{"id":103492,"date":"2003-12-22T10:38:05","date_gmt":"2003-12-22T09:38:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103492"},"modified":"2022-06-06T10:44:00","modified_gmt":"2022-06-06T08:44:00","slug":"tilla-durieux","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/12\/22\/tilla-durieux\/","title":{"rendered":"Tilla Durieux"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">Ich w\u00fcrde f\u00fcr sie auch im Privatleben das Eboligewand w\u00e4hlen, den zackigen, wei\u00dfen Kragen, der ihr Angesicht, ein Bukett von Lichtwende und Herzschatten, wie mit einer Atlasmanschette umgibt. Frau Durieux spielt im Theater Reinhardts die Eboli; die schlummernde Saitenspielerin ist auferstanden aus ihrem Sarkophage. Es tut wohl, sie in \u00bbprinze\u00dflicher\u00ab Wirklichkeit wiederzusehen, in ihrem eifers\u00fcchtigen Herzen zu erleben den Kampf mit der Kabale. Den schn\u00f6den Verrat an die K\u00f6nigin verabreicht sie dem lauernden Pater noch mit traumhaften Fingerspitzen. Keineswegs hysterisch geh\u00e4ssig \u2013 historisch wie ihr Kleid wirkt das intrigante Frauenspiel in der Kapelle steinerner Nacht, an der blutgenagelt Gottes Sohn h\u00e4ngt. Frau Durieux\u2019 verzweifelte Geb\u00e4rde, nachdem ihre K\u00f6nigin sie verst\u00f6\u00dft, erinnert an das Gem\u00e4lde der b\u00fc\u00dfenden Magdalene. \u2013 Als ich sie vor einiger Zeit in ihrem Gemach erwartete, suchte ich unwillk\u00fcrlich nach der Laute. Da kam mir entgegen Rhodope, ihre H\u00e4nde hingen herab wie Myrthen. Diese himmelwei\u00dfe Syrierin ist der Glorienschein ihrer Eingebung, das keusche Geschmeide ihrer Begabung. Beweglich ist die Verwandlungskunst der Frau Durieux, denn wer vermutet nach der br\u00e4utlichen, geduldigen K\u00f6nigin und der verw\u00f6hnten Lautenspielerin, \u00bbSie\u00ab in der bitteren Haut der eigensinnigen Spielverderberin der \u00e4ltlichen Schwester der Br\u00fcder im Friedensfest. Krummr\u00fcckig zum Fu\u00dfaufstampfen, hartn\u00e4ckig widersetzend, den Angeh\u00f6rigen eine giftige Augenweide. \u2013 In \u00bbGott der Rache\u00ab von Schalom Asch spielte Frau Durieux die junge Kupplerin des Bordells. Ich sehe sie noch keck in der Mitte des Sofas sich hinflegeln mit der Frechheit einer freigewordenen Sklavin, mit dem Machtbewu\u00dftsein, vernichten zu k\u00f6nnen je nach Berechnung. Das scheu\u00dfliche Verbrechen ihres fr\u00fcheren Bordellchefs zappelt auf ihrem Knie, sie l\u00e4\u00dft es kichernd \u00fcber ihrem Strumpfband h\u00e4ngen, sie braucht nur den lockeren Vorhang aufzuheben. Tilla Durieux spielte skandal\u00f6s hervorragend. Hier nenne ich die Schauspielerin, die Charakteristik ihres Zivils vergessend, kurzweg \u00bbTilla\u00ab Durieux; aber wer sie in ihrem Privatgemach je sah, umgeben vom Staat sch\u00fctzender Tore und m\u00e4chtiger Bequemlichkeiten, sie selbst zum Empfang der G\u00e4ste sich liebensw\u00fcrdig ermannend, wird mit mir empfinden, da\u00df sie keineswegs eine Bohemin ist, zu treu dem Einen au\u00dferdem, auch da\u00df ihr die seelische Leichtigkeit der Umgebenheit fehlt, und ich nenne sie \u00bbFrau\u00ab Durieux nicht etwa wie man die Spie\u00dferin zu nennen pflegt, aber weil sie die Hofdame der Schauspielerinnen ist; jeder Tag mu\u00df ihr \u00bbd\u2019or-jour\u00ab sein. \u2013 Auf dem Sezessionsfest im Februar teilte sich die Menge in zwei Flittergitter, als sie den Saal betrat. Sie trug ein dunkles Spitzenkleid und eine h\u00e4ngende Nelke\u00a0 im Haarknoten. Ich fragte den Rektor in \u00bbFr\u00fchlingserwachen\u00ab an unserm Tisch, wer die schwarze Leopardin mit dem Blutstropfen am Nacken sei. Prangende Schlichtheit, geschmeidige Charme, in ihrem Herzen bl\u00fchen feine Nerven schmerzvoll auf. Aber als es Mitternacht war, tanzte sie, auf einer Perle des Sekts rollend, mit leuchtenden Augen im bunten Spiele der Masken. Dieses Jahr gibt es wieder ein Fest; ich hoffe, da\u00df Frau Durieux auf Erden weilt, sie h\u00e4lt sich n\u00e4mlich ab und zu mit Vorliebe oben in den Wolken verborgen, in ihrem Luftballon, und was wird sich Prinz Karneval \u00e4rgern, wenn sie ihm nur eine lange Nase machen wird. \u2013 Die Maschen des Netzes, das den Ballon umh\u00fcllt, lockerten sich schon einmal. \u00bbEin Punkt in der Ewigkeit\u00ab kommt man sich im Raume vor, erz\u00e4hlt Frau Durieux. Sie ist ohne Furcht und Zaudern. Zwischen Leere und Leere, Vogel sein, nur Atem, so folge ich in Gedanken den Schilderungen der Luftschifferin in die L\u00fcfte. Da nimmt ihr Terrierhund einen Anlauf aus salonansalongereihter Ferne, springt mir auf die Schulter, ich falle vor Schreck aus allen Himmeln.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p class=\"uber01\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Essays<\/strong>\u00a0von Else Lasker-Sch\u00fcler.\u00a0Mit einer Einbandzeichnung\u00a0der Verfasserin.\u00a0Verlegt bei Paul Cassirer in Berlin\u00a01920<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-76746 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-214x300.jpg\" alt=\"\" width=\"214\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-214x300.jpg 214w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-260x364.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-160x224.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 214px) 100vw, 214px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ich w\u00fcrde f\u00fcr sie auch im Privatleben das Eboligewand w\u00e4hlen, den zackigen, wei\u00dfen Kragen, der ihr Angesicht, ein Bukett von Lichtwende und Herzschatten, wie mit einer Atlasmanschette umgibt. 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