{"id":104002,"date":"2022-10-06T00:01:56","date_gmt":"2022-10-05T22:01:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=104002"},"modified":"2022-09-08T13:20:48","modified_gmt":"2022-09-08T11:20:48","slug":"nivola","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/10\/06\/nivola\/","title":{"rendered":"Nivola"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Neuauflage dieses Klassikers der spanischen Literaturgeschichteaus, von zwei Vorworten, je einem Nach-Vorwort (!) und Nachwort eingeleitet und kommentiert, lenkt die Aufmerksamkeit auf einen au\u00dfergew\u00f6hnlichen Schriftsteller und Philosophen, dessen Roman in f\u00fcnfzehn Sprachen \u00fcbersetzt wurde. Miguel de Unamuno, 1864 in Bilbao geboren, 1936 in Salamanca verstorben, hat mit seinem 1914 publizierten Werk \u201eNivola\u201c, dem vom Autor kreierten Kunst- Begriff f\u00fcr spanisch \u201eNiebla\u201c (dt. \u201eNebel\u201c), einen philosophisch hintergr\u00fcndigen und erz\u00e4hltechnisch vielschichtigen Text vorgelegt. Er k\u00f6nnte auch versierte Leser*innen verbl\u00fcffen oder vielleicht sogar \u201ebenebeln\u201c, falls er dem Protagonisten Augusto P\u00e9rez, einem beg\u00fcterten Junggesellen, mit wachsender Verbl\u00fcffung all dessen \u00fcberraschenden Handlungen und oft verqueren Gedanken willenlos folgen sollte. Oder kopfsch\u00fcttelnd den verzweifelten Don Augusto auf dessen v\u00f6llig \u00fcberraschender Reise zum Autor begleiten, nachdem dieser sich bereit erkl\u00e4rt hatte, ihm in dessen ungl\u00fccklich endender Liebesaff\u00e4re mit Rat und Tat beratend beizustehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0Es ist in der Tat eine raffiniert konstruierte Verwicklung einer tragi&#8211;komischen Geschichte, an dessen Anfang sich ein wohlhabender Junggeselle in Begleitung eines ihm treu ergebenen Hund namens Orpheus auf die Suche nach einer heiratswilligen Gef\u00e4hrtin macht. In diesem wohl abgesicherten Spannungsbogen k\u00f6nnte sich auch Augusto bewegen, wenn er sich nicht st\u00e4ndig neu verlieben w\u00fcrde. Er ger\u00e4t dabei in einen psychisch und k\u00f6rperlich hoch aufgeladenen Erregungszustand, der sporadisch, dann und wann auch periodisch eintritt, ohne dass Augusto sich dagegen zur Wehr setzen k\u00f6nnte. Im Gegenteil, beim Anblick einer ihn bezaubernden \u201eDame seines Herzens\u201c verwandelt sich seine vernunftgesteuerte Libido in eine triebgesteuerte Pers\u00f6nlichkeit. Sie folgt der spontan Auserw\u00e4hlten, wobei Augusto offensichtlich unbefangen Hausbewohner und Dienstpersonal nach Name und Herkunft der Auserw\u00e4hlten befragt. Alles scheint wie im Rausch abzulaufen, so wie bei den Begegnungen mit Fr\u00e4ulein\u00a0 Eugenia Domingo del Arco, einer Klavierlehrerin. Sie ist das Objekt von Augustos offensichtlichem Streben nach Ehegl\u00fcck. Doch bevor es zur ersten Begegnung mit der Angebeteten kommt, holt sich Don Augusto erste Ratschlage bei der Tante von Eugenia, Do\u0148a Ermelinda, und deren Ehegatten Don Ferm\u00edn, einem rhetorisch geschulten Anarchisten und Witzbold.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bereits das erste Treffen mit der Angebeteten endet deprimierend f\u00fcr den gl\u00fchend entflammten Don Augusto. Eugenia gibt ihm den Laufpass. Selbst Orpheus, sein treuer Hund, kann ihn in seiner tiefen Entt\u00e4uschung nicht hinl\u00e4nglich tr\u00f6sten. Eugenia trifft sich bald darauf mit ihrem Geliebten Mauricio. Er verurteilt \u00fcberraschenderweise Eugenias Beziehungen zu Don Augusto nicht grundlegend, weil dieser doch \u00fcber viel Geld verf\u00fcge und m\u00f6glicherweise\u00a0 sogar die Hypothek f\u00fcr das Haus ihrer Tante Ermelinda abzahlen k\u00f6nne. Fortan schwankt Eugenia in ihrer Ablehnung gegen\u00fcber Augusto. Er ist sogar ger\u00fchrt, als Eugenia ihm f\u00fcr die finanzielle Unterst\u00fctzung dankt, ihm jedoch gleichzeitig mitteilt, dass sie keine intimen Beziehungen mit ihm w\u00fcnsche.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In seiner tiefen Entt\u00e4uschung f\u00fchlt er sogar gegen\u00fcber seiner treuen Magd Liduvina eine wachsende Zuneigung, sucht dann jedoch einen Ausweg in einer Studie \u00fcber die Frau von einem gewissen Antolin S. Paparrig\u00f3pulos, \u201eein sogenannter Gelehrter\u201c, dessen Name auf den gleichnamigen Titel eines Werkes von Miguel de Unamuno verweist. Dieser nominelle Schachzug von Unamuno verweist auf ein besonderes Verfahren des Autors. Es besteht darin, Ausz\u00fcge aus seinen bereits publizierten Werken als Nachweis f\u00fcr seine philosophischen und ethischen Positionen in seine Texte zu integrieren. So bescheinigt er \u201eseinem\u201c Paparrig\u00f3pulos, dass er einen klaren Verstand habe, dass seine Philosophie \u201edie des ungl\u00fccklichen Becerro de Bengua\u201c sei, der \u201cSchopenhauer einen seltsamen Narren genannt hatte\u201c, dem \u201esicherlich nicht solche Gedanken in den Kopf gekommen\u201c w\u00e4ren, wenn \u201eer statt Bier Valdepenas getrunken h\u00e4tte\u201c (vgl. S. 192).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Verwirrung des Lesers d\u00fcrfte sicherlich noch gr\u00f6\u00dfer werden, wenn der Autor seiner Figur Augusto empfiehlt, er m\u00fcsse nun ein neues Experiment auf der Suche nach der idealen Frau machen. Doch die Handlungsstr\u00e4nge f\u00fchren zu einer \u00fcberraschenden Wende, in deren Verlauf Eugenia \u201eihrem\u201c Augusto pl\u00f6tzlich in die Arme f\u00e4llt und ihm gesteht, dass sie ihn nun heiraten wolle. Es ist ein verbl\u00fcffendes Gest\u00e4ndnis in einer verwirrenden Liebesgeschichte, die nun wohl \u00a0zu einem gl\u00fccklichen Ende f\u00fchrt. Doch drei Tage vor der angesetzten Hochzeitsfeier erh\u00e4lt der Br\u00e4utigam Augusto von \u201eseiner\u201c Eugenia einen Brief. Sie teilt ihm mit, dass sie mit ihrem Mauricio auf Nimmerwiedersehen in ein weit entferntes Dorf gefahren sei. Dort wolle sie nun von dem Geld, dass er ihr auf der Grundlage der erstatteten Hypothek geschenkt habe, fortan sorglos leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der wie vom Blitz getroffene Augusto, dessen tiefen Schmerz nur noch sein treuer Orpheus lindern kann, ist entschlossen zu sterben. Zuvor jedoch bittet er \u00a0\u201eseinen\u201c Autor, ihn zu tr\u00f6sten oder ihn in seiner ungl\u00fccklichen Lage zu beraten. Eine Bitte, die Unamuno in der Funktion als realer Autor des Romans mit dem Ausruf zur\u00fcckweist, dass er seinen Tod nicht zur\u00fccknehmen kann, weil er alles schon niedergeschrieben habe. Aus Salamanca, dem realen Wohnort von Miguel de Unamuno, heimgekehrt, ist Don Augusto nun fest entschlossen zu sterben, eine Absicht, die er sowohl seiner Haush\u00e4lterin Liduvina als auch seinem Diener Domingo mitteilt. W\u00e4hrend sich Augusto nun im Akt des Sterbens in einem \u201eschwarzen Nebel aufl\u00f6st\u201c, setzt die Grabrede seines ihm treu ergebenem Orpheus ein. Der Autor versetzt sich in seine Gem\u00fctslage, bescheinigt dem von ihm kreierten Hund eine Wandlungsf\u00e4higkeit, verschafft ihm das Bewusstsein nicht nur eines mitleidenden Tieres, sondern eines dem Menschen freiwillig unterworfenen Wesens, kritisiert die Heuchelei des homo faber, nennt ihn einen Zyniker, der einen verr\u00e4terischen Vertrag mit den Hunden abgeschlossen habe, weil er sie teilhaben l\u00e4sst an der Jagd auf seine Artgenossen. Doch ungeachtet dieser scharfen Kritik an dem Wesen und Verhalten des Menschen, \u2026 der Tod seines Herrn r\u00fchrt Orpheus so sehr, dass er angesichts des Leichnams selbst den Tod w\u00e4hlt, um mit ihm im Reich der reinen, wahrhaften Hunde, jenseits des irdischen Nebels zu leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Roman, unter der Einwirkung wesentlicher Ideen aus Unamunos philosophischer Abhandlung \u201e\u00dcber das tragische Lebensgef\u00fchl\u201c aus dem Jahr 1913 entstanden, verweist auf die Kluft zwischen Verstand und Leben. Dieser un\u00fcberbr\u00fcckbare Gegensatz l\u00e4sst sich in der Aussage \u201eAlles Vitale ist antirational und alles Rationale ist antivital\u201c zusammenfassen. Er veranlasst den Autor zu einer Reihe von Textstrategien, die seine Position als stilistischer Avantgardist zu Beginn des 20. Jahrhunderts festigte. Seine stetig wechselnde Erz\u00e4hlstrategie l\u00f6st den fortlaufenden Strang der Handlung auf. F\u00fcr den Leser des 21. Jahrhunderts erweist sich das provokante Spiel des Autor-Erz\u00e4hlers mit seinem Protagonisten Augusto und dessen naiver Einstellung gegen\u00fcber seinen \u201eAngebeteten\u201c als befreiend, verst\u00f6rend und belustigend. Gem\u00fctszust\u00e4nde, die sicherlich den Anlass f\u00fcr eine vergn\u00fcgliche Lekt\u00fcre bilden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Nebel. <\/strong>Roman von Miguel de Unamuno. \u00dcbersetzung von Otto Buek, revidiert nach der dritten Ausgabe des Originals von Roberto de Hollanda und Stefan Weidle. Nachwort von Wilhelm Muster. Bonn (Weidle Verlag) 2022<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Die Neuauflage dieses Klassikers der spanischen Literaturgeschichteaus, von zwei Vorworten, je einem Nach-Vorwort (!) und Nachwort eingeleitet und kommentiert, lenkt die Aufmerksamkeit auf einen au\u00dfergew\u00f6hnlichen Schriftsteller und Philosophen, dessen Roman in f\u00fcnfzehn Sprachen \u00fcbersetzt wurde. 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