{"id":103506,"date":"2013-10-01T12:23:18","date_gmt":"2013-10-01T10:23:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103506"},"modified":"2022-06-06T12:26:32","modified_gmt":"2022-06-06T10:26:32","slug":"s-lublinski","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/01\/s-lublinski\/","title":{"rendered":"S. Lublinski"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">S. Lublinski ist von Geburt Ostpreu\u00dfe. Er hat mir oft von seiner Heimat erz\u00e4hlt: dort sind noch die W\u00e4lder so finster und verwachsen wie kleine Urw\u00e4lder. Zwischen knolligen Wurzeln und St\u00e4mmen ist sein Nest; knollig ist auch er an Leib und Seele, ein Knollengew\u00e4chs, aus dem j\u00e4h eine leuchtende Bl\u00fcte aufsteigt. Zusammengekauert in seinem Korbstuhl sitzt er, wie in einem gro\u00dfen Pflanzenk\u00fcbel, und gr\u00fcbelt, ob er den Entschlu\u00df, den er zun\u00e4chst erst in einiger Perspektive wohlwollend betrachtet, wirklich fassen soll oder nicht \u2026 Wir beide haben manchen Abend bei schweigender Dunkelheit zusammen auf der Veranda des Kaffeehauses gesessen. Die G\u00e4ste sehen nach der Richtung unseres Tisches und lachen \u00fcber das Holpern seiner Stimme; jedoch die Kellner, vom allerdicksten bis zum bla\u00dfwangigen Groom, haben sich schon an die eigent\u00fcmliche, sto\u00dfende Hornsprache S. Lublinskis gew\u00f6hnt; sie harren aufmerksam seinem Wink und entrei\u00dfen raubtierartig den lesenden G\u00e4sten Journale und Zeitschriften, die er verlangt. S. Lublinski schiebt seine Brille vorsichtig h\u00f6her auf den Nasenr\u00fccken \u2013 der kleine Literat und der phlegmatische Baccalaureus-Referendarius n\u00e4hern sich unserm Tisch. Mit au\u00dfergew\u00f6hnlicher, liebensw\u00fcrdiger Handgeb\u00e4rde fordert er die beiden jugendlichen Opfer auf, sich an unsrer Seite niederzulassen. Ich wei\u00df: S. Lublinski ist in Kampfstimmung, er hat tags\u00fcber Aufs\u00e4tze schreiben m\u00fcssen, und ihn \u00e4rgert die Erde mit den vielen Tintenf\u00e4ssern; und ohne jede Veranlassung, oder auf eine geringf\u00fcgige Bemerkung hin, \u00fcberf\u00e4llt er den Nachbar \u2013 sein Herz jedoch schl\u00e4gt Kobolz dazu. Mich interessiert die Strategie seines Angriffs \u2013 der arme Gegner, der an den Zorn seiner rollenden Augen glaubt und ihn gutm\u00fctig bes\u00e4nftigen will. Ihn reizt der bequeme Widerstand. Worte werden Kugeln, Bomben explodieren, der Kampf wird ernst. S. Lublinski schl\u00e4gt mit der Faust dr\u00f6hnend auf den Tisch; seine Augen bluten \u2026 Gold hat sein Vater in der Jugend aus Kanadas Gefilden gegraben \u2026 und die Lust nach Abenteuern hat sich in S. Lublinski vergeistigt. Aber der Freund kennt ihn auch im Zelt; er hat seine tr\u00e4umende Stirn gesehen mit dem poetischen Schneehauch. So gerne jauchzen m\u00f6chte S. Lublinski! \u2013 Selten sehnte sich ein zweiter tiefer nach dem b\u00fcbischen Lenztag, hinter dem Horizont auf der blauen Wiese nach dem fr\u00f6hlichen Ringelrangelspiel, wie er. Aber der gro\u00dfe Ungeschickte f\u00fcrchtet, zu stolpern; und es ist ihm nichts besch\u00e4mender, als l\u00e4cherlich zu wirken \u2013 er w\u00fcrde eher mit einem G\u00e4nsekiel Verse schreiben. Unsch\u00f6nheit ist S. Lublinskis Kinderkrankheit \u2026 Wie auf gerosteten Geleisen bewegt er sich vorw\u00e4rts; seine Arme schleudern beim geringsten Au\u00dfertaktkommen. So ist auch der Rhythmus seiner Seele, seiner Novellen und Dramen. Ich w\u00fcrde jede andre Fassung f\u00fcr unecht betrachten \u2026 Aber da steht kein Tor, daran er nicht r\u00fcttelt. \u00bbIch habe Prinzessin mein neues Buch: \u203aGescheitert\u2039 mitgebracht\u00ab \u2026 S. Lublinski beobachtet mich mi\u00dftrauisch unter seiner Brille \u2013 er wei\u00df, mich interessieren eigentlich nur meine eigenen Dichtungen; aber ich bitte ihn auf seine stumme Voraussetzung, mir selbst eine Novelle seines Buches vorzulesen. Er liest die Geschichte des geh\u00e4nselten Knaben \u2013 er \u00f6ffnet seine Seele. Schwerer als jedes Kind, dessen Eigenart sich abhebt vom Durchschnitt, hat er gelitten \u2013 aber aus der dumpfen, beklemmenden Nacht seiner Leiden recken sich eiserne, kleine F\u00e4uste, grauenhaft verzerrte Fratzen, aus denen klagende Kinderaugen blicken. Endlich von seinen peinigenden Altersgenossen befreit, den folgenden Schultag vergessend, f\u00fchrt er Kriegsspiele auf, allein, hinter den Hecken seines Gartens. In Reih und Glied tausend gehorchende Soldaten \u2013: \u00bbVorw\u00e4rts marsch!\u00ab Und er an ihrer Spitze, als Befehlshaber, als Feldherr! Aus kleinen Steinen besteht in Wirklichkeit das tapfere Heer \u2026<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">Wieder angelehnt im Sofapolster, das Buch zugeklappt auf dem Tisch, beginnt S. Lublinski, in zynischster Weise seine Nachteulen\u00e4hnlichkeit zu verspotten. Selten sehnte sich ein Zweiter schmerzlicher und unerf\u00fcllter nach Liebe wie der da \u2026 Hannibal (eines seiner wuchtigen Dramen), der schwerm\u00fctige, schwerw\u00fctige Krieger, der erwachsene Feldherr seiner Spiele hinter den Hecken seines Gartens. Peter Hille sagte einmal: \u00bbDen Hannibal hat er aus gerostetem Eisen geschmiedet.\u00ab Aber nicht minder hart ist der zweite Akt seines K\u00f6niginnendramas: Elisabeth und Essex. Ich habe oft S. Lublinski durch die durchsichtigen, gro\u00dfblumigen Gardinen seiner Fenster dichten sehen und h\u00f6ren. Die Kissen fliegen von den Sesseln, die Beine der St\u00fchle und Tische knaxen, und ein Ertappter sitzt er nun wieder vor seinem Schreibtisch, die reine Stirn in die Hand gest\u00fctzt. Leise f\u00e4llt vom Himmel ein feiner Regen \u2013 gesponnenes Weinen \u2013, mir ist, als ob auch seine Seele weine \u2026 S. Lublinski aber gibt sich nicht lange weichen Stimmungen hin \u2013 er rafft sich auf: \u00bbFrau Thormann, ich will noch fortjehen, ich habe ein wenig Kopfdruck.\u00ab \u00bbAber Herr Lublinski, bei dem Regen?\u00ab \u2026 \u00bbDa ist mir nicht bange; aber ich f\u00fcrchte, der letzte Akt des Zaren ist mir was in die Breite jejangen\u00ab \u2026 Frau Thormann, seine h\u00fcbsche, muntere Wirtin, hat mir mal ganz vertraulich gesagt: \u00bbMucken haben sie ja alle; aber er sieht immer wieder sein Unrecht ein, das mu\u00df man ihm lassen.\u00ab Und sie w\u00fcrde mich wahrscheinlich f\u00fcr eine Verleumderin halten, wenn ich ihr erz\u00e4hlen w\u00fcrde, da\u00df ihr gro\u00dfer Pflegling gestern auf dem R\u00fccken der Sphinx, am Eingang des Caf\u00e9s, gesessen hat und den Vor\u00fcbergehenden, im jubelnden und schw\u00e4rzesten Pathos, den Schiller deklamierte: \u00bbDer See kann sich, der Landvogt nicht erbarmen!\u00ab Aber in der Fr\u00fche brachte mir die Post einen Brief von ihm: die gotischen, get\u00fcrmten Buchstaben seiner Schrift drohten \u00fcber meine erschreckten Augen zu fallen: \u00bbPrinzessin, ich habe von meinem Freund, nachdem wir uns von Ihnen gestern abend verabschiedet hatten, erfahren, da\u00df Sie noch immer mit dem Schw\u00e4tzer nachmittags im Caf\u00e9 sitzen \u2013 ich fordere Sie zum wiederholten Male auf, den Verkehr abzubrechen, andernfalls ich meine Freundschaft zur\u00fcckziehen werde. Au\u00dferdem wei\u00df ich, da\u00df mein Freund unter Ihrer neuen Akquisition leidet. S. Lublinski.\u00ab Noch am selben Tag begegneten wir uns. S. Lublinski will an mir in zierlichem Bogen vorbei schl\u00fcrfen \u2013 wir lachen \u2013 ich bem\u00fche mich, ihm die Schweigsamkeit des Kaukasiers zu beweisen: \u00bbIch rieche zu gerne Steppe, Herr Lublinski; aber Sie wissen doch, nichtsdestoweniger liebe ich Ihren Freund, den prinzlichen Tondichter; \u2013 und bringen Sie ihm meine tiefblonde Verehrung.\u00ab \u2013 S. Lublinski: \u00bbScheusal!!\u00ab \u2013<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">Alle Passanten haben es geh\u00f6rt \u2013 bis nach Hause haben mich die Stra\u00dfenjungen begleitet. S. Lublinski mu\u00df sterben! \u2026 Ich trage meinen siebenl\u00e4ufigen, ungeladenen Revolver unter dem Mantel versteckt, und der Mond am Himmel ist wie eine brennende Kanonenkugel. Die Mamsell hinter dem B\u00fcffet ruft, als sie mich erblickt, Moloch, den Oberkellner, den uners\u00e4ttlichen G\u00f6tzen (seine Augen sind blanke Taler). \u00bbWo ist S., der Lublinski?!\u00ab \u00bbHerr Doktor sind soeben fortgegangen, haben aber f\u00fcr Sie einen Brief hinterlassen.\u00ab Und seine Aussage noch best\u00e4tigend, weist er auf den Tisch hin, an dem Herr Doktor zu sitzen pflegt: etliche Z\u00fcndh\u00f6lzer schwimmen, zerbrochen im Wasserbad auf dem Silbertablett \u2026 Sehr geehrte Frau, ich gebe zu, da\u00df ich mich in der Erregung heute morgen im Ausdruck hinrei\u00dfen lie\u00df, und ich sehe es gern ein und bitte Sie um Entschuldigung; jedoch die Tatsache selbst bleibt trotzdem unver\u00e4ndert bestehen. S. Lublinski.<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">Zwei Jahre sind\u2019s nun her, als ich vor dem Riesenfenster des Kaffeehauses sa\u00df und S. Lublinski in gro\u00dfen, feierlichen Buchstaben antwortete:<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbSire, ich erkl\u00e4re hiermit unsere freundschaftlichen sowie diplomatischen Beziehungen f\u00fcr aufgehoben\u00ab \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p class=\"uber01\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Essays<\/strong>\u00a0von Else Lasker-Sch\u00fcler.\u00a0Mit einer Einbandzeichnung\u00a0der Verfasserin.\u00a0Verlegt bei Paul Cassirer in Berlin\u00a01920<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-76746 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-214x300.jpg\" alt=\"\" width=\"214\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-214x300.jpg 214w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-260x364.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-160x224.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 214px) 100vw, 214px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; S. 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