{"id":103769,"date":"2014-11-08T09:13:39","date_gmt":"2014-11-08T08:13:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103769"},"modified":"2024-07-20T15:52:47","modified_gmt":"2024-07-20T13:52:47","slug":"die-gleichberechtigung-von-high-low","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/08\/die-gleichberechtigung-von-high-low\/","title":{"rendered":"Die Gleichberechtigung von High &#038; Low"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Das Tolle an amerikanischen Essayisten ist: Die schreiben nicht als Theoretiker, sondern als Liebhaber \u00fcber ihren Gegenstand.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Thekla Dannenberg<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Robert Warshow war ein Essayist, Filmkritiker und Kulturtheoretiker, der beinahe vergessen ist. Er lebte in New York und schrieb \u00fcber Film und Massenkultur f\u00fcr &#8218;Commentary&#8216; und &#8218;The Partisan Review&#8216;. Gepr\u00e4gt von den intellektuellen Debatten und ideologischen Gr\u00e4ben der Drei\u00dfiger, den Auseinandersetzungen zwischen den kommunistischen Volksfront-Bewegungen und der Reaktion der McCarthy-\u00c4ra, publizierte er als \u203aantikommunistischer Linker\u2039 in den Vierzigern und F\u00fcnfzigern im Zweifrontenkrieg gegen den Stalinismus und McCarthyismus. Gemeinsamer Bezugspunkt der thematisch breitgef\u00e4cherten Texte zu Film (vornehmlich Gangsterfilm und Western), Massenkulturph\u00e4nomenen wie Comics, Theater und Literatur dieses au\u00dferordentlichen kritischen Temperamentes ist sein Festhalten an der &#8218;unmittelbaren Erfahrung&#8216; als Korrektiv ideologischer Verirrungen und integraler Bestandteil der Kritik.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Das Kino, und besonders das amerikanische, steht im Zentrum jenes ungel\u00f6sten Problems der \u201ePopul\u00e4rkultur\u201c, das die Kritik immer wieder in peinliche Verlegenheit bringt und das sich all unseren Bem\u00fchungen aufdr\u00e4ngt, den Charakter unserer Kultur zu verstehen und unser eigenes Verh\u00e4ltnis zu ihr zu bestimmen. Dass dieses Verh\u00e4ltnis \u00fcberhaupt einer Bestimmung bedarf, ist genau der Kern des Problems. Kulturell sind wir alle \u201eselbstgemacht\u201c, wir schaffen uns selbst, indem wir angesichts der immensen Vielzahl sich darbietender Anregungen eine Auswahl treffen. [\u2026] Meiner Meinung nach ist eine Kritik der Popul\u00e4rkultur dringend erforderlich, die guten Gewissens deren tiefgreifende und verst\u00f6rende Kraft anerkennen kann, ohne die \u00fcberlegenen Anspr\u00fcche der h\u00f6heren Kultur aus dem Auge zu verlieren.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Bewarb sich Robert Warshow mit dieser Skizze um 1954 um ein Stipendium der Guggenheim-Stiftung<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu den Artikeln, die in Warshows kurzer Lebensdauer ver\u00f6ffentlicht wurden, geh\u00f6rten &#8222;The Westerner&#8220; und &#8222;The Gangster as Tragic Hero&#8220;, Analysen des westlichen Films und des Gangster &#8211; Filmgenres unter kulturellen Gesichtspunkten. Er schrieb auch Essays, in denen er den Dramatiker Clifford Odets sowie George Herrimans Zeitungscomic Krazy Kat lobte. &#8222;Der &#8218;Idealismus&#8216; von Julius und Ethel Rosenberg&#8220; zeigte die hingerichteten amerikanischen Stalinisten in einem brutal ehrlichen Licht. In einer Kritik an The Crucible Warshow wurde argumentiert, dass Arthur Miller kein so kompetenter Dramatiker war, wie man es wahrnahm. Nach Fredric Wertham und Gershon Legman war Warshow der erste ernsthafte Kritiker, der \u00fcber EC Comics und sein Mad-Magazin schrieb, wenn auch aus einer gemessenen und zweideutigen Perspektive.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Nachdem ich 1958 den Text \u201eDer Westerner \u2013 ein amerikanischer Mythos\u201c von Robert Warshow gelesen hatte, ver\u00e4nderte sich meine Einsch\u00e4tzung des Western-Genres fundamental. Was ich bis dahin nur naiv bewundert hatte, bekam pl\u00f6tzlich ein theoretisches Fundament.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Hans Helmut Prinzler<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Warshow starb bedauerlicherweise bereits im Alter von 37 Jahren an einem Herzinfarkt. Die meisten seiner ver\u00f6ffentlichten Arbeiten wurden 1962 in dem Buch The Immediate Experience gesammelt. Eine erweiterte Ausgabe wurde 2001 von Harvard University Press ver\u00f6ffentlicht. Die vorliegende Anthologie vereinigt alle Film-Texte Warshows sowie weitere Essays, die er zu einer Reihe verwandter Aspekte der Popul\u00e4rkultur in Amerika geschrieben hat. David Denby zur amerikanischen Neuausgabe in 2002, der die deutsche \u00dcbersetzung folgt):<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">&#8218;Auf Grundlage von genau elf [\u2026] kritischen Essays \u00fcber den Film wird [\u2026] Robert Warshow seit langem zu den besten amerikanischen Filmkritikern aller Zeiten gez\u00e4hlt. Ich habe nicht die geringste Schwierigkeit, ihn in jenen kleinen journalistischen Pantheon zu heben, zu dem Gilbert Seldes, Otis Ferguson, James Agee, Mann Farber, Pauline Kael und Andrew Sarris geh\u00f6ren. Sieben Jahre nach Warshows Tod wurden die elf Texte zusammen mit seinen Artikeln \u00fcber Literatur, Theater, Comics und linke Kultur in dem Band &#8218;The Immediate Experience&#8216; zusammengefasst.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Selten wurde jemand, der so wenig geschrieben hat, so oft zitiert und in Anthologien aufgenommen. Die vorliegende Ausgabe erg\u00e4nzt den urspr\u00fcnglichen Text um acht bisher nicht enthaltene Buchbesprechungen. Hinzugekommen sind damit ein bewegender Artikel von Warshow \u00fcber Kafkas Tageb\u00fccher, bissige Bemerkungen \u00fcber Gertrude Stein und Ernest Hemingway sowie mit einem St\u00fcck \u00fcber Scholem Aleichem eine kurze, aber enorm n\u00fctzliche Definition von j\u00fcdischem Humor. Die Lekt\u00fcre wird zeigen, dass Warshow erfundene Geschichten liebte, selbst ganz schlichte: die schmerzlichen Zusammenst\u00f6\u00dfe von Chaplins Tramp mit der Gesellschaft um ihn herum, die herrlich redundanten Abenteuer von Krazy Kat, die unterschwellig moralischen Grundz\u00fcge der Western und Gangster-Filme. Doch Warshows Vorliebe f\u00fcr Fabeln \u2013 allgemein seine Liebe zu Filmen \u2013 war einer historisch schwer belasteten Vorgeschichte abgerungen [und] verband sich mit jener d\u00fcsteren Grundstimmung, die viele amerikanische Intellektuelle in den 40er und 50er Jahren teilten. Warshow und seine Kollegen hatten die Vernichtung der europ\u00e4ischen Juden erlebt und den m\u00f6rderischen Verrat am Idealismus durch die Sowjetunion. Vielleicht konnte die Illusion nur von einem Autor in der Mitte des Jahrhunderts auf so kraftvoll desillusionierte Weise gefeiert werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die unmittelbare Erfahrung<\/strong>: Filme, Comics, Theater und andere Aspekte der Popul\u00e4rkultur aus dem Amerikanischen, Essays von Robert Warshow, \u00fcbersetzt von Thekla Dannenberg. Vorwerke Taschenbuch. 2014<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-103770 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Robert-Warshow_Cover-205x300.jpg\" alt=\"\" width=\"205\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> KUNO hat ein Faible f\u00fcr die frei drehende Phantasie. Wir begreifen die Gattung des Essays als eine Versuchsanordnung, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen. Auch ein Essay handelt ausschliesslich mit Fiktionen, also mit Modellen der Wirklichkeit. Wir betrachten Michel de Montaigne als einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/04\/23\/die-ehe-ist-ein-vertrag-nur-der-erste-anfang-ist-frei\/\">Blogger aus dem 16. Jahrhundert<\/a>. Henry David Thoreau gilt als Schriftsteller auch in formaler Hinsicht als eine der markantesten Gestalten der klassischen amerikanischen Literatur. Als sorgf\u00e4ltig feilender Stilist, als hervorragender Sprachk\u00fcnstler hat er durch die f\u00fcr ihn <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/07\/12\/walden-life-in-the-woods\/\">charakteristische Essayform<\/a> auf Generationen von Schriftstellern anregend gewirkt. Karl Kraus war der erste Autor, der die kulturkritische Kommen\u00adtie\u00adrung der Welt\u00adlage zur Dauer\u00adbesch\u00e4f\u00adtigung erhob. Seine Zeit\u00adschrift \u201eDie Fackel\u201c war gewisser\u00adma\u00ad\u00dfen der erste <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/01\/29\/die-fackel\/\">Kultur-Blog<\/a>. Die Redaktion nimmt Rosa Luxemburg beim Wort und versucht in diesem Online-Magazin auch \u00fcberkommene <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/05\/01\/wie-entstand-die-maifeier\/\">journalistische Formen<\/a> neu zu denken. Enrik Lauer zieht die Dusche dem Wannenbad vor. Warum erstere im Sp\u00e4tkapitalismus \u2013 zum Beispiel als Zeit und Ressourcen sparend \u2013 zweiteres als Form der K\u00f6rperreinigung weitgehend verdr\u00e4ngt hat, ist einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/25\/wohlbefinden\/\">eigenen Betrachtung<\/a> wert. Ulrich Bergmann setzte sich mit den Wachowski-Br\u00fcdern und der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/06\/the-matrix-has-you\/\">Matrix<\/a> auseinander. Zum Thema K\u00fcnstlerb\u00fccher finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">weitere Betrachtungen<\/a> von J.C. Albers. Last but not least: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25524\"><em>VerDichtung \u2013 \u00dcber das Verfertigen von Poesie<\/em><\/a>, ein Essay von A.J. Weigoni in dem er dichtungstheoretisch die poetologischen Grunds\u00e4tze seines Schaffens beschreibt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Tolle an amerikanischen Essayisten ist: Die schreiben nicht als Theoretiker, sondern als Liebhaber \u00fcber ihren Gegenstand. Thekla Dannenberg Robert Warshow war ein Essayist, Filmkritiker und Kulturtheoretiker, der beinahe vergessen ist. 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