{"id":103782,"date":"1989-12-22T12:41:07","date_gmt":"1989-12-22T11:41:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103782"},"modified":"2022-07-03T14:38:23","modified_gmt":"2022-07-03T12:38:23","slug":"neither","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/12\/22\/neither\/","title":{"rendered":"Neither"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Ich besch\u00e4ftige mich mit Schatten. Und darum geht es auch in der Beckett-Oper. Das Thema der Oper ist, dass unser Leben von allen Seiten von Schatten umgeben ist. Wir k\u00f6nnen nicht in den Schatten hineinsehen. Da wir aber nicht in den Schatten hineinsehen k\u00f6nnen, geht unsere Existenz nur bis dorthin und wir schwanken zwischen den Schatten des Lebens und des Todes.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Morton Feldman<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man muss schon Samuel Beckett heissen, damit ein 15\u00a0zeiliges Gedicht, das auf eine Postkarte passt, zu einem Libretto reicht, zumal der Ire die Oper als Kunstform rundweg ablehnte. Wir lesen im Booklet 87 W\u00f6rter, ein Poem ohne konkrete Figuren, von einer Handlung ganz zu schweigen, der Monolog eines orientierungslosen Ich im Niemandsland, im \u201eNeither\u201c: \u201eto and fro in shadow from inner to outer shadow\u201c, \u201ehin und her im Schatten von innerem zu \u00e4u\u00dferem Schatten\u201c. Feldman seinerseits verfasste dazu eine schwebende, k\u00f6rperlose Musik, die mit einer Opernpartitur im herk\u00f6mmlichen Sinne eigentlich wenig gemein hat. Wir h\u00f6ren ein flirrendes Ungef\u00e4hr, schwebendes Etwas, hermetische 50 Minuten Klang. Ein einnehmend einlullendes Nichts; und somit sicher ganz im Sinn von Beckett, der gegen Ende seines Leben immer mehr verstummte. Faszinierend zu h\u00f6ren, wie der Sopran von Sarah Leonard die Worte in langen, sich wiederholenden T\u00f6nen dehnt und in h\u00f6chsten Lagen zwischen minimalen Intervallen pendelt. Der Text gerinnt somit zu Klang, zerfranst in flirrende und stehende Vokallaute. Unter den Gesang hat Feldman einen tr\u00e4ge flutenden Klangteppich gelegt, der sich nie weiter als \u00fcber das Mezzopiano hinausbewegt und f\u00fcr den er die Notenstoffflicken repetitiv verkn\u00fcpft oder durch Pausen getrennt nebeneinandersetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Manchmal liegt in der bewussten Verneinung der Formen eine \u00d6ffnung hin zu einem\u00a0bet\u00f6rendes Klangschweben, welches die Formen derart sprengt, dass es einer Kategorisierung auch nicht mehr bedarf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p>Heute starb Samuel Beckett in Paris.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die einzige Oper von Morton Feldman stammt aus dem Jahr 1977. Ihr Libretto ist ein 16-zeiliges Gedicht von Samuel Beckett. Komponist und Librettist hatten sich zwei Jahre zuvor in Berlin kennengelernt, um eine Zusammenarbeit f\u00fcr die Oper Rom zu planen<\/p>\n<div id=\"attachment_103786\" style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-103786\" class=\"wp-image-103786 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Samuel_Beckett_Pic_1-200x300.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-103786\" class=\"wp-caption-text\">Photo: Roger Pinard, Biblioth\u00e8que nationale de France<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> <strong>\u2192<\/strong> Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen der Kultur, dies bezeugt der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>. Um den Widerstand gegen die gepolsterte Gegenwartslyrik ein wenig anzufachen schickte <span data-offset-key=\"d96ve-1-0\">Wolfgang Schlott<\/span><span data-offset-key=\"d96ve-2-0\"> dieses\u00a0 post-dadaistische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/02\/03\/handwerkliche-anleitungen-zur-ueberwindung-von-schreibblockaden\/\">Manifest<\/a>. Warum<\/span> Lyrik wieder in die Zeitungen geh\u00f6rt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/10\/07\/der-dichtung-eine-bresche-schlagen\/\">begr\u00fcndete<\/a> Walther Stonet, diese Forderung hat nichts an Aktualit\u00e4t verloren. Lesen Sie auch Maximilian Zanders <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=5418\">Essay <\/a>\u00fcber Lyrik und ein R\u00fcckblick auf den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/01\/08\/lyrik-katalog-bundesrepublik\/\"><em>Lyrik-Katalog Bundesrepublik<\/em><\/a>, sowie einen Essay \u00fcber den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/26\/lauschender-leser-und-redender-schreiber-2\/\">Lyrikvermittler<\/a> Theo Breuer. KUNO sch\u00e4tzt den minuti\u00f6sen Selbstinszenierungsprozess des lyrischen Dichter-Ichs von Ulrich Bergmann in der Reihe <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=27947\">Keine Bojen auf hoher See, nur Sterne \u2026 und Schwerkraft. Gedanken \u00fcber das lyrische Schreiben<\/a>. Lesen Sie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22835\">Portr\u00e4t <\/a>\u00fcber die interdisziplin\u00e4re T\u00e4tigkeit von Angelika Janz, sowie einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29450\">Essay<\/a> der <em>Fragmenttexterin.<\/em> Ein Portr\u00e4t von Sophie Reyer findet sich\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/08\/von-sappho-zu-sophie\/\">hier<\/a>, ein Essay fasst das transmediale Projekt<em> \u201e<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/04\/14\/bi-textualitaet\/\">Wortspielhalle<\/a>\u201c <\/em>zusammen<em>. <\/em>Auf KUNO lesen Sie u.a. Rezensionsessays von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/06\/17\/beschwoerungszauber\/\">Holger Benkel<\/a> \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/11\/12\/mit-deutschen-untertiteln\/\">Ralph Pordzik<\/a>,\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/12\/20\/wohnraeume-der-poesie\/\">Friederike Mayr\u00f6cker<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/03\/19\/welten-gegenwelten\/\">Werner Weimar-Mazur<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/06\/26\/wohnraeume-der-poesie-2\/\">Peter Engstler<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15177\">Birgitt Lieberwirth<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/08\/17\/der-grill-auf-der-hauswiese-der-welt\/\">Linda Vilhj\u00e1lmsd\u00f3ttir<\/a>, und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/09\/17\/rettungsversuche-der-literatur-im-digitalen-raum\/\">A.J. Weigoni<\/a>. Lesenswert auch die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/05\/16\/verseschmied-und-lyrikfischer\/\">Gratulation<\/a> von Axel Kutsch durch Markus Peters zum 75. Geburtstag. Nicht zu vergessen eine Empfehlung der kristallklaren Lyrik von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/01\/19\/die-lyrikerin-ines-hagemeyer\/\">Ines Hagemeyer<\/a>. Diese Betrachtungen versammeln sich in der Tradition von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/04\/04\/vauo\/\">V.O. Stomps<\/a>, dem Klassiker des Andersseins, dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/09\/24\/erinnerungen\/\">Bottroper Literaturrocker<\/a> &#8222;Biby&#8220; Wintjes und Hadayatullah H\u00fcbsch, dem Urvater des <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/06\/30\/wie-was-social-beat-ist-und-warum-und-warum-nicht\/\"><em>Social-Beat<\/em><\/a>, im KUNO-Online-Archiv. Wir empfehlen f\u00fcr Neulinge als Einstieg in das weite Feld der nonkonformistischen Literatur <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/04\/01\/nonkonformistische-literatur\/\">diesem Hinweis<\/a> zu folgen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich besch\u00e4ftige mich mit Schatten. Und darum geht es auch in der Beckett-Oper. Das Thema der Oper ist, dass unser Leben von allen Seiten von Schatten umgeben ist. Wir k\u00f6nnen nicht in den Schatten hineinsehen. 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