{"id":103822,"date":"2023-02-05T00:01:29","date_gmt":"2023-02-04T23:01:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103822"},"modified":"2022-07-13T11:07:36","modified_gmt":"2022-07-13T09:07:36","slug":"zum-todestag-von-hans-fallada","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/02\/05\/zum-todestag-von-hans-fallada\/","title":{"rendered":"Zum Todestag von Hans Fallada"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>In dem in Buchform 2012 publizierten Essay \u201eDer Schein, das Sein und das Nichts\u201c habe ich B\u00fccher und Gestalten von Hans Fallada neu interpretiert: mit Hilfe der Psychologie n\u00e4mlich. Dabei nahm ich Alice Millers B\u00fccher sowie eigene Definitionen zur Hand. Der Essay ist keine wissenschaftliche Publikation, sondern nur ein literarischer Interpretationsversuch. Heute sehe ich einiges mit anderen Augen und w\u00fcrde den Essay streckenweise anders schreiben bzw. einige Punkte vertiefen und erg\u00e4nzen. Dennoch ist der Text nach wie vor gut und interessant.<\/em><\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>N\u00ed Gudix, 2022<\/em><\/span><\/p>\r\n<em>\u00a0<\/em>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #0000ff;\">aus dem Kapitel \u201eDie ewige Sch\u00fcler-Lehrer-Mentalit\u00e4t\u201c<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">(\u2026) Willi Kufalt <em>(aus dem Roman \u201eWer einmal aus dem Blechnapf fri\u00dft\u201c, Anm.d.A.) <\/em>kommt mit 25 Jahren wegen Unter\u00adschlagung ins Gef\u00e4ngnis. Seine Eltern, seine Lehrer, seine ersten Vorgesetzten werden nahtlos abgel\u00f6st von den Knast\u00adw\u00e4rtern, dem Gef\u00e4ngnisdirektor und dem Pastor. In der Schule, besonders in der autorit\u00e4ren mit Rohrstock, aber auch noch lange danach, gibt es meist gewisse Schubladen, in die die Sch\u00fcler einsortiert werden. Es gibt den Streber, der ganz vorn sitzt, alles wei\u00df und die anderen verpetzt; es gibt den L\u00fcmmel, der ganz hinten sitzt, immer f\u00fcr \u00c4rger sorgt und es meist auf den Streber abgesehen hat sowie auf die, die \u00e4hnlich sind; es gibt den Sch\u00fcchternen, den Eitlen, den B\u00fccherwurm, den Dicken, den Dummen usw. sowie Mitl\u00e4ufer zu der einen oder anderen Schublade, wobei aber alle Schubladen k\u00fcnstlich sind und mit dem Sein der Sch\u00fc\u00adler mitunter wenig zu tun haben; und ganz oben in dieser Hierarchie sitzt der Lehrer, den es zwar auch in mehreren Typen gibt (den Pauker, den Rumbr\u00fcller, den Selbstver\u00adliebten, das Opfer, den Verst\u00e4ndigen usw.), der aber doch so oder so der Bo\u00df ist. Der, der \u00fcber Gedeih und Verderb eines Sch\u00fclers entscheidet.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Was man in der Schule daher zuerst lernte, war Dis\u00adkriminierung und Darwins Gesetz: der St\u00e4rkere \u00fcberlebt, und der St\u00e4rkere ist der, der sich behauptet, der die Schw\u00e4\u00adcheren wegbei\u00dft und sich dem Bo\u00df am besten andient. Und da die Regeln der Schule den meisten schon vom Vater be\u00adkannt waren \u2013 wer aufmuckt, fliegt raus oder kriegt den Stock zu sp\u00fcren \u2013, blieben sie bei den meisten auch nach der Schule drin. Und es waren daher auch die Normen der Ge\u00adsellschaft, denn die autorit\u00e4r Erzogenen waren ja keine gest\u00f6rte Minderheit, sondern sie bildeten die Mehrheit.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr Kufalt ist der Knast somit zwar eine Regression in die Schulhierarchie, aber er kommt im Grunde ganz gut damit klar, zumal er sich in die Schublade des Strebers ge\u00adsetzt hat, der sich bei den Beamten beliebt macht und gele\u00adgentlich Mith\u00e4ftlinge in die Pfanne haut oder erpre\u00dft. Er hat zwar auch Freunde, es ist ihm auch um gerechte Behand\u00adlung zu tun, aber im allgemeinen geht er vielen auf die Nerven, da er st\u00e4ndig auf sein Recht, auf die Strafvollzugs\u00adordnung pocht und alles besser wei\u00df. In der Knasthierarchie hat er sich jedenfalls beharrlich nach oben gearbeitet und nimmt nun an, da\u00df er auf diesem Level \u201edrau\u00dfen\u201c weiter\u00adkommt. Doch er vergi\u00dft, da\u00df \u201eKnast\u201c in der Hierarchie \u201edrau\u00dfen\u201c per se \u201eganz unten\u201c bedeutet, und da\u00df es f\u00fcr ihn nun hei\u00dft: \u201eAlles auf Anfang.\u201c Er ist ein neuer Sch\u00fcler, der in die Klasse kommt \u2013 in die Welt \u201edrau\u00dfen\u201c \u2013, und alles, was er an seiner alten Schule \u2013 dem Gef\u00e4ngnis \u2013 gegolten hat, ist nun nichts mehr wert. Er ist \u201eder Neue\u201c, den die \u201eLehrer\u201c anlernen und anschnauzen und den die \u201eMit\u00adsch\u00fcler\u201c dissen und h\u00e4nseln.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die ewige Sch\u00fcler-Lehrer-Mentalit\u00e4t f\u00e4llt einem wirklich auf: \u201eVater Seidenzopf\u201c, der Leiter des Heimes f\u00fcr die Strafentlassenen, tr\u00e4gt seinen Beinamen v\u00f6llig zu recht, da er sich wirklich auff\u00fchrt wie ein Vater, der seinen verzo\u00adgenen G\u00f6ren Recht und Ordnung einbleut. Er kontrolliert ihr Geld, er kontrolliert ihr Ein- und Ausgehen aus dem Heim, er stellt ihnen einen Aufpasser zur Seite, er sagt ihnen, wie und wo sie zu gehen, zu stehen, zu sitzen und zu atmen haben \u2013 nur da\u00df diese \u201eG\u00f6ren\u201c keine Kinder mehr sind, sondern in Lohn und Brot stehende 30j\u00e4hrige. Und auch der Schreibstubenvorsteher Jauch ist nichts weiter als ein Lehrer, der sich seine Klasse zurechtformt: es gibt den Streber, den Lehrerliebling, den Unterw\u00fcrfigen sowie den St\u00e4nkerer, den L\u00fcmmel und den Halbstarken, wobei Kufalt teilweise \u00fcbergangslos zwischen den Schubladen oszilliert. Es ist wie in der Schule, wie im Knast, es ist ein ewiger Kampf um den Schein und seine k\u00fcnstlichen Phalloi Ruf, Ruhm, Image, es ist ein ewiges pubert\u00e4res Strampeln um Anerkennung, Respekt, Aufnahme in die \u201eClique\u201c, ein ewiges Hecheln nach guten Noten, nach guten Bewer\u00adtungen, ein ewiges Beweisen- und Pr\u00fcfen-lassen-M\u00fcssen \u2013 aber von Reife nicht die Spur.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Was wunder, da\u00df sich Kufalt am Ende in den Knast zur\u00fccksehnt, in seine alte Schulklasse \u2013 da war er wenig\u00adstens wer!<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Fragt sich nur, wer \u2013 er selbst nicht.<\/p>\r\n&nbsp;\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\"><\/p>\r\n&nbsp;\r\n\r\n<!-- \/wp:post-content --><!-- wp:paragraph {\"fontSize\":\"large\"} \/--><!-- wp:paragraph {\"align\":\"center\"} -->\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<!-- \/wp:paragraph --><!-- wp:paragraph -->\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Schein, das Sein und das Nichts<\/strong>: Gedanken zum Menschen und zur Menschenw\u00fcrde anhand der B\u00fccher von Hans Fallada, BoD 2012 &#8211; Gern weist KUNO auf die <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/Schein-das-Sein-Nichts-Menschenw%C3%BCrde\/dp\/3848223376\/ref=sr_1_2?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&amp;crid=3M98T53XPIFX5&amp;keywords=der+schein%2C+das+Sein+und+das+Nichts&amp;qid=1655873842&amp;sprefix=der+schein+das+sein+und+das+nichts%2Caps%2C86&amp;sr=8-2\">Bestellm\u00f6glichkeit<\/a> des Buches hin.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-103758 alignright\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Der-Schein_Cover_Gudix-232x300.jpg\" alt=\"\" width=\"232\" height=\"300\" \/><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist nicht \u00fcbertrieben, wenn man N\u00ed Gudix als Fallada-Expertin bezeichnet. Daher weist die KUNO-Redaktion gern auf ihr Taschenbuch \u201eDer Schein, das Sein und das Nichts: Gedanken zum Menschen und zur Menschenw\u00fcrde anhand der B\u00fccher von Hans Fallada\u201c hin, das in 2012 erschienen ist. Die Autorin setzt sich in dem 120 seitigen Essay f\u00fcr diesen \u201eVolksschriftsteller\u201c ein. Sie liest seine Werke \u2013 vor allem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/03\/26\/wenn-er-zu-hause-ist-ist-wieder-alles-zu-ende\/\"><em>Kleiner Mann \u2013 was nun?<\/em><\/a> oder <em>Der eiserne Gustav<\/em> \u2013 nicht als \u201eunpolitische\u201c, \u201evolkst\u00fcmliche\u201c Unterhaltungsromane. F\u00fcr Gudix war Fallada kein Binsenautor, er schrieb auch keine fr\u00f6hlichen Rei\u00dfbrett-Schmonzetten, wie diese Begriffe irrt\u00fcmlich suggerieren, im Gegenteil \u2013 nach ihren Verst\u00e4ndnis war er ein Meister der Menschenkenntnis, er sah in die tiefsten menschlichen Abgr\u00fcnde hinab und versuchte in all seinen B\u00fcchern, das Wesen der Menschlichkeit festzuhalten. Seinen Gestalten blickt er in die Seele und macht sie so zeitlos; seine Werke sind deshalb verst\u00f6rend, weil sich die Leser in ihnen selbst wiederfinden. N\u00ed Gudix bringt auch Falladas widerspr\u00fcchliche Haltung zur Sprache, schildert dessen Unentschlossenheit und inneren K\u00e4mpfe, die schlie\u00dflich in Alkoholismus, Gewaltt\u00e4tigkeit und k\u00f6rperlichem Verfall m\u00fcnden. Dieses Buch ist sowohl als Selbstkritik wie auch als Kritik an all jenen zu verstehen, die weggesehen oder mitgemacht haben. Fallada war mit Sicherheit kein Nazi, aber man findet in seiner Prosa \u2013 wenn man genau hineinliest \u2013 die Ursachen des Holocaust dargelegt: Mangel an Empathie, Lebensangst, die soziale K\u00e4lte, ein Sich-Verschanzen hinter der Moral. N\u00ed Gudix versucht Hans Fallada die Gr\u00f6\u00dfe zur\u00fcckzugeben, die er verdient hat.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Kaum jemand hat die L\u00fcckenhaftigkeit des <em>Underground<\/em> so konzequent <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/09\/24\/underground\/\">erz\u00e4hlt<\/a> wie N\u00ed Gudix und ihre <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/08\/23\/kritik-an-der-literarischen-alternative\/\">Kritik an der literarischen Alternative<\/a> ist berechtigt. Ein Portr\u00e4t von N\u00ed Gudix findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/16\/da-lernst-du-die-menschen-kennen\/\">hier<\/a> (und als Leseprobe ihren <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/12\/30\/hausaffentango\/\">Hausaffentango<\/a>).<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In dem in Buchform 2012 publizierten Essay \u201eDer Schein, das Sein und das Nichts\u201c habe ich B\u00fccher und Gestalten von Hans Fallada neu interpretiert: mit Hilfe der Psychologie n\u00e4mlich. 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