{"id":104043,"date":"2023-02-14T00:01:07","date_gmt":"2023-02-13T23:01:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=104043"},"modified":"2023-02-14T11:43:28","modified_gmt":"2023-02-14T10:43:28","slug":"heimwehen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/02\/14\/heimwehen\/","title":{"rendered":"heimwehen"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbheimwehe\u00ab hat gegen\u00fcber dem vorherigen gedichtband \u00bbherzecho. lyrische sonogramme\u00ab von 2016 noch an substanz gewonnen, indem die textk\u00f6rper komplexer und vielschichtiger geworden sind und das phantastische darin, \u00fcber das spielerisch experimentelle hinaus, immer st\u00e4rker pr\u00e4gend wurde. anfangs waren die imaginationen ausundaufbr\u00fcche aus dem normierten und begrenzten alltag. inzwischen betrachtet werner weimar-mazur allt\u00e4gliches vielfach von vornherein aus oder in einer gegenwelt. au\u00dferdem wurden langgedichte h\u00e4ufiger.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die neuen gedichte hei\u00dfen \u00bbges\u00e4nge\u00ab. texte und musik werden im gehirn \u00e4hnlich verarbeitet. das wort lyrik kommt bekanntlich vom altgriechischen l\u00fdra = laute, oder leier, zum spiel der laute geh\u00f6rig, und nachfolgenden lateinischen lyra = laute, dichtung, lied, gesang von oden und hymnen zum spiel der laute, sternbild lyra. laut r\u00f6mischer legende erfand merkur, der gott der tr\u00e4ume und g\u00f6tterbote, die laute. ein ausholender tonfall tr\u00e4gt die langgedichte und l\u00e4\u00dft sie str\u00f6men, in einer flie\u00dfenden sprechweise, \u00bbin einem gebetsm\u00fchlenartigen, undulierenden auf und ab der sprache\u00ab, wie \u00bbheimwehe \u2012 ein expos\u00e9\u00ab erkl\u00e4rt. undulation ist eine wellenbewegung und schwingung, geologisch die faltung einer schichtfolge. so \u00fcbertr\u00e4gt der geologe weimar-mazur geologische strukturen auf literarische formen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">am anfang des buches zitiert er die brasilianische schriftstellerin clarice lispector: \u00bb&#8220;Sch\u00f6n sind deine Gedichte, mein Kleines. Wie macht man eigentlich so sch\u00f6ne Gedichte?&#8220; &#8222;Das ist nicht schwer, man braucht nur zu sprechen und dann kommt&#8217;s von alleine.&#8220;\u00ab bei lesungen antwortete ich, wenn ich gefragt wurde, wann und wie literarische texte entstehen, das gute komme in kreativen momenten, die man nicht programmieren und erzwingen k\u00f6nne, meist von allein. und erl\u00e4uterte dann, man sollte daf\u00fcr die wirklichkeit wach und tief wahrnehmen und best\u00e4ndig seinen horizont erweitern, viel selber denken und beharrlich die sprache hinterfragen und worte in ihrem ursprung erkunden, das hei\u00dft gehirn und seele mit materialien, stoffen, motiven und ideen versorgen, so da\u00df sie damit arbeiten k\u00f6nnen, sobald der sch\u00f6pferische augenblick gekommen sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">werner weimar-mazur aus waldkirch nahe freiburg im breisgau, als werner mazur in weimar geboren, verband den namen seines polnischen vaters mit dem seiner geburtsstadt. \u00e4hnlich nannte sich halld\u00f3r laxness nach dem ort seiner geburt, oder max hermann-nei\u00dfe, als max hermann in nei\u00dfe geboren. weimar-mazur selbst sagt, er beschreibe, in \u00bbchiffren, codes, netzmustern\u00ab, verortungen, die heimwehe ausl\u00f6sen, oder heimwehen, im lyrischen ich, das sich mit seinem lyrischen du zu einem wir vereint, sowie im leser oder zuh\u00f6rer. paul zech, geboren im pommerschen briesen, heute w\u0105brze\u017ano, wo die t\u00fcren knarren, schrieb: \u00bbDas Du in mir, das Ich in Dir \/ lebt ungetrennt \/\/ fortzeugend noch, bis wir \/ vorw\u00e4rts in heiligen Scharen \/ gem\u00fcndet sind als Waldung oder Tier, \/ und wiederkehren nach Millionen Jahren.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">der buchtitel klingt nach schmerzhafter sehnsucht. der autor stellt seinen gedichten die zeilen \u00bbwir tragen mehrere heimaten in uns, \/ also haben wir auch allerlei heimwehe\u00ab voran. novalis formulierte: \u00bbDie Philosophie ist eigentlich Heimweh, ein Trieb, \u00fcberall zu Hause zu sein.\u00ab der einer heimat, die auch ideell, erfunden, utopisch, jenseitig sein kann, ferne oder entfremdete hat heimweh, ein sehnen der seele nach abwesendem vertrautem, ja urvertrautem, oder unbekanntem, das man ertr\u00e4umt und begehrt, wenn das gute, das man braucht, nur anderswo zu finden ist oder scheint.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">bei friedrich h\u00f6lderlin lesen wir: \u00bbDas erfuhrst du nicht in frohen Tagen, \/ Da\u00df so ferne dir die Heimat liegt, \/ Armes Herz, du wirst sie nie erfragen, \/ Wenn dir nicht ein Traum von ihr gen\u00fcgt.\u00ab karl kraus kannte ein jenseits, das mit dem tod endet. mascha kal\u00e9ko wu\u00dfte: \u00bbJene Sehnsucht nach der alten Heimat \/ Ist (wer h\u00e4tte das nicht schon erfahren!) \/ Nur ein Drittel Heimweh nach dem Lande \/ Und zwo Drittel nach vergangenen Jahren.\u00ab max frisch sprach vom modernen \u00bbHeimweh nach der Fremde\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">das wort heimweh, das anfangs eine psychische erkrankung meinte, entstand in der schweiz, erstmals nachgewiesen 1569, ausgel\u00f6st offenbar durch die schwerm\u00fctige sehnsucht nach der heimat bei schweizer soldaten im krieg. melancholie und nostalgie hie\u00dfen \u00bbSchweizer Krankheit\u00ab, morvus helveticus. weimar-mazur kennt die schweiz, wo er auch drei jahre wohnte, durch seine jahrelange arbeit als geologe dort. englisch homesick bedeutet heimwehkrank. weh, verwandt mit weinen, bezeichnet seelische schmerzen. weh sein hei\u00dft (seelen)schmerz empfinden, wehm\u00fctig, traurig, betr\u00fcbt sein, weh tun zugleich schmerz zuf\u00fcgen. wehklage ist die laute klage. wehen hei\u00dfen die schmerzen der geb\u00e4renden bei der geburt. auch das eintreten in eine unbekannte welt kann einer geburt gleichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">schlie\u00dflich verbreitete sich heimweh, nun unabh\u00e4ngig von der medizinischen bedeutung, im deutschen. zu beginn des 19. jahrhunderts wurde nostalgie zum gelehrten synonym f\u00fcr heimweh, zur\u00fcckgehend aufs franz\u00f6sische nostalgie = nostalgie, sehnsucht, abgeleitet vom lateinischen nostalgia, das auf griechisch nostalgia basiert, zusammengesetzt aus n\u00f3stos = r\u00fcckkehr, heimkehr und \u00e1lgos = schmerz, not, trauer, und ein schmerzhaftes verlangen nach heimkehr bezeichnet. heute meint deutsch nostalgie, das in meinem etymologischen w\u00f6rterbuch zwischen norne und not steht, vor allem die zugleich melancholische und verkl\u00e4rende r\u00fcckwendung zu vergangenem. nostalgie, verwandt mit genesen, wird h\u00e4ufig ausgel\u00f6st durch unerf\u00fcllte fr\u00fchere hoffnungen und ein unbehagen an der gegenwart.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">heimweh entsteht auch durch die entfernung und entfremdung von urspr\u00fcngen und anf\u00e4ngen. walter benjamin erkl\u00e4rte: \u00bbWas die Lust am Sch\u00f6nen unstillbar macht, ist das Bild der Vorwelt, die Baudelaire durch die Tr\u00e4nen des Heimwehs verschleiert nennt.\u00ab, gaston bachelard: \u00bbUnsere Vergangenheit ist in einem Anderswo, und eine Unwirklichkeit durchtr\u00e4nkt die Orte und die Zeiten. Es scheint, als halte man sich in den Vorh\u00f6fen des Seins auf. Und der Dichter und der Tr\u00e4umer k\u00f6nnen Zeilen schreiben, die ein Metaphysiker des Seins mit Gewinn meditieren w\u00fcrde.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die motivwelt des dichters weimar-mazur ist vielf\u00e4ltig und stammt aus unterschiedlichsten bereichen: mythen, religionen, kulturgeschichte, m\u00e4rchen, literatur, kunst, reisen, geologie, biologie, medizin, fernsehnachrichten und alltagserfahrungen verschiedenster art, bis in die eigene kindheit und jugend zur\u00fcck. dabei versteckt er sich nicht hinter seinen bildern, sondern wird pers\u00f6nlich darin erkennbar. wir finden im ich und du ein wir mit einem \u00fcberindividuellen, ja menschheitlichen horizont, der in einer gespaltenen und zersplitterten welt meist fehlt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">zu den besonderheiten seiner lyrik geh\u00f6rt das vielfache verflechten und zusammenschauen von zeiten und r\u00e4umen. die gedichte verbinden nahes und fernes genauso wie allt\u00e4gliches und ungew\u00f6hnliches. das lyrische ich aus dem anthropoz\u00e4n, der menschenzeit, erinnert an zeitfernen orten eigenes leben und begegnet, indem es sich ins ferne und ausheimische einf\u00fchlt und hineindenkt, fr\u00fcheren erdbewohnern, lebt unter ihnen und verwandelt sich ihnen an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">in \u00bbHeimwehe\u00ab f\u00fcgt er zeitlich und r\u00e4umlich weit entfernte details aus schichten der erdundkulturgeschichte zusammen, bis ins pr\u00e4historische und vormenschliche hinein. seine erfahrungen als geologe und sein geologisches fachwissen verschaffen ihm entsprechende motive, die auch an die arbeit eines arch\u00e4ologen erinnern, der vergangenes entdeckt, freilegt und birgt. so verkn\u00fcpft und vernetzt er, in gro\u00dfen b\u00f6gen und kleinen schnitten, assoziativ metaphern, die im speziellen dort, wo sie elementar, archetypisch sind, magisches wahrnehmen aufscheinen lassen. zeit und raum entgrenzend n\u00e4hert sich seine lyrik universellem erleben, das vermutlich das urspr\u00fcngliche, origin\u00e4re ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">in \u00bbgesang sieben\u00ab des zweiten kapitels \u00bbneue ges\u00e4nge\u00ab lesen wir: \u00bbein mammut \u00fcberlebte \/ im permafrost wurde es besungen \/ bis in unsere zeit \/ eiskalt \/ zogen in zottigen gew\u00e4ndern \/ dichter und gro\u00dfwildj\u00e4ger \/ in die b\u00e4rlappw\u00e4lder flohen die fasane \/ erlaubten die automobile am nahen golfplatz \/ einen geordneten r\u00fcckzug\u00ab, in \u00bbgesang f\u00fcnf\u00ab: \u00bbim r\u00fccken eines wals zuckte eine harpune \/ wir zogen uns zur\u00fcck in die steinkohlenw\u00e4lder \/ wo gingko und schachtelhalme mit baumfarnen um die wette sangen \/ erstrahlte dein antlitz in den stra\u00dfen \/ blieben alle autos stehen\u00ab. die fr\u00fchwelt der natur bremst autos, attribute des gottes der geschwindigkeit einer sp\u00e4tzeit, das hei\u00dft der gegenwart. zu sagen, da\u00df hier auch ein \u00f6kologisches bewu\u00dftsein anklingt, ist angesichts der bilder fast banal, aber n\u00f6tig. historisch betrachtet flogen speere und harpunen der tierjagd, letztere mit widerhaken, einer menschentechnikkralle, torpedos und raketen des menschenkriegs voran. in einigen texten kommen, bereits vor dem ukraine-krieg, vergangene und gegenw\u00e4rtige kriege und b\u00fcrgerkriege aus anderen weltregionen pl\u00f6tzlich bedrohlich nahe, so aus s\u00fcdamerika und der t\u00fcrkei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">friedrich nietzsche postulierte, also forderte hoffend, und hoffte fordernd: \u00bbWollten doch die Dichter wieder werden, was sie einstmals gewesen sein sollen: \u2013 <em>Seher<\/em>, die uns etwas von dem <em>M\u00f6glichen<\/em> erz\u00e4hlen!\u00ab aber das m\u00f6gliche verlangt mut. ganzheitliche erfahrungen sind als grenzerfahrungen ambivalent und k\u00f6nnen, wenn man sie real erlebt, traumatisch wirken. zugleich hilft das wahrnehmen fr\u00fchzeitlicher welten als refugium gegen\u00fcber zumutungen der jetztzeit. matthias hagedorn notierte: \u00bbUm Poesie zu machen, die sich dezidiert \u00fcber jede Norm hinwegsetzt, mu\u00df man einen mentalen Raum schaffen, der sich im Schwebezustand zwischen Tod und Leben, zwischen Traum und Wachen befindet.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">im ersten kapitel \u00bbzw\u00f6lf ges\u00e4nge + thirteen\u00ab schreibt weimar-mazur in \u00bbvogelmenschen\u00ab: \u00bbin einem fr\u00fcheren leben war ich vogelmensch \/ und flog durch kristalline gebirge \/ war schmetterlingsfrau und tauchte \/ in eine subduktionsszone \/ war fisch der schwamm \u00fcber geosynklinalen \/ m\u00e4chtige klastische sedimente \/ die falten decken bildeten \/ und sich schoben \u00fcber eine fr\u00fchere zeit \/ war traum gedicht \/ und heimwehe in einem wort \/ war zeuge und verschwand\u00ab, in \u00bbSeidenges\u00e4nge\u00ab des gleichnamigen dritten kapitels: \u00bberklommen wir in unseren tr\u00e4umen wortkaskaden aus dem altai\u00ab. jean paul kannte \u00bbBerge und Bergketten von B\u00fcchern.\u00ab benjamin meinte, man solle nicht nur die gipfel der literaturgeschichte erkunden, sondern auch \u00bbdie geologische Struktur des Buchgebirges\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die meisten gebirge der erde liegen unter wasser. im gesang \u00bbisenheim\u00ab, mit dem der band beginnt, erf\u00e4hrt der leser: \u00bbwir richteten uns ein im bauch eines wales \/ und hofften er w\u00fcrde uns wieder ausspeien \/ nach seinen tauchg\u00e4ngen im marianengraben \/ seinen fl\u00fcgen \u00fcber wellenberge \/ hieltest du licht in den h\u00e4nden \/ antworteten dir stimmen und erinnerungen \/ h\u00f6rten wir die n\u00e4chte zu z\u00e4hlen auf \/ die jahre \/ das ungl\u00fcck\u00ab. im walbauch erleben das lyrische ich und du szenen aus ihrem leben und der vorwelt. jona sinkt biblisch im wal gefangen in die unterwelt hinab. durch gebete wird er errettet. der tonfall mancher gedichte weimar-mazurs kommt gebeten nahe. der fischbauch kann ein jenseits sein, in dem man lebt, was an das kind im mutterk\u00f6rper denken l\u00e4\u00dft. das ausgespiehenwerden k\u00f6nnte einer wiedergeburt gleichen. das gedicht endet jedoch mit dem schlag einer schwanzflosse im netz der fischer und den worten: \u00bbschien mir \/ nur ein zittern auf dem wasser noch \/ an einen tod zu erinnern\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">c.g. jung formulierte, die welt des wassers sei das reich der seele alles lebendigen, \u00bbwo ich untrennbar dieses und jenes bin, wo ich den anderen in mir erlebe und der andere als Ich mich erlebt.\u00ab, also das reich der archetypen, der urbilder, des kollektiven unbewu\u00dften, egon friedell: \u00bbRaum und Zeit lassen sich quantitativ messen, die Lebens\u00e4u\u00dferungen der Seele nicht; im Raum herrscht das Nebeneinander, in der Zeit das Nacheinander, in der Seele das Ineinander.\u00ab und: \u00bbje ferner wir einer Sache stehen, desto tiefer wirkt sie auf uns, desto \u00e4sthetischer mutet sie uns an. Eine Pflanze erscheint uns poetischer als ein Tier, ein Kind poetischer als ein Erwachsener, ein Toter poetischer als ein Lebender.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">seine poetischen reisen f\u00fchren ihn von island \u00fcber spanien und griechenland bis zum orient, sozusagen an den s\u00e4ulen des herakles vor\u00fcber, laut pindar das westliche ende der antiken welt. man wei\u00df nicht immer ganz genau, ob er lebensreale oder imaginierte reisemomente beschreibt, die auch ineinander \u00fcbergehen k\u00f6nnen. nicht wenige orte der gedichte, odessa, teheran, kabul, liegen im s\u00fcden und osten, richtung mittelmeer, kaukasus, altai, also in landschaften, aus denen j\u00fcngst der schakal, konkret der goldschakal, auch afrikanischer goldwolf genannt, als wild lebendes tier nach deutschland kam. infolge der klimakatastrophe, die klimawandel hei\u00dft, kommen vielleicht bald auch kentauren, minotauren, lemuren, gorgonen, sirenen und satyren, was eine bereicherung w\u00e4re. ungl\u00fccksahnungen, eine dom\u00e4ne der traumatisierten, regen die phantasie an. hier f\u00e4llt mir friedrich schillers \u00bbWas sich nie und nirgends hat begeben, das allein ist Poesie!\u00ab ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die tiere in den gedichten weimar-mazurs sind etwas weniger geworden, w\u00e4hrend erdgeschichtliche und kulturhistorische motive zunehmen. auf odysseus und die sirenen kommt er mehrfach zur\u00fcck. doch auch in diesem gedichtband treten wieder zahlreiche tiere auf, denen der autor begegnet, gewisserma\u00dfen in einem lyrischen tierpark. v\u00f6gel wurden wohl sogar h\u00e4ufiger, w\u00e4hrend sie in der realit\u00e4t weniger werden, ausgenommen kr\u00e4hen und elstern, also allesfresser.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">bereits die nennung der tiere f\u00fchrt in zusammenh\u00e4nge seiner lyrik hinein. manche sind l\u00e4ngst ausgestorben, wie die <span class=\"x4k7w5x x1h91t0o x1h9r5lt xv2umb2 x1beo9mf xaigb6o x12ejxvf x3igimt xarpa2k xedcshv x1lytzrv x1t2pt76 x7ja8zs x1qrby5j x1jfb8zj\">trilobiten<\/span> vor 250 millionen jahren, praktisch alle haben durch die ausbreitung des menschen lebensr\u00e4ume verloren, viele gelten als bedroht, schneeleopard, antilope, schwarzstorch, waldrapp, der gro\u00dfschn\u00e4blige lateinamerikanische tukan aus der ordnung der spechte und die (meeres)schildkr\u00f6te. einige erscheinen als wesen einer gegenwelt oder vermittler zwischen realwelt und fiktion oder sind phantasiewesen wie drache, minotaurus und sirenen. drache, elefant, l\u00f6we, b\u00e4r, schmetterling, k\u00e4fer, spinne und fisch galten c.g. jung als symbole des selbst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">am ende des buches dankt werner weimar-mazur dem 2020 verstorbenen freiburger dichter christoph meckel, der das manuskript von \u00bbHeimwehe\u00ab gelesen und ihm rat dazu gegeben hat, nachdem er schon zuvor seine literarische entwicklung angeregt und bef\u00f6rdert hatte. der lyriker jos\u00e9 f.a. oliver verschafft ihm mit seinem nachwortgedicht \u00bbheimverweh:ende ins wort der w:orte \/ f\u00fcr W.W.-M.\u00ab, neben worten wie \u00bbw:erde\u00ab, \u00bbw:ort\u00ab, \u00bbn:irgendorts\u00ab, \u00bbge:zeiten\u00ab, \u00bbge:schichten\u00ab und \u00bbb:leibender\u00ab, indem die doppelpunkte die worte und deren sinnteile, die er zerlegt, zugleich trennen und verbinden, noch ein leuchtend helles blau in seinem namen, das ans mittelmeer denken l\u00e4\u00dft: \u00bbM:azurleser\u00ab, und damit eine farbe der sehnsucht, die das heimweh stimuliert, das auch ein fernweh sein kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>heimwehe. ges\u00e4nge. <\/strong>von Werner Weimar-Mazur. Dortmund (Edition Offenes Feld, Hrsg. J\u00fcrgen Br\u00f4can). 2022.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-104044 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/heimwehe_Cover-206x300.png\" alt=\"\" width=\"206\" height=\"300\" \/><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> \u2192 Eine W\u00fcrdigung von <em>hautsterben<\/em> durch Ulrich Bergmann finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/09\/06\/verse-in-sommerkleidern\/\">hier<\/a>. Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>. Auf KUNO lesen Sie u.a. einen Rezensionsessay von Holger Benkel \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/03\/19\/welten-gegenwelten\/\">Werner Weimar-Mazur<\/a>. Wir begreifen den Essay auf KUNO als eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Versuchsanordnung<\/a>, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; \u00bbheimwehe\u00ab hat gegen\u00fcber dem vorherigen gedichtband \u00bbherzecho. lyrische sonogramme\u00ab von 2016 noch an substanz gewonnen, indem die textk\u00f6rper komplexer und vielschichtiger geworden sind und das phantastische darin, \u00fcber das spielerisch experimentelle hinaus, immer st\u00e4rker pr\u00e4gend wurde. anfangs waren die&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/02\/14\/heimwehen\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":36,"featured_media":104044,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[94,1953],"class_list":["post-104043","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-holger-benkel","tag-werner-weimar-mazur"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104043","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/36"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=104043"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104043\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":104488,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104043\/revisions\/104488"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/104044"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=104043"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=104043"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=104043"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}