{"id":103611,"date":"2013-01-12T16:48:04","date_gmt":"2013-01-12T15:48:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103611"},"modified":"2022-08-23T17:08:53","modified_gmt":"2022-08-23T15:08:53","slug":"ueber-goethes-meister","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/01\/12\/ueber-goethes-meister\/","title":{"rendered":"\u00dcber Goethes Meister"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ohne Anma\u00dfung und ohne Ger\u00e4usch, wie die Bildung eines strebenden Geistes sich still entfaltet, und wie die werdende Welt aus seinem Innern leise emporsteigt, beginnt die klare Geschichte. Was hier vorgeht und was hier gesprochen wird, ist nicht au\u00dferordentlich, und die Gestalten, welche zuerst hervortreten, sind weder gro\u00df noch wunderbar: eine kluge Alte, die \u00fcberall den Vorteil bedenkt und f\u00fcr den reicheren Liebhaber das Wort f\u00fchrt; ein M\u00e4dchen, die sich aus den Verstrickungen der gef\u00e4hrlichen F\u00fchrerin nur losrei\u00dfen kann, um sich dem Geliebten heftig hinzugeben; ein reiner J\u00fcngling, der das sch\u00f6ne Feuer seiner ersten Liebe einer Schauspielerin weiht. Indessen steht alles gegenw\u00e4rtig vor unsern Augen da, lockt und spricht uns an. Die Umrisse sind allgemein und leicht, aber sie sind genau, scharf und sicher. Der kleinste Zug ist bedeutsam, jeder Strich ist ein leiser Wink und alles ist durch helle und lebhafte Gegens\u00e4tze gehoben. Hier ist nichts, was die Leidenschaft heftig entz\u00fcnden, oder die Teilnahme sogleich gewaltsam mit sich fortrei\u00dfen k\u00f6nnte. Aber die beweglichen Gem\u00e4lde haften wie von selbst in dem Gem\u00fcte, welches eben zum ruhigen Genu\u00df heiter gestimmt war. So bleibt auch wohl eine Landschaft von einfachem und unscheinbarem Reiz, der eine seltsam sch\u00f6ne Beleuchtung oder eine wunderbare Stimmung unsers Gef\u00fchls einen augenblicklichen Schein von Neuheit und von Einzigkeit lieh, sonderbar hell und unausl\u00f6schlich in der Erinnerung. Der Geist f\u00fchlt sich durch die heitre Erz\u00e4hlung \u00fcberall gelinde ber\u00fchrt, leise und vielfach angeregt. Ohne sie ganz zu kennen, h\u00e4lt er diese Menschen dennoch schon f\u00fcr Bekannte, ehe er noch recht wei\u00df, oder sich fragen kann, wie er mit ihnen bekannt geworden sei. Es geht ihm damit wie der Schauspielergesellschaft auf ihrer lustigen Wasserfahrt mit dem Fremden. Er glaubt, er m\u00fc\u00dfte sie schon gesehen haben, weil sie aussehn wie Menschen und nicht wie Hinz oder Kunz. Dies Aussehn verdanken sie nicht eben ihrer Natur und ihrer Bildung: denn nur bei einem oder dem andern n\u00e4hert sich diese auf verschiedne Weise und in verschiednem Ma\u00df der Allgemeinheit. Die Art der Darstellung ist es, wodurch auch das Beschr\u00e4nkteste zugleich ein ganz eignes selbst\u00e4ndiges Wesen f\u00fcr sich, und dennoch nur eine andre Seite, eine neue Ver\u00e4nderung der allgemeinen und unter allen Verwandlungen einigen menschlichen Natur, ein kleiner Teil der unendlichen Welt zu sein scheint. Das ist eben das Gro\u00dfe, worin jeder Gebildete nur sich selbst wiederzufinden glaubt, w\u00e4hrend er weit \u00fcber sich selbst erhoben wird; was nur so ist, als m\u00fc\u00dfte es so sein, und doch weit mehr als man fodern darf.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Mit wohlwollendem L\u00e4cheln folgt der heitre Leser Wilhelms gef\u00fchlvollen Erinnerungen an die Puppenspiele, welche den neugierigen Knaben mehr beseligten als alles andre Naschwerk, als er noch jedes Schauspiel und Bilder aller Art, wie sie ihm vorkamen, mit demselben reinen Durste in sich sog, mit welchem der Neugeborne die s\u00fc\u00dfe Nahrung aus der Brust der liebkosenden Mutter empf\u00e4ngt. Sein Glaube macht ihm die gutm\u00fctigen Kindergeschichten von jener Zeit, wo er immer alles zu sehen begehrte, was ihm neu war, und was er gesehn hatte, nun auch gleich zu machen oder nachzuahmen versuchte oder strebte, wichtig, ja heilig, seine Liebe malt sie mit den reizendsten Farben aus, und seine Hoffnung leiht ihnen die schmeichelhafteste Bedeutung. Eben diese sch\u00f6nen Eigenschaften bilden das Gewebe seines Lieblingsgedankens, von der B\u00fchne herab die Menschen zu erheben, aufzukl\u00e4ren und zu veredeln, und der Sch\u00f6pfer eines neuen sch\u00f6neren Zeitalters der vaterl\u00e4ndischen B\u00fchne zu werden, f\u00fcr die seine kindliche Neigung, erh\u00f6ht durch die Tugend und verdoppelt durch die Liebe, in helle Flammen emporschl\u00e4gt. Wenn die Teilnahme an diesen Gef\u00fchlen und W\u00fcnschen nicht frei von Besorgnis sein kann, so ist es dagegen nicht wenig anziehend und erg\u00f6tzlich, wie Wilhelm auf einer kleinen Reise, auf welche ihn die V\u00e4ter zum ersten Versuch senden, einem Abenteuer von der Art, die sich ernsthaft anl\u00e4\u00dft und drollig entwickelt, begegnet, in welchem er den Widerschein seines<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/SchlegelF-KFSA,+1.+Abt.+Bd.+2\" name=\"127\"><\/a> <a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/SchlegelF-KFSA,+1.+Abt.+Bd.+2\" name=\"127\"><\/a>eignen Unternehmens, freilich nicht auf die vorteilhafteste Weise abgebildet, erblickt, ohne da\u00df ihn dies seiner Schw\u00e4rmerei untreu machen k\u00f6nnte. Unvermerkt ist indes die Erz\u00e4hlung lebhafter und leidenschaftlicher geworden, und in der warmen Nacht, wo Wilhelm, sich einer ewigen Verbindung mit seiner Mariane so nahe w\u00e4hnend, liebevoll um ihre Wohnung schw\u00e4rmt, steigt die hei\u00dfe Sehnsucht, die sich in sich selbst zu verlieren, im Genu\u00df ihrer eignen T\u00f6ne zu lindern und zu erquicken scheint, aufs \u00e4u\u00dferste, bis die Glut durch die traurige Gewi\u00dfheit und Norbergs niedrigen Brief pl\u00f6tzlich gel\u00f6scht, und die ganze sch\u00f6ne Gedankenwelt des liebenden J\u00fcnglings mit einem Streich vernichtet wird.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Mit diesem so hartem Mi\u00dflaut schlie\u00dft das erste Buch, dessen Ende einer geistigen Musik gleicht, wo die verschiedensten Stimmen, wie ebensoviele einladende Ankl\u00e4nge aus der neuen Welt, deren Wunder sich vor uns entfalten sollen, rasch und heftig wechseln; und der schneidende Abstich kann die erst weniger, dann mehr als man erwartete, gereizte Spannung mit einem Zusatz von Ungeduld heilsam w\u00fcrzen, ohne doch je den ruhigsten Genu\u00df des Gegenw\u00e4rtigen zu st\u00f6ren, oder auch die feinsten Z\u00fcge der Nebenausbildung, die leisesten Winke der Wahrnehmung zu entziehn, die jeden Blick, jede Miene des durch das Werk sichtbaren Dichtergeistes zu verstehen w\u00fcnscht.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Damit aber nicht blo\u00df das Gef\u00fchl in ein leeres Unendliches hinausstrebe, sondern auch das Auge nach einem gro\u00dfen Gesichtspunkt die Entfernung sinnlich berechnen, und die weite Aussicht einigerma\u00dfen umgrenzen k\u00f6nne, steht der Fremde da, der mit so vielem Rechte der Fremde hei\u00dft. Allein und unbegreiflich, wie eine Erscheinung aus einer andern edleren Welt, die von der Wirklichkeit, welche Wilhelmen umgibt, so verschieden sein mag, wie von der M\u00f6glichkeit, die er sich tr\u00e4umt, dient er zum Ma\u00dfstab der H\u00f6he, zu welcher das Werk noch steigen soll; eine H\u00f6he, auf der vielleicht die Kunst eine Wissenschaft und das Leben eine Kunst sein wird.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der reife Verstand dieses gebildeten Mannes ist wie durch eine gro\u00dfe Kluft von der bl\u00fchenden Einbildung des liebenden J\u00fcnglings geschieden. Aber auch von Wilhelms Serenate zu Norbergs Brief ist der \u00dcbergang nicht milde, und der Kontrast zwischen seiner Poesie und Marianens prosaischer ja niedriger Umgebung ist stark genug. Als vorbereitender Teil des ganzen Werks ist das erste Buch eine Reihe von ver\u00e4nderten Stellungen und malerischen Gegens\u00e4tzen in deren jedem Wilhelms Charakter von einer andern merkw\u00fcrdigen Seite, in einem neuen helleren Lichte gezeigt wird; und die kleineren deutlich geschiednen Massen und Kapitel bilden mehr oder weniger jede f\u00fcr sich ein malerisches Ganzes. Auch gewinnt er schon jetzt das ganze Wohlwollen des Lesers, dem er, wie sich selbst, wo er geht und steht, in einer F\u00fclle von pr\u00e4chtigen Worten die erhabensten Gesinnungen vorsagt. Sein ganzes Tun und Wesen besteht fast im Streben, Wollen und Empfinden, und obgleich wir voraussehn, da\u00df er erst sp\u00e4t oder nie als Mann handeln wird, so verspricht doch seine grenzenlose Bildsamkeit, da\u00df M\u00e4nner und Frauen sich seine Erziehung zum Gesch\u00e4ft und zum Vergn\u00fcgen machen und dadurch, vielleicht ohne es zu wollen oder zu wissen, die leise und vielseitige Empf\u00e4nglichkeit, welche seinem Geiste einen so hohen Zauber gibt, vielfach anregen und die Vorempfindung der ganzen Welt in ihm zu einem sch\u00f6nen Bilde entfalten werden. Lernen mu\u00df er \u00fcberall k\u00f6nnen, und auch an pr\u00fcfenden Versuchungen wird es ihm nie fehlen. Wenn ihm nun das g\u00fcnstige Schicksal oder ein erfahrner Freund von gro\u00dfem \u00dcberblick g\u00fcnstig beisteht und ihn durch Warnungen und Verhei\u00dfungen nach dem Ziele lenkt, so m\u00fcssen seine Lehrjahre gl\u00fccklich endigen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Das zweite Buch beginnt damit, die Resultate des ersten musikalisch zu wiederholen, sie in wenige Punkte zusammenzudr\u00e4ngen und gleichsam auf die \u00e4u\u00dferste Spitze zu treiben. Zuerst wird die langsame aber v\u00f6llige Vernichtung von Wilhelms Poesie seiner Kindertr\u00e4ume und seiner ersten Liebe mit schonender Allgemeinheit der Darstellung betrachtet. Dann wird der Geist, der mit Wilhelmen in diese Tiefe gesunken, und mit ihm gleichsam unt\u00e4tig geworden war, von neuem belebt und m\u00e4chtig geweckt, sich aus der Leere herauszurei\u00dfen, durch die leidenschaftlichste Erinnerung an Marianen, und durch des J\u00fcnglings begeistertes Lob der Poesie, welches die Wirklichkeit seines urspr\u00fcnglichen Traums von Poesie durch seine Sch\u00f6nheit bew\u00e4hrt, und uns in die ahndungsvollste Vergangenheit der alten Heroen und der noch unschuldigen Dichterwelt versetzt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Nun folgt sein Eintritt in die Welt, der weder abgemessen noch brausend ist, sondern gelinde und leise wie das freie Lustwandeln eines, der zwischen Schwermut und Erwartung geteilt, von schmerzlichs\u00fc\u00dfen Erinnerungen zu noch ahndungsvolleren W\u00fcnschen schwankt. Eine neue Szene \u00f6ffnet sich, und eine neue Welt breitet sich lockend vor uns aus. Alles ist hier seltsam, bedeutend, wundervoll und von geheimem Zauber umweht. Die Ereignisse und die Personen bewegen sich rascher und jedes Kapitel ist wie ein neuer Akt. Auch solche Ereignisse, die nicht eigentlich ungew\u00f6hnlich sind, machen eine \u00fcberraschende Erscheinung. Aber diese sind nur das Element der Personen, in denen sich der Geist dieser Masse des ganzen Systems am klarsten offenbart. Auch in ihnen \u00e4u\u00dfert sich jene frische Gegenwart, jenes magische Schweben zwischen Vorw\u00e4rts und R\u00fcckw\u00e4rts. Philine ist das verf\u00fchrerische Symbol der leichtesten Sinnlichkeit; auch der bewegliche Laertes lebt nur f\u00fcr den Augenblick; und damit die lustige Gesellschaft vollz\u00e4hlig sei, repr\u00e4sentiert der blonde Friedrich die gesunde kr\u00e4ftige Ungezogenheit. Alles was die Erinnerung und die Schwermut und die Reue nur R\u00fchrendes hat, atmet und klagt der Alte wie aus einer unbekannten bodenlosen Tiefe von Gram und ergreift uns mit wilder Wehmut. Noch s\u00fc\u00dfere Schauer und gleichsam ein sch\u00f6nes Grausen erregt das heilige Kind, mit dessen Erscheinung die innerste Springfeder des sonderbaren Werks pl\u00f6tzlich frei zu werden scheint. Dann und wann tritt Marianens Bild hervor, wie ein bedeutender Traum; pl\u00f6tzlich erscheint der seltsame Fremde und verschwindet schnell wie ein Blitz. Auch Melinas kommen wieder, aber verwandelt, n\u00e4mlich ganz in ihrer nat\u00fcrlichen Gestalt. Die schwerf\u00e4llige Eitelkeit der Anempfinderin kontrastiert artig genug gegen die Leichtigkeit der zierlichen S\u00fcnderin. \u00dcberhaupt gew\u00e4hrt uns die Vorlesung des Ritterst\u00fccks einen tiefen Blick hinter die Kulissen des theatralischen Zaubers wie in eine komische Welt im Hintergrunde. Das Lustige und das Ergreifende, das Geheime und das Lockende sind im Finale wunderbar verwebt, und die streitenden Stimmen t\u00f6nen grell nebeneinander. Diese Harmonie von Dissonanzen ist noch sch\u00f6ner als die Musik, mit der das erste Buch endigte; sie ist entz\u00fcckender und doch zerrei\u00dfender, sie \u00fcberw\u00e4ltigt mehr und sie l\u00e4\u00dft doch besonnener.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Es ist sch\u00f6n und notwendig, sich dem Eindruck eines Gedichtes ganz hinzugeben, den K\u00fcnstler mit uns machen zu lassen, was er will, und etwa nur im einzelnen das Gef\u00fchl durch Reflexion zu best\u00e4tigen und zum Gedanken zu erheben, und wo es noch zweifeln oder streiten d\u00fcrfte, zu entscheiden und zu erg\u00e4nzen. Dies ist das Erste und das Wesentlichste. Aber nicht minder notwendig ist es, von allem Einzelnen abstrahieren zu k\u00f6nnen, das Allgemeine schwebend zu fassen, eine Masse zu \u00fcberschauen, und das Ganze festzuhalten, selbst dem Verborgensten nachzuforschen und das Entlegenste zu verbinden. Wir m\u00fcssen uns \u00fcber unsre eigne Liebe erheben, und was wir anbeten, in Gedanken vernichten k\u00f6nnen: sonst fehlt uns, was wir auch f\u00fcr andre F\u00e4higkeiten haben, der Sinn f\u00fcr das Weltall. Warum sollte man nicht den Duft einer Blume einatmen, und dann doch das unendliche Ge\u00e4der eines einzelnen Blatts betrachten und sich ganz in diese Betrachtung verlieren k\u00f6nnen? Nicht blo\u00df die gl\u00e4nzende \u00e4u\u00dfre H\u00fclle, das bunte Kleid der sch\u00f6nen Erde, ist dem Menschen, der ganz Mensch ist, und so f\u00fchlt und denkt, interessant: er mag auch gern untersuchen, wie die Schichten im Innern aufeinander liegen, und aus welchen Erdarten sie zusammengesetzt sind; er m\u00f6chte immer tiefer dringen, bis in den Mittelpunkt wo m\u00f6glich, und m\u00f6chte wissen, wie das Ganze konstruiert ist. So m\u00f6gen wir uns gern dem Zauber des Dichters entrei\u00dfen, nachdem wir uns gutwillig haben von ihm fesseln lassen, m\u00f6gen am liebsten dem nachsp\u00e4hn, was er unserm Blick entziehen oder doch nicht zuerst zeigen wollte, und was ihn doch am meisten zum K\u00fcnstler macht: die geheimen Absichten, die er im stillen verfolgt, und deren wir beim Genius, dessen Instinkt zur Willk\u00fcr geworden ist, nie zu viele voraussetzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der angeborne Trieb des durchaus organisierten und organisierenden Werks, sich zu einem Ganzen zu bilden, \u00e4u\u00dfert sich in den gr\u00f6\u00dferen wie in den kleineren Massen. Keine Pause ist zuf\u00e4llig und unbedeutend; und hier, wo alles zugleich Mittel und Zweck ist, wird es nicht unrichtig sein, den ersten Teil unbeschadet seiner Beziehung aufs Ganze als ein Werk f\u00fcr sich zu betrachten. Wenn wir auf die Lieblingsgegenst\u00e4nde aller Gespr\u00e4che und aller gelegentlichen Entwickelungen, und auf die Lieblingsbeziehungen aller Begebenheiten, der Menschen und ihrer Umgebung sehen: so f\u00e4llt in die Augen, da\u00df sich alles um Schauspiel, Darstellung, Kunst und Poesie drehe. Es war so sehr die Absicht des Dichters, eine nicht unvollst\u00e4ndige Kunstlehre aufzustellen, oder vielmehr in lebendigen Beispielen und Ansichten darzustellen, da\u00df diese Absicht ihn sogar zu eigentlichen Episoden verleiten kann, wie die Kom\u00f6die der Fabrikanten und die Vorstellung der Bergm\u00e4nner. Ja man d\u00fcrfte eine systematische Ordnung in dem Vortrage dieser poetischen Physik der Poesie finden; nicht eben das tote Fachwerk eines Lehrgeb\u00e4udes, aber die lebendige Stufenleiter jeder Naturgeschichte und Bildungslehre. Wie n\u00e4mlich Wilhelm in diesem Abschnitt seiner Lehrjahre mit den ersten und notd\u00fcrftigsten Anfangsgr\u00fcnden der Lebenskunst besch\u00e4ftigt ist: so werden hier auch die einfachsten Ideen \u00fcber die sch\u00f6ne Kunst, die urspr\u00fcnglichen Fakta, und die rohesten Versuche, kurz die Elemente der Poesie vorgetragen: die Puppenspiele, diese Kinderjahre des gemeinen poetischen Instinkts, wie er allen gef\u00fchlvollen Menschen auch ohne besondres Talent eigen ist; die Bemerkungen \u00fcber die Art, wie der Sch\u00fcler Versuche machen und beurteilen soll, und \u00fcber die Eindr\u00fccke, welche der Bergmann und die Seilt\u00e4nzer erregen; die Dichtung \u00fcber das goldne Zeitalter der jugendlichen Poesie, die K\u00fcnste der Gaukler, die improvisierte Kom\u00f6die auf der Wasserfahrt. Aber nicht blo\u00df auf die Darstellungen des Schauspielers und was dem \u00e4hnlich ist, beschr\u00e4nkt sich diese Naturgeschichte des Sch\u00f6nen; in Mignons und des Alten romantischen Ges\u00e4ngen offenbart sich die Poesie auch als die nat\u00fcrliche Sprache und Musik sch\u00f6ner Seelen. Bei dieser Absicht mu\u00dfte die Schauspielerwelt die Umgebung und der Grund des Ganzen werden, weil eben diese Kunst nicht blo\u00df die vielseitigste, sondern auch die geselligste aller K\u00fcnste ist, und weil sich hier vorz\u00fcglich Poesie und Leben, Zeitalter und Welt ber\u00fchren, w\u00e4hrend die einsame Werkst\u00e4tte des bildenden K\u00fcnstlers weniger Stoff darbietet, und die Dichter nur in ihrem Innern als Dichter leben, und keinen abgesonderten K\u00fcnstlerstand mehr bilden.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Obgleich es also den Anschein haben m\u00f6chte, als sei das Ganze ebenso sehr eine historische Philosophie der Kunst, als ein Kunstwerk oder Gedicht, und als sei alles, was der Dichter mit solcher Liebe ausf\u00fchrt, als w\u00e4re es sein letzter Zweck, am Ende doch nur Mittel: so ist doch auch alles Poesie, reine, hohe Poesie. Alles ist so gedacht und so gesagt, wie von einem der zugleich ein g\u00f6ttlicher Dichter und ein vollendeter K\u00fcnstler w\u00e4re; und selbst der feinste Zug der Nebenausbildung scheint f\u00fcr sich zu existieren und sich eines eignen selbst\u00e4ndigen Daseins zu erfreuen. Sogar gegen die Gesetze einer kleinlichen unechten Wahrscheinlichkeit. Was fehlt Werners und Wilhelms Lobe des Handels und der Dichtkunst, als das Metrum, um von jedermann f\u00fcr erhabne Poesie anerkannt zu werden?<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00dcberall werden uns goldne Fr\u00fcchte in silbernen Schalen gereicht. Diese wunderbare Prosa ist Prosa und doch Poesie. Ihre F\u00fclle ist zierlich, ihre Einfachheit bedeutend und vielsagend und ihre hohe und zarte Ausbildung ist ohne eigensinnige Strenge. Wie die Grundf\u00e4den dieses Styls im ganzen aus der gebildeten Sprache des gesellschaftlichen Lebens genommen sind, so gef\u00e4llt er sich auch in seltsamen Gleichnissen, welche eine eigent\u00fcmliche Merkw\u00fcrdigkeit aus diesem oder jenem \u00f6konomischen Gewerbe, und was sonst von den \u00f6ffentlichen Gemeinpl\u00e4tzen der Poesie am entlegensten scheint, dem H\u00f6chsten und Zartesten \u00e4hnlich zu bilden streben.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Man lasse sich also dadurch, da\u00df der Dichter selbst die Personen und die Begebenheiten so leicht und so launig zu nehmen, den Helden fast nie ohne Ironie zu erw\u00e4hnen, und auf sein Meisterwerk selbst von der H\u00f6he seines Geistes herabzul\u00e4cheln scheint, nicht t\u00e4uschen, als sei es ihm nicht der heiligste Ernst. Man darf es nur auf die h\u00f6chsten Begriffe beziehn und es nicht blo\u00df so nehmen, wie es gew\u00f6hnlich auf dem Standpunkt des gesellschaftlichen Lebens genommen wird: als einen Roman, wo Personen und Begebenheiten der letzte Endzweck sind. Denn dieses schlechthin neue und einzige Buch, welches man nur aus sich selbst verstehen lernen kann, nach einem aus Gewohnheit und Glauben, aus zuf\u00e4lligen Erfahrungen und willk\u00fcrlichen Foderungen zusammengesetzten und entstandnen Gattungsbegriff beurteilen; das ist, als wenn ein Kind Mond und Gestirne mit der Hand greifen und in sein Sch\u00e4chtelchen packen will.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ebensosehr regt sich das Gef\u00fchl gegen eine schulgerechte Kunstbeurteilung des g\u00f6ttlichen Gew\u00e4chses. Wer m\u00f6chte ein Gastmal des feinsten und ausgesuchtesten Witzes mit allen F\u00f6rmlichkeiten und in aller \u00fcblichen Umst\u00e4ndlichkeit rezensieren? Eine sogenannte Rezension des \u00bbMeister\u00ab w\u00fcrde uns immer erscheinen, wie der junge Mann, der mit dem Buche unter dem Arm in den Wald spazieren kommt, und den Philine mit dem Kuckuck vertreibt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Vielleicht soll man es also zugleich beurteilen und nicht beurteilen; welches keine leichte Aufgabe zu sein scheint. Gl\u00fccklicherweise ist es eben eins von den B\u00fcchern, welche sich selbst beurteilen, und den Kunstrichter sonach aller M\u00fche \u00fcberheben. Ja es beurteilt sich nicht nur selbst, es stellt sich auch selbst dar. Eine blo\u00dfe Darstellung des Eindrucks w\u00fcrde daher, wenn sie auch keins der schlechtesten Gedichte von der beschreibenden Gattung sein sollte, au\u00dfer dem, da\u00df sie \u00fcberfl\u00fcssig sein w\u00fcrde, sehr den k\u00fcrzern ziehen m\u00fcssen; nicht blo\u00df gegen den Dichter, sondern sogar gegen den Gedanken des Lesers, der Sinn f\u00fcr das H\u00f6chste hat, der anbeten kann, und ohne Kunst und Wissenschaft gleich wei\u00df, was er anbeten soll, den das Rechte trifft wie ein Blitz.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die gew\u00f6hnlichen Erwartungen von Einheit und Zusammenhang t\u00e4uscht dieser Roman ebenso oft als er sie erf\u00fcllt. Wer aber echten systematischen Instinkt, Sinn f\u00fcr das Universum, jene Vorempfindung der ganzen Welt hat, die Wilhelmen so interessant macht, f\u00fchlt gleichsam \u00fcberall die Pers\u00f6nlichkeit und lebendige Individualit\u00e4t des Werks, und je tiefer er forscht, je mehr innere Beziehungen und Verwandtschaften, je mehr geistigen Zusammenhang entdeckt er in demselben. Hat irgendein Buch einen Genius, so ist es dieses. H\u00e4tte sich dieser auch im ganzen wie im einzelnen selbst charakterisieren k\u00f6nnen, so d\u00fcrfte niemand weiter sagen, was eigentlich daran sei, und wie man es nehmen solle. Hier bleibt noch eine kleine Erg\u00e4nzung m\u00f6glich, und einige Erkl\u00e4rung kann nicht unn\u00fctz oder \u00fcberfl\u00fcssig scheinen, da trotz jenes Gef\u00fchls der Anfang und der Schlu\u00df des Werkes fast allgemein seltsam und unbefriedigend, und eins und das andre in der Mitte \u00fcberfl\u00fcssig und unzusammenh\u00e4ngend gefunden wird, und da selbst der, welcher das G\u00f6ttliche der gebildeten Willk\u00fcr zu unterscheiden und zu ehren wei\u00df, beim ersten und beim letzten Lesen etwas Isoliertes f\u00fchlt, als ob bei der sch\u00f6nsten und innigsten \u00dcbereinstimmung und Einheit nur eben die letzte Verkn\u00fcpfung der Gedanken und der Gef\u00fchle fehlte.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Mancher, dem man den Sinn nicht absprechen kann, wird sich in vieles lange nicht finden k\u00f6nnen: denn bei fortschreitenden Naturen erweitern, sch\u00e4rfen und bilden sich Begriff und Sinn gegenseitig.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00dcber die Organisation des Werks mu\u00df der verschiedne Charakter der einzelnen Massen viel Licht geben k\u00f6nnen. Doch darf sich die Beobachtung und Zergliederung, um von den Teilen zum Ganzen gesetzm\u00e4\u00dfig fortzuschreiten, eben nicht ins unendlich Kleine verlieren. Sie mu\u00df vielmehr als w\u00e4ren es schlechthin einfache Teile bei jenen gr\u00f6\u00dfern Massen stehn bleiben, deren Selbst\u00e4ndigkeit sich auch durch ihre freie Behandlung, Gestaltung und Verwandlung dessen, was sie von den vorhergehenden \u00fcberkamen, bew\u00e4hrt, und deren innre absichtslose Gleichartigkeit und urspr\u00fcngliche Einheit der Dichter selbst durch das absichtliche Bestreben, sie durch sehr verschiedenartige doch immer poetische Mittel zu einem in sich vollendeten Ganzen zu runden, anerkannt hat. Durch jene Fortbildung ist der Zusammenhang, durch diese Einfassung ist die Verschiedenheit der einzelnen Massen gesichert und best\u00e4tigt; und so wird jeder notwendige Teil des einen und unteilbaren Romans ein System f\u00fcr sich. Die Mittel der Verkn\u00fcpfung und der Fortschreitung sind ungef\u00e4hr \u00fcberall dieselben. Auch im zweiten Bande locken Jarno und die Erscheinung der Amazone, wie der Fremde und Mignon im ersten Bande, unsre Erwartung und unser Interesse in die dunkle Ferne, und deuten auf eine noch nicht sichtbare H\u00f6he der Bildung; auch hier, \u00f6ffnet sich mit jedem Buch eine neue Szene und eine neue Welt; auch hier kommen die alten Gestalten verj\u00fcngt wieder; auch hier enth\u00e4lt jedes Buch die Keime des k\u00fcnftigen und verarbeitet den reinen Ertrag des vorigen mit lebendiger Kraft in sein eigent\u00fcmliches Wesen; und das dritte Buch, welches sich durch das frischeste und fr\u00f6hlichste Kolorit auszeichnet, erh\u00e4lt durch Mignons Dahin und durch Wilhelms und der Gr\u00e4fin ersten Ku\u00df, eine sch\u00f6ne Einfassung wie von den h\u00f6chsten Bl\u00fcten der noch keimenden und der schon reifen Jugendf\u00fclle. Wo so unendlich viel zu bemerken ist, w\u00e4re es unzweckm\u00e4\u00dfig, irgend etwas bemerken zu wollen, was schon dagewesen ist, oder mit wenigen Ver\u00e4nderungen immer \u00e4hnlich wiederkommt. Nur was ganz neu und eigen ist, bedarf der Erl\u00e4uterungen, die aber keinesweges alles allen hell und klar machen sollen: sie d\u00fcrften vielmehr eben dann vortrefflich genannt zu werden verdienen, wenn sie dem, der den \u00bbMeister\u00ab ganz versteht, durchaus bekannt, und dem, der ihn gar nicht versteht, so gemein und leer, wie das, was sie erl\u00e4utern wollen, selbst vork\u00e4men; dem hingegen, welcher das Werk halb versteht, auch nur halb verst\u00e4ndlich w\u00e4ren, ihn \u00fcber einiges aufkl\u00e4rten, \u00fcber anders aber vielleicht noch tiefer verwirrten, damit aus der Unruhe und dem Zweifeln die Erkenntnis hervorgehe, oder damit das Subjekt wenigstens seiner Halbheit, so viel das m\u00f6glich ist, inne werde. Der zweite Band insonderheit bedarf der Erl\u00e4uterungen am wenigsten: er ist der reichste, aber der reizendste; er ist voll Verstand, aber doch sehr verst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">In dem Stufengange der Lehrjahre der Lebenskunst ist dieser Band f\u00fcr Wilhelmen der h\u00f6here Grad der Versuchungen, und die Zeit der Verirrungen und lehrreichen, aber kostbaren Erfahrungen. Freilich laufen seine Vors\u00e4tze und seine Handlungen vor wie nach in parallelen Linien nebeneinander her, ohne sich je zu st\u00f6ren oder zu ber\u00fchren. Indessen hat er doch endlich das gewonnen, da\u00df er sich aus der Gemeinheit, die auch den edelsten Naturen urspr\u00fcnglich anh\u00e4ngt oder sie durch Zufall umgibt, mehr und mehr erhoben, oder sich doch aus ihr zu erheben ernstlich bem\u00fcht hat. Nachdem Wilhelms unendlicher Bildungstrieb zuerst blo\u00df in seinem eignen Innern gewebt und gelebt hatte, bis zur Selbstvernichtung seiner ersten Liebe und seiner ersten K\u00fcnstlerhoffnung, und sich dann weit genug in die Welt gewagt hatte, war es nat\u00fcrlich, da\u00df er nun vor allen Dingen in die H\u00f6he strebte, sollte es auch nur die H\u00f6he einer gew\u00f6hnlichen B\u00fchne sein, da\u00df das Edle und Vornehme sein vorz\u00fcglichstes Augenmerk ward, sollte es auch nur die Repr\u00e4sentation eines nicht sehr gebildeten Adels sein. Anders konnte der Erfolg dieses seinem Ursprunge nach achtungsw\u00fcrdigen Streben nicht wohl ausfallen, da Wilhelm noch so unschuldig und so neu war. Daher mu\u00dfte das dritte Buch eine starke Ann\u00e4herung zur Kom\u00f6die erhalten; um so mehr, da es darauf angelegt war, Wilhelms Unbekanntschaft mit der Welt und den Gegensatz zwischen dem Zauber des Schauspiels und der Niedrigkeit des gew\u00f6hnlichen Schauspielerlebens in das hellste Licht zu setzen. In den vorigen Massen waren nur einzelne Z\u00fcge entschieden komisch, etwa ein paar Gestalten zum Vorgrunde oder eine unbestimmte Ferne. Hier ist das Ganze, die Szene und Handlung selbst komisch. Ja man m\u00f6chte es eine komische Welt nennen, da des Lustigen darin in der Tat unendlich viel ist, und da die Adlichen und die Kom\u00f6dianten zwei abgesonderte Corps bilden, deren keines dem andern den Preis der L\u00e4cherlichkeit abtreten darf, und die auf das drolligste gegeneinander man\u00f6vrieren. Die Bestandteile dieses Komischen sind keinesweges vorz\u00fcglich fein und zart oder edel. Manches ist vielmehr von der Art, wor\u00fcber jeder gemeiniglich von Herzen zu lachen pflegt, wie der Kontrast zwischen den sch\u00f6nsten Erwartungen und einer schlechten Bewirtung. Der Kontrast zwischen der Hoffnung und dem Erfolg, der Einbildung und der Wirklichkeit spielt hier \u00fcberhaupt eine gro\u00dfe Rolle: die Rechte der Realit\u00e4t werden mit unbarmherziger Strenge durchgesetzt und der Pedant bekommt sogar Pr\u00fcgel, weil er doch auch ein Idealist ist. Aus wahrer Affenliebe begr\u00fc\u00dft ihn sein Kollege, der Graf, mit gn\u00e4digen Blicken \u00fcber die ungeheure Kluft der Verschiedenheit des Standes; der Baron darf an geistiger Albernheit und die Baronesse an sittlicher Gemeinheit niemanden weichen; die Gr\u00e4fin selbst ist h\u00f6chstens eine reizende Veranlassung zu der sch\u00f6nsten Rechtfertigung des Putzes: und diese Adlichen sind den Stand abgerechnet den Schauspielern nur darin vorzuziehen, da\u00df sie gr\u00fcndlicher gemein sind. Aber diese Menschen, die man lieber Figuren als Menschen nennen d\u00fcrfte, sind mit leichter Hand und mit zartem Pinsel so hingedruckt, wie man sich die zierlichsten Karikaturen der edelsten Malerei denken m\u00f6chte. Es ist bis zum Durchsichtigen gebildete Albernheit. Dieses Frische der Farben, dieses kindlich Bunte, diese Liebe zum Putz und Schmuck, dieser geistreiche Leichtsinn und fl\u00fcchtige Mutwillen haben etwas was man \u00c4ther der Fr\u00f6hlichkeit nennen m\u00f6chte, und was zu zart und zu fein ist, als da\u00df der Buchstabe seinen Eindruck nachbilden und wiedergeben k\u00f6nnte. Nur dem, der vorlesen kann, und sie vollkommen versteht, mu\u00df es \u00fcberlassen bleiben, die Ironie, die \u00fcber dem ganzen Werke schwebt, hier aber vorz\u00fcglich laut wird, denen die den Sinn daf\u00fcr haben, ganz f\u00fchlbar zu machen. Dieser sich selbst bel\u00e4chelnde Schein von W\u00fcrde und Bedeutsamkeit in dem periodischen Styl, diese scheinbaren Nachl\u00e4ssigkeiten und Tautologien, welche die Bedingungen so vollenden, da\u00df sie mit dem Bedingten wieder eins werden, und wie es die Gelegenheit gibt, alles oder nichts zu sagen oder sagen zu wollen scheinen, dieses h\u00f6chst Prosaische mitten in der poetischen Stimmung des dargestellten oder kom\u00f6dierten Subjekts, der absichtliche Anhauch von poetischer Pedanterie bei sehr prosaischen Veranlassungen; sie beruhen oft auf einem einzigen Wort, ja auf einem Akzent.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Vielleicht ist keine Masse des Werks so frei und unabh\u00e4ngig vom Ganzen als eben das dritte Buch. Doch ist nicht alles darin Spiel und nur auf den augenblicklichen Genu\u00df gerichtet. Jarno gibt Wilhelmen und dem Leser eine m\u00e4chtige Glaubensbest\u00e4tigung an eine w\u00fcrdige gro\u00dfe Realit\u00e4t und ernstere T\u00e4tigkeit in der Welt und in dem Werke. Sein schlichter trockner Verstand ist das vollkommne Gegenteil von Aureliens spitzfindiger Empfindsamkeit, die ihr halb nat\u00fcrlich ist und halb erzwungen. Sie ist durch und durch Schauspielerin, auch von Charakter; sie kann nichts und mag nichts als darstellen und auff\u00fchren, am liebsten sich selbst, und sie tr\u00e4gt alles zur Schau, auch ihre Weiblichkeit und ihre Liebe. Beide haben nur Verstand: denn auch Aurelien gibt der Dichter ein gro\u00dfes Ma\u00df von Scharfsinn; aber es fehlt ihr so ganz an Urteil und Gef\u00fchl des Schicklichen wie Jarno&#8217;n an Einbildungskraft. Es sind sehr ausgezeichnete aber fast beschr\u00e4nkte durchaus nicht gro\u00dfe Menschen; und da\u00df das Buch selbst auf jene Beschr\u00e4nktheit so bestimmt hindeutet, beweist, wie wenig es so blo\u00dfe Lobrede auf den Verstand sei, als es wohl anf\u00e4nglich scheinen k\u00f6nnte. Beide sind sich so vollkommen entgegengesetzt wie die tiefe innige Mariane und die leichte allgemeine Philine; und beide treten gleich diesen st\u00e4rker hervor als n\u00f6tig w\u00e4re, um die dargestellte Kunstlehre mit Beispielen und die Verwicklung des Ganzen mit Personen zu versorgen. Es sind Hauptfiguren, die jede in ihrer Masse gleichsam den Ton angeben. Sie bezahlen ihre Stelle dadurch, da\u00df sie Wilhelms Geist auch bilden wollen, und sich seine gesamte Erziehung vorz\u00fcglich angelegen sein lassen. Wenn gleich der Z\u00f6gling trotz des redlichen Beistandes so vieler Erzieher in seiner pers\u00f6nlichen und sittlichen Ausbildung wenig mehr gewonnen zu haben scheint als die \u00e4u\u00dfre Gewandtheit, die er sich durch den mannichfaltigeren Umgang und durch die \u00dcbungen im Tanzen und Fechten erworben zu haben glaubt: so macht er doch dem Anscheine nach in der Kunst gro\u00dfe Fortschritte, und zwar mehr durch die nat\u00fcrliche Entfaltung seines Geistes als auf fremde Veranlassung. Er lernt nun auch eigentliche Virtuosen kennen, und die k\u00fcnstlerischen Gespr\u00e4che unter ihnen sind au\u00dferdem, da\u00df sie ohne den schwerf\u00e4lligen Prunk der sogenannten gedr\u00e4ngten K\u00fcrze, unendlich viel Geist, Sinn und Gehalt haben, auch noch wahre Gespr\u00e4che; vielstimmig und ineinander greifend, nicht blo\u00df einseitige Scheingespr\u00e4che. Serlo ist in gewissem Sinne ein allgemeing\u00fcltiger Mensch, und selbst seine Jugendgeschichte ist wie sie sein kann und sein soll bei entschiedenem Talent und ebenso entschiedenem Mangel an Sinn f\u00fcr das H\u00f6chste. Darin ist er Jarno&#8217;n gleich: beide haben am Ende doch nur das Mechanische ihrer Kunst in der Gewalt. Von den ersten Wahrnehmungen und Elementen der Poesie, mit denen der erste Band Wilhelmen und den Leser besch\u00e4ftigte, bis zu dem Punkt, wo der Mensch f\u00e4hig wird, das H\u00f6chste und das Tiefste zu fassen, ist ein unerme\u00dflich weiter Zwischenraum, und wenn der \u00dcbergang, der immer ein Sprung sein mu\u00df, wie billig durch ein gro\u00dfes Vorbild vermittelt werden sollte: durch welchen Dichter konnte dies wohl schicklicher geschehen, als durch den, welcher vorzugsweise der Unendliche genannt zu werden verdient? Grade diese Seite des Shakespeare wird von Wilhelmen zuerst aufgefa\u00dft, und da es in dieser Kunstlehre weniger auf seine gro\u00dfe Natur als auf seine tiefe K\u00fcnstlichkeit und Absichtlichkeit ankam, so mu\u00dfte die Wahl den \u00bbHamlet\u00ab treffen, da wohl kein St\u00fcck zu so vielfachem und interessanten Streit, was die verborgne Absicht des K\u00fcnstlers oder was zuf\u00e4lliger Mangel des Werks sein m\u00f6chte, Veranlassung geben kann, als eben dieses, welches auch in die theatralische Verwicklung und Umgebung des Romans am sch\u00f6nsten eingreift, und unter andern die Frage von der M\u00f6glichkeit, ein vollendetes Meisterwerk zu ver\u00e4ndern oder unver\u00e4ndert auf der B\u00fchne zu geben, gleichsam von selbst aufwirft. Durch seine retardierende Natur kann das St\u00fcck dem Roman, der sein Wesen eben darin setzt, bis zu Verwechselungen verwandt scheinen. Auch ist der Geist der Betrachtung und der R\u00fcckkehr in sich selbst, von dem es so voll ist, so sehr eine gemeinsame Eigent\u00fcmlichkeit aller sehr geistigen Poesie, da\u00df dadurch selbst dies f\u00fcrchterliche Trauerspiel, welches zwischen Verbrechen und Wahnsinn schwankend, die sichtbare Erde als einen verwilderten Garten der l\u00fcsternen S\u00fcnde, und ihr gleichsam hohles Innres wie den Wohnsitz der Strafe und der Pein darstellt und auf den h\u00e4rtesten Begriffen von Ehre und Pflicht ruht, wenigstens in einer Eigenschaft sich den fr\u00f6hlichen Lehrjahren eines jungen K\u00fcnstlers aneignen kann.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die in diesem und dem ersten Buche des n\u00e4chsten Bandes zerstreute Ansicht des \u00bbHamlet\u00ab ist nicht sowohl Kritik als hohe Poesie. Und was kann wohl anders entstehn als ein Gedicht, wenn ein Dichter als solcher ein Werk der Dichtkunst anschaut und darstellt? Dies liegt nicht darin, da\u00df sie \u00fcber die Grenzen des sichtbaren Werkes mit Vermutungen und Behauptungen hinausgeht. Das mu\u00df alle Kritik, weil jedes vortreffliche Werk, von welcher Art es auch sei, mehr wei\u00df als es sagt, und mehr will als es wei\u00df. Es liegt in der g\u00e4nzlichen Verschiedenheit des Zweckes und des Verfahrens. Jene poetische Kritik will gar nicht wie eine blo\u00dfe Inschrift nur sagen, was die Sache eigentlich sei, wo sie in der Welt stehe und stehn solle: dazu bedarf es nur eines vollst\u00e4ndigen ungeteilten Menschen, der das Werk so lange als n\u00f6tig ist, zum Mittelpunkt seiner T\u00e4tigkeit mache; wenn ein solcher m\u00fcndliche oder schriftliche Mitteilung liebt, kann es ihm Vergn\u00fcgen gew\u00e4hren, eine Wahrnehmung, die im Grunde nur eine und unteilbar ist, weitl\u00e4uftig zu entwickeln, und so entsteht eine eigentliche Charakteristik. Der Dichter und K\u00fcnstler hingegen wird die Darstellung von neuem darstellen, das schon Gebildete noch einmal bilden wollen; er wird das Werk erg\u00e4nzen, verj\u00fcngern, neu gestalten. Er wird das Ganze nur in Glieder und Massen und St\u00fccke teilen, nie in seine urspr\u00fcnglichen Bestandteile zerlegen, die in Beziehung auf das Werk tot sind, weil sie nicht mehr Einheiten derselben Art wie das Ganze enthalten, in Beziehung auf das Weltall aber allerdings lebendig und Glieder oder Massen desselben sein k\u00f6nnten. Auf solche bezieht der gew\u00f6hnliche Kritiker den Gegenstand seiner Kunst, und mu\u00df daher seine lebendige Einheit unvermeidlich zerst\u00f6ren, ihn bald in seine Elemente zersetzen, bald selbst nur als ein Atom einer gr\u00f6\u00dfern Masse betrachten.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Im f\u00fcnften Buche kommt es von der Theorie zu einer durchdachten und nach Grunds\u00e4tzen verfahrenden Aus\u00fcbung; und auch Serlos und der andern Roheit und Eigennutz, Philinens Leichtsinn, Aureliens \u00dcberspannung, des Alten Schwermut und Mignons Sehnsucht gehen in Handlung \u00fcber. Daher die nicht seltne Ann\u00e4herung zum Wahnsinn, die eine Lieblingsbeziehung und Ton dieses Teils scheinen d\u00fcrfte. Mignon als M\u00e4nade ist ein g\u00f6ttlich lichter Punkt, deren es hier mehrere gibt. Aber im ganzen scheint das Werk etwas von der H\u00f6he des zweiten Bandes zu sinken. Es bereitet sich gleichsam schon vor, in die \u00e4u\u00dfersten Tiefen des innern Menschen zu graben, und von da wieder eine noch gr\u00f6\u00dfere und schlechthin gro\u00dfe H\u00f6he zu ersteigen, wo es bleiben kann. \u00dcberhaupt scheint es an einem Scheidepunkte zu stehn und in einer wichtigen Krise begriffen zu sein. Die Verwicklung und Verwirrung steigt am h\u00f6chsten, und auch die gespannte Erwartung \u00fcber den endlichen Aufschlu\u00df so vieler interessanter R\u00e4tsel und sch\u00f6ner Wunder. Auch Wilhelms falsche Tendenz bildet sich zu Maximen: aber die seltsame Warnung warnt auch den Leser, ihn nicht zu leichtsinnig schon am Ziel oder auf dem rechten Wege dahin zu glauben. Kein Teil des Ganzen scheint so abh\u00e4ngig von diesem zu sein, und nur als Mittel gebraucht zu werden, wie das f\u00fcnfte Buch. Es erlaubt sich sogar blo\u00df theoretische Nachtr\u00e4ge und Erg\u00e4nzungen, wie das Ideal eines Souffleurs, die Skizze der Liebhaber der Schauspielkunst, die Grunds\u00e4tze \u00fcber den Unterschied des Drama und des Romans.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die Bekenntnisse der sch\u00f6nen Seele \u00fcberraschen im Gegenteil durch ihre unbefangene Einzelnheit, scheinbare Beziehungslosigkeit auf das Ganze und in den fr\u00fcheren Teilen des Romans beispiellose Willk\u00fcrlichkeit der Verflechtung mit dem Ganzen, oder vielmehr der Aufnahme in dasselbe. Genauer erwogen aber d\u00fcrfte Wilhelm auch wohl vor seiner Verheiratung nicht ohne alle Verwandtschaft mit der Tante sein, wie ihre Bekenntnisse mit dem ganzen Buch. Es sind doch auch Lehrjahre, in denen nichts gelernt wird, als zu existieren, nach seinen besondern Grunds\u00e4tzen oder seiner unab\u00e4nderlichen Natur zu leben; und wenn Wilhelm uns nur durch die F\u00e4higkeit, sich f\u00fcr alles zu interessieren, interessant bleibt, so darf auch die Tante durch die Art, wie sie sich f\u00fcr sich selbst interessiert, Anspr\u00fcche darauf machen, ihr Gef\u00fchl mitzuteilen. Ja sie lebt im Grunde auch theatralisch; nur mit dem Unterschiede, da\u00df sie die s\u00e4mtlichen Rollen vereinigt, die in dem gr\u00e4flichen Schlosse, wo alle agierten und Kom\u00f6die mit sich spielten, unter viele Figuren verteilt waren, und da\u00df ihr Innres die B\u00fchne bildet, auf der sie Schauspieler und Zuschauer zugleich ist und auch noch die Intrigen in der Coulisse besorgt. Sie steht best\u00e4ndig vor dem Spiegel des Gewissens, und ist besch\u00e4ftigt, ihr Gem\u00fct zu putzen und zu schm\u00fccken. \u00dcberhaupt ist in ihr das \u00e4u\u00dferste Ma\u00df der Innerlichkeit erreicht, wie es doch auch geschehen mu\u00dfte, da das Werk von Anfang an einen so entschiednen Hang offenbarte, das Innre und das \u00c4u\u00dfre scharf zu trennen und entgegenzusetzen. Hier hat sich das Innre nur gleichsam selbst ausgeh\u00f6hlt. Es ist der Gipfel der ausgebildeten Einseitigkeit, dem das Bild reifer Allgemeinheit eines gro\u00dfen Sinnes gegen\u00fcbersteht. Der Onkel n\u00e4mlich ruht im Hintergrunde dieses Gem\u00e4ldes, wie ein gewaltiges Geb\u00e4ude der Lebenskunst im gro\u00dfen alten Styl, von edlen einfachen Verh\u00e4ltnissen, aus dem reinsten gediegensten Marmor. Es ist eine ganz neue Erscheinung in dieser Suite von Bildungsst\u00fccken. Bekenntnisse zu schreiben w\u00e4re wohl nicht seine Liebhaberei gewesen; und da er sein eigner Lehrer war, kann er keine Lehrjahre gehabt haben, wie Wilhelm. Aber mit m\u00e4nnlicher Kraft hat er sich die umgebende Natur zu einer klassischen Welt gebildet, die sich um seinen selbst\u00e4ndigen Geist wie um den Mittelpunkt bewegt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Da\u00df auch die Religion hier als angeborne Liebhaberei dargestellt wird, die sich durch sich selbst freien Spielraum schafft und stufenweise zur Kunst vollendet, stimmt vollkommen zu dem k\u00fcnstlerischen Geist des Ganzen und es wird dadurch, wie an dem auffallendsten<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/SchlegelF-KFSA,+1.+Abt.+Bd.+2\" name=\"142\"><\/a> <a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/SchlegelF-KFSA,+1.+Abt.+Bd.+2\" name=\"142\"><\/a>Beispiele gezeigt, da\u00df er alles so behandeln und behandelt wissen m\u00f6chte. Die Schonung des Oheims gegen die Tante ist die st\u00e4rkste Versinnlichung der unglaublichen Toleranz jener gro\u00dfen M\u00e4nner, in denen sich der Weltgeist des Werks am unmittelbarsten offenbart. Die Darstellung einer sich wie ins Unendliche immer wieder selbst anschauenden Natur war der sch\u00f6nste Beweis, den ein K\u00fcnstler von der unergr\u00fcndlichen Tiefe seines Verm\u00f6gens geben konnte. Selbst die fremden Gegenst\u00e4nde malte er in der Beleuchtung und Farbe und mit solchen Schlagschatten, wie sie sich in diesem alles in seinem eignen Widerscheine schauenden Geiste abspiegeln und darstellen mu\u00dften. Doch konnte es nicht seine Absicht sein, hier tiefer und voller darzustellen, als f\u00fcr den Zweck des Ganzen n\u00f6tig und gut w\u00e4re; und noch weniger konnte es seine Pflicht sein, einer bestimmten Wirklichkeit zu gleichen. \u00dcberhaupt gleichen die Charaktere in diesem Roman zwar durch die Art der Darstellung dem Portr\u00e4t, ihrem Wesen nach aber sind sie mehr oder minder allgemein und allegorisch. Eben daher sind sie ein unersch\u00f6pflicher Stoff und die vortrefflichste Beispielsammlung f\u00fcr sittliche und gesellschaftliche Untersuchungen. F\u00fcr diesen Zweck m\u00fc\u00dften Gespr\u00e4che \u00fcber die Charaktere im \u00bbMeister\u00ab sehr interessant sein k\u00f6nnen, obgleich sie zum Verst\u00e4ndnis des Werks selbst nur etwa episodisch mitwirken k\u00f6nnten: aber Gespr\u00e4che m\u00fc\u00dften es sein, um schon durch die Form alle Einseitigkeit zu verbannen. Denn wenn ein einzelner nur aus dem Standpunkte seiner Eigent\u00fcmlichkeit \u00fcber jede dieser Personen r\u00e4sonnierte und ein moralisches Gutachten f\u00e4llte, das w\u00e4re wohl die unfruchtbarste unter allen m\u00f6glichen Arten, den \u00bbWilhelm Meister\u00ab anzusehn; und man w\u00fcrde am Ende nicht mehr daraus lernen, als da\u00df der Redner \u00fcber diese Gegenst\u00e4nde so, wie es nun lautete, gesinnt sei.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Mit dem vierten Bande scheint das Werk gleichsam mannbar und m\u00fcndig geworden. Wir sehen nun klar, da\u00df es nicht blo\u00df, was wir Theater oder Poesie nennen, sondern das gro\u00dfe Schauspiel der Menschheit selbst und die Kunst aller K\u00fcnste, die Kunst zu leben, umfassen soll. Wir sehen auch, da\u00df diese Lehrjahre eher jeden andern zum t\u00fcchtigen K\u00fcnstler oder zum t\u00fcchtigen Mann bilden wollen und bilden k\u00f6nnen, als Wilhelmen selbst. Nicht dieser oder jener Mensch sollte erzogen, sondern die Natur, die Bildung selbst sollte in mannichfachen Beispielen dargestellt, und in einfache Grunds\u00e4tze zusammengedr\u00e4ngt werden. Wie wir uns in den Bekenntnissen pl\u00f6tzlich aus der Poesie in das Gebiet der Moral versetzt w\u00e4hnten, so stehn hier die gediegnen Resultate einer Philosophie vor uns, die sich auf den h\u00f6hern Sinn und Geist gr\u00fcndet, und gleich sehr nach strenger Absonderung und nach erhabner Allgemeinheit aller menschlichen Kr\u00e4fte und K\u00fcnste strebt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Athenaeum<\/b> ist der Titel einer Zeitschrift, die zwischen 1798 und 1800 von den Br\u00fcdern August Wilhelm Schlegel und Friedrich Schlegel herausgegeben und in Berlin gedruckt wurde. Vor zweihundert Jahren stellte Friedrich Schlegel das \u201eAthenaeum\u201c mit der Begr\u00fcndung ein, dass diese Zeitschrift erst in der Zukunft verstanden werden kann. KUNO erinnert daran mit der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/12\/10\/ueber-die-unverstaendlichkeit\/\">Begr\u00fcndung<\/a> des Redakteurs, der im 18. Jahrhundert der modernen Journalismus erfunden hat<\/p>\n<div id=\"attachment_102167\" style=\"width: 218px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-102167\" class=\"wp-image-102167 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Friedrich-Schlegel-e1647016091555.jpg\" alt=\"\" width=\"208\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-102167\" class=\"wp-caption-text\">Friedrich Schlegel um 1790, Kreidezeichnung von Caroline Rehberg<\/p><\/div>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Obwohl die nonkonformistische Literatur ehrlich und transparent zugleich sein wollte, war gegen Ende der 1960er nur schwer zu fassen, die Redaktion entdeckt die Keimzelle des Nonkonformismus in der die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/12\/10\/die-keimzelle-des-nonkonformismus\/\">Romantiker-WG in Jena<\/a>. Zu den Gr\u00fcndungsmythen der alten BRD geh\u00f6rt die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/04\/01\/nonkonformistische-literatur\/\">Nonkonformistische Literatur<\/a>, lesen Sie dazu auch ein Portr\u00e4t von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/04\/04\/vauo\/\">V.O. Stomps<\/a>, dem Klassiker des Andersseins. Kaum jemand hat die L\u00fcckenhaftigkeit des <em>Underground<\/em> so konzequent <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/09\/24\/underground\/\">erz\u00e4hlt<\/a> wie N\u00ed Gudix und ihre <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/08\/23\/kritik-an-der-literarischen-alternative\/\">Kritik an der literarischen Alternative<\/a> ist berechtigt. Ein Portr\u00e4t von N\u00ed Gudix findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/16\/da-lernst-du-die-menschen-kennen\/\">hier<\/a> (und als Leseprobe ihren <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/12\/30\/hausaffentango\/\">Hausaffentango<\/a>). Lesen Sie auch die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/09\/24\/erinnerungen\/\">Erinnerungen an den Bottroper Literaturrocker<\/a> von Werner Streletz und den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/09\/28\/rip-bruno\/\">Nachruf<\/a> von Bruno Runzheimer. Zum 100. Geburtstag von Charles Bukowski, eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/08\/16\/ledertasche-geborgt\/\">Doppelbesprechung<\/a> von Hartmuth Malornys Ruhrgebietsroman <em>Die schwarze Ledertasche<\/em>. 1989 erscheint Helge Schneiders allererste Schallplatte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26990\"><em>Seine gr\u00f6\u00dften Erfolge<\/em><\/a>, produziert von Helge Schneider und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/07\/20\/klangkloetzchen\/\">Tom T\u00e4ger<\/a> im Tonstudio\/Ruhr. Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26709\">Portr\u00e4t <\/a>der einzigartigen Proletendiva aus dem Ruhrgebeat auf KUNO. In einem Kollegengespr\u00e4ch mit Barbara Ester dekonstruiert A.J. Weigoni die <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/10\/09\/ruhrgebietsromantik\/\">Ruhrgebietsromantik<\/a><\/em>. Mit<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6071\"> Kersten Flenter<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/06\/23\/killroy-review\/\">Michael Sch\u00f6nauer<\/a> geh\u00f6rte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/24\/polyphone-ich-erzaehlungen\/\">Tom de Toys<\/a> zum\u00a0Dreigestirn des deutschen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/01\/05\/bewegung\/\">Poetry Slam<\/a>. Einen Nachruf von Theo Breuer auf den Urvater des Social-Beat finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/03\/07\/hubsch-revisited\/\">hier<\/a> \u2013 Sowie selbstverst\u00e4ndlich his <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/06\/25\/wie-was-social-beat-ist-und-warum-und-warum-nicht\/\">Masters voice<\/a>. Und Dr. Stahls kaltgenaue <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2002\/06\/26\/social-beat-vs-digitales-dasein\/\">Analyse<\/a>. \u2013 Constanze Schmidt beschreibt den Weg von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26080\">Proust zu Pulp<\/a>. Ebenso eindr\u00fccklich empfohlen sei Heiner Links <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42272\">Vorwort<\/a> zum Band Trash-Piloten. Inzwischen hat sich Trash andere Kunstformen erobert, dazu die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\">Aufmerksamkeit<\/a> einer geneigten Kulturkritik. In der Reihe <em>Gossenhefte<\/em> zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen, der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Die KUNO-Redaktion bat A.J. Weigoni um einen Text mit Bezug auf die Mainzer Minpressenmesse (MMPM) und er kramte eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/05\/31\/treff-der-titanen\/\">Realsatire<\/a> aus dem Jahr 1993 heraus, die er f\u00fcr den Mainzer Verleger Jens Neumann geschrieben hat. J\u00fcrgen Kipp \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/06\/01\/geschichte-und-aufgaben-des-mainzer-minipressen-archives-mmpa\/\">Aufgaben des Mainzer Minipressen-Archives<\/a>. Ein w\u00fcrdiger Abschlu\u00df gelingt Boris Kerenski mit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/03\/30\/wer-war-ist-noch-social-beat\/\">Stimmen aus dem popliterarischen Untergrund<\/a><strong>.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ohne Anma\u00dfung und ohne Ger\u00e4usch, wie die Bildung eines strebenden Geistes sich still entfaltet, und wie die werdende Welt aus seinem Innern leise emporsteigt, beginnt die klare Geschichte. 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