{"id":103960,"date":"2015-04-08T07:15:24","date_gmt":"2015-04-08T05:15:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103960"},"modified":"2022-08-28T07:20:04","modified_gmt":"2022-08-28T05:20:04","slug":"neue-poesie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/04\/08\/neue-poesie\/","title":{"rendered":"Neue Poesie"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">G\u00e4be es den Begriff Neue Poesie, und er meinte nicht die Novit\u00e4ten der Herbstmesse oder die Gewohnheit, den jeweiligen Gegenstand, wie etwa eine bestimmte Auswahl von Namen oder Texten, eine \u201eGeneration\u201c, Richtung oder Schule abzugrenzen (wovon? vom breiten Hauptstrom dann wohl, Neoteriker oder Neut\u00f6ner gibt es als Schimpfwort seit der Antike), sondern als sachliche Bezeichnung wie Neue Musik, die nicht eine Schule, Epoche oder Stilfarbe meint, sondern einen Sammelbegriff f\u00fcr Musik, die durch \u2013 teils radikale \u2013 Erweiterungen der klanglichen, harmonischen, melodischen, rhythmischen Mittel und Formen charakterisiert [ist]. Ihr ist die Suche nach neuen Kl\u00e4ngen, neuen Formen oder nach neuartigen Verbindungen alter Stile zu eigen, was teils durch Fortf\u00fchrung bestehender Traditionen, teils durch bewussten Traditionsbruch geschieht und entweder als <em>Fortschritt<\/em> oder als <em>Erneuerung<\/em> (Neo- oder Post-Stile) erscheint.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2013 also g\u00e4be es das, dann m\u00fcssten wir nicht zu elenden Hilfskonstruktionen wie \u201eJunge Lyrik\u201c, \u201eGeneration NN\u201c oder \u201eExperimentelle Poesie\u201c greifen. Dann brauchten wir nicht die Literaturgeschichte in Jahrzehnte wie Schubl\u00e4den einzuteilen, Vormoderne, klassische Moderne, Postmoderne oder Postpost s\u00e4uberlich getrennt; denn dann w\u00fcssten wir, wie man in der Musik wohl wei\u00df, dass \u201eklassische\u201c und \u201eneue\u201c Kunst nebeneinander und vermischt auftreten (Igor Strawinski, bei dem sich klassische Tradition, Folklore und diverse \u201eneue\u201c Tendenzen bis hin zur Serialit\u00e4t mischen). Denn das ist ja die Situation im europ\u00e4ischen Raum seit den Alexandrinern, als zum ersten Mal das Gef\u00fchl aufkam, dass es zu viele Kunstwerke g\u00e4be, als dass ein einzelner sie alle kennen und beurteilen k\u00f6nnte, wie es noch bei Platon und Aristoteles der Fall war. Also schufen sie den Kanon; und f\u00fcr die Kunstproduzenten gab es hinfort zwei Wege: entweder die Alten kopieren in der stillen Hoffnung, sie zu \u00fcbertreffen (der klassische), oder es neu zu machen, Neoteroi. Einzeln oder gemischt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn es also Neue Poesie g\u00e4be, m\u00fcsste man sich nicht als Anh\u00e4nger einer \u201eRichtung\u201c (bist du vormodern oder postpost? Realpoet oder akademisch-unverst\u00e4ndlich, lebensprall oder verkopft?) bekennen oder einordnen lassen. Der Kritiker m\u00fcsste nicht st\u00e4ndig die Singularit\u00e4t seines Gegenstandes hervorheben, indem sie ihn zur Ausnahmepoesie erh\u00f6hte. Alles das. Dann k\u00f6nnte man die <em>Kampfzeit<\/em> f\u00fcr beendet erkl\u00e4ren, in der um die Hegemonie der einen oder andern Richtung gestritten wurde, und die Koexistenz \u201eklassischer\u201c und \u201eneuer\u201c Dichtung ausrufen, die in mehr oder minder friedlichem Wettstreit um die Gunst des immer schmal bemessenen Publikums buhlen. Kommt aus den Sch\u00fctzengr\u00e4ben heraus, the war is over, rufen wir den Streith\u00e4hnen und Kritikern zu. Und dem Publikum kommen wir entgegen: Lest, misstraut eurer Wahrnehmung, w\u00e4gt ab, differenziert, versucht zu beschreiben. Ihr m\u00fcsst euch nicht auf eine Seite schlagen, das ist vorbei. Nehmt euch was ihr brauchen k\u00f6nnt. Seht zu, wie sich eure Wahrnehmung erweitert. Misstraut auch den Doktrinen und Einleitungen. Die vorliegende will sagen: hier habt ihr eine Auswahl zeitgen\u00f6ssischer Neuer Poesie aus Deutschland. Auf sehr verschiedene Weise suchen die Verfasser nach Erweiterung der klanglichen, syntaktischen, rhythmischen Mittel, nach neuen M\u00f6glichkeiten Poesie zu machen (auch heute <em>entstehen<\/em> Gedichte selten, sondern werden <em>gemacht<\/em>, wie Gottfried Benn 1950 dem staunenden Publikum mitteilte), nach neuen Mischungen alter und neuer Stile und Formen, Vermischungen der Sprachen, Daseinsbereiche und Gattungen oder sie erfinden gleich ganz neue Sprachen. Ging es Catull oder Dante etwa anders?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Uljana Wolf sagt es so \u2013 nein, ihr Gedicht geht so:<\/p>\n<p>oh such recognizing work. sie sagen \u00fcberschuss, ich sage bluterguss,<br \/>\nbl\u00fctenstuss. sie fluffen kissen auf, ich hisse: what can all that green<br \/>\nstuff be? a face is what one goes by, generally. oder war ich eine<br \/>\npflanze und im keller ohne licht. ich meine das nicht w\u00f6rtlich. sp\u00e4ter<br \/>\nschon. jaffa, haifa, alexandria. such recognizing work. sie sagen<br \/>\nvater noch, ich sage totenkopf \u2013 obwohl, ich hab ihn lange nicht<br \/>\ngesehen. sie halten mich fern, weil es mich anstrengt. sie stellen<br \/>\npersonen ums bett, die ich nicht kenne, arrangieren augen links und<br \/>\nrechts von einer nase, in der mitte drunter mund, getragen nach gar<br \/>\nkeinem letzten schrei.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber vielleicht ist es auch ganz anders. Herausfinden macht Spa\u00df!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Michael Gratz, geboren 1949 in Merseburg, ist Literaturkritiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Arbeitsbereich Neuere Deutsche Literatur und Literaturtheorie an der Ernst-Moritz-Arndt-Universit\u00e4t Greifswald. Er studierte Germanistik und Anglistik in Rostock und promovierte in Greifswald zum Thema Lyrikdebatten in der DDR 1953-1956. Seit 2001 gibt er das Blog <a href=\"http:\/\/lyrikzeitung.com\">Lyrikzeitung &amp; Poetry News<\/a> heraus. 2007 bis 2010 war er Mitglied der Jury des Peter-Huchel-Preises. Mitherausgeber des<em> Pommerschen Jahrbuchs f\u00fcr Literatur<\/em> und Vorstandsmitglied der Pommerschen Literaturgesellschaft (PomLit).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Quelle: Dieser Beitrag wurde 2014 in der Anthologie <em>displej. Zeitgen\u00f6ssische Poesie aus Tschechien, Deutschland und der Slowakei <\/em>erstmals publiziert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-98207 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/der-lyrik-eine-bresche-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" \/>Weiterf\u00fchrend<\/strong> <strong>\u2192<\/strong> Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen der Kultur, dies bezeugt der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>. Um den Widerstand gegen die gepolsterte Gegenwartslyrik ein wenig anzufachen schickte Wolfgang Schlott dieses\u00a0 post-dadaistische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/02\/03\/handwerkliche-anleitungen-zur-ueberwindung-von-schreibblockaden\/\">Manifest<\/a>. Warum Lyrik wieder in die Zeitungen geh\u00f6rt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/10\/07\/der-dichtung-eine-bresche-schlagen\/\">begr\u00fcndete<\/a> Walther Stonet, diese Forderung hat nichts an Aktualit\u00e4t verloren. Lesen Sie auch Maximilian Zanders <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=5418\">Essay <\/a>\u00fcber Lyrik und ein R\u00fcckblick auf den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/01\/08\/lyrik-katalog-bundesrepublik\/\"><em>Lyrik-Katalog Bundesrepublik<\/em><\/a>, sowie einen Essay \u00fcber den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/26\/lauschender-leser-und-redender-schreiber-2\/\">Lyrikvermittler<\/a> Theo Breuer. KUNO sch\u00e4tzt den minuti\u00f6sen Selbstinszenierungsprozess des lyrischen Dichter-Ichs von Ulrich Bergmann in der Reihe <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=27947\">Keine Bojen auf hoher See, nur Sterne \u2026 und Schwerkraft. Gedanken \u00fcber das lyrische Schreiben<\/a>. Lesen Sie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22835\">Portr\u00e4t <\/a>\u00fcber die interdisziplin\u00e4re T\u00e4tigkeit von Angelika Janz, sowie einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29450\">Essay<\/a> der <em>Fragmenttexterin.<\/em> Ein Portr\u00e4t von Sophie Reyer findet sich\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/08\/von-sappho-zu-sophie\/\">hier<\/a>, ein Essay fasst das transmediale Projekt<em> \u201e<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/04\/14\/bi-textualitaet\/\">Wortspielhalle<\/a>\u201c <\/em>zusammen<em>. <\/em>Auf KUNO lesen Sie u.a. Rezensionsessays von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/06\/17\/beschwoerungszauber\/\">Holger Benkel<\/a> \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/11\/12\/mit-deutschen-untertiteln\/\">Ralph Pordzik<\/a>,\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/12\/20\/wohnraeume-der-poesie\/\">Friederike Mayr\u00f6cker<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/03\/19\/welten-gegenwelten\/\">Werner Weimar-Mazur<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/06\/26\/wohnraeume-der-poesie-2\/\">Peter Engstler<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15177\">Birgitt Lieberwirth<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/08\/17\/der-grill-auf-der-hauswiese-der-welt\/\">Linda Vilhj\u00e1lmsd\u00f3ttir<\/a>, und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/09\/17\/rettungsversuche-der-literatur-im-digitalen-raum\/\">A.J. Weigoni<\/a>. Lesenswert auch die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/05\/16\/verseschmied-und-lyrikfischer\/\">Gratulation<\/a> von Axel Kutsch durch Markus Peters zum 75. Geburtstag. Nicht zu vergessen eine Empfehlung der kristallklaren Lyrik von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/01\/19\/die-lyrikerin-ines-hagemeyer\/\">Ines Hagemeyer<\/a>. Diese Betrachtungen versammeln sich in der Tradition von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/04\/04\/vauo\/\">V.O. Stomps<\/a>, dem Klassiker des Andersseins, dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/09\/24\/erinnerungen\/\">Bottroper Literaturrocker<\/a> &#8222;Biby&#8220; Wintjes und Hadayatullah H\u00fcbsch, dem Urvater des <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/06\/30\/wie-was-social-beat-ist-und-warum-und-warum-nicht\/\"><em>Social-Beat<\/em><\/a>, im KUNO-Online-Archiv. Wir empfehlen f\u00fcr Neulinge als Einstieg in das weite Feld der nonkonformistischen Literatur <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/04\/01\/nonkonformistische-literatur\/\">diesem Hinweis<\/a> zu folgen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; G\u00e4be es den Begriff Neue Poesie, und er meinte nicht die Novit\u00e4ten der Herbstmesse oder die Gewohnheit, den jeweiligen Gegenstand, wie etwa eine bestimmte Auswahl von Namen oder Texten, eine \u201eGeneration\u201c, Richtung oder Schule abzugrenzen (wovon? vom breiten Hauptstrom&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/04\/08\/neue-poesie\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":47,"featured_media":98207,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[919],"class_list":["post-103960","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-michael-gratz"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103960","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/47"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=103960"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103960\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":103963,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103960\/revisions\/103963"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98207"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=103960"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=103960"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=103960"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}