{"id":104020,"date":"1998-05-22T19:49:05","date_gmt":"1998-05-22T17:49:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=104020"},"modified":"2022-09-18T19:52:05","modified_gmt":"2022-09-18T17:52:05","slug":"vom-tod-her-leben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1998\/05\/22\/vom-tod-her-leben\/","title":{"rendered":"Vom Tod her leben"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Das Denken des Sterbens kann Vorahnung letzter Angst wecken, aber auch ihres Vergehens. Anderes Existenz-Gef\u00fchl entsteht: Zwischen Nicht-Dasein und Nicht-Dasein. Der Versuch, aus der Gewissheit des Todes zu leben, gibt Halt. Intensivere Bewusstheit. Distanz zu sich selbst. Die Wirklichkeiten, mit denen ich biologisch, psychisch, sprachlich, sozial in Wechselwirkung bin, erscheinen aus fremdem Licht. Von ihm her bestimme ich mein Verh\u00e4ltnis zu ihnen, zu mir neu.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Carlfriedrich Claus<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Existenz-Experimentator schuf Carlfriedrich Claus ein Gesamtwerk von mehreren hundert Tonbandkassetten mit Artikulationen, Sprachbl\u00e4ttern, Handzeichnungen, B\u00fcchern, Druckgrafiken, Briefen etc. Seine Arbeiten hatten den Anspruch den Rezipienten ganzheitlich zu fordern. Seine Arbeiten k\u00f6nnen stets als ein Selbstexperiment erfasst werden. Zu Beginn schrieb Claus konkrete Gedichte auf der Schreibmaschine. Diese Lyrik hatte u. a. Natur und Zeit zum Thema. Sp\u00e4ter werden die Motive \u201eKlang\u201c und \u201eVibration\u201c wichtig und er schrieb mit der Hand. Claus Literatur ist experimentell und kann nicht einfach kategorisiert werden. Beim Anfertigen seiner \u201eSprachbl\u00e4tter\u201c oder auch \u201eVibrationstexte\u201c artikulierte er (teilweise) gleichzeitig, sodass es quasi ein Werk auf mehreren Ebenen darstellt. Eine Ahnung der Ganzheitlichkeit des Werkes kann der Rezipient z.\u00a0B. beim Besuch des Sprachraumes AURORA bekommen. \u201eIch frage mich nach dem Entstehen eines Sprachblattes oft: wie gro\u00df ist hier der Anteil von noch nicht Gewordenem im K\u00f6rper, das sich ohne gleichzeitige Umsetzung, also sozusagen das Bewu\u00dftsein \u00fcberholend, durch die Bewegung der Hand manifestiert, wie gro\u00df der des noch nicht im Bewu\u00dften im Bewu\u00dftsein, speziell im Sprach-Bewu\u00dftsein, wie gro\u00df der des nicht mehr des Bewu\u00dften, und tauben Ger\u00f6lls.\u201c Claus Werk ist transmedial. Bei der Rezeption der \u201eSprachbl\u00e4tter\u201c und \u201eLautprozesse\u201c soll der Rezipient seine Wahrnehmung erweitern. Klang und Bild als symbolhaft-diskursive Momente der Kommunikation werden zerst\u00f6rt. \u201cIn den Aufl\u00f6sungen und Unterbrechungen erhalten sich jedoch die M\u00f6glichkeiten f\u00fcr neue, bisher nicht bedachte Bez\u00fcge und Ausrichtungen. Ein statisches blo\u00dfes Wahrnehmen solcher Zerst\u00f6rung k\u00f6nnte einen vernichten; ein handelnder t\u00e4tiger Realismus w\u00e4re dagegen auf eine andere <em>Wahrgebung<\/em> hin gerichtet\u201d, so Claus. Denken als Sprache und Schrift bilden eine Landschaft. \u201ePhantasiegeleitete Reaktionen und intellektuelle Reflexionen sollen sich durchdringen\u201c. Claus versucht in seiner Arbeit die Latenz der Sprache offenzulegen und ihre Tendenz sichtbar zu machen. Er kombiniert ihre Elemente neu und \u201ek\u00fcndigt sie [die Grundannahme der modernen Linguistik] auf [\u2026]. Er experimentiert mit der Vorstellung, dass von den Zeichentr\u00e4gern der Sprache, von der Schrift und den Sprechlauten, also von der \u201eSubstanz\u201c ihrer Kl\u00e4nge und Kuvaturen, so etwas wie \u201estrukturelle Informationen\u201c ausgehen\u201c. Wenn auch einige von Claus\u2019 Werken sehr graphisch aussehen, so hat Claus selbst sich immer als Literat gesehen. Er sagte: \u201eIch betrachte mich im Grunde nicht als bildenden K\u00fcnstler, sondern als Literat\u201c. Obwohl Claus Werke teils f\u00fcr den Rezipienten ohne Lupe kaum lesbar waren, weigerte sich Carlfriedrich Claus bis in die 1990er Jahre seine Werke vergr\u00f6\u00dfert ausstellen zu lassen. Er wollte, dass der Rezipient in engem Kontakt mit dem Werk kommt und beim Anfassen und Wenden (der Sprachbl\u00e4tter) selbst einen Prozess vollzieht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-104021 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Carlfriedrich-Claus-196x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"196\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Denken des Sterbens kann Vorahnung letzter Angst wecken, aber auch ihres Vergehens. 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