{"id":103486,"date":"2003-10-11T10:28:04","date_gmt":"2003-10-11T08:28:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103486"},"modified":"2022-06-06T10:32:54","modified_gmt":"2022-06-06T08:32:54","slug":"emmy-destinn","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/10\/11\/emmy-destinn\/","title":{"rendered":"Emmy Destinn"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"uber01\">\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">Ich schrieb ihr am Schlu\u00df meines Briefes: Semiramis, hinter den d\u00fcsteren G\u00e4ngen deines Palastes vermute ich h\u00e4ngende G\u00e4rten. Worauf sie ans Ende ihrer Zeilen setzte: Meine liebe Dichterin, meine G\u00e4rten sind diesen Abend wilde, verschwiegene Schluchten, kommen Sie und h\u00f6ren Sie mich die Carmen singen. \u2013<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">Manchmal versteckte ich den Kopf in das Sammetgehang der Loge, den dunklen Strom ihrer Stimme einsam \u00fcber mich rauschen, tanzen zu h\u00f6ren \u00fcber \u00fcppige Pfade hei\u00dfer Lippen liebentlang. \u2013<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">Der Soldat Don Jos\u00e9 sitzt abseits der Ausgelassenen und schmiedet seine zerrissene S\u00e4belkette; versunken in Mutter, Heimat und Liebchen, dem frischen blonden Bl\u00fcmchen der treuherzigen Provence. Aber da steht sie hoch auf der Br\u00fccke, lauernd, hungrig \u2013 o, du gewaltige Carmen-Katze! Den Oberk\u00f6rper weit nach vorw\u00e4rts gestreckt, schleicht sie Bestienmajest\u00e4tisch \u00fcber die Treppe, die zu ihrem Opfer f\u00fchrt. Es durchgreift den Soldaten eine peinigende Unruhe, er vertieft sich gewaltsam in seine Arbeit, aber seine Finger zittern vor \u00e4ngstlicher Wollust. \u00bbEi, du s\u00fc\u00dfer Kettenschmied!\u00ab Und ein Strau\u00df greller Rosen f\u00e4llt zu seinen F\u00fc\u00dfen nieder. Die lockende Schwere ihres Liedes ergreift ihn, es berauscht ihn der singende Duft ihres Blutes. \u2013<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">Und dann Carmens grausames Begegnen mit Don Jos\u00e9s Liebchen, Carmens zum Sieg ger\u00fcstetes Entgegenziehn der fremden Rasse, aus der sie ihr Opfer geraubt hat, das sie lieben und peinigen mu\u00df und zerst\u00f6ren wird. \u00bbSieh, ich nehme dich, ich verschlinge dich!\u00ab Und ihr Gesang und Spiel bekommen Tatzen, die den Geliebten umkrallen, den Kampf seines Soldatenherzens zerrei\u00dfen und ihn ihr zu eigen machen. Bravissimo, Carmen \u2013 Emmy Destinn!<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">Und nun das Schw\u00e4rzerwerden ihrer Stimme vor dem versto\u00dfenen, verh\u00f6hnten Geliebten, die tr\u00fcbe Todesangst, die sie betastet. Und leise klingt die Hochzeitsmusik, beben die Zaubert\u00f6ne, die den Soldaten gelockt haben in die Netze ihrer furchtbaren Seele. Carmen! Todwund heben sich die Lider ihrer bebenden Pupillen \u2013 ihr Sprung mi\u00dfgl\u00fcckt. Feierlich singt das Cello und flehentlich die Geigen. Drau\u00dfen wartet Escamillo. Carmen zerrei\u00dft ihre Haut aus Hochzeitsseide und veratmet, noch ehe Don Jos\u00e9 ihr treuloses Katzenherz durchsticht. Bla\u00df werden die Kl\u00e4nge in der Ferne.<\/p>\n<div class=\"gedi\">\n<p class=\"vers01\" style=\"text-align: center;\">Die Lieb, die von Zigeunern stammt,<\/p>\n<p class=\"vers01\" style=\"text-align: center;\">Fragt nicht nach Recht, Gesetz und Macht.<\/p>\n<p class=\"vers01\" style=\"text-align: center;\">Liebst du mich nicht, bin ich entflammt,<\/p>\n<p class=\"vers01\" style=\"text-align: center;\">Und lieb ich dich, nimm dich in acht!<\/p>\n<\/div>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">Als ich am Tage nach der Vorstellung Emmy Destinn besuchte, sa\u00df sie auf ihrer Bank von Gold aufrecht, den Kopf d\u00fcster gesenkt, wie die Bl\u00fcte einer Pharaonenblume. Sie trug ein Kleid aus bunten Farben der Gew\u00e4nder assyrischer K\u00f6niginnen. In ihren Ohren hingen Geh\u00e4nge von durchsichtigen, gelben Steinen. \u00bbHabe ich Ihnen gestern gefallen?\u00ab fragte sie mich. Und ehe ich antworten konnte, pochte es leise an die T\u00fcr \u2013 mit einer Tasse s\u00fc\u00dfen Duftes trat eine \u00e4ltere Frau ins Gemach und fl\u00fcsterte ihrer K\u00f6nigin mit besorgtem Augenrollen und Kopfsch\u00fctteln einiges ins Ohr. Als sie drau\u00dfen war, sagte Semiramis zu mir: \u00bbSie war meine Amme und ist noch immer um ihr herangewachsenes Baby in Besorgnis.\u00ab<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">Wir setzten uns an ein kleines Rosenholztischchen. Vor dem Fenster d\u00e4mmert es schon, in ihrem Gesicht scheinen pl\u00f6tzlich ganz hell die beiden gro\u00dfen, braunen Monde. \u00bbKomm, wir wollen um die Rosenholztische Fangen spielen!\u00ab<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">An der Wand, mir gegen\u00fcber, h\u00e4ngen die verschiedenartigsten Instrumente, wohl an zehn Geigen. \u00bbUnd der Fl\u00fcgel dort, ist der Fl\u00fcgel Webers gewesen\u00ab, erz\u00e4hlte sie lebhaft. \u00bbUnd sehen Sie sich auch einmal diese Bildergalerie dort an; ich habe eine m\u00e4chtige Verehrung f\u00fcr Napoleon den Ersten.\u00ab In jedem Lebensalter h\u00e4ngen Bildnisse des ehernen Kaisers von Frankreich da, Briefe in z\u00e4rtlichen Rahmen, Waffen, die er geschwungen hat, umz\u00e4unt mit Lorbeeren. \u2013<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">Katzen, Hunde, Hasen, H\u00e4hne, Puten von leuchtendem wei\u00dfen Porzellan, venetianische Vasen, vielarmige Leuchter stehen auf stolzen S\u00e4ulen und Elfenbeintischchen. Da seh\u2019 ich mich zu meinem Leidwesen drei, vier, f\u00fcnf, immer noch mehrere Male in gro\u00dfen Spiegelw\u00e4nden. Die sch\u00f6ne K\u00f6nigin hat, ohne da\u00df ich es bemerkte, die T\u00fcren ihres weiten Paradieses ge\u00f6ffnet: bl\u00fchende Seltenheiten und Seide.<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbBesuchen Sie mich bald wieder\u00ab, sagte sie; ein L\u00e4cheln in den tausendj\u00e4hrigen Augen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p class=\"uber01\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Essays<\/strong>\u00a0von Else Lasker-Sch\u00fcler.\u00a0Mit einer Einbandzeichnung\u00a0der Verfasserin.\u00a0Verlegt bei Paul Cassirer in Berlin\u00a01920<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-76746 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-214x300.jpg\" alt=\"\" width=\"214\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-214x300.jpg 214w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-260x364.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-160x224.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 214px) 100vw, 214px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ich schrieb ihr am Schlu\u00df meines Briefes: Semiramis, hinter den d\u00fcsteren G\u00e4ngen deines Palastes vermute ich h\u00e4ngende G\u00e4rten. 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