{"id":103510,"date":"2013-09-28T12:31:41","date_gmt":"2013-09-28T10:31:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103510"},"modified":"2022-06-06T12:46:07","modified_gmt":"2022-06-06T10:46:07","slug":"unser-rechtsanwalt-hugo-caro","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/09\/28\/unser-rechtsanwalt-hugo-caro\/","title":{"rendered":"Unser Rechtsanwalt Hugo Caro"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">Er kam immer im letzten Augenblick, auch zum Termin, wie jemand, der noch in den sich fortbewegenden Zug springt. Wie oft gingen wir zur Verhandlung ins Kriminalgericht, den Rechtsanwalt Caro verteidigen zu h\u00f6ren. Unseren lieben, frohen Rechtsanwalt, der uns immer wieder durch seinen Frohsinn aufrichtete, abends im Caf\u00e9 des Westens. Er g\u00f6nnte sich dort Rast zwischen K\u00fcnstlern, bis er von irgend einem Hilfesuchenden gefa\u00dft, um Rat gefragt wurde. F\u00fcr Jeden hatte unser Rechtsanwalt ein liebensw\u00fcrdiges Verst\u00e4ndnis. Er betrachtete das Caf\u00e9 des Westens als den Garten unter den Stra\u00dfen Berlins, darin man ausruhe, ohne den Zusammenhang mit der \u00dcbrigkeit zu verlieren, mit all den Menschen, deren Geschicke er f\u00fchre. Er war der, welcher ohne zu erschaffen, die Kunst hoch und liebend achtete; vielleicht erlangte er doch selbst das Gl\u00fccksgef\u00fchl des Schaffenden in der Ausf\u00fchrung seines verantwortlichen Amtes: dem frischen Aufbau seiner Verteidigungsreden, oft in Berliner Dialekt gehalten, sicher anzunehmen. <span class=\"s_ku\">Er war der Fritz Reuter unter den Juristen.<\/span><\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">In seinem Hause fiel von dem Eintretenden die Fremdnis der gro\u00dfen Hauptstadtangst. Wie oft plauderten derRechtsanwalt, seine wundersch\u00f6ne Frau und ich bis sp\u00e4t in die Mondnacht vertraulich dreieinander \u2026 Der Krieg brach aus, Rechtsanwalt Caro meldete sich freiwillig; er liebte Berlin, es war seine Wiege, seine Primanerliebe, sein Berlin trug seine rote Studentenm\u00fctze. Er war eben der fahrende Sch\u00fcler geblieben, sang seine Maienlieder, wenn er nach anstrengender Arbeit zwischen uns ausruhte: \u00bbUnd la\u00dft uns wieder von der Liebe reden, wie einst im Mai\u00ab. Unser Rechtsanwalt war immer guter Laune, auch als er eines Abends in Uniform schwer ermattet vom Marsche unter uns Freunde trat; wir erkannten ihn nicht, seine straffen Haare waren abrasiert, vor seinen Augen trug er eine m\u00e4chtige Hornbrille. Die jungen Soldaten seiner Kompagnie nannten ihn: Vater Justizrat. Weil er so g\u00fctig zu ihnen sprach, sie ermutigte. In seiner kleinen Bureauwohnung in der N\u00fcrnberger-Stra\u00dfe pflegte der Rechtsanwalt, bevor er in Herrgottsfr\u00fche nach D\u00f6beritz zum Dienst eilte, sich seinen Tee zu brauen; M\u00fcdigkeit \u00fcbermannte ihn, ein kleiner, listiger Zugwind l\u00f6schte die Flamme unter dem brodelnden Wasser, und unser lebensfroher Rechtsanwalt erstickte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p class=\"uber01\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Essays<\/strong>\u00a0von Else Lasker-Sch\u00fcler.\u00a0Mit einer Einbandzeichnung\u00a0der Verfasserin.\u00a0Verlegt bei Paul Cassirer in Berlin\u00a01920<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-76746 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-214x300.jpg\" alt=\"\" width=\"214\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-214x300.jpg 214w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-260x364.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-160x224.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 214px) 100vw, 214px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Er kam immer im letzten Augenblick, auch zum Termin, wie jemand, der noch in den sich fortbewegenden Zug springt. 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