{"id":103913,"date":"2023-05-08T00:01:47","date_gmt":"2023-05-07T22:01:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103913"},"modified":"2022-10-14T07:49:49","modified_gmt":"2022-10-14T05:49:49","slug":"einschnitte-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/05\/08\/einschnitte-2\/","title":{"rendered":"Einschnitte"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im J\u00e4nner 1961 erschien die Poetikschrift \u201eMein Gedicht ist mein Messer\u201c von Hans Magnus Enzensberger als Taschenbuch und markierte eine Zeitenwende in der Poesie der Nachkriegszeit. F\u00fcr mich er\u00f6ffnete dieses Buch sogleich eine neue Welt in Bezug auf Empfindung, Denken, Gef\u00fchle, Sprache in und mit dem Gedicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Enzensberger markierte die Position eines Gedichtes und stellte zugleich die Grundfragen, was ein Gedicht alles kann und k\u00f6nnen mu\u00df und was nicht. Der Fragenkatalog ist umfassend und vielf\u00e4ltig. Aber allein schon der Titel des Buches fa\u00dft Enzensbergers Position und Neupositionierung des Gedichts \u2013 nach zwei Weltkriegen, der Naziherrschaft und dem Holocaust \u2013 in einer pr\u00e4zisen Aussage zusammen und l\u00e4\u00dft eine ganz bestimmte Assoziation zu, n\u00e4mlich: Das Messer \u2013 also das Gedicht \u2013 mu\u00df schneiden (k\u00f6nnen). Das ist es. Und das, genau das war eine Anweisung, die ab dann meine Poesie, mein Weltbild von Poesie und Leben bestimmte. Transponiert in meinen Ich-Katalog hie\u00df und hei\u00dft das nun: Abkehr von jeder romantisch-verschwommenen nichtssagenden Metapher und Verschl\u00fcsselung (Kodifizierung). Weg von der Beschreibungsliturgie hin zum Sprechen \u00fcber Wirklichkeit, \u00fcber das was ist, \u00fcber den jeweiligen Fall (Wittgenstein) mit dem ihm zugeh\u00f6rigen Gedicht. Und dies sp\u00e4ter g\u00fcltig auch nach Adornos Ausspruch in Bezug auf den Konnex Auschwitz und Gedicht, Holocaust und Poesie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was bedeutet nun der Titel dieses meines \u2013 letzten!? \u2013 Gedichtbandes in Bezug auf diese meine Gedichte sowie das Dichten \u00fcberhaupt f\u00fcr mich \u2013 in dieser meiner gegenw\u00e4rtigen Lebensposition und im gegenw\u00e4rtigen Zustand der Welt; also: in Konfrontation mit meiner jetzigen Ich- und Welterfahrung? Was meint der Titel EINSCHNITTE; was evoziert er und was assoziiert man mit ihm?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesen Gedichten ist vor allem von Einschnitten ins Leben die Rede, von Einschnitten, die tiefer gehen, als da\u00df sie nur ein Ritzen der Haut mit einem Messer w\u00e4ren, nein, die tief einschneiden in die und unter die Haut; die einschneiden ins Fleisch. Einschnitte ins Leben, die wehtun, die verwunden, arg verwunden \u2013 bis hin zu t\u00f6dlichen Verwundungen, zum letalen Schnitt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es geht also um t\u00f6dliche Verwundungen durch Todeswunden, es geht um Krieg, \u00a0Zerst\u00f6rung des Menschseins, Vernichtung jeglicher menschlicher Lebenskultur und Zivilisation. Jetzt gemeint, was in der Ukraine geschah und geschieht. Und nat\u00fcrlich auch anderswo auf der Welt. Es geht um das Zerbrechen der Liebe, von Liebes- und Lebensbeziehungen. Und es geht um Alter, Krankheit, Sterben und Tod. Es geht dabei auch um die Fragen: Was geschieht mit dem Menschen, wenn er herausf\u00e4llt \u2013wodurch auch immer \u2013 aus den Ordnungen seiner Existenz? Was bedeutet das insgesamt f\u00fcr den Menschen und die menschliche Existenz schlechthin? Nein, man darf auf diese Fragen keine g\u00fcltigen, keine endg\u00fcltigen Antworten erwarten; h\u00f6chstens wiederum neu auftauchende, eben jetzt mit dem Gedicht aufgesp\u00fcrte Fragen. Die allerdings nicht nur in die Unwissenheit hineinf\u00fchren, sondern zugleich auch ein neues Terrain f\u00fcr die Lebensbewegung erm\u00f6glichen und ein solches auch f\u00fcr das Gedicht. Alles ist einer \u00c4nderung unterworfen, alles ist ein einziges Vor\u00fcbergehen; nichts bleibt wie es war und wie es ist \u2013 auch nicht das Gedicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr mich bedeutet das die Art und Weise mit dem Gedicht zu sprechen, deren Ergebnis ich als \u201eLapidargedichte\u201c bezeichne. Es geht mir also um die metaphernlose Protokollierung dessen was ist, dies freilich in und mit der Sprache der Literatur. Dieser Anspruch mu\u00df erf\u00fcllt sein, da\u00df man ein Sprachgebilde als Gedicht bezeichnen kann und darf. Es geht also nicht um Willk\u00fcr und Chaos, um unbeschr\u00e4nkte Freiheit. Nein, alles hat seine ihm zugeh\u00f6rige Dramaturgie.`<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDer Schmerz bewahrt die Erinnerung\u201c hei\u00dft es in jenem Gedicht, das ich oben auf der Galerie der St. Isaaks-Kathedrale in St. Petersburg 1994 gedacht und dann niedergeschrieben habe. Also vom Schmerz als unabdingbare Bedingtheit f\u00fcr ein Lebenskontinuum ist die Rede; auch in Bezug auf meine ganze Lebenserfahrung und Lebensauffassung. Und nat\u00fcrlich verlangt ein solcher Schmerz nach seinem Ende, nach Schmerzlosigkeit. Aber f\u00e4llt dieses Ziel dann nicht mit der Erl\u00f6sung zusammen? Und wann ist diese m\u00f6glich, wann gibt es die Erl\u00f6sung von diesem Lebensschmerz? Nur im Tod?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einschnitte im Leben lassen erahnen und voraussp\u00fcren, was (noch) kommen kann, vielleicht kommen wird; mit Sicherheit ein Lebensstadium sein wird f\u00fcr jeden Menschen, ob augenblicklich oder in einem langen Entwicklungsproze\u00df dorthin, der auch ein schmerzhaftes Abschiednehmen-M\u00fcssen beinhaltet. Nein, es gibt da keine Idylle, nicht in solchen Lebensstadien. Doch auch da zuckt zumindest manchmal ein heller Lichtstrahl durch, der alles rundum beleuchtet und aufhellt. Und der zeigt, da\u00df beides zusammengeh\u00f6rt: das Licht und das Dunkel. Und da\u00df beides zusammen das ausmacht, was man LEBEN nennt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Einschnitte<\/strong>, Gedichte von Peter Paul Wiplinger. L\u00f6cker-Verlag 2021\u20132022<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-103911 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Einschnitte_Cover-180x300.jpg\" alt=\"\" width=\"180\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong> Eine W\u00fcrdigung der <em>Einschnitte<\/em> durch Elisabeth Schawerda finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103910\">hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Lesen Sie auch die Essays <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=28754\">\u00dcber den Zustand der Liebe in lyrischen Texten<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14676\">Poetik des Humanen<\/a> \u00fcber Peter Paul Wiplinger.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Im J\u00e4nner 1961 erschien die Poetikschrift \u201eMein Gedicht ist mein Messer\u201c von Hans Magnus Enzensberger als Taschenbuch und markierte eine Zeitenwende in der Poesie der Nachkriegszeit. F\u00fcr mich er\u00f6ffnete dieses Buch sogleich eine neue Welt in Bezug auf Empfindung,&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/05\/08\/einschnitte-2\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":98,"featured_media":103911,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1142],"class_list":["post-103913","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-peter-paul-wiplinger"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103913","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/98"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=103913"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103913\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":104098,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103913\/revisions\/104098"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/103911"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=103913"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=103913"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=103913"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}