{"id":103657,"date":"2013-02-05T05:32:04","date_gmt":"2013-02-05T04:32:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103657"},"modified":"2022-06-13T05:36:56","modified_gmt":"2022-06-13T03:36:56","slug":"das-erlebnis-gott","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/02\/05\/das-erlebnis-gott\/","title":{"rendered":"Das Erlebnis Gott"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unser erstes Erlebnis ist, bemerkenswerter Weise, ein Entschwund. Eben noch waren wir alles, unabgeteilt, war unabteilbar von uns irgendwelches Sein \u2013 da wurden wir ins Geborenwerden gedr\u00e4ngt, wurden zu einem Restteilchen davon, das fortan bestrebt sein mu\u00df, nicht in immer weitergehende Verk\u00fcrzungen zu geraten, sich zu behaupten an der sich immer breiter vor ihm aufrichtenden Gegenwelt, in die es aus seiner Allf\u00fclle fiel wie in \u2013 zun\u00e4chst beraubende \u2013 Leere.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So erlebt man zuerst gleichsam etwas schon Vergangenes, eine Abwehr des Gegenw\u00e4rtigen; die erste \u00bbErinnerung\u00ab \u2013 so w\u00fcrden wir es ein wenig sp\u00e4ter hei\u00dfen \u2013 ist gleichzeitig ein Choc, eine Entt\u00e4uschung durch Verlust dessen, was nicht mehr ist, und ein Etwas von nachwirkendem Wissen, Gewi\u00dfsein, da\u00df es noch zu sein <em>h\u00e4tte<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies ist das Problem der Urkindheit. Es ist auch das aller <em>Urmenschheit<\/em>, da\u00df sich in ihr eine All-eingeborenheit weiterbekundet neben den Erfahrungen des zunehmenden Bewu\u00dftwerdens: wie eine gewaltige M\u00e4r von unverlierbarer Teilhaberschaft an Allmacht. Und die fr\u00fche Menschheit wu\u00dfte sich den Glauben daran derma\u00dfen zuversichtlich zu erhalten, da\u00df die gesamte Welt des Augenscheins menschlich zug\u00e4nglicher Magie unterstellt erschien. Dauernd bewahrt das Menschentum etwas von diesem Unglauben an die Allgemeing\u00fcltigkeit der Au\u00dfenwelt, die einmal mit ihm ungeschieden Ein-und-dasselbige schien; dauernd \u00fcberbr\u00fcckt es den f\u00fcr sein Bewu\u00dftsein entstandenen Ri\u00df mit Hilfe der Phantasie, wenngleich diese das Modell ihrer g\u00f6ttlichen Korrekturen auch eben dieser mehr und mehr wahrgenommenen Au\u00dfenwelt angleichen mu\u00df. Dies Dar\u00fcber und Daneben, dies phantasierte Duplikat \u2013 berufen zu vertuschen, was sich mit dem Menschentum Fragw\u00fcrdiges zugetragen hat \u2013 nannte der Mensch seine Religion.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Deshalb kann es auch einem heutigen oder gestrigen Kinde geschehen \u2013 falls es noch irgendwo ganz selbstverst\u00e4ndlich umstellt ist von elterlicher Gl\u00e4ubigkeit, von \u00bbF\u00fcr-wahrhaltungen\u00ab \u2013, da\u00df es das religi\u00f6s Geglaubte \u00e4hnlich unwillk\u00fcrlich einheimst wie die sachlichen Wahrnehmungen. Denn gerade seinen kleinsten Jahren, der kleinsten Unterscheidungsf\u00e4higkeit, eignet noch die Urf\u00e4higkeit, nichts f\u00fcr unm\u00f6glich und das Extremste f\u00fcr das Wahrscheinlichste zu halten; alle Superlative geben sich noch ein magisches Stelldichein im Menschen als nat\u00fcrlichste Voraussetzungen, bevor er sich an den Mittelm\u00e4\u00dfigkeiten und Unterschiedenheiten des Tats\u00e4chlichen gr\u00fcndlich genug gerieben hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man denke nicht, einem religi\u00f6s unbeeinflu\u00dften Kinde werde solche Vorzeit ganz erspart: die kindlichste Reaktion geschieht \u2013 infolge noch ungen\u00fcgender Unterscheidungskraft und um so fragloserer Wunschkraft \u2013 <em>immer<\/em> zun\u00e4chst aus dem Superlativischen heraus. Denn zu Beginn entschwindet unsere \u00bbAll-eingeborenheit\u00ab unserm Urteil nicht ohne diese Hinterlassenschaft, die sich \u00fcber die Gegenst\u00e4nde unserer ersten Anh\u00e4nglichkeiten oder ersten Emp\u00f6rungen legt wie Verkl\u00e4rung oder wie Verzerrung ins \u00dcberdimensionale \u2013 wie ein noch restloses Allumfangen selber. Ja, man darf sagen: wo etwa zeitliche Umst\u00e4nde \u2013 beispielsweise die heutigen oder die von morgen \u2013 einem Kinde allzuviel davon und von den sich ganz unvermeidlich daran anschliessenden Entt\u00e4uschungen ersparen m\u00f6chten, wo seine N\u00fcchternheit allzufr\u00fch kritisch einsetzen mu\u00df: da w\u00e4re eher zu f\u00fcrchten, ob der nat\u00fcrliche Phantasietrieb, der unserer Verstandeswachheit so sehr lange vorangeht, sich nicht unnat\u00fcrlich aufstauen k\u00f6nnte, um sich dermaleinst am n\u00fcchtern Realen in gespenstischen \u00dcbertreibungen zu r\u00e4chen, und ob er nicht eben damit, unter solchem nachtr\u00e4glichen Drang, gerade die sachlichen Ma\u00dfst\u00e4be auslie\u00dfe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wohl aber mu\u00df man hinzuf\u00fcgen: beim normalen Kinde weicht ein allzu \u00bbreligi\u00f6ses\u00ab Erzogensein von selbst vor zunehmender Kritik am Wahrgenommenen \u2013 \u00e4hnlich wie die ausschlie\u00dfliche Bevorzugung des M\u00e4rchenglaubens vor dem brennenden Interesse an der Realit\u00e4t. Geschieht dies nicht, so wird meistens eine Entwicklungshemmung vorliegen, eine Unstimmigkeit zwischen dem, was dem Leben entgegentreibt, und dem, was z\u00f6gert, sich mit dessen Bedingtheiten zu befreunden. \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da\u00df mit unserm Geborenwerden ein Ri\u00df \u2013 zwischen Welt und Welt \u2013 zwei Existenzarten fortan trennt, das l\u00e4\u00dft das Vorhandensein einer vermittelnden Instanz sehr begehrenswert werden. <em>In meinem Fall<\/em> m\u00f6gen die \u00fcberall einsetzenden Kleinkindkonflikte einen gewissen Zur\u00fcckrutsch gezeitigt haben \u2013 aus bereits angepa\u00dfterer Urteilsweise in eine rein phantasierende, wobei sozusagen die Eltern und die elterlichen Standpunkte verlassen (fast verraten) wurden f\u00fcr ein totaleres Umfangen- und Aufgenommensein, f\u00fcr eins, worin man sowohl hingegeben war an noch gr\u00f6\u00dfere \u00dcbermacht als auch in ihr teilhaftig jeder Selbstherrlichkeit, ja Allm\u00e4chtigkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man stelle sich das etwa im Bilde vor: als habe man sich vom Elternscho\u00df, von dem man auch manchmal niedergleiten mu\u00df, mitten auf den Gottesscho\u00df gesetzt, wie auf den eines noch viel verw\u00f6hnendem, alles billigenden Gro\u00dfvaters, der so schenkfroh ist, als habe er alle Taschen voll und als w\u00fcrde man dadurch fast ebenso allm\u00e4chtig wie er, wenn auch wohl nicht so \u00bbgut\u00ab; er bedeutet eigentlich: beide Eltern ineinandergest\u00fclpt: m\u00fctterliche Scho\u00dfw\u00e4rme und v\u00e4terliche Machtvollkommenheit. (Sie beide scheiden und unterscheiden, als Macht- und als Liebessph\u00e4re, ist schon ein gewaltiger Bruch im sozusagen wunschlos-vorweltlichen Wohlsein.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was aber bewirkt im Menschen \u00fcberhaupt eine solche F\u00e4higkeit, ein Phantasiertes f\u00fcr schlechthin Wirkliches zu nehmen? Doch nur die weiterwirkende Unf\u00e4higkeit, sich auf die Au\u00dfenwelt, auf dieses Au\u00dferhalb Unser (gro\u00df geschrieben!), das wir gar nicht voraussetzen konnten, zu beschr\u00e4nken \u2013 als real voll anzuerkennen, was uns nicht mit-in-sich enth\u00e4lt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sicherlich wird dies ein Hauptgrund gewesen sein, warum mich die g\u00e4nzliche Unsichtbarkeit dieser dritten Macht, der \u00dcbermacht auch noch \u00fcber den Eltern, die letztlich ja doch auch nur durch diese alles empfingen, erstaunlich wenig st\u00f6rte. Es ergeht ja allen f\u00fcr-wahr-haltenden wachechten Gl\u00e4ubigen so. In meinem Fall kam noch ein Nebengrund hinzu: das war eine sonderbare Angelegenheit mit unsern Spiegeln. Wenn ich da hineinzuschauen hatte, dann verdutzte mich gewisserma\u00dfen, so deutlich zu erschauen, da\u00df ich nur <em>das<\/em> war, was ich da sah: so abgegrenzt, eingeklaftert: so gezwungen, beim \u00dcbrigen, sogar N\u00e4chstliegenden einfach <em>aufzuh\u00f6ren<\/em>. Blickte ich nicht hinein, dr\u00e4ngte sich mir dies nicht ganz so auf, doch irgendwie leugnete mein eignes Empfinden den Umstand, nicht in und mit Jeglichem vorhanden zu sein, sondern ohne Aufnahme darein, gleichsam daran obdachlos geworden. Es erscheint reichlich anormal, denn mir kommt vor, als wenn ich mich auch sp\u00e4ter noch zeitweise daran gesto\u00dfen h\u00e4tte, wo l\u00e4ngst das Spiegelbild eine interessierte Bezugnahme zum eignen Bilde ausdr\u00fcckt. Jedenfalls aber haben solch fr\u00fche Vorstellungen dazu beigetragen, mir sowohl Allgegenwart wie Unsichtbarkeit des Lieben Gottes zu etwas absolut nicht Anst\u00f6\u00dfigem werden zu lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Freilich ist klar, inwiefern ein Gottesgebilde, aus so fr\u00fchen Sensationen zusammengebastelt, nicht sehr lange vorhalten kann; weniger lange als verst\u00e4ndiger, verst\u00e4ndlicher bewerkstelligte \u2013 wie uns ja auch Gro\u00dfv\u00e4ter vor den lebensf\u00e4higem Eltern zu sterben pflegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An einer kleinen Erinnerung wird mir die Methode, womit ich Zweifel abgehalten haben mag, plausibel: In einem prachtvollen Knallbonbon, mir von meinem Vater anl\u00e4\u00dflich eines Hoffestes mitgebracht, mutma\u00dfte ich goldene Kleider; als man mich jedoch belehrte, es enthielte nur Kleider aus d\u00fcnnem Seidenpapier mit goldenen R\u00e4ndchen \u2013 da lie\u00df ich es ungeknallt. So <em>blieben<\/em> darin gewisserma\u00dfen dennoch goldene Kleider.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch die gottgro\u00dfv\u00e4terlichen Geschenke bedurften keiner Sichtbarkeit f\u00fcr mich, gerade weil sie ma\u00dflos an Wert und F\u00fclle und mir so absolut sicher waren und insbesondere <em>bedingungslos<\/em> sicher: nicht etwa, wie sonstige Geschenke, an Bravheit gebunden. Prangten doch sogar die auf Geburtstagstischen eigentlich nur da, weil man brav gewesen war oder es hoffentlich sein w\u00fcrde. Nun war ich h\u00e4ufig ein \u00bbschlimmes\u00ab Kind, mu\u00dfte deshalb sogar peinliche Bekanntschaft mit einem Birkenreisig machen \u2013 was ich auch nie verfehlte, dem Lieben Gott ostentativ zu klagen. Er erwies sich hierin v\u00f6llig meiner Meinung, ja er schien mir so zu ergrimmen, da\u00df ich manchesmal, wenn ich just in edelm\u00fctiger Stimmung mich befand (was keineswegs oft der Fall war), ihm gut zuredete, die Anwendung dieses Birkenreisigs durch meine Eltern auf sich beruhen zu lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich wird dieses Phantasietreiben es auch meiner t\u00e4glichen Umgebung gegen\u00fcber nicht selten zu allerhand phantastischen Beigaben zu den Wirklichkeitsvorg\u00e4ngen gebracht haben, die man meistens wohl l\u00e4chelnd \u00fcberging. Bis eines Sommertages, als eine um ein wenig \u00e4ltere kleine Verwandte und ich von unserm Spaziergang heimkamen und gefragt wurden: \u00bbNun ihr Ausfl\u00fcgler, was habt ihr denn alles erlebt ?\u00ab \u2013 ich ungek\u00fcrzt ein ganzes Drama von mir gab. Meine kleine Begleiterin, in ihrer kindlichen Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit aufgest\u00f6rt, starrte mich fassungslos an und warf lauten und schrecklichen Tones dazwischen: \u00bbAber du l\u00fcgst ja!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mir scheint, es wird wohl seitdem gewesen sein, da\u00df ich mich bem\u00fchte, meine Aussagen genau zu machen \u2013 das hie\u00df f\u00fcr mich aber: auch nicht das kleinste St\u00fcckchen hinzuzuschenken, obschon dieser erzwungene Geiz mich arg betr\u00fcbte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem Lieben Gott berichtete ich \u00fcbrigens, nachts im Dunklen, nicht nur von mir: ihm erz\u00e4hlte ich \u2013 freigebig und unaufgefordert \u2013 ganze Geschichten. Mit diesen Geschichten hatte es eine eigene Bewandtnis. Sie erscheinen mir herausgeboren aus der Notwendigkeit, zum Gott auch noch die ganze Welt hinzuzuf\u00fcgen, die in aller Breite ja vorhanden war neben unserer insgeheimen, und von deren Wirklichkeit mich dieses Extraverh\u00e4ltnis sonst eher ablenkte, als da\u00df es mich in ihr voll beheimatet h\u00e4tte. Nicht zuf\u00e4llig also entnahm ich den Stoff der Geschichten wirklichen Begebenheiten oder Begegnungen mit Menschen, Tieren oder Gegenst\u00e4nden; f\u00fcrs M\u00e4rchenartige war ja durch den Gott-Zuh\u00f6rer schon gen\u00fcgend gesorgt, es brauchte nicht betont zu werden; im Gegenteil handelte es sich einzig darum, sich von der <em>Wirklichkeit<\/em>, sozusagen exakt, zu \u00fcberzeugen. Freilich konnte nichts erz\u00e4hlt werden, was der ebenso allwissende wie allm\u00e4chtige Gott nicht bereits gewu\u00dft h\u00e4tte; doch gerade dies verb\u00fcrgte mir ja die unbezweifelbare Tats\u00e4chlichkeit des Erz\u00e4hlten, weshalb ich auch, nicht ohne Genugtuung, jedem Beginn das W\u00f6rtchen hinzuf\u00fcgte:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbwie Du wei\u00dft\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Des j\u00e4hen Endes, welches dies etwas bedenkliche Phantasieverh\u00e4ltnis fand, hab&#8216; ich mich erst ganz sp\u00e4t, bereits gegen &#8217;s Alter, in seinen <em>Einzelheiten<\/em> wiedererinnert; es findet sich aufgezeichnet in einer kleinen Erz\u00e4hlung \u00bbDie Stunde ohne Gott\u00ab, die indessen entwertet ist durch den Umstand, da\u00df das Kind darin in fremdes Milieu, in abweichende Verh\u00e4ltnisse hineingesetzt ist \u2013 vielleicht, weil ich zur Gestaltung des Intimsten daran noch immer einer geringen \u00e4u\u00dferlichen Distanz bedurfte. Das Tats\u00e4chliche war folgendes:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Knecht, der winters aus unserm Landhaus in unsere Stadtwohnung frische Eier brachte, tat mir kund, da\u00df vor dem Miniaturh\u00e4uschen, welches ich inmitten des Gartens ganz allein zu eigen besa\u00df, einla\u00dfbegehrend \u00bbein Paar\u00ab gestanden habe, das von ihm jedoch abgewiesen worden sei. Als er das n\u00e4chste Mal wiederkam, fragte ich sofort nach dem Paar, wohl weil es mich beunruhigte, da\u00df es inzwischen gefroren und gehungert haben mu\u00dfte; wohin mochte es sich gewendet haben? \u2013 Ja, entfernt habe es sich gar nicht, meldete er. \u2013 Also dann stehe es immer noch vor dem H\u00e4uschen ? \u2013 Nun, das doch auch nicht: es habe sich n\u00e4mlich allm\u00e4hlich ganz ver\u00e4ndert, immer d\u00fcnner und kleiner sei es geworden: derma\u00dfen heruntergekommen sei es, und endlich vollends zusammengesunken; denn als er eines Morgens vor dem H\u00e4uschen gefegt, da habe er nur noch die schwarzen Kn\u00f6pfe vom wei\u00dfen Mantel der Frau vorgefunden und vom ganzen Mann nur noch einen zerbeulten Hut, den Platz aber, wo das gelegen, noch bedeckt von beider vereisten Tr\u00e4nen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Unbegreifliche an dieser Schauerm\u00e4r enthielt f\u00fcr mich nun seinen sch\u00e4rfsten Stachel nicht mehr im Mitleid mit den Beiden, sondern am R\u00e4tsel der Verg\u00e4nglichkeit, Zerschmelzbarkeit von so fraglos Vorhandenem: als hielte irgend etwas die naheliegende L\u00f6sung als eine allzu harmlose von mir fern, w\u00e4hrend doch alles in mir in steigender Leidenschaft Antwort heischte. Wahrscheinlich noch in derselben Nacht focht ich dieses Antwortheischen mit dem Lieben Gott aus. F\u00fcr gew\u00f6hnlich hatte er sich ja nicht damit zu befassen, er hatte bei mir sozusagen nur Ohr zu sein f\u00fcr das, was er selber bereits wu\u00dfte. Auch diesmal mutete ich ihm nicht viel zu: seinem stummen Munde brauchten ja nur ein paar kurze Worte \u00fcber die unsichtbaren Lippen zu gehen: \u00bbHerr und Frau Schnee.\u00ab Da\u00df er sich dazu nicht verstand, bedeutete jedoch eine Katastrophe. Und es war nicht nur eine pers\u00f6nliche Katastrophe: sie ri\u00df den Vorhang auseinander vor einer unaussprechlichen Unheimlichkeit, die dahinter gelauert hatte. Denn nicht nur von <em>mir<\/em> hinweg entschwand ja der Gott, der auf den Vorhang draufgemalt gewesen war, sondern <em>\u00fcberhaupt<\/em> \u2013 dem ganzen Universum entschwand er damit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wo uns Analoges an einem lebenden Menschenkinde zust\u00f6\u00dft, an dem wir uns etwa entt\u00e4uschten und umlernen mu\u00dften, von dem wir uns verlassen und preisgegeben f\u00fchlten, da bleibt die M\u00f6glichkeit, uns innerhalb der gleichen Realit\u00e4t irgendwann zurechtzufinden, den Augenfehler, womit wir sie ansahen, zu korrigieren. Etwas dergleichen geschieht jedem Menschen, jedem Kinde, sp\u00e4ter oder fr\u00fcher, ein Bruch geschieht zwischen Erwartetem und Vorgefundenem \u2013 ob \u00e4rger oder heilbarer, das erscheint in der Erfahrung als Gradesunterschied. Aber im Fall Gottes erscheint es als Wesensunterschied, zum Beispiel auch in der Tatsache, da\u00df mit dem Schwinden der Gl\u00e4ubigkeit an Gott keineswegs die von ihm herr\u00fchrende Glaubensf\u00e4higkeit als solche \u2013 die an irreale M\u00e4chte \u00fcberhaupt \u2013 hinf\u00e4llig wird. So entsinne ich mich eines Augenblicks w\u00e4hrend der bei uns \u00fcblichen Hausandachten, wo der Name des Teufels oder teuflischer Gewalten vorgelesen wurde und mich dies f\u00f6rmlich aus meiner Lethargie weckte: gab es <em>den<\/em> noch?!, war am Ende <em>er es<\/em>, der mich vom Gottesscho\u00df hatte fallen lassen, auf dem ich es mir so hold-bequem gemacht ?! Und wenn er es gewesen, warum hatte ich mich gar nicht gewehrt? Hatte ich ihm dadurch nicht geradezu Vorschub geleistet?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn ich mit solchen Worten versuche, mir den vor\u00fcberfliegenden und dennoch sich mir so ged\u00e4chtnisfest eingegrabenen Augenblick anzudeuten, so will ich damit insbesondere <em>einen<\/em> Ton darin zum Nachklingen bringen: nicht etwa den eines <em>Mitschuldigseins<\/em> am Gottesverlust \u2013 aber den einer Art von <em>Mitwisserschaft<\/em>: einer schon vorhergehenden Witterung davon. Denn die erstaunliche Belanglosigkeit des Anlasses, bei dem ich meinen Herrgott auf die Probe gestellt, machte es derma\u00dfen unglaubhaft, da\u00df ich nicht <em>selber<\/em> auf die L\u00f6sung gekommen war \u2013 nicht selber Herrn und Frau Schnee entlarvt hatte, denen gerade Kinderh\u00e4nde doch so gern zu Existenz verhelfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Vorstellung vom Unheimlichen, das sich mir aufgetan, spielte keine weitere Rolle in meiner Kindheit: es tat nur auch mit bei der Schwierigkeit, im Realen \u2013 im \u00bbGottlosen\u00ab heimisch zu werden. Wunderlich genug ergab sich aus dem Gottverlust zun\u00e4chst jedoch eine unerwartete Wirkung: innerhalb des Moralischen \u2013 ich wurde n\u00e4mlich davon um ein ganzes St\u00fcck braver, artiger (das Gottlose verteufelte mich also nicht): vermutlich, weil Niedergeschlagenheit d\u00e4mpfend auf alle Ungeb\u00e4rdigkeiten wirken mochte. Aber auch aus einem positivern Grunde: aus einer Art unabweislichen Mitgef\u00fchls mit meinen Eltern, denen nun nicht auch ich zum \u00c4rgernis werden durfte, nachdem sie doch geschlagen worden waren gleich mir \u2013 denn auch ihnen war ja Gott verlorengegangen, \u2013 <em>sie wu\u00dften es nur nicht<\/em> \u2013.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Freilich gab es eine Zeitlang Versuche, diese Situation umzukehren: es den glaubenden Eltern nachzutun, wie ich ja von ihnen alles Bisherige empfangen, erlernt, mich von ihnen aus des Vorhandenen vergewissert hatte. Es ergab ein zaghaftes H\u00e4ndefalten des Abends, verzweifelt und bescheiden, wie eine kleine Fremde hin\u00fcberruft vom \u00e4u\u00dfersten Rand einer gro\u00dfen Einsamkeit ins unglaubhaft Entfernte. Doch es mi\u00dflang, diesen angeblich Entfernten zusammenzutun mit der unmittelbar erfahrenen vertrauten alten Gottesn\u00e4he; es blieb bei all der Bescheidenheit ein gewaltt\u00e4tiges Sichann\u00e4hern an einen ganz Andern, Unbeteiligten, Fremden, und diese Verwechslung vermehrte alle Einsamkeit noch durch die Scham, sich geirrt zu haben, einen Unorientierten bel\u00e4stigt zu haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Inzwischen war ich damit fortgefahren, mir beim Einschlafen meine Geschichten zu erz\u00e4hlen. Nach wie vor entnahm ich sie dem ganz Unproblematischen: Begegnungen und Begebnissen des t\u00e4glichen Lebens, wenngleich auch an ihnen die entscheidende Umw\u00e4lzung stattgefunden hatte, indem der Zuh\u00f6rer ausblieb. Wie sehr ich mich auch bem\u00fchte, sie auf das pr\u00e4chtigste auszustaffieren oder ihre Schicksale \u00fcberlegen zum besten zu wenden: auch sie gerieten unter den Schatten. Man sah ihnen an, da\u00df sie beim Erz\u00e4hltwerden nicht vorerst einen Augenblick lang in Gottes sanften H\u00e4nden geruht, nicht aus diesen mir \u00fcberlassen wurden als eines der Geschenke aus seinen gro\u00dfen Taschen \u2013: sanktioniert und legitimiert. Ja, wu\u00dfte ich sie denn \u00fcberhaupt auch nur <em>wahr<\/em>, seit ich sie nicht mehr empfing und anfing in dieser Gewi\u00dfheit des: \u00bbwie Du wei\u00dft\u00ab? Sie wurden eine uneingestanden sorgenvolle Angelegenheit, wie wenn ich sie hineinw\u00fcrfe, unbeh\u00fctet, in des Lebens Unberechenbarkeiten, deren Eindr\u00fccken ich sie ja entnahm. Ich entsinne mich \u2013 und man erz\u00e4hlte mir noch \u00f6fters davon \u2013, wie w\u00e4hrend einer sehr heftigen Masernerkrankung mich im Fieber ein Alptraum befiel, der die vielen, vielen Leute aus meinen Erz\u00e4hlungen als obdach- und brotlos und von mir preisgegeben darstellte. Kannte doch au\u00dfer mir sich niemand zwischen ihnen aus, konnte doch nichts sie von irgendwoher aus ihrem ratlosen Unterwegs heimbringen in jene Obhut, in der ich sie alle ruhend gedacht: <em>alle<\/em> \u2013 in ihren tausend Vereinzelungen, die sich immer noch vervielfachen w\u00fcrden, \u2013 bis es, sichtlich und wirklich, kein St\u00fcckchen Welt mehr g\u00e4be, das anders als zu Gott h\u00e4tte nach Hause geraten k\u00f6nnen. Wahrscheinlich hatte dies mich auch so leichtsinnig gemacht, da\u00df ich oftmals gleichzeitig an ganz verschiedene Au\u00dfeneindr\u00fccke ankn\u00fcpfte; so konnten ein mir begegnender Schuljunge und auch ein mir begegnender Greis, ein Keimling und auch ein breiter Baum, Altersklassen der n\u00e4mlichen Person darstellen \u2013 als geh\u00f6rten sie ohnehin ineinander. Das verblieb auch so, obgleich diese summierte Materialf\u00fclle allm\u00e4hlich das Ged\u00e4chtnis bedenklich zu belasten begann, so da\u00df ich anfing, mich mit Strichen, Knoten, Stichworten in diesem immer dichtem Netzwerk ineinandergewirkter F\u00e4den zu orientieren. (M\u00f6glicherweise hat im sp\u00e4tem Leben noch, als ein Niederschreiben von Erz\u00e4hlb\u00fcchern, etwas von solcher Gew\u00f6hnung sich nur wiederholt: als eine Aushilfe f\u00fcr ein im Grunde weit dar\u00fcber Zusammenh\u00e4ngendes, nicht mehr darin Verlautbares, und demnach tats\u00e4chlich nur Notbehelf.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Sorgeneinstellung zu den Leuten meiner Geschichten darf keinesfalls so aufgefa\u00dft werden, als entspr\u00e4che sie m\u00fctterlicher F\u00fcrsorge, wie es sich f\u00fcr ein kleines M\u00e4dchen gut geschickt haben w\u00fcrde. Schon beim Puppenspielen war nicht ich es gewesen, sondern mein um drei Jahre \u00e4lterer Bruder, der hinterdrein die Puppen zu Bett brachte und die beim Spiel ben\u00f6tigten Tiere in ihre St\u00e4lle f\u00fchrte. Mir hatten sie dann offenbar ausgedient, als Spiel <em>anl\u00e4sse<\/em>: wodurch, wunderlich genug, mein Bruder mir bei seinem Tun als der weitaus Phantastischere erschien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber meine \u00bbGotteserlebnisse\u00ab pflegte ich auch mit meinen kleinen gleichaltrigen Freundinnen (zu denen insbesondere eine Anverwandte geh\u00f6rte, die auch gleich uns, nur m\u00fctterlicherseits, franz\u00f6sisch-deutscher Familie war, ihre Schwester hat sich sp\u00e4ter meinem zweiten Bruder verm\u00e4hlt) nicht deutlich zu sprechen, als sei es nicht sicher genug, ob sie sich an \u00c4hnliches erinnerten. Aber auch mir entschwand es mit den Jahren. Deshalb wohl entsinne ich mich, wie betroffen es mich machte, als ich sp\u00e4ter einmal beim Kramen auf ein rissiges altes Papier stie\u00df, das ehemals in Finnland w\u00e4hrend der wei\u00dfen Mittsommern\u00e4chte, in deren magischer Helle, von mir mit Versen bekritzelt worden war:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<p style=\"text-align: center;\">Du heller Himmel \u00fcber mir,<br \/>\nDir will ich mich vertrauen:<br \/>\nLa\u00df nicht von Lust und Leiden hier<br \/>\nDen Aufblick mir verbauen!<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Du, der sich \u00fcber alles dehnt,<br \/>\nDurch Weiten und durch Winde,<br \/>\nZeig mir den Weg, so hei\u00df ersehnt,<br \/>\nWo ich Dich wiederfinde.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Von Lust will ich ein Endchen kaum<br \/>\nUnd will kein Leiden fliehen;<br \/>\nIch will nur eins: nur Raum \u2013 nur Raum,<br \/>\nUm unter Dir zu knieen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beim Durchlesen erschien mir das fremd, ja ich besah es mir mit eitler Sachlichkeit sogar auf seinen Verswert hin! Aber dennoch schwang ja seither der gleiche Grundton hinter all meinem Erlebten und Verhalten, wie wenn er keineswegs aus einem allm\u00e4hlichen Gewordensein heraust\u00f6ne, das ja in normalen frohem oder tr\u00fcbern Erfahrungen vor sich ging: es war, als entstamme er einem fr\u00fchesten unkindlichen Wissen, einem Wiedererfahrenhaben jener Ur-choks aller Menschen beim bewu\u00dften Erwachen zum Leben, wovon das Leben nicht aufh\u00f6ren konnte, sein bleibendes Gepr\u00e4ge zu erhalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Plausibel machen l\u00e4\u00dft sich derlei mit aller autobiographischen Redlichkeit nur schwer. Vielleicht n\u00fctzt dazu irgendeine konkrete Einzelheit ein wenig besser. Ich hatte \u00fcbers Bett einen biblischen Spruchkasten bekommen, worin 52 Spr\u00fcche jahr\u00fcber zu wechseln waren, und als mit der Zeit 1. Thess. 4, 11 an den Ausguck gelangte, hielt ich diesen Spruch dauernd darin fest: \u00bbRinget darnach, da\u00df ihr stille seid, und das Eure schaffet, und arbeitet mit euren eigenen H\u00e4nden.\u00ab Einen Grund h\u00e4tte ich damals wohl nicht daf\u00fcr angeben k\u00f6nnen. Aber es ist irgendwie ein Nacherleben aus jenem fr\u00fchen Verwaisungsgef\u00fchl und dessen absoluter Resignation, wenn dieser Kasten um dieses Spruches willen auch heute noch bei mir h\u00e4ngt. Der so unkindlich lautende Spruchtext \u00fcberdauerte all die Jahre meiner Gottentfremdung nicht blo\u00df, weil ich mich des Kastens meiner Eltern halber nicht entledigen konnte, sondern weil er mir mit diesem Wort ins Herz wuchs. Der letzte Beweis daf\u00fcr fand noch nach meiner \u00dcbersiedlung ins Ausland statt, wohin man mir mit allerlei andern Sachen auch das Spruchk\u00e4stchen wieder zugeschickt hatte; da schlug er auch <em>die<\/em> Um\u00e4nderung aus dem Felde, die Nietzsche mit ihm vornahm, als er davon h\u00f6rte: ihn zu ersetzen durch das Goethesche: \u00bbUns des Halben zu entw\u00f6hnen, um im Ganzen, Vollen, Sch\u00f6nen resolut zu leben.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das befindet sich noch heute handschriftlich hinter dem vergilbten Druck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das allzu Fr\u00fche der geschilderten Kindheitseindr\u00fccke k\u00f6nnte mit Recht als ein zu ausnahmsweiser, verwunderlicher Fall erscheinen, denn es hing ja, wie schon erw\u00e4hnt, vermutlich mit einem Zur\u00fcckrutsch ins Infantilste oder einem Sichverz\u00f6gern darin zusammen; die dadurch allzu fr\u00fch angesetzte Gottesfassung stand ihrer eigenen Vergeistigung so entgegen, da\u00df sie drastischer und sinnst\u00f6render zerfiel, als es sonst zu geschehen pflegt \u2013 gleichsam als sei man nochmals in die Welt gesetzt worden und erf\u00fchre daran n\u00fcchterne Wirklichkeit fortan und ein f\u00fcr allemal.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich 17 Jahre alt war, geschah mir die erste unmittelbare Erinnerung an meine fr\u00fchen, alten Glaubensk\u00e4mpfe ganz von au\u00dfen her: im Konfirmationsunterricht bei Hermann Dalton von der reformiert-evangelischen Kirche. Bei diesem Anla\u00df nahm etwas in mir Partei f\u00fcr den so lang verblichenen Kindergott gegen\u00fcber den Nachweisen und Belehrungen, deren er damals nicht bedurft hatte. Eine Art heimlicher piet\u00e4tvoller Emp\u00f6rung lehnte gleichsam diese Belege f\u00fcr seine Vorhandenheit, seine Rechte, seine unvergleichliche Macht und G\u00fcte ab; ich sch\u00e4mte mich gewisserma\u00dfen, als m\u00fcsse er, aus den Tiefen meiner Kindheit noch, diesem allem erstaunt und befremdet zuh\u00f6ren; ich vertrat ihn dadurch gewisserma\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sachlich erledigte sich die Konfirmationsfrage daneben folgenderma\u00dfen: Nachdem ich, weil mein Vater leidend geworden war, auf \u00dcberredung Daltons noch ein zweites Jahr des Einsegnungsunterrichts begonnen hatte, um keine Aufregungen durch meinen Austritt aus der Kirche hervorzurufen, vollzog ich diesen Austritt dann doch. Und zwar tat ich das trotz meiner eigenen Vernunft-Ansicht, damit etwas weit \u00dcbleres zu tun, als durch eine Proforma-Handlung geschehen w\u00e4re, die keinen Gram und keinen Kummer \u00fcber unser frommes Haus gebracht haben w\u00fcrde. Was da entschied, war auch nicht etwa ein Wahrheitsfanatismus, es war ein triebartiges, nicht zu \u00fcberredendes Mu\u00df. \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Verlauf meines Lebens f\u00fchrten Studien und sonstige Anl\u00e4sse mich vielfach an philosophische, sogar theologische Fachgebiete heran als an solche, die mich von mir selber aus anzogen. Dennoch stand das in gar keinem Zusammenhang mit meiner \u00bbfrommen\u00ab urspr\u00fcnglichen Wesensart oder umgekehrt mit der nachmaligen Abkehr von ihr. Nie ist in mir vom Gedanklichen her die alte, ehemalige Gl\u00e4ubigkeit aufger\u00fchrt worden \u2013 als h\u00e4tte sie sich in ein \u00bberwachsenes Denken\u00ab nicht mit-hineintrauen k\u00f6nnen. Infolgedessen verharrten f\u00fcr mich alle Denkgebiete, auch die theologischen, auf der gleichen Ebene blo\u00dfen <em>Denk<\/em>interesses; eine Ber\u00fchrung oder gar Vermischung mit dem, was einstmals die <em>Gem\u00fcts<\/em>sph\u00e4re damit zu tun gehabt, kam gar nicht in Frage; fast m\u00f6chte ich sagen: es w\u00fcrde sich f\u00fcr mich flugs ausgenommen haben wie der \u2013 Konfirmationsunterricht. Zwar billigte, ja bewunderte ich nicht selten, wie andere es machten, die auf solchen Denkwegen zu einer Art von Ersatz \u2013 sehr, sehr abgekl\u00e4rtem, durchgeistigtem \u2013 ihrer ehemaligen frommen Vergangenheit kamen und sie so in eins zu binden wu\u00dften mit ihrer Gedankenreife. Es war gewi\u00df oft ihr sch\u00f6nstes Mittel, denkend auch <em>mit sich<\/em> weiterzugelangen, die gesamte Lebenslektion besser zu lernen, als mir wohl gelang, die ich sie nie herzusagen wu\u00dfte ohne vielerlei Stocken. Aber mir blieb das so fremd und unm\u00f6glich, als handle sich&#8217;s zwischen uns \u00fcberhaupt nicht um die gleichen F\u00e4cher oder Stoffe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was mir trotzdem zu st\u00e4rkster Anziehung an Menschen wurde \u2013 toten oder lebendigen \u2013, die sich derartigen Denkstoffen am totalsten gewidmet, das waren diese Menschen selbst. Mochten sie es noch so philosophisch zur\u00fcckhaltend \u00e4u\u00dfern, es blieb an ihnen abzulesen, da\u00df in irgendeinem treibenden Sinne <em>Gott<\/em> ihnen erstes und letztes Erlebnis geworden in allem zu Erlebenden. Was sonst konnte sich damit als Lebensinhalt vergleichen? Ich habe nie aufgeh\u00f6rt, sie zu lieben: mit der Liebe, die in des Menschen Herz zu dringen sucht, wo unser Aller eigentliches Schicksalhafte sich entscheidet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wollte nun aber jemand mich fragen: Wenn es solchergestalt zu keinem Ausgleich bei mir kam, wie er sich doch im Lauf der Entwicklung als ganz selbstverst\u00e4ndlich zwischen Wunsch und Wahrheit, zwischen Gef\u00fchlserwartungen und Geisteserkenntnissen allm\u00e4hlich einstellt \u2013 wie und worin wirkten dann jene \u00e4ltesten, fr\u00fchesten Glaubensvorstellungen bei mir wohl nach? Ich k\u00f6nnte auf diese Frage ehrlicherweise nur antworten: wohl in nichts anderem als in jenem Gott-Entschwund selber. Denn was zuunterst davon blieb, wie alle Oberfl\u00e4che von Welt und Leben sich auch wandeln mochte, war ja der unab\u00e4nderliche Tatbestand der Gott-Verlassenheit des Universums selber. Und eben am allzu Kindischen der vorangegangenen Gottesgestaltung mag es in solchem Falle liegen, da\u00df sie nicht durch sp\u00e4tere Formungen ersetzbar, redressierbar erscheint.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber neben diesem negativen Ergebnis behielt gerade das Kindische am Gott-Entschwund auch das Positive: mich mit ebensolcher Unwiderruflichkeit ins Leben des Wirklichen um mich gewiesen zu haben. Ich wei\u00df gewi\u00df, da\u00df f\u00fcr mich \u2013 autobiographisch nach bestem Wissen und Verm\u00f6gen geurteilt \u2013 mir ins Gef\u00fchl hineingewirrte Gott-Ersatzbildungen dies nur h\u00e4tten schm\u00e4lern k\u00f6nnen, abbiegen, beeintr\u00e4chtigen \u2013. Unbeschadet des gern von mir zugegebenen Umstandes, da\u00df so viele davon einen ganz andern Gebrauch machen, einen Gebrauch, der sie weiter bringt, als ich jemals kam.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was f\u00fcr mich nun vor allem daraus bewirkt wurde, ist das Positivste, davon mein Leben wei\u00df: eine damals dunkel erwachende, nie mehr ablassende durchschlagende <em>Grundempfindung unerme\u00dflicher Schicksalsgenossenschaft mit allem, was ist<\/em>. Darum auch besser \u00bbEmpfindung\u00ab zu nennen als objektbezogenes \u00bbGef\u00fchl\u00ab: sinnlich-\u00fcberzeugende Gleichheit der Schicksalslage; und nicht einmal menschenbezogen allein, sondern in diese Bereitschaft miteinbeziehend gleichsam noch den kosmischen Staub. Gerade infolgedessen kaum ver\u00e4nderbar durch menschlich-gegebene Ma\u00dfst\u00e4be oder Wertma\u00dfst\u00e4be im Lebensverlauf: als gebe es nichts, was extra zu rechtfertigen, zu erh\u00f6hen oder zu entwerten sei neben dem Umstand seiner Existenz als Vorhandenheit wie auch dieser Bedeutsamkeit von Jeglichem nichts angetan werden k\u00f6nnte gleichwie Mord, gleichwie Vernichtung, es sei denn, ihm diese letzte <em>Ehrfurcht<\/em> zu versagen vor der Wucht seiner Existenz selbst, die es mit uns teilt, indem es gleich uns \u00bbist\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit ist mir das Wort entschl\u00fcpft, woran man, wenn man will, leicht einen seelischen Restbestand aus dem alten Gottverh\u00e4ltnis festlegen kann. Denn wirklich ist mir lebenslang kein Verlangen unwillk\u00fcrlicher gewesen als das, Ehrfurcht zu erweisen \u2013 als k\u00e4me erst in einigem Abstand davon alles \u00fcbrige Verhalten-zu-etwas oder -zu-wem. So da\u00df mir dies Wort gleichsam nur wie eine andere Benennung, ein zweites Wort erscheint f\u00fcr jene Verbundenheit unseres Allgeschickes, wovon das Gr\u00f6\u00dfte noch unterschiedslos mitbetroffen und worin auch das Kleinste noch bedeutsam gemacht ist. Oder so ausgedr\u00fcckt: Da\u00df etwas \u00bbist\u00ab, tr\u00e4gt jedesmal die Wucht aller Existenz in sich, als sei es alles. Ist Inbrunst der Zugeh\u00f6rigkeit denkbar, <em>ohne<\/em> da\u00df Ehrfurcht ihr innewohnte \u2013 und w\u00e4r&#8217;s im uns unsichtbarsten, unerkanntesten Urboden unserer Regungen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch in demjenigen, was ich hier zu erz\u00e4hlen unternehme, ist Ehrfurcht bereits miterz\u00e4hlt. Ja vielleicht ist <em>nur<\/em> davon erz\u00e4hlt, trotz der vielen andern W\u00f6rter, die sich an das Vielerlei halten m\u00fcssen, das sich drum herum begibt, w\u00e4hrend das eine und schlichteste unverlautbar darunter wartet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich mu\u00df unlogischerweise gestehen: m\u00fc\u00dfte Ehrfurcht der Menschheit verlorengehn, so w\u00e4re jede Art von Gl\u00e4ubigkeit, sogar absurdeste, noch dem vorzuziehn.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-98152 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Lou_Andreas-Salome\u0301-206x300.jpg\" alt=\"\" width=\"206\" height=\"300\" \/>Lou Andreas-Salom\u00e9s oft ger\u00fchmte pers\u00f6nliche Ausstrahlung, ihre Bildung und intellektuelle Beweglichkeit, die Freundschaft mit namhaften Zeitgenossen und ihre unkonventionelle Lebensf\u00fchrung sicherten ihr einen Platz in der deutschen Kulturgeschichte. Ihr Leben war und ist Gegenstand von Biographien, Romanliteratur, Musiktheater (der Oper <em>Lou Salom\u00e9<\/em> von Giuseppe Sinopoli (Libretto: Karl Dietrich Gr\u00e4we) zum Beispiel, die 1981 in M\u00fcnchen uraufgef\u00fchrt wurde) und anderen Texten, in denen ihre Kontakte zu Ber\u00fchmtheiten der Literatur- und Wissenschaftsgeschichte er\u00f6rtert werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verglichen damit fand ihr eigenes schriftstellerisches Werk seither wenig Beachtung \u2013 es verschwand hinter der au\u00dfergew\u00f6hnlichen Geschichte ihres Lebens, dem will KUNO abhelfen. Als renommierte Autorin hatte sie an der Entwicklung der Positionen der Moderne um 1900 lebhaft mitgewirkt. In Romanen, Erz\u00e4hlungen, Essays, Theaterkritiken, zahlreichen Texten \u00fcber Philosophie und Psychoanalyse, einem weitl\u00e4ufigen Briefwechsel beteiligte sie sich an den Diskussionen \u00fcber grundlegende Fragen der Zeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Wir begreifen die Gattung des Essays auf KUNO als eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Versuchsanordnung<\/a>, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Unser erstes Erlebnis ist, bemerkenswerter Weise, ein Entschwund. 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