{"id":103490,"date":"2003-11-22T00:33:52","date_gmt":"2003-11-21T23:33:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103490"},"modified":"2022-06-06T10:37:29","modified_gmt":"2022-06-06T08:37:29","slug":"wauer-walden-via-muenchen-usw","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/11\/22\/wauer-walden-via-muenchen-usw\/","title":{"rendered":"Wauer-Walden via M\u00fcnchen usw."},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"uber01\">\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">O, wie wohl ist mir im Herzen zwischen den vielen scherzenden Herzen; alle sind bunt und brennen, aber mein Herz ist blau und gl\u00fcht. Am Morgen h\u00e4nge ich es an einen sorglosen Blumenbaum und lasse es zwitschern. Wie ich so dahinlebe, ich bin einer der fahrenden Sch\u00fcler aus St. Peter Hilles Platonikers Sohn. Im Tanzschritt ziehen wir durch das Gr\u00fcn der Stadt hintereinander mitten im Mondpolka. Die Stra\u00dfen und Pl\u00e4tze duften noch nach Marienbalsam der Dome. Wir schweben, kennen die S\u00fcnde nicht, an der Welt vorbei, mit M\u00fcnchen der S\u00fcdstadt Deutschlands im Arme. Ich mu\u00df M\u00fcnchen immer k\u00fcssen, schon, weil ich Berlin hinter mir habe; wie von einer langweiligen Kokotte geschieden f\u00fchle ich mich. Meine Freunde spielen Harmonika, wir ziehen an Schaufenstern piet\u00e4tvoller L\u00e4den vorbei; Meisterbilder, frommer Schmuck, wilde Waffen aus den Gr\u00e4bern der Bibelf\u00fcrsten und \u00fcberall die blauen K\u00f6nig-Ludwig-Augen! Eine alte Riesenkommode ist M\u00fcnchen, aus einem bayerischen Alpenknochen gehauen. Man kann so and\u00e4chtig kramen in M\u00fcnchen und ausruhen auf gepolsterten Erinnerungen. Hier freut man sich seiner selbst, man findet sich in seinem gl\u00fccklichsten Augenblick oben auf dem Berge der Stadt. Im Vorbeischreiten an den G\u00e4rten Obersendlings fl\u00fcchtet vor mir das prahlerische H\u00e4userregiment Berlins. Es steigt die Erde, ich sitze auf ihrem R\u00fccken in einem der Schl\u00f6sser. Ich bleibe hier f\u00fcr ewig! Man sagt das so leicht. Ein Paradies ist M\u00fcnchen, aus dem man nicht vertrieben wird, aber Berlin ist ein Kassenschrank aus Asphalt; der ihm zum Labsal benutzt, h\u00e4ngt sein Herz engherzig als Schlo\u00df davor. Ich soll mich so ganz erholen in der bayerischen Hauptstadt. Gibt\u2019s auch Caf\u00e9s hier? Da winkt schon eins von ferne. Sei mir gegr\u00fc\u00dft, oder wie der Bayer sagt \u00bbGott gr\u00fc\u00df dich, Caf\u00e9 Bauer!\u00ab Von einem Altan herab ladet es den Vorbeiwandelnden einzutreten, manchmal sogar holt der luftsch\u00f6pfende Ober den Gast in sein Kaffeehaus nach s\u00fcdlicher Sitte. Ich stelle eine gewisse \u00c4hnlichkeit zwischen dem Caf\u00e9 Bauer mit unserem Caf\u00e9 des Westens fest, unserer n\u00e4chtlichen Heimat, (grinst nur verfluchte Somaliphilister und Sudanproleten) unserer Oase, unserem Zigeunerwagen, unserem Zelt, darin wir ausruhen nach dem allt\u00e4glichen schmerzvollen Kampf. Die Frau Wirtin ist sanft, sie pflegt unsere Launen, die uns der B\u00fcrger schlug. Vom Oberober bis zum Unterunter passen die sich dem Rhythmus der G\u00e4ste an. Herr Rattke hat wieder ein neues Buch geschrieben in Troch\u00e4en \u00fcber Servieren, verr\u00e4t mir Richard, der Zeitungsverweser, der Journaltruchse\u00df. Er liest mit Pathos mein Gedicht im Sturm vor \u00fcber M\u00fcnchen; ich beginne zu seufzen. Was fangen nun die spielenden Stra\u00dfen dort ohne mich an und die vielen gaukelnden Herzen? Da\u00df die gesund bleiben, daf\u00fcr sorgen die \u00c4rzte, namentlich der unvergleichliche Doktor Arthur Ludwig. Alle seine Patienten kommen, weil er der unvergleichlichste Mensch noch dazu ist, nie zur angeschlagenen Zeit in die Sprechstunde, wegen der s\u00fc\u00dfen Speisen und Marmeladen, die zum Mittag aufgetragen werden von seiner emsigen, lieben Haush\u00e4lterin. Und die bettlosen Patienten und Freunde nahen gew\u00f6hnlich mit dem Dietrich und der Zahnb\u00fcrste im Gewande, sie kommen vom Rande ihres Lebens und der Doktor, ein heiliger Wirt, wie auf dem Bilde in seinem Sprechzimmer, zu sehen ist: \u00bbFr\u00e4ulein Haush\u00e4lterin, besorge f\u00fcr den Fremdling nun eine Lagerstatt.\u00ab Er ist direkt ein Engel. \u00bbEin starkf\u00fchlender, intelligenter Engel\u00ab, betont ein Kollege von ihm, Doktor Max Nassauer, der dichtende Arzt in M\u00fcnchen.<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">Wir gehen alle in den Simplizissimus, in Kati Kobus\u2019 ber\u00fchmte K\u00fcnstlerkneipe. Heute kommen die Kegler! Ich meine die Leute vom Kegelabend. Ludwig Scharf tr\u00e4gt mit starkem Ton seine Verse vor, jedes Wort ist an das andere geschmiedet. Sein Gesicht ist eine diabolische Arabeske. Dazwischen t\u00f6nt die fahrende Stimme des Gitarrespielers und die liebensw\u00fcrdigen, drolligen Bemerkungen Max Halbes; er gef\u00e4llt mir sehr. Und all die kleinen summenden M\u00e4dchen mit den braunen und blonden Liedern. Und die Hauptsache bleibt die Kati Kobus, die Simplizissimusherrscherin mit dem Kronmal auf der Stirn. Sie ist die Herzogin des Rausches, sie ist eine Regierende. Wer so zu unterscheiden vermag wie sie! Eine Juwelierin, wer so das Angesicht auf sein Geistkarat zu werten vermag. Das Scheiden aus ihrem Nachtgarten, wo das Lachen bl\u00fcht zwischen Bilderhecken, tut mir besonders weh. \u00bbFrau Helene\u00ab, sage ich mich ermannend eines Morgens zu meiner Wirtin, \u00bbes mu\u00df geschieden sein!!!\u00ab Berlin! Vom Waggon aus steige ich sofort die Stufen des Kleinen Theaters hinan zur Generalprobe der Vier Toten der Fiametta.<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">Direkter Wauer fundiert noch seinen letzten Fu\u00dfstapfen, er legt so das Schreiten und die Geb\u00e4rden der Spielenden fest. Fest und sicher bewegt sich nun das ungeheure Pantomimendrama und ballt sich wieder zur Einheit. So wohlgeformt und nicht ein Abweichen, nicht ein \u00fcberfl\u00fcssiges Zureichen allerleigrauen f\u00fchren des Schneiders (William Wauer) Klauen die Schneidernadel unentwegt. Grandios ist die Bewegung seines Mundes, die nicht ein stummes Reden, aber ein drohendes Auftun seines Gesichtes bedeutet. In gro\u00dfen teuflischen Zeichen nicht minder, wie ihr Direktor, spielt Rosa Valetti, die Schneidersfrau, und rotangef\u00fcllt, ein Blutbezechter, ein wankender B\u00e4r, tappt der Lasttr\u00e4ger (Guido Herzfeld) auf den Ruf der verzweifelten Fiametta \u00fcber die Stufen der Treppe, in das Trauerspiel. Das Harlekintrio. Ein Gem\u00e4lde, das im Anschaun mit dem K\u00f6rper des Bewunderers verw\u00e4chst. Und die ungeheure Last Trauerspiel, rollt sich auf einer Musik <span class=\"s_ku\">aufw\u00e4rts<\/span> hochm\u00fctig \u00fcber die Leiche verdutzter h\u00f6hnender Kritik. Herwarth Walden, ein Hodler der Musik, der alles S\u00fc\u00dfliche zerrei\u00dft im Siegeskrampf und Kampf. Morgen ist die Premiere der Vier Toten der Fiametta.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p class=\"uber01\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Essays<\/strong>\u00a0von Else Lasker-Sch\u00fcler.\u00a0Mit einer Einbandzeichnung\u00a0der Verfasserin.\u00a0Verlegt bei Paul Cassirer in Berlin\u00a01920<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-76746 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-214x300.jpg\" alt=\"\" width=\"214\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-214x300.jpg 214w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-260x364.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-160x224.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 214px) 100vw, 214px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; O, wie wohl ist mir im Herzen zwischen den vielen scherzenden Herzen; alle sind bunt und brennen, aber mein Herz ist blau und gl\u00fcht. 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