{"id":103604,"date":"2013-01-09T16:32:58","date_gmt":"2013-01-09T15:32:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103604"},"modified":"2022-06-12T16:36:00","modified_gmt":"2022-06-12T14:36:00","slug":"der-obermieter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/01\/09\/der-obermieter\/","title":{"rendered":"Der Obermieter"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">In Deutschland ist es, als ob es ordentlich darauf angelegt w\u00e4re, da\u00df, vor L\u00e4rm, niemand zur Besinnung kommen solle.<\/span><\/em><\/p>\n<div style=\"text-align: right;\" align=\"right\"><span style=\"color: #999999;\">Schopenhauer.<\/span><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eines m\u00f6chte ich wohl um alles in der Welt wissen: Was machen eigentlich den ganzen Tag die Leute \u00fcber mir? Sie poltern, sie spektakeln, sie scharren, sie stampfen; ich habe die Gedankenverbindungen: Reitstall, Kistenlager, Radrennbahn \u2013 \u2013 was machen diese Leute nur? Ger\u00e4usche, deren Urheber man nicht sehen kann, geben uns schnell die Vorstellung von Ungeheuerlichkeiten. (Haben Sie schon einmal ein f\u00fcr Sie unsichtbares Liebespaar belauscht? Sie sollten das nicht vers\u00e4umen.) Das Geh\u00f6r ist ein unzuverl\u00e4ssiger soziologischer Sinn; das kontrolierende Auge fehlt, und die Resultate sind meistens etwas k\u00fcmmerlich. Und nun will ich durch die Decke sehen und mit den Augen h\u00f6ren, was mein Obermieter da treibt. \u201eUnd drinnen waltet die z\u00fcchtige Hausfrau, die Mutter der Kinder \u2026\u201c Das kann man wohl sagen. Und ob sie waltet! In Berlin haben die Hausfrauen des b\u00fcrgerlichen Mittelstandes noch den guten, schlechten, alten Reinmached\u00e4mon in sich \u2013 sie machen nicht rein \u2013 \u201ees\u201c macht rein. Sir Galahad, der europ\u00e4isch-indische Weise, hat einmal festgestellt, da\u00df man im deutschen Kleinhaushalt noch die seltene Gelegenheit habe, die Arbeitsmethoden der Steinzeit zu bewundern; dem Skandal nach zu urteilen, hat er recht. Das Hausm\u00fctterchen fegt in alle Ecken \u2013 es b\u00fcrstet, es tobt, es klopft, es scheint den Teppich abzum\u00e4hen \u2013 es ist unerfreulich, was da oben alles getrieben wird. Und dabei m\u00fc\u00dften Sie die Frau sehen! Sie sieht aus wie ihr Besen. Denn dies hat der liebe Gott mit Recht so eingerichtet: da\u00df man sich nicht ungestraft an einen solchen Mechanismus wegwirft, wie der Haushalt einer ist. Er fri\u00dft einen auf. Ratzekahl.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich wei\u00df schon: \u201edie Hausfrauen haben es in der jetzigen Zeit nicht leicht\u201c. Aber abgesehen davon, da\u00df es keine Zeit gegeben hat, in der sie es jemals leicht gehabt h\u00e4tten: sie machen es sich auch nicht leicht. Sie nehmen es alles viel zu schwer. N\u00e4mlich \u2013 in Ermangelung eines andern \u2013: als Lebensinhalt. Nimm einer Hausfrau von echtem Schrot den Putzlappen, ihren Kram und ihre Haushaltungssorgen weg: sie geht rettungslos ein. Sie verk\u00fcmmert langsam, siecht dahin. Und fl\u00fcstert noch im Erl\u00f6schen: \u201ePaulchen soll die Beleuchtung abdrehen \u2013!\u201c Nun h\u00f6ren Sie nur, wie dieses Gesch\u00f6pf da umhertobt! Ob sie eine Sitzfl\u00e4che hat? Vielleicht. Aber sie benutzt sie nicht. Sie schlurcht durch die Zimmer, sie wirtschaftet, da\u00df einem angst und bange wird, sie tr\u00e4gt die guten M\u00f6bel von der einen Ecke in die andere Ecke, vielleicht, damit sie noch mehr Ornamente bekommen \u2026 Gott allein wei\u00df, was die Frau da oben treibt. Er wei\u00df es. Aber er sieht gn\u00e4dig fort. Denn sonst f\u00fchre der Blitz ins Haus. Liest diese Person eigentlich jemals ein Buch? I bewahre, tut sie das! Die Berliner haben f\u00fcr diesen Fall einen wundervollen Fachausdruck: \u201eSie kommt nicht dazu.\u201c Wozu kommt sie also denn? Zum L\u00e4rm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um der Wahrheit die Ehre zu geben: manchmal schweigt der L\u00e4rm des Haushaltes (der nur l\u00e4uft, damit er morgen auch laufen kann) \u2013 manchmal ruht sich die Familie aus. Und dann hebt allerdings etwas an, das noch schlimmer ist als der dumpfe Sto\u00df der Besen. Dann machen sie Musik. Nun ist das eine ganz merkw\u00fcrdige Sache: Es gibt nirgends so viel Gesangvereine wie in Deutschland. Und niemand ist \u2013 als Einzelperson genommen \u2013 so unmusikalisch wie der Deutsche. Es ist n\u00e4mlich ein gro\u00dfer Unterschied, ob man ein Konzert in sich aufnimmt, oder ob man eine Operettenmelodie vor sich hintrillert, oder gar \u2013 unsterbliche G\u00f6tter! \u2013 auf dem Klavier vorspielt. Und das tun sie jetzt da oben. Wenn eine deutsche Hausfrau oder ihr T\u00f6chterlein Lehar spielt, dann macht sie Radau. Es ist unbeschreiblich. Gott erfand die Fermaten \u2013 aber die sind da oben nicht beliebt. Er erfand die Retardandis, die Abstufungen, die Nuancen \u2013 nichts zu machen! Sie paukt \u2013 und es ist alles, alles ein Parademarsch. Horch, jetzt h\u00e4mmert sie. Sie h\u00e4mmert achtzehn Mal hintereinander die sch\u00f6nen deutschen Volkslieder: \u201eWer wird denn weinen\u201c \u2013 und \u201eMein Schiff f\u00e4hrt morgen nach Amerika\u201c \u2013 und eine neue Melodie, die sie jetzt in Berlin mit dem Text singen, den die Lumpenh\u00e4ndler auf den H\u00f6fen ausschreien: \u201eEinkauf von Lumpen, Knochen, Papier \u2026\u201c M\u00fctterchen! Mach lieber rein. Es klingt musikalischer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das geht so von morgens sieben bis abends elf Uhr. Ich bin davon \u00fcberzeugt, da\u00df Frau Obermieterin auch im Schlaf sauber macht; sie tr\u00e4umt gewi\u00df von Staubwischen, von Aufwascheimern, Gaskochern und etwas, was man hier in Berlin \u201eSchrubber\u201c nennt, eine Art B\u00fcrste, die so aussieht, wie M\u00fctterchens Frisur, wenn sie sichs gem\u00fctlich gemacht hat \u2026 Was machen die Leute da oben blo\u00df? Und ein Gott h\u00e4lt tr\u00f6stlich die Hand auf meinen Scheitel und antwortet: \u201eSie leben.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Tucholsky.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-13512 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Tucholsky-177x300.jpg\" alt=\"\" width=\"177\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Tucholsky-177x300.jpg 177w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Tucholsky.jpg 354w\" sizes=\"auto, (max-width: 177px) 100vw, 177px\" \/><\/a>Kurt Tucholsky z\u00e4hlt zu den bedeutendsten Publizisten der Weimarer Republik. Als politisch engagierter Journalist und zeitweiliger Mitherausgeber der Wochenzeitschrift <i>Die Weltb\u00fchne<\/i> erwies er sich als Gesellschaftskritiker in der Tradition Heinrich Heines. Zugleich war er Satiriker, Kabarettautor, Liedtexter, Romanautor, Lyriker und Kritiker (Literatur, Film, Musik). Er verstand sich selbst als linker Demokrat und warnte vor der Erstarkung der politischen Rechten\u00a0\u2013 vor allem in Politik, Milit\u00e4r und Justiz\u00a0\u2013 und vor der Bedrohung durch den Nationalsozialismus. &#8222;Der niemals zu unterdr\u00fcckende Drang, die Wahrheit zu sagen&#8220;, ist Tucholskys Motiv, und als er erleben muss, dass in Deutschland die Republik versinkt und ein umjubelter Diktator mit ausgestrecktem Arm an die Macht kommt, verstummt die mahnende Stimme Tucholskys im schwedischen Exil: &#8222;Man kann nicht schreiben, wo man nur noch verachtet.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Deutschland ist es, als ob es ordentlich darauf angelegt w\u00e4re, da\u00df, vor L\u00e4rm, niemand zur Besinnung kommen solle. 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