger<\/em>:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Typischer Tagesablauf<\/em>: 8-16.30 Dienst in der DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft) als Leiter der Registratur. 16.30-17.45 zu Hause. Ab 18.00 Einkaufen in Bad Godesberg; eventuell Treffen mit Freunden oder Bekannten. Abends zu Hause: Lesen, Musik h\u00f6ren (Radio, CD), kaum Fernsehen. Gegen Mitternacht zu Bett.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Wochenende<\/em>: In Bonn. Besuch bei der Mutter auf dem Heiderhof oder bei der Schwester und den Neffen in Oberwinter. Treffen mit Bekannten oder einer Freundin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Interessen<\/em>: Kunst. Zeichnen. Sammeln von Bildern, vor allem B\u00fccher von Horst Janssen. Segeln. Lesen. Klassische Musik h\u00f6ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Sport<\/em>: Nein. (Nur manchmal etwas Radfahren.) Auch kein passives Interesse am Sport.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Musik<\/em>: Klassische Musik von der Renaissance\/Barockzeit bis zu unserer Gegenwart, etwa Penderecki. Opern, Sinfonien, Kammermusik, Lieder etc. Auch Jazz, Fado, Tango etc.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Lesen<\/em>: SPIEGEL. Unregelm\u00e4\u00dfig: FAZ, Bonner General-Anzeiger, andere anspruchsvolle Zeitungen, Zeitschriften und\u00a0 Illustrierte. Romane. Philosophie. Politik und Geschichte. Kunst. Autoren: Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften. Friedrich Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches. Martin Heidegger: Sein und Zeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Fernsehen<\/em>: Fast nie. Allenfalls ARD: Tagesthemen, arte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Kino<\/em>: Nein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Stars<\/em>: Entf\u00e4llt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>L\u00e4nder und Landschaften<\/em>: Niederlande! Belgien, England, Norddeutschland, Nordseek\u00fcste, Nordseeinseln, Texel, Cuxhaven, Bremerhaven, Hamburg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Geselligkeit<\/em>: Zusammensein mit einer Bekannten oder einem Freund, anderen Bekannten und mit der Familie. Gern allein!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Gespr\u00e4chsthemen<\/em>: Zeitstr\u00f6mungen\/Zeitgeist, politische Situation, Generationenkonflikt, Wirtschaftsprobleme, Weltlage, das Alter und Altwerden, Verhalten und Eigenarten junger Leute, lebensphilosophische Fragen, k\u00fcnstlerische Fragen (Literatur, Kunst, Musik), berufliche Probleme (DFG), famili\u00e4re Dinge, Norddeutschland und Nordsee.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Entspannung<\/em>: Eisdiele. Essen gehen. Zu Hause lesen und Wein trinken. Radio h\u00f6ren. Ans Meer fahren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Lieblingsfarben<\/em>: Alle! Liebe zur Kunst und allen Farbm\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Kleidung<\/em>: Stoffhose und Jeans, Lederschuhe (Halbschuhe), Hemd und Jackett.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Idole<\/em>: Nein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Auto<\/em>: Kein Auto seit Jahren. Fr\u00fcher VW und Mercedes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Tiere<\/em>: Nein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Handwerkliche T\u00e4tigkeiten<\/em>: Nur Zeichnen, in letzter Zeit weniger<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Wohnung<\/em>: Ca. 45 Quadratmeter im Parterre. Gro\u00dfes Wohnzimmer mit kleiner Terrasse am Garten des Mietshauses in der Riemenschneiderstra\u00dfe in Godesberg, ruhige Lage. Stilvolle Einrichtung mit Bett, Tisch, Sitzecke, vielen sch\u00f6n gerahmten Bildern an den W\u00e4nden, B\u00fccherregalen. Kleine K\u00fcche, Flur mit Bad.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Getr\u00e4nke<\/em>: Erlesene Weine. Mineralwasser, S\u00e4fte, Bier. Kein Schnaps.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Speisen<\/em>: Gourmetspeisen und einfache Kost &#8211; alles, was gut zubereitet ist. Kein Fastfood.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Genussmittel<\/em>: Wein. Schokolade, S\u00fc\u00dfigkeiten. Vor einigen Jahren auch Zigaretten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Eigenschaften<\/em>: Angekreuzt: Heiter, ruhig, anpassungsf\u00e4hig, ernst, eigenwillig, aktiv. Au\u00dferdem: Gebildet, sehr kultiviert, intellektuell und \u00e4sthetisch orientiert, bescheiden, aufs Wesentliche konzentriert, stiller Genie\u00dfer, liebt Frauenkontakte, treu, realistisch, humorvoll, hilfsbereit, zuverl\u00e4ssig, kann gut zuh\u00f6ren, extrem auf Unabh\u00e4ngigkeit bedacht, individualistisch, beredt, schreibfaul, liebt das Alleinsein, liebt Essen und gepflegte Weine, konsequent, ehrlich, gutm\u00fctig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Dienstag, 26.8. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stagnation.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Langsam frage ich mich: Bilde ich mir die Besserung meines Freundes nur ein? Ja und nein.\u00a0 Ich halte ihm eine fett gedruckte Schlagzeile vor die Augen: KRAUSE IST KRAUSE. Er liest zwei Buchstaben richtig, den dritten falsch, kann kein Wort zusammensetzen. Er schiebt die Zeitschrift weg. Das Einmaleins klappt auch nicht. Er ist nicht blind, nicht im optischen Sinn, aber sein Gehirn sieht nicht, was die Augen sehen. Ich sage: Mach mich nach! und ich grinse ihn an. Er zieht den Mund breit und grinst zur\u00fcck. Minuten sp\u00e4ter sieht er die eigene Hand beim Greifen nicht. Beim Essen kann er kleinste Teile vom Tellerrand mit den Fingern auf den L\u00f6ffel schieben, aber beim Trinken greift er nach dem Turnschuh, den ich auf dem Tisch abgestellt hatte, und will ihn zum Mund f\u00fchren. Ich werde immer unsicherer. Es schwankt alles. Mal ist er heiter und wirkt vital, mal niedergedr\u00fcckt und schweigsam. So geht es Tage und Wochen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich Ende September von Rom zur\u00fcckkehre, wo ich mit meinen Sch\u00fclern war, fragt er: \u201eHast du Stefano Rotondo\u201c gesehen?\u201c \u201eJa\u201c, sage ich. Ich bin erstaunt, dass er wei\u00df, dass ich seit vielen Jahren diese alte Kirche sehen wollte. Aber er spricht undeutlicher als vor zwei Wochen. Er kann immer noch nicht sehen, er ist sehenden Auges blind. Sein Gesicht ist ausdruckslos. Der Kopf ist gesenkt. Der ganze K\u00f6rper friert und h\u00e4ngt schief im Rollstuhl. Er isst kaum noch und trinkt zuwenig, trocknet aus. \u201eUli, ich kann nicht mehr\u201c, sagt er Tage sp\u00e4ter, \u201ees reicht nicht mehr.\u201c Einige Tage sp\u00e4ter: \u201eIch mach nicht mehr lange.\u201c Ich kann es ihm nicht ausreden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Immer ausdrucksloser wird sein Blick, er schaut blind in die Welt, er sieht durch alles hindurch, er sieht weder mich noch den Raum. Er hat kein Raumgef\u00fchl, kein Zeitgef\u00fchl, kaum eine Erinnerung. Er verwechselt immer auff\u00e4lliger Realit\u00e4t und Traum oder Wunsch. Er redet immer weniger, wirkt immer trauriger.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwei Gehirnschl\u00e4ge l\u00f6schen letzten Lebenswillen. Eine Lungenentz\u00fcndung Anfang November. Luftr\u00f6hrenschnitt. Dann viel Schlaf, viel D\u00f6sen. Er bemerkt mich kaum noch oder nicht mehr, wenn ich komme. Ich rede und erz\u00e4hle ihm, was ich erlebe. Er reagiert nicht, er bewegt sich nicht, starrt vom Bett richtungslos ins Zimmer, im Fahrstuhl auf den Boden. Ich sp\u00fcre, er h\u00f6rt jedes Wort. Drei Tage vor seinem Tod bewegt er die Lippen und spricht tonlos zwei S\u00e4tze &#8211; ich verstehe kein Wort, aber ich wei\u00df, es ist ein Abschied. Ich begann dieses Tagebuch in der Hoffnung, beinahe mit der Gewissheit, dass er es sp\u00e4ter lesen wird, nun schreibe ich es nur zur Erinnerung an ihn zu Ende. Ich \u00fcbergehe viele Details des Niedergangs, ich mache es kurz, denn der Sterbende ist immer weniger der, der er fr\u00fcher war. Bei seiner anf\u00e4nglichen Genesung schimmerte sein Wesen noch kraftvoll auf, jetzt entfremdet er sich uns und sich selbst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon seit Wochen w\u00fcnsche ich ihm einen schnellen Tod, denn sein Leben ist kein Leben mehr. Die H\u00f6lle ist besser als dieser Zustand, denke ich. Es ist ein erlebter Tod, ein schmerzendes Bewusstsein, das nur noch in sich selbst kreist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ach, es ist so dunkel in des Todes Kammer,<br \/>\nT\u00f6nt so traurig, wenn er sich bewegt<br \/>\nUnd nun aufhebt seinen schweren Hammer<br \/>\nUnd die Stunde schl\u00e4gt.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<h5>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-98374 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1989\/02\/Bergmann.jpg\" alt=\"\" width=\"122\" height=\"182\" \/>Es ist eine bildungsb\u00fcrgerliche Kurzprosa mit gleichsam eingebauter Kommentarspaltenfunktion, bei der Kurztexte aus dem Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper,<\/em> und auch aus der losen Reihe mit dem Titel\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=40312\"><em>Splitter, nicht einmal Fragmente <\/em><\/a>aufploppen. \u2013 Eine Einf\u00fchrung in\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em>\u00a0von Ulrich Bergmann finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>. Lesen Sie auf KUNO zu den\u00a0<em>Arthurgeschichten<\/em> auch den\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Essay<\/a>\u00a0von Holger Benkel, sowie seinen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tagebuch f\u00fcr Uli Blendinger (2.8.1946 &#8211; 28.11.2008) Donnerstag, 24.7., etwa 15 Uhr Zusammenbruch zweihundert Meter vor deiner Wohnung in der Riemenschneiderstra\u00dfe. Passanten finden dich, rufen den Krankenwagen, du kommst in die Intensivstation des Petrus-Krankenhauses im Bonner Talweg. Herzinfarkt. 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