{"id":103947,"date":"1989-02-12T14:03:06","date_gmt":"1989-02-12T13:03:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103947"},"modified":"2022-08-27T14:13:28","modified_gmt":"2022-08-27T12:13:28","slug":"der-der-aus-verzweiflung-hinausrennt-wird-nachher-noch-betitelt-den-habn-wir-los-jetzt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/02\/12\/der-der-aus-verzweiflung-hinausrennt-wird-nachher-noch-betitelt-den-habn-wir-los-jetzt\/","title":{"rendered":"Der, der aus Verzweiflung hinausrennt, wird nachher noch betitelt: &#8218;den hab&#8217;n wir los jetzt&#8216;."},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Wer alles liest, hat nichts begriffen [\u2026]. Es ist nicht notwendig, den ganzen Goethe zu lesen, den ganzen Kant, auch nicht notwendig den ganzen Schopenhauer; ein paar Seiten Werther, ein paar Seiten Wahlverwandtschaften und wir wissen am Ende mehr \u00fcber die beiden B\u00fccher, als wenn wir sie von Anfang zum Ende gelesen h\u00e4tten, was uns in jedem Fall um das reinste Vergn\u00fcgen bringt.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Thomas Bernhard, \u201eAlte Meister\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bernhards Texte sind einerseits gallige oder komische Erg\u00fcsse gegen alles und jeden, andererseits aber voller autobiographischer Bez\u00fcge. Obwohl es zahlreiche Parallelen zwischen den Protagonisten und Bernhard gibt, handelt es sich immer um Rollenprosa. Es geht in den Romanen oft um die Tragik, die Vereinsamung, die Selbstzersetzung eines Menschen, der nach Vollkommenheit strebt. Ein immer wiederkehrendes Thema ist die Vollkommenheit der Kunst sowie ihre Unm\u00f6glichkeit, da nach Bernhard Vollkommenheit den Tod bedeutet. Bernhard stellt philosophischen Passagen sehr oft allt\u00e4gliche, oft geradezu banale Betrachtungen gegen\u00fcber.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In seinen Werken l\u00e4sst sich Bernhard immer wieder \u00fcber die \u201ebessere Gesellschaft\u201c Wiens und Salzburgs aus, die er oft mit \u00e4tzender und schm\u00e4hender Kritik \u00fcberzieht. \u00d6sterreich beschreibt er gern als Land der Spie\u00dfer, wobei er die Verh\u00e4ltnisse in finstersten Farben schildert. Viele Personen des \u00f6ffentlichen Lebens, aber auch zahlreiche Bekannte Bernhards, f\u00fchlten sich parodiert oder verunglimpft. All dies bewirkte, dass viele seiner Ver\u00f6ffentlichungen und Theaterpremieren Skandale und Tumulte ausl\u00f6sten.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u00d6sterreich selbst ist nichts als einB\u00fchne \/ auf der alles verlottert und vermodert und verkommen ist \/ eine in sich selber verha\u00dfte Statisterie \/ von sechseinhalb Millionen Alleingelassenen \/ sechseinhalb Millionen Debile und Tobs\u00fcchtige \/ die ununterbrochen aus vollem Hals nach einem Regisseur schreien<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Heldenplatz (Drama)<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Viele Romane und Erz\u00e4hlungen Bernhards bestehen zum Gro\u00dfteil oder zur G\u00e4nze aus Monologen des Ich-Erz\u00e4hlers und einem fiktiven stummen oder beinahe stummen Zuh\u00f6rer oder Sch\u00fcler, wie zum Beispiel dem Erz\u00e4hler <em>Franz-Josef Murau<\/em> und seiner Sch\u00fclerfigur <em>Gambetti<\/em> im sp\u00e4ten Hauptwerk <em>Ausl\u00f6schung<\/em>. Anl\u00e4sslich einer h\u00e4ufig \u00fcberspitzt und grotesk dargestellten Alltagssituation oder einer von ihm selbst konstruierten philosophischen Frage referiert der Ich-Erz\u00e4hler seine Sicht der Dinge. Auch in Bernhards Dramen findet sich h\u00e4ufig eine \u00e4hnliche Konstellation.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bernhard spielt bevorzugt mit den Stilmitteln der Suada, der monologisierenden Rede, der Polemik und des Kontraintuitiven. In den Prosawerken erzielt Bernhard eine Distanzierung von den Tiraden des Monologisierenden, indem er sie den stillen Zuh\u00f6rer sozusagen aus zweiter Hand wiedergeben l\u00e4sst. Einschaltungen wie \u201esagte er\u201c, \u201eso Reger\u201c etc. sind kennzeichnend f\u00fcr den Stil Bernhards.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Monologisierenden sind nicht selten Wissenschaftler, durchweg \u2013\u00a0um Bernhards eigene Terminologie zu verwenden\u00a0\u2013 \u201eGeistesmenschen\u201c, die in langen Schimpftiraden gegen die \u201estumpfsinnige Masse\u201c Stellung beziehen und mit ihrem scharfen Verstand alles angreifen, was dem \u00d6sterreicher traditionell \u201eheilig\u201c ist: den Staat selbst, den Bernhard gerne als \u201ekatholisch-nationalsozialistisch\u201c bezeichnet; anerkannte \u00f6sterreichische Institutionen wie das Wiener Burgtheater, allseits verehrte K\u00fcnstler etc.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bernhards Hauptfiguren setzen in kategorischen Behauptungen ihre Aussagen oft absolut. Kennzeichnend f\u00fcr die Monologe seiner Protagonisten sind Ausdr\u00fccke wie \u201enaturgem\u00e4\u00df\u201c, \u201ealle\u201c, \u201enichts\u201c, \u201eimmer nur\u201c, \u201efortw\u00e4hrend\u201c, \u201edurchaus\u201c etc. Von vornherein schalten sie mit S\u00e4tzen wie \u201edar\u00fcber gibt es doch gar nichts zu diskutieren\u201c, \u201eda kann man sagen, was man will\u201c u.\u00a0\u00e4. jeden m\u00f6glichen Einwand aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein besonderes stilistisches Merkmal von Bernhards Prosa ist eine Technik der Steigerung, der \u00dcbertreibung, des sich Hineinsteigerns beziehungsweise des sich Versteigens in fixe Ideen, was jeweils sehr kunstvoll durch eine Wiederholungstechnik orchestriert wird, in der bestimmte Themen, Versatzst\u00fccke und abf\u00e4llige Bezeichnungen mit hoher Frequenz wiederholt (aber immer auch leicht variiert) und dabei immer weiter gesteigert werden. Diese Technik Bernhards ist Kompositionsmethoden der Barockmusik und der seriellen Musik verwandt, solche Passagen sind oft komische H\u00f6hepunkte seiner Werke. Seine Sprache hat eine starke melodische Wirkung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Melodiker ist nun verstummt. KUNO trauert um einen Nonkonformisten.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-103948 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Thomas_Bernhard-203x300.jpg\" alt=\"\" width=\"203\" height=\"300\" \/>Obwohl die nonkonformistische Literatur ehrlich und transparent zugleich sein wollte, war gegen Ende der 1960er nur schwer zu fassen, die Redaktion entdeckt die Keimzelle des Nonkonformismus in der die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/12\/10\/die-keimzelle-des-nonkonformismus\/\">Romantiker-WG in Jena<\/a>. Zu den Gr\u00fcndungsmythen der alten BRD geh\u00f6rt die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/04\/01\/nonkonformistische-literatur\/\">Nonkonformistische Literatur<\/a>, lesen Sie dazu auch ein Portr\u00e4t von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/04\/04\/vauo\/\">V.O. Stomps<\/a>, dem Klassiker des Andersseins. Kaum jemand hat die L\u00fcckenhaftigkeit des <em>Underground<\/em> so konzequent <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/09\/24\/underground\/\">erz\u00e4hlt<\/a> wie N\u00ed Gudix und ihre <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/08\/23\/kritik-an-der-literarischen-alternative\/\">Kritik an der literarischen Alternative<\/a> ist berechtigt. Ein Portr\u00e4t von N\u00ed Gudix findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/16\/da-lernst-du-die-menschen-kennen\/\">hier<\/a> (und als Leseprobe ihren <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/12\/30\/hausaffentango\/\">Hausaffentango<\/a>). Lesen Sie auch die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/09\/24\/erinnerungen\/\">Erinnerungen an den Bottroper Literaturrocker<\/a> von Werner Streletz und den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/09\/28\/rip-bruno\/\">Nachruf<\/a> von Bruno Runzheimer. Zum 100. Geburtstag von Charles Bukowski, eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/08\/16\/ledertasche-geborgt\/\">Doppelbesprechung<\/a> von Hartmuth Malornys Ruhrgebietsroman <em>Die schwarze Ledertasche<\/em>. 1989 erscheint Helge Schneiders allererste Schallplatte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26990\"><em>Seine gr\u00f6\u00dften Erfolge<\/em><\/a>, produziert von Helge Schneider und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/07\/20\/klangkloetzchen\/\">Tom T\u00e4ger<\/a> im Tonstudio\/Ruhr. Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26709\">Portr\u00e4t <\/a>der einzigartigen Proletendiva aus dem Ruhrgebeat auf KUNO. In einem Kollegengespr\u00e4ch mit Barbara Ester dekonstruiert A.J. Weigoni die <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/10\/09\/ruhrgebietsromantik\/\">Ruhrgebietsromantik<\/a><\/em>. Mit<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6071\"> Kersten Flenter<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/06\/23\/killroy-review\/\">Michael Sch\u00f6nauer<\/a> geh\u00f6rte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/24\/polyphone-ich-erzaehlungen\/\">Tom de Toys<\/a> zum\u00a0Dreigestirn des deutschen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/01\/05\/bewegung\/\">Poetry Slam<\/a>. Einen Nachruf von Theo Breuer auf den Urvater des Social-Beat finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/03\/07\/hubsch-revisited\/\">hier<\/a> \u2013 Sowie selbstverst\u00e4ndlich his <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/06\/25\/wie-was-social-beat-ist-und-warum-und-warum-nicht\/\">Masters voice<\/a>. Und Dr. Stahls kaltgenaue <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2002\/06\/26\/social-beat-vs-digitales-dasein\/\">Analyse<\/a>. \u2013 Constanze Schmidt beschreibt den Weg von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26080\">Proust zu Pulp<\/a>. Ebenso eindr\u00fccklich empfohlen sei Heiner Links <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42272\">Vorwort<\/a> zum Band Trash-Piloten. Inzwischen hat sich Trash andere Kunstformen erobert, dazu die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\">Aufmerksamkeit<\/a> einer geneigten Kulturkritik. In der Reihe <em>Gossenhefte<\/em> zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen, der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Die KUNO-Redaktion bat A.J. Weigoni um einen Text mit Bezug auf die Mainzer Minpressenmesse (MMPM) und er kramte eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/05\/31\/treff-der-titanen\/\">Realsatire<\/a> aus dem Jahr 1993 heraus, die er f\u00fcr den Mainzer Verleger Jens Neumann geschrieben hat. J\u00fcrgen Kipp \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/06\/01\/geschichte-und-aufgaben-des-mainzer-minipressen-archives-mmpa\/\">Aufgaben des Mainzer Minipressen-Archives<\/a>. Ein w\u00fcrdiger Abschlu\u00df gelingt Boris Kerenski mit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/03\/30\/wer-war-ist-noch-social-beat\/\">Stimmen aus dem popliterarischen Untergrund<\/a><strong>.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer alles liest, hat nichts begriffen [\u2026]. 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