{"id":104061,"date":"2004-04-06T18:22:04","date_gmt":"2004-04-06T16:22:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=104061"},"modified":"2022-09-27T18:27:42","modified_gmt":"2022-09-27T16:27:42","slug":"sarah-im-sommer-ist-die-erde-leicht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2004\/04\/06\/sarah-im-sommer-ist-die-erde-leicht\/","title":{"rendered":"SARAH. IM SOMMER IST DIE ERDE LEICHT"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>11.11.2000 <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Operation war schwer. Der Tumor wurde radikal herausgeschnitten. Tage lang habe ich geweint tief in die Nacht, die Sterblichkeit der allern\u00e4chsten Freundin und Geliebten, die eigene Endlichkeit, stand mir vor Augen. Langsam verging der Hass gegen den ersten Schlag des Todes, der die W\u00fcrde mit F\u00fc\u00dfen tritt und das Recht auf Selbsterschaffung zur Seite fegt. Jetzt bin ich fester und klarer. Es ist noch nicht das Ende, das Ende des Tr\u00e4umens, das zu mir geh\u00f6rt, die kleine Utopie meines einen Lebens. Ich behalte alle meine Pl\u00e4ne. Aber der Diskurs mit dem Tod wird h\u00e4rter, strenger, k\u00e4lter, heftiger, immer n\u00e4her, Auge in Auge, Doppelatem.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>16.12.2003 <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir sind uns n\u00e4her als zuvor. Ich werde in \u00c4nderungen hineingetrieben. Ich ahne, f\u00fcr Sarah und mich hei\u00dft das: Lern das Schwerste anzunehmen, hinzunehmen. Gestalte, was sich gestalten l\u00e4sst. Ich muss die Kunst lebensnotwendigen Verdr\u00e4ngens umbauen. Ich vermute, dass sich manches nicht immer und nicht ganz verdr\u00e4ngen l\u00e4sst. Flucht ist keine L\u00f6sung. Der Krebs war wieder zur\u00fcck. Sarah erholt sich nur langsam von der zweiten Operation. In der Weihnachtswoche beginnt die Antihormontherapie. Sie hat gute Chancen, sagte die Ober\u00e4rztin. Im Internet las ich das Gegenteil. Bei rezidivem Verlauf maximal f\u00fcnf Jahre \u00dcberlebenszeit. Ich habe viel geweint, weil Sarah so sehr leiden muss. Sie ist schwer angeschlagen und wird nicht wieder gesund. Die erste Operation hatte sie noch weggesteckt. Meine Angst, sie zu verlieren, w\u00e4chst gegen meine Hoffnung wie ein Tumor in mir selbst. Im Moment habe ich das Gef\u00fchl, als rei\u00dfe der Tod auch mir das Leben aus dem K\u00f6rper. Sarah ist meine Heimat. Wesentliches definiere ich \u00fcber sie. Ich wei\u00df nicht, wie es weitergeht. Verliere ich mich? Wenn ich Sarah verliere, muss ich mich wieder suchen. Ich habe Angst vor dieser Angst. Ich frage mich auch: Wie nah, wie gut sind mir meine Freunde, und wie stehe ich zu ihnen. Bin ich allein, wenn ich Sarah verliere? Was bin ich dann noch? Ich wei\u00df das alles nicht. Ich f\u00fcrchte mich auch vor dem Ende meines Berufs. Ich bin gern Lehrer. Ich verliere so viel, dass mir schwindlig wird. Ich habe nur das Schreiben, vielleicht noch das Lesen, und ab und zu Theaterbesuche mit lieben, alten Freunden&#8230; Ich werde bittrer. Aber ich wei\u00df, ich werde alles durchstehen. Ich bin ganz sicher.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>ein letztes reh | schmerzverschmiert ein reh die augen verschlossen | mit trocknendem blut | ein rennendes reh | fluchtsam | fort fort nicht zur\u00fcck | in seiner flanke <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>abgeknickt | steckt | einem mahnmal gleich dein speer | ein wundes reh | nur fort weit fort | nach angst | die raue zunge schmeckt | geschlitzt | aufgerissen | und m\u00fcde auge um auge und m\u00fcde rennt ein reh weit weit davon | hungrig eines fahnenwei\u00df das andre glaubt nicht mehr | freiwild | wildfrei nach innen | wenden will seinen kopf das reh und birgt ihn leise | im dickicht | zerw\u00fchlt | nieder l\u00e4sst ein reh sich | an wunden aufgebrochen | sein mundvoll see | schmeckt bitter noch und pelzig | \u00fcberwuchert von eisblumen ein schutz und | wall | wunden im knirschenden eis | das verflochten zu festem kranz wunden von menschenhand immer und immer | nieder legt ein reh | sein fell | am ufer wie mit zucker | \u00fcbergossen | lockt der see | betr\u00e4ufelt bestreut | zu dickem sud gepresst wundr\u00e4nder die wachsen zusammen | zweier b\u00e4ume \u00e4hnlich | die sich eine krone teilen | \u00fcberzogen von milchigem laub | mit bitterer schale bedeckt | durchsichtig fast so zart | fallen l\u00e4sst ein reh | sein fell am horizont | zieht fort | fort die flaumigen augen gehisst | wie rufe aus der einsamkeit || <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>es rennt ein reh | unter meiner haut<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>24.6.2004<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Liebe Katrin,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">ich kann im Moment gar nicht anders als dein Gedicht \u201eein letztes reh\u201c auf meine sterbende Geliebte zu beziehen. Sie liegt neben mir, ich schaue links auf das s\u00fcdlich auslaufende Siebengebirge, sie schl\u00e4ft jetzt leicht. Der Speer steckt tief in ihr, die bewusstlose Waffe des Krebses. Dein Gedicht ist so reich an Wunden, so sch\u00f6n lesen sich die, und so schmerzschlagend sind sie. Ihre Wunden rennen unter meiner Haut, das ist das Schlimmste. So schwach ist sie, so leise, so anders, da bin ich jetzt schon einsam, und sie muss sich genauso f\u00fchlen im Prozess der Entfernung, den der Tumor antreibt. Paradox ist diese Entfernung bei gleichzeitig zunehmender N\u00e4he. So absurd ist unser Leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich wei\u00df, dein Gedicht ist nicht so gemeint, wie ich es jetzt lese. In dem wesentlichen Punkt aber, dass wir in unserem Leben verwunden und verwundet werden, dass wir sprechende Wunden sind, dass vielleicht die Kunst nichts anderes ist als die in Sch\u00f6nheit umgewandelte Wunde, und das alles sind Motive, die dein lyrisches Werk durchziehen, in diesem Punkt also ber\u00fchren sich meine augenblickliche Lesart und dein bewusster und unbewusster Ausdruck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich w\u00fcnschte, ich k\u00f6nnte dir unter besseren Umst\u00e4nden schreiben. Aber ich lebe und werde sicherlich auch wieder froher, und wenn wir uns wiedersehen, l\u00e4cheln wir, ja?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dir alles Liebe und Gute f\u00fcr die kleinen oder gro\u00dfen Schritte ins Leben hinein (oder hinaus? oder hinauf?)! Ich w\u00fcnsche dir alle drei Varianten!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dein C.G.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>3.7. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun ist es so gekommen, wie ich es lange immer nur f\u00fcrchtete, aber selber wider besseres Wissen nicht wahrhaben wollte: Sarah liegt im Sterben, und ich bin bald allein. Sie brach am 11. Juni zusammen, sie war v\u00f6llig ersch\u00f6pft, der Krebs frisst sie langsam auf. Helene, ihre beste Freundin, \u00fcbernachtete bei Sarah. Sie rief mich an. Ich war gerade mit meiner Klasse in Dresden, am Handy entschied ich Sarahs Einweisung auf die Palliativstation im Krankenhaus Maria Stern, das hatte ich zwei Tage vor der Klassenfahrt noch vorbereiten k\u00f6nnen. Schon als ich Ende Mai mit den Sch\u00fclern auf Studienfahrt in Italien war, w\u00e4hrend Sarah mit Freundinnen vier Tage in Zandvoort verbrachte, war sie sehr matt und oft ersch\u00f6pft. Aber wir hatten noch keinen endg\u00fcltigen medizinischen Beweis. Dr. B. hatte uns immer noch nicht die Analyse des CT vom 14.5. mitgeteilt &#8211; wir erfuhren alles erst am 14. Juni vom Stationsarzt der Palliativstation. Vielleicht war es gut. So konnte Sarah l\u00e4nger hoffen. Der Tumor beherrscht das Becken, schn\u00fcrte den Darm ein, wegen Darmverschluss musste in Maria Stern wieder operiert werden, wie im letzten Dezember. Der untere Teil eines Lungenfl\u00fcgels ist befallen, auch die Leber. Sarah befindet sich im Endstadium der nie ganz gekl\u00e4rten Krebserkrankung. Die Nachricht, dass sie bald sterben muss, begriff Sarah nicht sofort. Am n\u00e4chsten Tag wiederholte ich, was der Arzt sagte. Sie weint kurz, ganz leise, wie vor vier Jahren, als festgestellt wurde, dass der Tumor b\u00f6sartig war. Dann brauchst du das Souterrain nicht zu mieten, sagt sie. Ich will eine einfache Beerdigung. Bezahl die Rechnung schnell, ich will nicht ins Gerede kommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit dem 29.6. ist Sarah wieder zu Hause. Ich f\u00fchrte lange Gespr\u00e4che mit Dr. L., der diese Station leitet. Sarah soll in W\u00fcrde sterben, in ihrer gewohnten Umgebung. Gute Tage kann sie vielleicht noch erleben, trotz aller Einschr\u00e4nkungen. Nun pflege ich Sarah, gebe ihr alle Medikamente, vor allem die Morphinspritzen. Ich helfe ihr aus dem Bett zur Toilette oder auf den Stuhl im Wintergarten. Sie kann noch, m\u00fchsam, gehen. Morgens kommt der Caritas-Pflegedienst, nachmittags und abends habe ich ein paar Stunden frei, da hilft mir der regelm\u00e4\u00dfig eingerichtete Dienst der Freunde und Verwandten, besonders mein Sohn. Er kommt immer am sp\u00e4ten Nachmittag und ist ganz zart zu Sarah, da wird es heller in ihr. Felix kocht ihr etwas und dann isst er mit ihr zusammen. Sp\u00e4ter kommt Julia dazu. Dann komme ich aus der Stadt zur\u00fcck. Zum Gl\u00fcck fanden wir eine \u00c4rztin, die regelm\u00e4\u00dfig Hausbesuche macht, und eine Physiotherapeutin f\u00fcr die Lymphdrainagen, damit das rechte Bein nicht zu sehr schmerzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin krankgeschrieben bis zu den Sommerferien. Mein Direktor ist sehr verst\u00e4ndnisvoll. Ich habe in Abwesenheit noch zwei Klausuren schreiben lassen und werde sie bis zur Versetzungskonferenz korrigieren und alle Noten f\u00fcr die Sch\u00fcler an die Schule schicken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die ersten Tage zu Hause waren schwer. Alles war zu organisieren &#8211; Pflegedienst, Stomabetreuung, Krankenbett, Toilettenerh\u00f6hung Toilettenrollstuhl&#8230; Manches lief nicht, ich bekam nicht gleich alle Medikamente, ich bew\u00e4ltigte kaum das \u00dcberma\u00df an Besorgungen. Ganz schwierig ist die Versorgung des anus praeter. Zum Gl\u00fcck beherrscht Herr S., der Pflegedienstleiter, das Problem. Einmal kam er mitten in der Nacht, als ich in Not war und die Platte nicht wechseln konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich erfahre viel Hilfe und Zuspruch. Ich komme nun, wo alles ruhiger l\u00e4uft, wieder zum Schreiben und zur Erledigung liegengebliebener Dinge. Sarah kennt ihre Lage, sie wei\u00df, dass sie sehr bald sterben wird. Sie weint. Dann gibt es wieder bessere Momente. Meist schweigt sie und starrt richtungslos aus ihren Augen. Es w\u00e4chst eine entsetzliche Leere in ihr, sie f\u00fchlt immer weniger Verlangen, ihr Dasein wird zur notwendigen Last. &#8211; So lebt sie hin&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>6.7. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sarah stirbt langsam. Drau\u00dfen ein sch\u00f6ner, milder Sommer. In uns der h\u00e4rteste Winter. Sie ist kaum noch wach. Sie hat schon lange nicht mehr gel\u00e4chelt. Sie spricht nur wenig. Das Sprechen f\u00e4llt ihr schwer, der Mund ist so trocken von den Medikamenten. Sie sp\u00fcrt, dass sie immer weniger Kraft hat. Sie staunt. Das geht so schnell, Chris, das ist doch nicht normal! Sarah kann sich nicht mehr wehren gegen die M\u00fcdigkeit, sie kann nicht richtig trauern und Abschied nehmen. Vor drei Wochen sagte sie: Ich kann nicht mehr. Vor sieben Tagen: Ich will so nicht mehr leben. Gestern: Ich will nicht mehr leben, du hast doch auch nichts davon!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie isst kaum noch etwas. Heute ein halbes Honigbr\u00f6tchen. Sie trinkt immer weniger &#8211; vielleicht noch eine Flasche Mineralwasser. Sie liegt fast den ganzen Tag im Bett. Sie h\u00f6rt im Halbschlaf manchmal zu. Aber sie kann sich nur einige Minuten lang konzentrieren. Jeder Besuch strengt sie an, auch der liebste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das rechte Bein ist stark geschwollen, spannt und tut weh. Die Lymphdrainagen helfen kaum. Ich massiere das Bein jetzt auch, um die Spannung zu mindern. Der anus praeter entlastet. Aber die Inkontinenz nimmt stark zu. Die Einlagen sind immer voll. Der Gang zur Toilette wird t\u00e4glich schwerer, langsamer und gef\u00e4hrlicher. Ich muss sie st\u00fctzen. Heute passte ich nicht auf, ich lie\u00df sie los, griff schnell noch ein Handtuch aus dem Schrank, da kippte sie um und fiel auf den harten Boden. Zum Gl\u00fcck verletzte sie sich nicht. Sie kommt allein nicht mehr aus dem Bett. Sie beobachtet ihren Verfall. Ich sah einmal, wie sie das T-shirt am Hals anhob und an ihrem abgemagerten K\u00f6rper herunterblickte. Ein anderes Mal zupfte sie mit den Fingern an der schlaffen Haut des Oberarms herum und starrte in die Luft. Sie registriert den langsamen Verlust des K\u00f6rpers.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">*<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">In Sarahs Terminkalender sind alle Krankheiten der letzten zehn Jahre vermerkt, alle Daten und \u00c4rzte. Seit dem 23.4.04 schreibt sie auf, was sie isst. Die Notizen enden am 4.6.04:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>8.00h 1 Scheibe Roggenbrot, 1 Messerspitze Butter, etwas Marmelade \/ 10.00h 1 Tasse Nudelsuppe \/ 19.00 h 2 Scheiben Roggenbrot mit Schmelzk\u00e4se.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Es folgt eine kleine Tabelle ihrer K\u00f6rpergewichte:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>25.4.03 86.0 \/ Chemotherapie \/ 1.8.03 80.0 \/ 1.9.03 78.0 \/ 1.10.03 77.0 \/ 1.12.03 zweite Operation \/ 1.1.04 66.0 \/ 2.2.04 65.0 \/ 1.3.04 63.0 \/ 1.4.04 57.0 \/ 1.5. 56.0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Zuletzt notierte sie:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Wovon man nicht sprechen kann, dar\u00fcber muss man schweigen. Ludwig Wittgenstein<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">*<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Sarah nimmt immer weniger Anteil am Leben. Schon seit Wochen liest sie nicht mehr die Zeitung. Sie liest gar nichts mehr. Sie h\u00f6rt. Die Augen fallen zu beim Fernsehen. Ich soll das Radio nicht mehr anmachen. Sie leidet still in ihrer so langsam gewordenen Seele.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie verlangt Arznei, die von Schmerzen befreit. Die Schmerzen der Seele bleiben, sie werden eingeschl\u00e4fert durch andere Medikamente, die Angst und Unruhe aufl\u00f6sen. Morphin, Haldol, Dormicum, Tavor &#8211; das sind die Namen des langsamen Sterbens. Ihr Leben reduziert sich von Tag zu Tag. Aber ich wei\u00df keinen besseren Weg. Vielleicht gibt es wenige stille sch\u00f6ne Momente. Ich wei\u00df es nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gestern nachmittag fuhr ich mit dem Rad in die Stadt. Vor dem Tr\u00f6delladen neben der Post standen alte Schallplatten, His Masters Voice: Cavalleria Rusticana, von Pietro Mascagni selber dirigiert. Ich frage den H\u00e4ndler: Wie teuer? Er sagt: H\u00f6rst du die Platten mit deiner Frau? Ja, sage ich, sie liebt die Oper. Er sagt: Die schenk ich dir. Zu Hause lege ich die Platten auf und Sarah h\u00f6rt die ganze Oper. Heute ist Helene da. W\u00e4hrend Frau C. Sarahs Bein massiert, h\u00f6ren wir die Oper noch einmal und fragen uns, wielange wir Helene und Marius schon kennen. Ich hole den Ordner RES PRIVATAE, darin habe ich eine Liste mit unseren Treffen in den ersten zw\u00f6lf Jahren. Ich lese vor und wir kommentieren unsere Erinnerungen. Sarah l\u00e4chelt. Bis zuletzt liebt sie uns. Sie ist mild und ganz ruhig. Aber sie ist geschlagen. Ich hoffe, sie stirbt nicht zu sp\u00e4t. Im Sommer ist die Erde leicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>8.7. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heute weinten wir immer wieder. Sarah sagt, sie will ein Gespr\u00e4ch \u00fcber das Sterben. Nicht mit mir? Nein, du bist zu subjektiv, sagt sie. Meinst du, der Tod ist dir schon so nah? Ja, sagt sie. Sie weint: Ich kann nichts mehr machen. Ich kann kaum sprechen. Es passiert nichts mehr. Du hast vielleicht noch sch\u00f6ne Stunden, sage ich, morgen oder \u00fcbermorgen. Morgen kommt Felix! Darauf freut sie sich, sie sprach vorhin mit ihm. Sie hat gel\u00e4chelt, als er sagte, ich freu mich auf dich. Ich freu mich auch, sagte sie. Ich muss noch einiges regeln, sagt sie sp\u00e4ter. Du musst die Ohrringe, die auf meinem Schreibtisch liegen, wegtun. Ich passe auf, sage ich. Nur Julia bekommt immer mal etwas von meinem Schmuck. &#8230;Dein Leben war doch sch\u00f6n, oder? Ja, sagt sie. Du fehlst mir sehr, sage ich, meinst du, ich komm ohne dich klar? Ja, sagt sie, du hast doch so viele Aktivit\u00e4ten. Aber wenn ich nach Hause komme, sage ich, fragt mich keiner: Wie war\u2019s? Oder: Du kommst aber sp\u00e4t. Keiner sagt, im Topf ist noch Gulasch, du kannst alles haben. Sie weint. Das Leben ist nicht mehr sch\u00f6n f\u00fcr dich, sage ich. Ja, sagt sie. Kannst du denn dein Leben loslassen, frage ich. Das wei\u00df ich noch nicht so genau, sagt sie, aber ich sehe keine Perspektive mehr. Sie weint. Soll ich dir Dormicum spritzen? Ja, sagt sie, die volle Ladung. So nenne ich die vier Spritzen: Eine Ampulle Morphin, eine Viertel-Ampulle Haldol, eine halbe Ampulle Dormicum und zum Nachspritzen in den Butterfly einen halben Milliliter Kochsalzl\u00f6sung. Ich helfe ihr aus dem Bett im Wohnzimmer, ich halte sie fest bei ihren Tippelschritten zum Bad. Ich weine. Mir tut weh, wie du leidest, sage ich. Sie weint. Ich st\u00fctze sie auf dem Weg durch den Flur zum Schlafzimmer, in dem sie nachts am liebsten liegt. Ich schaue ihr auf den Nacken. Als ich sie kennenlernte, war ein Moment, wo ich sie beobachtete, vor \u00fcber 30 Jahren, wir waren gerade in unsere erste kleine Wohnung gezogen. Sie b\u00fcckte sich weit \u00fcber den Rand der Badewanne, um sich unter dem Wasserhahn die Haare zu waschen. Ich sah ihr lange auf den Nacken und liebte sie in dieser kleinen Zeit so sehr. Aber sie wei\u00df das gar nicht. Jetzt gehe ich langsam mit ihr durch den Flur zum Schlafzimmer. Ich halte sie von hinten fest. Ich verstehe jetzt alles besser, sage ich, du hast schon vor deiner Hollandreise sehr gelitten. Ja, sagt sie. Du hast manchmal schon so schwer geatmet, sage ich, du hast vielleicht schon seit der letzten Operation sehr gelitten. Ja, sagt sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich will wissen, wie das mit dem Sterben ist, sagt sie. Ich sage, wir fragen gleich die \u00c4rztin. Ich lege sie ins Bett, sie bekommt die volle Ladung. Gleich wird sie wieder schlafen. Zur \u00c4rztin, die gerade kommt, sage ich: Sie hat gestern viel geweint und heute immer wieder. &#8230; Ich wei\u00df nicht, sagt Sarah, ob ich lieber im Hospiz sterbe. Nein, sage ich, hier sind wir alle bei dir. Sie entscheiden, sagt die \u00c4rztin, wo Sie sich sicher und wohl f\u00fchlen. &#8230;Haben Sie denn etwas auf dem Herzen, das Sie loswerden wollen? Nein, sagt Sarah. Sie haben einen so prachtvollen Sohn, sagt die \u00c4rztin, den haben Sie wunderbar erzogen! Sie nimmt ihre Hand. Und Ihr Mann ist doch gut zu Ihnen. Ja, sagt Sarah, auf den kann ich mich verlassen. Sie schaut mich an. Die \u00c4rztin sagt: Es ist alles gut. Ihr Sohn hat einen sicheren Beruf, eine liebe Frau, und der Enkel kommt bald zur Welt. Ja, sagt Sarah. &#8230;Sie h\u00e4tten gern das Alter mit Ihrem Mann erlebt, sagt die \u00c4rztin. Ja, sagt Sarah, das ist doch normal. Sie weint leise. Die Augen fallen zu. Dann sagt sie: Wenn ich nicht mehr lebe, wird dann alles dunkel und ich sehe nichts mehr? Sie werden ganz leicht sterben, sagt die \u00c4rztin, Sie sind so schwach, Sie werden einfach aufh\u00f6ren zu atmen, Sie werden nicht k\u00e4mpfen. Sie wachen nicht mehr auf. Es ist ganz leicht. Sarah sagt nichts, sie schaut die \u00c4rztin ruhig an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>11.7. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vorgestern erz\u00e4hle ich Sarah in der Nacht, wie sehr ich sie liebte, als wir in unserer ersten kleinen Wohnung in der Kennedyallee lebten &#8211; die Geschichte mit dem Nacken. Ich gehe hinter ihr, wie immer jetzt, um sie zu st\u00fctzen, sehe wieder auf ihren Nacken, ich weine lautlos, als ich ihr das sage.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gestern nachmittag verabschiedet sie sich von unserem Freund Constantin: Wir unterhalten uns noch mal l\u00e4nger, wenn ich etwas fitter bin &#8211; ich danke dir, dass du mich immer so brav besucht hast.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Katharina:<em> Ich erz\u00e4hle vom Sterben meiner Schwiegermutter vor einem Jahr. Wie werde ich sterben? fragt Sarah. Ich sage, Krebspatienten sterben oft an den Folgen der sehr hohen Morphingaben. Meine Schwiegermutter h\u00f6rte im Schlaf auf\u00a0 zu atmen. Ist das bei mir auch so? fragt Sarah. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, sage ich. Kann ich selbst bestimmen, wann ich gehe, kann mir jemand dabei helfen? Nein, sage ich, das ist in Deutschland verboten &#8211; willst du denn so schnell wie m\u00f6glich sterben? Ja, sagt Sarah, es ist nichts mehr sch\u00f6n, alles schlimm. Sie weint. Hast du gar keine sch\u00f6ne Stunde mehr? Nein. Aber auf Felix und Chris kann ich mich verlassen. Sie ist stolz auf Felix, sie musste sich nie Sorgen um ihn machen. Nach einer Schlafpause fragt sie: Warum war deine Schwiegermutter im Hospiz? Wir schafften es nicht allein. Willst du lieber ins Hospiz? Nein, nur wenn Chris und Felix nicht mehr k\u00f6nnen. Du hast es so sch\u00f6n hier, sage ich, und Chris und Felix haben so viel Unterst\u00fctzung, dass sie es nicht zulassen, dass du ins Hospiz gehst. Sarah ist ersch\u00f6pft. Soll ich in ein paar Tagen noch mal wieder kommen? Auf alle F\u00e4lle, sagt sie.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich fahre am Nachmittag mit dem Rad in die Stadt. Im Schaufenster des Tr\u00f6delladens sehe ich eine gro\u00dfe Tiffany-Lampe. Ich rufe Julia an, schau dir die Lampe an, wenn sie dir auch gef\u00e4llt, kaufe ich sie. Felix erz\u00e4hlt Sarah von dem Kauf, bevor ich mit Julia die Lampe bringe. Sarah macht eine Handbewegung vor der Stirn &#8211; ich sei total bescheuert, typisch Chris.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Felix setzt sich zu ihr ans Bett und bl\u00e4ttert in dem Fotoalbum, das ich im letzten Oktober f\u00fcr ihn zusammenstellte, als er 31 wurde. Er spricht \u00fcber die Bilder. Dann gibt er ihr zu essen. Ich esse mit Julia im Wintergarten. Du hast den Fisch gut gekocht, sagt Sarah sp\u00e4ter zu mir. Letzte Momente ihrer N\u00e4he zu uns.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Ende der Nacht sagt sie, ich will aufstehen. Warum? Musst du zur Toilette, frage ich. Ich wei\u00df nicht, sagt sie. Komm, wir stehen erst mal auf, sage ich. Ich setze sie in den Toilettenstuhl und fahre sie zum Bad. Das Stehen vor der Toilette, wo sie die Unterhose nach unten zieht, damit ich die Einlage herausnehmen kann, strengt sie sehr an. Nach dem langen Sitzen auf dem WC, wenn sie die neue Einlage einpasst und die Unterhose wieder hochzieht, steht sie sehr unsicher. Ich setze sie wieder auf den Toilettenrollstuhl und schiebe sie aus dem Bad. Sie zeigt nach rechts. Sie will nicht gleich zur\u00fcck ins Bett, sondern durch die Wohnung fahren: Durch die K\u00fcche, den Wintergarten, das Wohnzimmer. Dort schaut sie zur Decke. Sie pr\u00fcft, ob die neue Lampe passt. Sie sagt nichts. Ich fahre sie durchs Arbeitszimmer zur\u00fcck in ihr Zimmer, in dem sie am liebsten schl\u00e4ft. Vor drei Tagen machten wir schon einmal so eine Tour durch die Wohnung. Das Krankenbett im Wohnzimmer nutzt sie immer weniger, obwohl sie dort vor allem abends mit uns zusammen war, wenn wir am Esstisch im Wintergarten sa\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie entfernt sich langsam von uns, sie geht ihren Weg. Sie redet immer weniger. Heute hat sie zum ersten Mal nichts gegessen, kaum getrunken. In der Mittagszeit kam Helene. Es entstand kein Dialog. Sie ist nicht immer ganz da, wenn sie wach ist. Sie kann die Uhrzeit nicht fassen. Sie denkt, es ist schon viel sp\u00e4ter. Sie fragt, wer da sei au\u00dfer mir. Sie schaut ohne Interesse auf den Tagesplan. Sie f\u00e4llt aus der Zeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>12.7. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dekubitus. Der Stei\u00df ist wund vom langen Liegen, schwarzrot das abgestorbene Gewebe der Haut, so gro\u00df wie eine M\u00fcnze. Diese Wunde wird aufgehen, sagt Schwester Susanne am Morgen, Sie m\u00fcssen Ihre Frau alle zwei Stunden bewegen, seitlich lagern. In der Mittagszeit kommt Helene. Wir legen Sarah zum Schlafen auf die Seite. Ich sage, das muss sein, du bekommst \u00fcble Schmerzen am R\u00fccken. Sie winkt mit der Hand ab. Sie weint. Ich rufe die Palliativstation Maria Stern an. Pfleger Heuberg sagt, kommen Sie her, ich gebe Ihnen Pflaster. Ich fahre hin. Heuberg meint, es ist besser, Sarah f\u00fchlt sich wohl, sie soll liegen, wie sie will, die Wundschmerzen sind jetzt sekund\u00e4r.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sarahs Blick wirkt immer m\u00fcder, distanzierter. Aus den Augen weicht die Trauer. Leid ist ins Gesicht gezeichnet. Im Bad sp\u00fcrt sie die Gebrechlichkeit ihres K\u00f6rpers besonders hart. Ihre Bewegungen werden langsamer und ungenauer. Abends liegt sie im Bett und d\u00f6st. Da sieht das Gesicht f\u00fcr eine kleine Weile entspannt aus, wirkt weich und zart.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sprach im Traum, sagt Julia, als ich um halbzehn von der Oper zur\u00fcckkomme. \u201eSatyagraha\u201c von Philip Glass. Ich dachte an Sarah, wie sie aus unserer Welt hinausgeht. Im letzten Akt wird die Auferstehung der Seele ins Bild gesetzt, der Sieg der Ideen Mahatma Gandhis. <em>Empor ragt der, dessen Seele ansieht auf selbige Weise Freunde, Gef\u00e4hrten, Feinde, Gleichg\u00fcltige &#8230; Dies ist der feste, stille Zustand, der, sogar zur Zeit des Todes, die Seele erh\u00e4lt&#8230;<\/em> In unserer Wohnung entsteht Zeitlosigkeit. Sie geht von Sarah aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sarah ruft mich zwei Mal in der Nacht. Sie weint. Ich kann nicht mehr, sagt sie. Ich gebe ihr die Spritzen. Die N\u00e4chte strengen mich an, weil ich nur leicht schlafe und morgens zerschlagen bin. Wenn Schwester Susanne die Morgenpflege beendet hat, schl\u00e4ft Sarah weiter. Ich korrigiere Klausuren, schreibe Briefe, lese, telefoniere und ordne die Dinge. Ich werde unterst\u00fctzt von den Freunden und Verwandten. Sie kommen p\u00fcnktlich um vier, waschen W\u00e4sche, b\u00fcgeln und putzen die Wohnung. Dann fahre ich mit dem Rad in die Stadt. Um halb sechs kommt Felix. Er bleibt oft bis neun. Mit Sarah ist er so z\u00e4rtlich und freundlich wie kein anderer, er macht alles f\u00fcr sie, ich kann mich vollkommen auf ihn verlassen. Sp\u00e4ter kommt Julia mit Max im Bauch. Ich kehre zwischen sieben und acht aus der Stadt zur\u00fcck. Dann unterhalten wir uns noch eine Weile.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist so traurig, sagt Felix, jetzt sind wir zu zweit. Ich sage, zu viert, Julia geh\u00f6rt zu uns, und bald kommt Max noch dazu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>16.7. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am fr\u00fchen Morgen ruft Sarah ganz schwach \u201eChris!\u201c Sie weint leise. Das Bein tut ihr weh. Sie braucht wieder Morphin. Ich gebe ihr noch Tavor. Die Tablette habe ich in Wasser aufgel\u00f6st und spritze sie in den Mund. Sarah kann kaum noch schlucken. Dann schl\u00e4ft sie wieder ein. Um elf kommt Schwester Susanne, Sarah wird nicht richtig wach. Die Schwester wechselt die Einlage. Sie legt Sarah auf die Seite und h\u00e4lt sie fest. Sarah weint. Ihr Gesicht verzerrt sich. Die Schwester w\u00e4scht sie, putzt ihr mit Wasser die Z\u00e4hne und bettet sie wieder. Ich gebe Sarah Morphin, Haldol und Dormicum. Danach schl\u00e4ft sie sieben Stunden lang.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um sieben komme ich aus der Stadt zur\u00fcck. Sarah wacht auf. Ich setze mich mit Julia, die Wache gehalten hat, zu ihr ans Bett, an die Herzseite. Sie will etwas seitlich liegen. Keine Schmerzmittel. Ich nehme Sarahs linke Hand. Sie liegt fest und warm in meiner linken Hand. Ich erz\u00e4hle Julia, wie ich Sarah kennengelernt habe. Ich habe sie sofort zur Frau haben wollen. Ich erz\u00e4hle, wie sie immer zu mir gehalten hat, wie wir zusammenlebten, ohne uns immer wieder unsere Liebe zu erkl\u00e4ren. Ich weine. Ich sage, die G\u00fcte war ihre wesentliche St\u00e4rke. Und die Gro\u00dfz\u00fcgigkeit, sagt Julia. Ja, sage ich. Und als wir heirateten, war ich auf einmal erwachsen &#8211; das wird bei euch bald auch so sein, wenn Max zur Welt kommt. Ja, sagt Julia, dann wird Felix erwachsen. Ich werde jetzt ganz erwachsen, sage ich. Ich erz\u00e4hle von unserer Hochzeitsreise, von der Reise in die DDR zu meiner Mutter. Mir f\u00e4llt Brit ein, meine Schwester, die mir in den letzten Wochen sehr viel n\u00e4her kam. Ich erz\u00e4hle von meiner Gro\u00dfmutter, die ich mehr liebte als meine Mutter, fast so sehr wie Sarah. Ich rede und rede &#8230; von unserer Amerika-Reise, von der Entdeckung der Verdon-Schlucht &#8230; Sarah zieht langsam ihre Hand aus meiner Hand heraus&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenige Minuten sp\u00e4ter kommt Felix, zum ersten Mal sehen wir ihn in seiner Uniform. Er beugt sich \u00fcber Sarah und streichelt sie, dann zeigt er ihr seine BGS-Uniform. Sch\u00f6n, sagt Sarah leise. Dann streckt sie beide Arme nach ihm aus und zieht ihn nah zu sich heran. Sie l\u00e4chelt. Sie l\u00e4sst ihn los und schlie\u00dft die Augen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>17.7. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Nacht braucht sie Morphin. Gegen Morgen wechsle ich die Einlage. Um zehn setze ich mich ans Bett, Sarah weint etwas, weniger als gestern. Ich kann nicht mehr, sagt sie. Ich wei\u00df, sage ich, &#8230; du musst nicht mehr, Sarah. Lass los, dann schl\u00e4fst du ein, du hast keine Schmerzen mehr, du musst nicht mehr leiden. Ich gebe ihr Morphin und Dormicum. Dann kommt Schwester Sabine, wechselt die Einlage, cremt die Beine ein und putzt die Z\u00e4hne. Sarah schl\u00e4ft eine Weile, dann ruft sie mich. Ich muss mal, sagt sie. Schwester Sabine hat eben die Einlage gewechselt, sage ich. Ich will trinken, sagt sie, Cola. Sie kann doch noch etwas schlucken. Drei Mal trinkt sie ein paar Tropfen. Heute ist Samstag, drau\u00dfen scheint die Sonne und es ist warm, sage ich, in der Rheinaue ist Flohmarkt. Sie schaut mich kurz an. Etwas sp\u00e4ter sehe ich eine kleine Tr\u00e4ne am Auge. Um drei gebe ich ihr wieder die Spritzen, dann schl\u00e4ft sie ziemlich fest bis neun.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>20.7. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Jetzt schl\u00e4fst du in den Tod hinein. Deine H\u00e4nde sind viel schlanker als fr\u00fcher. Sie sprechen die Sprache, die ich kenne. Ich sage dir, ich liebe dich immer, damals, heute, morgen. Du hast mir vor ein paar Jahren mal gesagt, es ist sch\u00f6n, dass ich \u00e4lter bin als du. Da kann ich hinter dir her gehen. Jetzt l\u00e4ufst du mir davon. Ich stehe hinter dir und kann dir jetzt nicht folgen. Ich wei\u00df, du wolltest das nicht. Ich kann nicht mehr, sagtest du zuletzt immer wieder. Ich sehe dir zu, wie du gehst. Es ist der schlimmste Abschied, den ich denken kann. Ich habe ihn oft bef\u00fcrchtet, so als Gedankenspiel. Schnell weg mit diesen Gedanken, dachte ich. Da ging die T\u00fcr auf, du kamst herein, oder du riefst mich &#8211; Gl\u00fcck gehabt! Mit dir zusammen war ich gern allein. Ohne dich bin ich einsam. Wer geht jetzt hinter mir und hinter wem gehe ich nun weiter?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">*<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eKann der Sterbende keine Fl\u00fcssigkeit mehr schlucken, ist es f\u00fcr ihn hilfreich und angenehm, wenn wir ihm den Mund immer wieder befeuchten &#8230; durch einen nassen Waschlappen, an dem er saugen kann.\u201c Der Satz steht in der Brosch\u00fcre <em>Die letzten Wochen und Tage<\/em>. Ich denke an den Hinrichtungsapparat in Kafkas Erz\u00e4hlung <em>In der Strafkolonie<\/em>: \u201e.. am Kopfende des Bettes &#8230; ist dieser kleine Filzstumpf, der &#8230; in den Mund dringt. Er hat den Zweck, am Schreien und am Zerbei\u00dfen der Zunge zu hindern.\u201c Der Sterbende erf\u00e4hrt Linderung an seinem K\u00f6rper. Tavor und Dormicum lindern nur den K\u00f6rper der Seele, dringen nicht in die Tiefe, nicht dorthin, wo der Sterbende tr\u00e4umt und sein bitteres Schicksal abarbeitet. Sarah weint, wenn sie aufwacht. Sie wird ihr Todesurteil nie entziffern, nie verstehen, aber sie kann mit ihrem Leben abschlie\u00dfen, mit sich selbst zur Ruhe kommen und sich die Freiheit ins Gesicht schreiben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-98374 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1989\/02\/Bergmann.jpg\" alt=\"\" width=\"122\" height=\"182\" \/>Es ist eine bildungsb\u00fcrgerliche Kurzprosa mit gleichsam eingebauter Kommentarspaltenfunktion, bei der Kurztexte aus dem Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper,<\/em> und auch aus der losen Reihe mit dem Titel\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=40312\"><em>Splitter, nicht einmal Fragmente <\/em><\/a>aufploppen. \u2013 Eine Einf\u00fchrung in\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em>\u00a0von Ulrich Bergmann finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>. Lesen Sie auf KUNO zu den\u00a0<em>Arthurgeschichten<\/em> auch den\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Essay<\/a>\u00a0von Holger Benkel, sowie seinen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 11.11.2000 Die Operation war schwer. Der Tumor wurde radikal herausgeschnitten. Tage lang habe ich geweint tief in die Nacht, die Sterblichkeit der allern\u00e4chsten Freundin und Geliebten, die eigene Endlichkeit, stand mir vor Augen. Langsam verging der Hass gegen den&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2004\/04\/06\/sarah-im-sommer-ist-die-erde-leicht\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":41,"featured_media":98374,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[866],"class_list":["post-104061","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-ulrich-bergmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104061","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/41"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=104061"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104061\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":104062,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104061\/revisions\/104062"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98374"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=104061"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=104061"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=104061"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}