{"id":103686,"date":"2013-02-22T06:53:26","date_gmt":"2013-02-22T05:53:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103686"},"modified":"2022-06-13T07:00:06","modified_gmt":"2022-06-13T05:00:06","slug":"totenrede","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/02\/22\/totenrede\/","title":{"rendered":"Totenrede"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hans Leybold \u2013 ich mu\u00df ihn ja gekannt haben! Wir f\u00fchrten an den Kammerspielen in M\u00fcnchen zusammen Hauptmanns \u00bbHelios\u00ab auf. Er war ein Student. Er machte mich mit der \u00bbAktion\u00ab bekannt. Er negierte mein Ges\u00e4\u00df. Er reizte mich ma\u00dflos.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir fanden einen kleinen Verlag in M\u00fcnchen. Der hie\u00df Bachmair, H. F. S. X. Y. Bachmair. Anla\u00df vielen Gel\u00e4chters f\u00fcr uns. Sprach Leybold: \u00bbLasset uns eine Zeitschrift gr\u00fcnden!\u00ab Die hie\u00dfen wir \u00bbRevolution\u00ab. Als die Zeitschrift gegr\u00fcndet war, verlangten die Abonnenten ein Programm. Leybold sprach: \u00bbWohlan denn, Ihr \u2013, wennschon immerhin: Hier habet ihr ein Programm\u00ab. Und schrieb: \u00bbKampf gegen Seiendes, f\u00fcr Keimendes. Gegen Kunstportiere, Kulturportiere, Avenariusse, Scharrelm\u00e4nner, Obskuranten, Schw\u00e4rzlinge, Hertlinge, Hohlwege, Panteutschisten, Stagnaten, Kastraten. Gegen literaturbehaftete Oberlehrer, kunstsinnige Kritiker, allgemeine Rundschauer. In Summa: Gegen Zust\u00e4ndliches\u00ab. Und f\u00fcgte hinzu: \u00bbNichtschriftsteller heraus! Keine Literaten sollen gez\u00fcchtet werden\u00ab. Da hatte man denn die Revolution! Da war sie. 20 Jahre alt war der Kerl. Sehr hurtig. Und paffte einfach drauf los.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sprach jemand in Berlin: \u00bbWas ist das f\u00fcr eine Revolution, die ihr da macht in M\u00fcnchen! Da steht ja kein Satz Politik drin!\u00ab \u00bbRichtig\u00ab, sprach Leybold, \u00bbda steht kein Satz Politik drin. Was soll man tun?\u00ab 5 Minuten sp\u00e4ter waren wir konfisziert mit Nummer I.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbHolla\u00ab, sagte ich zu ihm, \u00bbda steht nur kein Sozialismus, keine Altersf\u00fcrsorge, kein Mutterheim, kein Rotes Kreuz drin. Und auch die Rosa Luxemburg wird nicht mitarbeiten. Noch Frau Zetkin\u00ab. \u00bbAaber: Politik, zum Donnerwetter, Politik\u00ab, sprachen wir zweistimmig, \u00bbist das etwas anderes als die Lehre von den Mitteln, mit denen man sich selbst oder eine Idee durchsetzt? Und wenn unsere Idee \u2013 na, sagen wir schon \u2013 \u203ader Geist\u2039 ist, ist es vielleicht unsere Politik, da\u00df wir \u203aden Geist\u2039 durchsetzen?\u00ab Unter Geist verstanden wir aber alles, was gegen das Ges\u00e4\u00df, gegen die Verdauung und gegen das Finanzherz gerichtet ist. Jeglichen Fanatismus im Gegensatz zu jeglichem Traum- und Innenleben. Jegliche Anarchie im Gegensatz zu jeglichem Bonzentum (sei&#8217;s, wer&#8217;s sei). Wir versuchten, das \u00fcberlegene geistige Kaliber in unsere Hand zu bekommen und es spielen zu lassen. Wir suchten jede Handlung, jedes Unternehmen, jede Zeile Geschriebenes nur im Zusammenhang mit unserer Endabsicht zu \u00e4stimieren, f\u00fcr Komplexe empfindlicher als f\u00fcr \u00c4u\u00dferungen. F\u00fcr Wandlungen dankbarer als f\u00fcr \u00bbCharakter\u00ab. Unser Ziel aber hie\u00df: Geistige Konspiration zwecks Erm\u00f6glichung geistiger Werte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Inzwischen verspritzten wir Glossen und Gedichte, nach allen Seiten. \u00bbDie Revolution\u00ab verkrachte nach 5 Nummern. Leybold wurde nacheinander Mitarbeiter des \u00bbM\u00e4rz\u00ab, des \u00bbVorw\u00e4rts\u00ab, der \u00bbAktion\u00ab, der \u00bbZeit im Bild\u00ab, der \u00bbTat\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Bedeutsamste, was er in dieser Zeit schrieb, scheint mir eine Glosse in \u00bbZeit im Bild\u00ab gewesen zu sein. Dort vertrat er die Ansicht: \u00bbEs mu\u00df (in diesem Volk) immer etwas los sein. Immer etwas knallen, passieren. Immer wer angezaubert werden. Laut erhebet eure Stimmen, lauter, lauter. Der Zweck heiligt die Mittel\u00ab. Ein richtiger Jesuit, was? \u00bbDie Stillen im Lande\u00ab, meinte er, \u00bbwerden nicht geh\u00f6rt\u00ab. Er meinte damit solche Herren Hermann Stehr, Gustav Landauer, Paul Boldt und andere.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und es begab sich, da\u00df uns der Einfall kam, Franz Blei zu propagieren. Wir fanden das sehr witzig. Blei hatte immer propagiert. Warum sollte er nicht selbst einmal propagiert werden? Also spielte er die Urauff\u00fchrung seiner \u00bbWelle\u00ab in den M\u00fcnchener Kammerspielen. Leybold programmatelte. Seewald inszenierte. Ich zeichnete verantwortlich. Wir bewarben uns um eine Theater-Direktion in Dresden. Wir versuchten das M\u00fcnchener K\u00fcnstlertheater in unsere Hand zu bekommen (wohl wissend, da\u00df das Theater der springende Punkt ist). Wir planten eine internationale Anthologie von Lyrik. \u00bbTeufel, Teufel\u00ab, sagte Leybold, setzte sich in die Eisenbahn und fuhr nach Kiel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir entspannen einen heftigen Briefwechsel. Er warb um mich, vorsichtig und h\u00f6flich, wie um eine obsz\u00f6ne Frau. Wir erkannten einander und setzten ein Psychofakt in die Welt, das wir Baley nannten und das den Zweck hatte, Posen, Gesten, Vexationen zu kultivieren. Arrogant zu sein wie \u2013 wie Einstein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich befreundete mich mit Kandinsky und ging zum Expressionismus \u00fcber. Er seinerseits empfahl mir Heinrich Manns \u00bbProfessor Unrat\u00ab zur Lekt\u00fcre. Ich schrieb ihm:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWir, Bruder, toben mit den grellen Bumerangs, Trompetenb\u00e4ume schrillen in Cis-Moll.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir schnellen durch die Luft gleich Fetzen gr\u00fcnen Tangs,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Blut\u00e4ugig fliegende Fische voller Ha\u00df und Groll.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich suchte ihn von Heinrich Mann und seiner Begeisterung f\u00fcr die Sachlichkeit abzubringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In demselben Moment erkl\u00e4rte Kaiser Wilhelm, da\u00df das mit den Franzosen und Russen so nicht weitergehen k\u00f6nne. Und Leybold schwenkte <em>auch<\/em> die Fahne und blies <em>auch<\/em> ins Hifthorn und machte <em>auch<\/em> den Krieg mit Frankreich. Mir pers\u00f6nlich ist ja der Krieg unsympathisch, denn es ist eine Rigorosit\u00e4t, da\u00df Leute wie P\u00e8guy erschossen werden. Aber man kann nichts machen. Denn der Krieg ist eine Notwendigkeit Gottes. Dazu kam, da\u00df Leybold eine Sympathie hatte f\u00fcr Kanonenrohre, weil sie ihn mit Freudschen Theorien erf\u00fcllten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch hiervon genug. Sie werden wissen wollen, was dieser geniale junge Mann positiv geleistet hat. Nun denn! Er starb auf dem Felde der Ehre (viele Russen sterben anderswo). Er hat eine Zeitschrift gegr\u00fcndet, die einen sehr bedeutungsvollen Namen hat. Er p\u00f6belte gegen Otto Ernst, gegen die Epigonen des Turnvaters Jahn, gegen Roda Roda, Feistritz, Walter Kollo und viele andere. Was an sich nichts bedeutet. Aber er fa\u00dfte diese Insekten in Kristall, putzte sie auf, hing ihnen Schellen und Lendensch\u00fcrze um, so da\u00df mit der Zeit eine recht niedliche Negertruppe daraus geworden w\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sodann: Er tat furchtbar viele Frauen auf: bei ihm eine Form der Propagierung des \u00f6ffentlichen Lebens. Glich sich dadurch Ulrich von Hutten an. Dichtete:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Unglaublich viele sch\u00f6ne Frauen gibt es in der Stadt,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Sie haben bla\u00dfgepuderte Wangen und ziegelrote M\u00fcnder,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Sie sind teils kr\u00e4nklich, teils ges\u00fcnder,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Manche quellen \u00fcber, manche werden niemals satt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er fiel Athleten an, Kunstturner, Studenten, Caf\u00e9tiers und stiftete auf diese Weise eine Art abgek\u00fcrzter Polemik. Er hielt es f\u00fcr ganz unwichtig, Literatur zu machen, und f\u00fcr sehr schwer, ein deutscher Schriftsteller zu werden, weil das eine contradictio in adjecto sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber das alles half ihm nichts. Eines Tages, mitten im Krieg, st\u00fcrzte er vom Pferd, vor der Stadt Namur, kam zur\u00fcck nach Berlin, pflanzte einen Vollbart ins Caf\u00e9 des Westens und begab sich in seine Garnison Itzehoe, von wo er depeschieren lie\u00df, er sei mit dem Tode abgegangen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist unerh\u00f6rt und scheu\u00dflich, da\u00df dieser junge Mann aus dem Kriege nur die physische Konsequenz ziehen mu\u00dfte, w\u00e4hrend die geistige ihm versagt blieb. Er ging ein (literarisch gesprochen). Er verendete (literarisch gesprochen). Er starb in irgendeiner Ecke, ohne einen Laut, und ohne da\u00df er noch jemand gesprochen h\u00e4tte. F\u00fcrs Vaterland. Aber er wollte hinaus aus dem Vaterland. Immer. Nur hinaus aus dem Vaterland. Mangel an Vaterland war direkt ein Defekt bei ihm. So war er geartet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sehe ihn vor mir, unb\u00e4ndig lachend. \u00bbMenschenskind, eine Totenrede?\u00ab Schon klemmt er das Monokel ins Auge, gibt seinem K\u00f6rper einen Ruck und sistiert die Vorstellung. Oder auf der Stra\u00dfe: Er tr\u00e4gt einen blauen Mantel, geht mit verkniffenen, breitgeschwungenen Augenbrauen nach dem Tempo einer Automobilhupe und spuckt. \u00bbAlter Bulle\u00ab, sage ich zu ihm, \u00bbwir werden noch manchen Kampf miteinander zu k\u00e4mpfen haben.\u00ab \u00bbWoll, woll\u00ab, sagt er, im raschen Gehen auf der Stra\u00dfe, w\u00e4hrend der Mantel fliegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Widersprechen Sie nicht! Kaufen Sie seine nachgelassenen Glossen und Gedichte, die ich herausgeben werde. Er ist hin. Es mu\u00df ihm sehr schwer gefallen sein, wie ich ihn kenne. Aber es ist nichts zu machen. Gedenken Sie seiner! Haben Sie Mitleid! Seien Sie freundlich! Sie alle haben seinen Tod mitverschuldet. Alle, wie Sie auch hier unten sitzen. M\u00f6ge Ihnen sein Name einfallen, wenn Sie Ihre Kinder s\u00e4ugen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe dem nichts hinzuzuf\u00fcgen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-99423\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Hugo_Ball_Cabaret_Voltaire-e1645506781248.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"300\" \/>Im Mai 1915 emigrierte Hugo Ball gemeinsam mit Emmy Hennings in die Schweiz, wo er zun\u00e4chst in Z\u00fcrich wohnte. Er tingelte mit einem Variet\u00e9-Ensemble als Klavierspieler und Texter durch das Land. Schlie\u00dflich kam er in Kontakt mit der Tanzschule von Rudolf von Laban, die als Treffpunkt der Dadaismusbewegung galt. Im Februar 1916 gr\u00fcndete er mit Hans Arp, Tristan Tzara und Marcel Janco in Z\u00fcrich das Cabaret Voltaire, die als \u201eWiege des Dadaismus\u201d bezeichnet wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14599\">Artikel<\/a> \u00fcber die Gr\u00fcndung des Cabaret Voltaire.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Hans Leybold \u2013 ich mu\u00df ihn ja gekannt haben! Wir f\u00fchrten an den Kammerspielen in M\u00fcnchen zusammen Hauptmanns \u00bbHelios\u00ab auf. Er war ein Student. Er machte mich mit der \u00bbAktion\u00ab bekannt. Er negierte mein Ges\u00e4\u00df. 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