{"id":103973,"date":"2003-07-13T07:50:49","date_gmt":"2003-07-13T05:50:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103973"},"modified":"2022-08-28T07:58:11","modified_gmt":"2022-08-28T05:58:11","slug":"verklaerte-nacht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/07\/13\/verklaerte-nacht\/","title":{"rendered":"Verkl\u00e4rte Nacht"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zwei Menschen gehn durch kahlen, kalten Hain;<\/p>\n<p>der Mond l\u00e4uft mit, sie schaun hinein.<\/p>\n<p>Der Mond l\u00e4uft \u00fcber hohe Eichen,<\/p>\n<p>kein W\u00f6lkchen tr\u00fcbt das Himmelslicht,<\/p>\n<p>in das die schwarzen Zacken reichen.<\/p>\n<p>Die Stimme eines Weibes spricht:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich trag ein Kind, und nit von dir,<\/p>\n<p>ich geh in S\u00fcnde neben dir.<\/p>\n<p>Ich hab mich schwer an mir vergangen;<\/p>\n<p>ich glaubte nicht mehr an ein Gl\u00fcck<\/p>\n<p>und hatte doch ein schwer Verlangen<\/p>\n<p>nach Lebensfrucht, nach Muttergl\u00fcck<\/p>\n<p>und Pflicht \u2013 da hab ich mich erfrecht,<\/p>\n<p>da lie\u00df ich schaudernd mein Geschlecht<\/p>\n<p>von einem fremden Mann umfangen<\/p>\n<p>und hab mich noch daf\u00fcr gesegnet.<\/p>\n<p>Nun hat das Leben sich ger\u00e4cht,<\/p>\n<p>nun bin ich dir, o dir begegnet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie geht mit ungelenkem Schritt,<\/p>\n<p>sie schaut empor, der Mond l\u00e4uft mit;<\/p>\n<p>ihr dunkler Blick ertrinkt in Licht.<\/p>\n<p>Die Stimme eines Mannes spricht:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Kind, das du empfangen hast,<\/p>\n<p>sei deiner Seele keine Last,<\/p>\n<p>o sieh, wie klar das Weltall schimmert!<\/p>\n<p>Es ist ein Glanz um Alles her,<\/p>\n<p>du treibst mit mir auf kaltem Meer,<\/p>\n<p>doch eine eigne W\u00e4rme flimmert<\/p>\n<p>von dir in mich, von mir in dich;<\/p>\n<p>die wird das fremde Kind verkl\u00e4ren,<\/p>\n<p>du wirst es mir, von mir geb\u00e4ren,<\/p>\n<p>du hast den Glanz in mich gebracht,<\/p>\n<p>du hast mich selbst zum Kind gemacht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er fa\u00dft sie um die starken H\u00fcften<\/p>\n<p>ihr Atem mischt sich in den L\u00fcften,<\/p>\n<p>zwei Menschen gehn durch hohe, helle Nacht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_103965\" style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-103965\" class=\"wp-image-103965 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/Richard_Dehmel-200x300.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-103965\" class=\"wp-caption-text\">Richard Dehmel 1905 auf einer Fotografie von Rudolf D\u00fchrkoop<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Verkl\u00e4rte Nacht<\/em> f\u00fcr Streichsextett ist das Opus 4 des \u00f6sterreichischen Komponisten Arnold Sch\u00f6nberg und wurde inspiriert durch ein gleichnamiges Gedicht von Richard Dehmel. Die Urauff\u00fchrung des 1899 entstandenen Werks fand 1902 statt. Sch\u00f6nberg selbst erstellte 1917 eine Fassung f\u00fcr Streichorchester, die er 1943 nochmals revidierte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das f\u00fcnfstrophige, der Partitur vorangestellte Gedicht beschreibt den Gang eines Paars im Mondschein, bei dem die Frau ihrem Liebhaber gesteht, dass sie von einem anderen ein Kind erwartet. Dabei trifft sie auf gro\u00dfm\u00fctiges Verst\u00e4ndnis bei dem Mann, der das Kind als eigenes annehmen will.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sch\u00f6nberg komponierte das Werk im Herbst 1899 w\u00e4hrend eines Ferienaufenthalts mit seinem Kompositionslehrer Alexander von Zemlinsky und dessen Schwester Mathilde (die er 1901 heiraten sollte) im nieder\u00f6sterreichischen Payerbach. Laut Autograph war die Komposition am 1. Dezember 1899 abgeschlossen. Programmatische Vorlage dieser ersten gr\u00f6\u00dferen, mit Opuszahlen versehenen Komposition Sch\u00f6nbergs bildet das Gedicht <em>\u201eVerkl\u00e4rte Nacht\u201c<\/em> aus der 1896 ver\u00f6ffentlichten Sammlung <em>\u201eWeib und Welt\u201c<\/em> des Dichters Richard Dehmel. Sch\u00f6nberg hatte bereits in seinen Klavierliedern op. 2 und 3 unter anderem Gedichte Dehmels vertont.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als klar intendierte Programmmusik \u00fcbertr\u00e4gt die Komposition Sch\u00f6nbergs f\u00fcr Streichsextett (2\u00a0Violinen, 2\u00a0Violen und 2\u00a0Violoncelli), deren Auff\u00fchrungsdauer etwa 25 bis 30 Minuten betr\u00e4gt, die Idee der Sinfonischen Dichtung in den Bereich der Kammermusik. <em>\u201eVerkl\u00e4rte Nacht\u201c<\/em> ist eins\u00e4tzig, besteht jedoch aus f\u00fcnf pausenlos ineinander \u00fcbergehenden Teilen, die den wechselnden Stimmungen der Gedichtstrophen folgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eVerkl\u00e4rte Nacht\u201c<\/em> ist ein Werk aus der ersten, tonalen Schaffensphase Sch\u00f6nbergs und steht in der Grundtonart d-Moll. Kompositorisch greift Sch\u00f6nberg auf ein von Johannes Brahms h\u00e4ufig angewandtes Verfahren zur\u00fcck, thematische Arbeit durch permanente Weiterverarbeitung kleinerer Motive zu ersetzen; Sch\u00f6nberg selber bezeichnete dieses Brahms\u2019sche Prinzip sp\u00e4ter als \u201eentwickelnde Variation\u201c. Harmonisch steht <em>\u201eVerkl\u00e4rte Nacht\u201c<\/em> hingegen stark in der Nachfolge von Richard Wagner. Die in diesem Werk erkennbare Alterationsharmonik, melodischen Spr\u00fcnge und Klanggesten sind Elemente, \u201edie den sp\u00e4teren Sch\u00f6nberg ausmachen\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1950 verfasste Sch\u00f6nberg selbst Programm-Anmerkungen zu <em>\u201eVerkl\u00e4rte Nacht\u201c<\/em>, die anhand von 16 Notenbeispielen verdeutlichen, dass einzelne Motive und Formteile durchaus bestimmten Textpassagen des Gedichts zugeordnet werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weiterf\u00fchrend \u2192\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Zwei Menschen gehn durch kahlen, kalten Hain; der Mond l\u00e4uft mit, sie schaun hinein. 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