{"id":103801,"date":"2023-03-26T00:01:17","date_gmt":"2023-03-25T23:01:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103801"},"modified":"2022-07-08T18:24:55","modified_gmt":"2022-07-08T16:24:55","slug":"delectare-et-prodesse","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/03\/26\/delectare-et-prodesse\/","title":{"rendered":"delectare et prodesse"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Vorbemerkung der Redaktion:<\/span> F\u00fcr das Projekt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/01\/18\/kollegengespraeche\/\">Kollegengespr\u00e4che<\/a> hat A.J. Weigoni einen Austausch zwischen Schriftstellern angeregt. Auf KUNO ist diese Reihe wieder aufgelebt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BENKEL welche symbiosen zwischen leben und kunst erlebst du bei deinen kulturreisen sowie besuchen von theatern, opernh\u00e4usern, museen und galerien?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BERGMANN In erster Linie ist es das Neue, die Neuartigkeit des Blicks auf Wirklichkeiten und Formen, auch Sichtweisen, die mich interessiert und bewegt und zu Erkenntnissen und zum Umdenken oder zur Erweiterung meines Denkens treibt. Das k\u00f6nnen auch alte Bilder, bildhauerische und architektonische Arbeiten leisten. Die Ausdeutung des Kunstbegriffs und die Erweiterung dessen, was als \u00e4sthetisch gilt: das hat einiges zu tun mit der Deutung von Lebenswirklichkeiten und vor allem mit Prozessen der Konsensbildung. Nat\u00fcrlich lese ich nicht jedes Buch, sehe ich nicht jedes Bild oder Theaterst\u00fcck, h\u00f6re ich nicht jede Musik ausschlie\u00dflich in dieser Weise, sondern es gibt auch Staunen, Freude am Erlebten, und zwar unmittelbar, intuitiv, sinnlich \u2013 selbsttherapeutische Wirkungen sind hier durchaus im Spiel, und das ist auch gut so, das f\u00f6rdert die Gesundheit \u2013 vor allem im Zusammenspiel mit der Intellektualisierung. Und wenn ich nach dem Theater ins Restaurant gehe \u2013 dann erlebe ich, wenn ich mit den richtigen Leuten zusammen bin, noch eine zweite Katharsis; so gesehen kann der Genuss von Kunst sowohl den Kopf bereichern wie auch den Bauch erfreuen \u2013 delectare et prodesse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BENKEL sind f\u00fcr dich kreativit\u00e4t und spiel auch gegenwelten zur profanen lebenswirklichkeit?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BERGMANN Gegenwelten? Nein. Meine Erz\u00e4hlungen, auch die besonders spielerischen, sehe ich als Abbilder unserer Welt, in der wir leben. Spielerisch kann hier bedeuten, dass in diesen fiktiven oder nachempfundenen, teils autobiografisch gepr\u00e4gten Erz\u00e4hlungen Wirklichkeit perspektivisch gebrochen, variiert oder satirisch zugespitzt werden. Auf diese Weise kann eine kritische Intention lesbar werden, so gesehen impliziert jede Kritik ein Gegen, aber nicht unbedingt eine Gegenwelt. Schon gar nicht hat mein erz\u00e4hlerisches Spiel mit Wirklichkeiten und Perspektiven die Funktion, ein schlechtes Leben, Scheitern, Ungl\u00fcck oder nicht realisierte Wunschvorstellungen zu kompensieren. Meine Erfindungen haben auch keine religi\u00f6sen Dimensionen. Letztlich bleiben sie selbst als absurde Findungen der Wirklichkeit verpflichtet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BENKEL von welchen k\u00fcnsten empf\u00e4ngst du die meisten und intensivsten anregungen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BERGMANN Literatur: Romane, Erz\u00e4hlungen, Lyrik \u2013 Theater\/Oper\/Tanztheater \u2013 Musik \u2013 Bildende Kunst; vielleicht in dieser Reihenfolge, aber tempor\u00e4r kann alles ganz oben sein. In meiner Jugend waren Filme ebenso wichtig, verloren aber ihre Wirkung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BENKEL in welchen ma\u00dfe basiert deine seelische jugend auf deinem gl\u00fccksanspruch?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BERGMANN Meine Liebe zum Leben war von Anfang da. Bin ich seelisch jung? Ich f\u00fchle mich wie immer und bin doch heute ein ganz anderer als in meiner Kindheit oder fr\u00fchen Jugend, und trotzdem bin ich in vielem unver\u00e4ndert. Vermutliche Urspr\u00fcnge meiner Lebensliebe: Meine Mutter liebte mich innig, als ich noch nicht \u00fcber mich selbst nachdenken konnte. Ich wuchs auf unmittelbar nach dem Weltkrieg, mein Vater war in sowjetischer Kriegsgefangenschaft, aber meine Gro\u00dfmutter liebte und f\u00f6rderte mich in meiner Kindheit und fr\u00fchen Jugend. Meine in mir wohnende Neugier war und ist immer da. Meine erste Ehe und das Familienleben gaben mir viel Kraft. Mein Lehrerberuf ebenso. So \u00fcberstand ich den fr\u00fchen Tod meiner Frau gut. Meine zweite Ehe wurde ein Lebensgeschenk. Schlie\u00dflich hatte ich selbst viel Gl\u00fcck mit meiner Gesundheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Lebensbedingungen au\u00dferhalb meiner Privatsph\u00e4re waren nie entscheidend, allerdings auch nicht wirkungslos. Auch hier habe ich viel Gl\u00fcck \u2013 historisch, politisch, wenn ich von der langen Kriegsgefangenschaft meines Vaters in der Sowjetunion und von der deutschen Teilung absehe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und der Tod? \u2013 Ich hoffe, wir treffen uns nicht als Feinde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BENKEL wie ist aus dem tr\u00e4umerischen kind, das du warst, ein beliebter lehrer geworden, der seinen beruf nicht nur ausgehalten, sondern selbst gestaltet hat, nicht zuletzt aufgrund seiner kreativen und spielerischen gaben?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BERGMANN Ich wei\u00df es nicht, ich muss mir hier mit einer ziemlich spekulativen Narration antworten: Mich hat erst schweres Scheitern zur Wirklichkeit gebracht \u2013 sitzengeblieben in der Unterprima, und nach der Bundeswehr ein betr\u00fcgerisches Gammlerjahr. Erst als ich ganz unten war, stellte ich mich den Lebensforderungen, fand zur Realit\u00e4t: Nachholen des Abiturs und Studium. Im Studium allerdings ein gef\u00e4hrlicher R\u00fcckfall ins allzu Tr\u00e4umerische, ich verlor Jahre. Erst meine Heirat und Familiengr\u00fcndung zwang mich, endlich fertigzuwerden mit dem Studium. Als ich das Referendariat beendete, wurde ich gerade noch als Lehrer eingestellt. Das war knapp! Von da an ging\u2019s bergauf \u2013 und es gelang mir, meine tr\u00e4umerische Art zu bewahren und zu integrieren in meiner Berufsaus\u00fcbung, indem ich die literarischen \u201aTr\u00e4ume\u2018 unterrichtete und die Schule meine B\u00fchne wurde, und das auch noch gut bezahlt. Allm\u00e4hlich gerierte ich zum Lebensk\u00fcnstler. L\u00e4ngst nicht alles war Plan und Berechnung. Vieles ergab sich. Ich begann mit dem Studium der Mathematik und Physik, wechselte zu Germanistik und Geschichte, weil meine Kommilitonen nichts anderes im Sinn hatten als Zahlen. Erst in der Mitte meines Studiums wurde mir klar, dass ich eigentlich nur Lehrer werden konnte, was in meiner Schulzeit mal mein Wunsch war, der sich sp\u00e4ter verlor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BENKEL aus welchen quellen kommen die sublimierungen, verwandlungen und paradoxien deiner literarischen texte und wie flie\u00dfen sie zusammen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BERGMANN Das wei\u00df ich nicht genau. Wahrscheinlich spielt alles was ich mal gelesen habe, eine gro\u00dfe Rolle, vor allem also die deutschsprachige Literatur. Vielleicht auch Donald Duck und Prinz Eisenherz. Der Lateinunterricht. &#8230; Und wie sich das alles verbindet und zu dem wird, was ich schreibe, ist mir v\u00f6llig unklar. Vielleicht flie\u00dft da gar nichts zusammen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BENKEL wohin erweiterst du dein ich, wenn du dich, real oder fiktiv, verwandelst und anverwandelst?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BERGMANN Ich hatte schon in fr\u00fcher Jugend den Willen, m\u00f6glichst viel zu erfahren und zu wissen in den Bereichen: Belletristische Literatur, Philosophie, Musik, Kunst. Auch Reisen, Umgangsformen, Begegnungen, Liebe, Ehe und Familie sollten dazu beitragen, mich im Rahmen meiner M\u00f6glichkeiten zu vervollkommnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In meinem Beruf als Lehrer habe ich am meisten gelernt in den Rollenspielen und Begegnungen mit Sch\u00fclern, Eltern und Kollegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BENKEL unter welchen pers\u00f6nlichen und gesellschaftlichen bedingungen k\u00f6nnen sich reflexives denken, relativismus, ironie und menschenfreundlichkeit miteinander verbinden und verb\u00fcnden?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BERGMANN Die Frage verstehe ich so: Wie kann Intellektualit\u00e4t sozial wirksam werden? Der einzelne Intellektuelle muss das nicht allein leisten, das ist eine Sache f\u00fcr Teamarbeit, also gegenseitige Erg\u00e4nzung. Die besten Bedingungen daf\u00fcr schafft eine demokratisch verfasste Gesellschaft mit einer gut funktionierenden Wirtschaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BENKEL welche perspektiven haben kulturundbildungsb\u00fcrger individuell und kollektiv?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BERGMANN Der Begriff des Bildungsb\u00fcrgers hat sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt \u2013 erfreulich ist dabei die Erweiterung des Kulturbegriffs. So geh\u00f6ren selbstverst\u00e4ndlicher und st\u00e4rker als noch in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts Bereiche zur Kultur, die fr\u00fcher eher nicht z\u00e4hlten: Sport, Gastronomie, Sexualit\u00e4t, \u00d6kologie, Handwerk, Mode und andere Bereiche. Der Kulturbegriff ist reicher geworden, vernetzter, er hat mehr Sitz im Leben. Das bereichert den Einzelnen und die gesamte Gesellschaft, weil ein solcher Kultur- und Bildungsbegriff viel politischer und n\u00fctzlicher geworden ist, zumal sich die kulturellen Aspekte gegenseitig viel mehr verst\u00e4rken. Gro\u00dfe Ideen kann ein Einzelner zwar, wie zu allen Zeiten, haben, aber ihre Umsetzung wird zunehmend st\u00e4rker abh\u00e4ngig von Kollektiven.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BENKEL worin und womit hat dich deine kindheit in halle an der saale gepr\u00e4gt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BERGMANN Die gro\u00dfe Acht-Zimmer-Wohnung meiner Gro\u00dfeltern, in der ich mit meiner Mutter wohnte, das war die gesamte obere Etage eines gro\u00dfen wilhelminischen Wohnhauses mit zwei Balkonen, Vorderhaus und Hinterhaus; hinzu kamen Bad und Toilette, Speisekammer, K\u00fcche, zwei Flure und zwei weitere Zimmer au\u00dferhalb der Wohnung, eins beim hinteren Treppenhaus, ein weiteres im Dachgeschoss des Vorderhauses. \u2013 Die Saale, die ganz in der N\u00e4he war, das lange Promenadenufer mit der gro\u00dfen Ziegelwiese und dem Giebichenstein. \u2013 Die im Krieg fast unzerst\u00f6rte Stadt mit dem gro\u00dfen Markt. \u2013 Die ungeheure Freiheit, die ich hatte \u2013 ab meinem sechsten bis zum zehnten Lebensjahr konnte ich, allein und mit meinem Freund, meinen Erkundungsradius auf etwa f\u00fcnf Kilometer im Umkreis des Hauses in der Senefelderstra\u00dfe erweitern, auf B\u00e4ume klettern und stundenlang unterwegs sein. Ich musste nur zum Abendessen wieder zu Hause sein. Ich konnte s\u00e4mtliche Schr\u00e4nke, Regale, Schubladen, Kisten und Kasten meiner Gro\u00dfeltern durchsehen und damit spielen, ich konnte also mit M\u00f6beln, Tischen und St\u00fchlen zum Beispiel Burgen bauen. \u2013 Meine Gro\u00dfeltern erkl\u00e4rten mir alles, was ich sie aus B\u00fcchern fragte. Sie spielten mit mir Karten, Domino, Mikado, M\u00fchle und Dame. Nach nur wenige Monaten befreite mich meine Gro\u00dfmutter aus dem Kindergarten. \u2013 Pr\u00e4gend war nat\u00fcrlich auch, dass mein Vater in sowjetischer Gefangenschaft war, keiner wusste, ob er noch lebt. So sehr mir der Vater fehlte, so war seine Abwesenheit der Grund meiner besonderen Freiheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BENKEL welche deiner lebensformen und f\u00e4higkeiten sind rheinisch und romanisch grundiert?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BERGMANN Ich bin in Halle an der Saale geboren und wuchs dort in den ersten zehn Jahren meines Lebens auf. 1955 kam ich ins Rheinland, wo ich bis heute lebe. Ich bin kein Rheinl\u00e4nder, auch kein assimilierter. Ich spreche hochdeutsch, das kommt von meiner Mutter. Alle Eigenschaften, die sich mit Rheinischem vertragen, brachte ich mit oder entwickelte sie aus mir selbst, ohne dass mir ein rheinisches Vorbild daf\u00fcr erschien. Neben meiner Neigung, manches nicht zu genau zu nehmen, habe ich einen sehr ausgepr\u00e4gten Ordnungssinn. Ich betrachte bestimmte Orte und Situationen meines Lebens zeitweise als B\u00fchne, liebe Schauspielerei im engeren und weiteren Sinne, spiele gern in Gespr\u00e4chen mit Inhalten oder dem Gegen\u00fcber, ahme gern andere Menschen und Verhaltensweisen nach, besser gesagt: ich spiegele sie. Die rheinische Sentimentalit\u00e4t, also Schunkeln oder Kl\u00fcngeln, liegt mir sehr fern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00c4hnliches gilt f\u00fcr das Romanische. Es stimmt, ich mag romanische Lebensart, und soweit ich sie in Deutschland leben kann, tue ich, was ich kann \u2013 das betrifft meinen Hang f\u00fcr Caf\u00e9s und Restaurants, das Leben auf der Stra\u00dfe allgemein. Reden und Palavern lernte ich im Vaterhaus. Das Katholische liegt mir in seiner Sinnlichkeit, etwa in der Kunst seit der Renaissance \u2013 aber die Kirche und die Instrumentalisierung der Religion verabscheue ich. Ich bin protestantisch aufgewachsen, also antip\u00e4pstlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In vielem bin ich sehr deutsch \u2013 das betrifft Ordnung und Organisation. Aber auch die Musik einschlie\u00dflich ihrer \u00f6sterreichischen Varianten vom Barock bis zur Sp\u00e4tromantik. Oder die deutschsprachige Literatur und Philosophie. Nationale Gef\u00fchle betrachte ich jedoch mit Vorsicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BENKEL worin bestehen aus deiner sicht die wichtigsten unterschiede zwischen westlichen und \u00f6stlichen kulturen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BERGMANN Ich bin derart westlich aufgewachsen, geschult und durch Erfahrungen gepr\u00e4gt, dass mir \u00d6stliches nicht so recht nahekam. Franz\u00f6sische Literatur und Philosophie, angels\u00e4chsische Erz\u00e4hlungen, skandinavische, italienische, spanische und s\u00fcdamerikanische Literatur \u2013 das war der pr\u00e4gende Schwerpunkt. Allerdings sch\u00e4tzte ich seit meiner fr\u00fchen Jugend die \u00e4ltere russischen Literatur, sp\u00e4ter kamen Chlebnikow, Jessenin, Daniil Charms hinzu \u2013 begeistert las ich Stanislaw Lems \u00fcberragende Science-Fiction-Erz\u00e4hlungen und die Gedichte von Wis\u0142awa Szymborska.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Unterschiede kann ich aufgrund meiner geringen Kenntnisse \u00f6stlichen Denkens und Erz\u00e4hlens nicht angemessen beschreiben. Ich sehe eher viele \u00c4hnlichkeiten sowohl in der \u00e4lteren Literatur als auch in der Suche nach Neuem und im \u00dcbergang zur Moderne, so auch in der Kunst. In der Musik habe ich viel mehr Kenntnisse \u2013 hier kenne ich alle wichtigen \u00f6stlichen Komponisten und ihre Werke, auch die der Moderne: Bartok, Janacek, Strawinsky, Zemlinsky, Szymanowsky, Prokofiew, Rachmaninow, Schostakowitsch, Weinberg, Lutoslawski, Ullmann, Penderecki, Gubaidulina, Kancheli, Schnittke, E\u00f6tv\u00f6s, Kurtag, Kancheli &#8230; Auch hier sehe ich eher die gegenseitigen Durchdringungen von West und Ost, der Versuch, das \u00d6stliche im Unterschied zum Westlichen zu charakterisieren, f\u00fchrt leicht zu Clich\u00e9-Untiefen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BENKEL welche deiner erfahrungen in china waren f\u00fcr dich am ungewohntesten und \u00fcberraschendsten und was wirkt von deiner lehrt\u00e4tigkeit dort nach?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BERGMANN Mich \u00fcberraschte, dass Studenten im 6. Semester in ihrer seelischen Reife kaum anders wirkten als deutsche Sch\u00fcler einer 10. oder 11. Klasse, oft geradezu noch kindlicher. Ich f\u00fchre das zur\u00fcck auf die starke Disziplinierung der Chinesen im Kindergarten und in der Schule. Das hat nicht nur zu tun mit der Herrschaft der kommunistischen Partei, sondern auch mit dem Kollektivgedanken, der schon in der Kaiserzeit eine gro\u00dfe Rolle spielte und in der konfuzianischen Tradition steht, die nun allerdings parteiideologisch umgedeutet wird. Auch die Ein-Kind-Politik hat dazu beigetragen, indem Kinder \u00fcberm\u00e4\u00dfig beh\u00fctet und verw\u00f6hnt werden. Mir fiel auch die politische Unwissenheit und Unaufgekl\u00e4rtheit auf \u2013 sie steht im Zusammenhang mit den Herrschaftsverh\u00e4ltnissen in China.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Genauso frappierend war f\u00fcr mich die nicht ganz unerwartete Best\u00e4tigung meiner Annahme, dass die Chinesen mir nicht fremd waren, im Gegenteil, ich kam mir in allen menschlichen Dingen vor, als w\u00e4re ich zu Hause.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Grad der Europ\u00e4isierung\/Amerikanisierung war erschreckend. Hier zeigt sich die Macht des global wirkenden Kapitalismus. Der einzige Sektor, der seine Eigenheit und Selbst\u00e4ndigkeit bewahren k\u00f6nnte, ist das chinesische Essen, dessen gesunde Qualit\u00e4t, Vielseitigkeit und Schmackhaftigkeit geradezu vorbildlich ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Lehrt\u00e4tigkeit zeigte mir, wie tief die Kluft zwischen der chinesischen Zeichensprache und unseren europ\u00e4ischen Sprachen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BENKEL wie gelang es dir, schicksalsschl\u00e4ge literarisch zu gestalten und aufzuheben?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BERGMANN Es gelang mir, Schicksalsschl\u00e4ge besser zu \u00fcberwinden, indem ich schrieb. Dabei achtete ich darauf, dass mein Schreiben nicht prim\u00e4r selbsttherapeutische Funktion annimmt, sondern allgemeinere Bedeutung. Ich schrieb nach dem Tod meiner ersten Frau meine Tr\u00e4ume auf und beobachtete, wie in den Tr\u00e4umen nach und nach die Gestorbene ferner r\u00fcckte und wie andere Bilder in den Vordergrund r\u00fcckten. Erst als ich Abstand von den mich betreffenden Inhalten der Tr\u00e4ume gewonnen hatte, Jahre sp\u00e4ter, verarbeitete ich einige Tr\u00e4ume in anderen erz\u00e4hlerischen Zusammenh\u00e4ngen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine andere Methode bestand darin, Erz\u00e4hlungen zu erfinden, die solche Trauertr\u00e4ume ersetzten, und das geschah bereits vor dem Erlebnis des Todes. Ich habe also die eigentlichen Tr\u00e4ume vorweggenommen, sie gleichsam vorgetr\u00e4umt. Allerdings besch\u00e4ftigten sich diese Erz\u00e4hlungen noch nicht mit dem Verlust, den ich erlitt, sondern dem Leid des vom Tode gezeichneten, verlorenen Menschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ganz bestimmt ist der Roman meiner Kindheit, \u201eDoppelhimmel\u201c, auch eine Verarbeitung erlittenen Schicksals: Erst das Fehlen des Vaters und dann der Verlust der Mutter nach der Auferstehung des Vaters. Aber das betrifft mehr den Plot. Wesentlicher ist die Reifung des Kindes, seine Individuation \u2013 am Schluss des Romans steht der Abschied von der Kindheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einem weiteren Roman, \u201eJanusd\u00e4mmerung\u201c, habe ich die Schicksalsschl\u00e4ge verarbeitet, die ich mir in meiner viel zu ausgedehnten Jugend selbst zuf\u00fcgte. Da diese Fehler l\u00e4ngst geheilt sind, fehlt der selbsttherapeutische Aspekt hier vollkommen \u2013 das Schicksal wird hier mehr ausgebeutet im Interesse der Erz\u00e4hlung, es wird zum Material, allenfalls zum Stoff einer allgemeinen Mahnung oder Abschreckung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BENKEL welche der aktuellen fehlentwicklungen, ungebremster egoismus, soziale kluften, umweltsch\u00e4den und gewalt, sind noch am ehesten korrigierbar?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BERGMANN Die Verringerung sozialer Unterschiede \u2013 mit vielleicht positiven Auswirkungen auf alle anderen Probleme.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BENKEL inwieweit helfen verfremdungen des todes im leben und wie oft bist du in deinen texten schon auferstanden?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BERGMANN Das ist die schwerste Frage. Der Tod ist in der Tat ein h\u00e4ufiges Motiv in meinen Erz\u00e4hltexten. In j\u00fcngeren Jahren kokettierte ich mit dem Tod, weil ich ihn in weiter Ferne glaubte. Ich sah in ihm eine Spielfigur \u2013 das passte immerhin zu meinen Erz\u00e4hlfiguren, die wesentlich j\u00fcnger waren als ich, der erz\u00e4hlende Verfasser. Je n\u00e4her das Ende meines Lebens r\u00fcckt, umso vorsichtiger werde ich mit einem solchen Spiel umgehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Geholfen<\/em> hat mir das Spiel mit dem Tod nicht, es sei denn, dass es der Ausdruck meiner Lebensfreude war, vielleicht auch unbewusster Trost beim \u00c4lterwerden. Aber das wei\u00df ich nicht. Das Verfremdungsspiel selbst macht Freude, solange man es sich leisten kann, weil man noch genug Leben vor sich zu haben glaubt. Ich habe jedenfalls mit dem Motiv des Todes keine tiefere Absicht gehabt au\u00dfer der, die Bedeutung des Lebens zu unterstreichen angesichts unserer Endlichkeit. Dieses memento mori f\u00fchrt wie schon in der Barockzeit den Leser unserer Zeit zu der doppelten Aufgabe: Carpe diem, ergreife den Tag, genie\u00dfe ihn \u2013 und das hei\u00dft auch: n\u00fctze deine Zeit f\u00fcr Wesentliches. Im Fall meines Romans \u201eJanusd\u00e4mmerung\u201c bedeutet das: Erkenne deinen Irrweg, geh nun einen besseren Weg. Janus hat am Ende des Romans die Chance einer Auferstehung, wenn er sich und seine Lage erkennt und \u00e4ndert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Ende des Romans \u201eDoppelhimmel\u201c ist der Weg Janus\u2018 aus der Kindheit in das Erwachsensein auch so etwas wie eine Auferstehung. Letztlich ist auch das Erwachen in jeden neuen Tag eine Auferstehung f\u00fcr den, der leben will. So gesehen ist mein ganzes Leben ein Auferstehungszyklus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-98948 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Kollegengespra\u0308che-250x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"250\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend<\/strong> \u2192 Zwischen 1995 und 1999 hat A.J. Weigoni im Rahmen seiner Arbeit f\u00fcr den VS <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25436\"><em>Kollegengespr\u00e4che<\/em><\/a> mit Schriftstellern aus Belgien, Deutschland, Rum\u00e4nien, \u00d6sterreich und der Schweiz gef\u00fchrt. Sie arbeiteten am gleichen \u201eProdukt\u201c, an der deutschen Sprache. Dieser Kollegengespr\u00e4ch zwischen Holger Benkel und Ulrich Bergmann steht in dieser Tradition.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 Lesen Sie auch ein <em>Kollegengespr\u00e4ch<\/em> mit Ulrich Bergmann, bei dem Weigoni sein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=50056\">Recherchematerial<\/a> ausbreitet. &#8211; Ein faszinierend langer Briefwechsel zwischen Ulrich Bergmann und HEL findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=9168\">hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 Es ist eine bildungsb\u00fcrgerliche Kurzprosa mit gleichsam eingebauter Kommentarspaltenfunktion, bei der Kurztexte von Ulrich Bergmann aus dem Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper,<\/em> und auch aus der losen Reihe mit dem Titel\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=40312\"><em>Splitter, nicht einmal Fragmente <\/em><\/a>aufploppen. Eine Einf\u00fchrung in seine\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em>\u00a0finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorbemerkung der Redaktion: F\u00fcr das Projekt Kollegengespr\u00e4che hat A.J. Weigoni einen Austausch zwischen Schriftstellern angeregt. Auf KUNO ist diese Reihe wieder aufgelebt. 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