{"id":103567,"date":"2013-05-26T08:11:08","date_gmt":"2013-05-26T06:11:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103567"},"modified":"2022-06-11T08:16:08","modified_gmt":"2022-06-11T06:16:08","slug":"ernst-toller","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/05\/26\/ernst-toller\/","title":{"rendered":"Ernst Toller"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ernst Toller war vor allen Dingen ein lieber Mensch gewesen. Ich hatte ihn mir genau so vorgestellt damals und war garnicht \u00fcberrascht, als ich ihn sah im schlichten Rock vor uns auf dem Podium. Wir eilten alle alle hin, and\u00e4chtig wie zu einem Gottesdienst, in den grossen Saal in Berlin, mitten in Berlin, ihn zu begr\u00fcssen und zu h\u00f6ren, endlich aus 6-j\u00e4hriger Haft befreit. Immer schrieb er mir so liebreich aus dem Gef\u00e4ngnis: als ob ich gefangen und er in Freiheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hatte ihn mir ganz genau so einfach gedacht, wie ich ihn nun sah. Er glich etwas Senna Hoy, dem himmlischen K\u00f6nigssohn, dem Sascha in meinen B\u00fcchern. Aber auch beider Schicksale \u00e4hnelten sich; gestorben beide f\u00fcr die Menschheit! Zwei Engel! &#8230;. Und da diskutiert man, ob sie eitel gewesen der Ernest und der Sascha??? 9 Jahre siegte dahin, mein von mir rein geliebter Indianerspielgef\u00e4hrte Sascha in einem der Tower der Zarenzeit bei Moskau. Auch nach seinem Opfertode warf man die Frage auf, ob er eitel oder nicht eitel gewesen? Beseeligt waren die 2 heiligen K\u00e4mpfer und dankerf\u00fcllt \u00fcber ihrer Fl\u00fcgel gradliniegen Flug. Sie waren beide herrliche Engel! &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gewiss man muss ein bla\u00fcs Herz besitzen, um es zu wissen; eine bla\u00fc Wolke am Rande des Herzens versp\u00fcren. Kein Geweihter schreitet unerkannt am Dichter oder an der Dichterin vor\u00fcber.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Senna Hoy schnitt sich die Adern auf im Zuchthaus, schwer an Tuberkulose erkrankt. Er verblutete langsam, ja feierlich, ein erlegtes Wild. \u00bbEs starb ein heiliger Feldherr\u00ab, sagte der Hofrat, der Direktor des Schreckenhauses, zu mir.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch Ernst Toller brach sich selbst vom jungen Zweige ab &#8230; Von D\u00e4mmerung tr\u00e4umte so oft sein Herz. Seine Augen glichen Haseln\u00fcssen, verwundert, die eben erst aus der Schale guckten. Seine Haare str\u00f6mten herben Strauchduft aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er liebte W\u00e4lder und G\u00e4rten; oft reiste er in die St\u00e4dte seiner Freunde, um das Gr\u00fcn ihrer Heimat zu besuchen. So kam er auch in meine Heimat und sandte mir den Garten meines teuren Elternhauses in Miniatur in einer weissen Pappschachtel. Drinnen lauter crystallene Kieselsteinchen der lieben Pfade. Zackige Kastanienbl\u00e4tter deckten sie zu, und auf den Kastanienbl\u00e4ttern lagen von unserem Kastanienbaum einige von den gl\u00e4nzenden Kastanien, aber auch noch nicht entsch\u00e4lte \u00bbgr\u00fcne Igel\u00ab, mit denen ich und meine Schulkameradinnen Gem\u00fcsemarkt zu spielen pflegten. Und auch einen winzigen Akazienzweig und eine Jasminbl\u00fcte meines Lieblingsbuschs vergass der Ernest nicht beizulegen. Vor allen Dingen \u2013 eine schon ergraute Indianerfeder meines Indianerhuts, holte er doch hinter der Laube mit M\u00fchen ans Tageslicht tief aus der Erde hervor; und erhob somit den Garten der Pr\u00e4sentschachtel in den Indianerstand!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich war damals so entz\u00fcckt &#8230; ich konnte doch wieder in unserem Garten spazierengehen, ja mich ab und zu in ihm herumtummeln!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin dem Ernst Toller furchtbar gut im Leben gewesen und nun im Tode wie dem Gleichnis eines Menschen, das man ewiglich verehrt. Leben und Tod gehen ja Hand in Hand. Manchmal schrieb mir seine feine Mutter, aber stets voll Sorge um Ernst, der schon als Knabe \u00bbso trotzig\u00ab gewesen. Aber zwischen Zeile und Zeile ihrer Briefe leuchtete der Stolz ihres sch\u00f6nen Herzens. Ihres Sohnes Gem\u00fct ein gel\u00e4utertes Gem\u00fct, von Gott geliebt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich wiederhole fast w\u00f6rtlich den Schlussakkord seiner damaligen ersten Rede nach der Haft: Ernst betonte: \u00bbWenn ein Mensch auch nur ein Zehntel f\u00e4hig des Nebenmenschen Leid mitzuf\u00fchlen, so g\u00e4be es bald keine Ungerechtigkeit und keinen Hass mehr auf Erden.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p class=\"uber01\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Essays<\/strong> von Else Lasker-Sch\u00fcler. Mit einer Einbandzeichnung der Verfasserin. Verlegt bei Paul Cassirer in Berlin 1920 Ernst Toller<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-76746 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-214x300.jpg\" alt=\"\" width=\"214\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-214x300.jpg 214w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-260x364.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-160x224.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 214px) 100vw, 214px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ernst Toller war vor allen Dingen ein lieber Mensch gewesen. 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