{"id":103477,"date":"2003-07-22T09:58:24","date_gmt":"2003-07-22T07:58:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103477"},"modified":"2022-06-06T10:03:28","modified_gmt":"2022-06-06T08:03:28","slug":"ruth","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/07\/22\/ruth\/","title":{"rendered":"Ruth"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">Sie m\u00fc\u00dfte eine Patronesse haben \u2013 etwa die Kaiserin von Island oder eine reiche Eskimotochter; vielleicht wird es eine Inger auf \u00d6strot sein. Ruth ist eine Trag\u00f6din. Schon seit zwei Jahren spielt sie mit Vorliebe Partien aus Ibsens Werken. Ihre Dreijahr\u00e4rmchen heben sich z\u00fcrnend zum Himmel: \u00bbG\u00f6tter!\u00ab Ich habe Ruth nie lachen sehn und auch weinen nicht, wie andere Kinder. Ruth lacht mit Vorsicht, pl\u00f6tzlich h\u00e4lt ihr Gesichtchen wie eine kleine Sonne zu leuchten inne \u2013 und weinen tut Ruth, um wieder zu lachen. Und am Abend dauert es eine Weile, bis sie einschl\u00e4ft, gerne l\u00e4\u00dft sie einen schmalen Guckspalt offen f\u00fcr den Morgen, ob auf der Heizung ein Schokoladencakes liegt, von einem verkleideten Onkel als Nikolas oder einer Zuckerh\u00e4uschentante gespendet. Ruth gastierte zum erstenmal im Vorgarten des Caf\u00e9s des Westens, sie war damals zwei Jahre alt und trug ein wei\u00dfes Kleid \u00fcber gl\u00e4nzenden Stoff von der Farbe ihres M\u00fcndchens, das auf einmal zum Mund wurde, wie gehext, strenge Furchen zog; ich erschrak. Und noch dazu der finstere Ibsenblick, der mich furchtbar einsch\u00fcchterte. Immer tiefer sank Ruths Lockenk\u00f6pfchen auf die Strohr\u00f6hre herab, die vor ihm im Glase steckte: \u00bbSo trinkt \u203aEr\u2039 Limonade.\u00ab \u00bbEr\u00ab h\u00e4ngt im m\u00e4chtigen Rahmen im Zimmer ihrer Muttertrag\u00f6din (Be\u00df Brenk) und immer steht Ruth vor seinem Angesicht und besieht es sich, ob es auch noch so macht wie \u00bbsie\u00ab. In Klein-Ruth schl\u00e4gt das gro\u00dfe Ibsenherz, und als Ibsen sein Puppenheim schuf, pochte sicher ein kleines Anh\u00e4ngsel an seinem schweren Schlag, ein Goldherzchen, in dessen Mitte ein himmelblaues Perlchen rauschte. Ruth springt vom Stuhl, tanzt in ihren niedlichen Goldk\u00e4ferstiefelchen, die R\u00f6cke nach unten gegl\u00e4ttet \u2013 nun hat sie ein langes Kleid an. Sie tanzt einen herablassenden, zur\u00fcckhaltenden Tanz; da, als ob ein Sausevogel durch ihren Kopf fliegt \u2013 fort will ihre kleine Seele \u2013 ihre Beinchen sind ganz nackt; \u00fcber St\u00fchle und Tische hinweg \u2013 Ruth, Ruth! Ich glaube, sie sitzt oben auf dem Ast des jungen Baumes vor dem Caf\u00e9haus. Was soll man dazu sagen \u2013 Genie? Fort mit dieser alten Denkmalh\u00fclle, sie tut dem Kind weh, aber in ein Wunder wollen wir die wundervolle, kleine Ruth kleiden; in einem goldenen Bettchen soll Ruth schlafen und von einem goldenen Tellerchen und einem goldenen L\u00f6ffelchen essen und auf dem Becher, aus dem Ruth f\u00fcrder trinken soll, steht in Goldbuchstaben geschrieben: Ruth. Sie sch\u00fcttelt den Kopf wie eine Herrscherin, ich glaube, sie ist beleidigt, nicht um der vielen goldenen Sachen wegen, der Ober hat ihr Zucker schenken wollen; sie gleitet schwerf\u00e4llig vom Stuhl, streckt den Leib wie eine Kugel vor, ihr Engelsgesichtchen bekommt Runzeln \u2013 \u00bbdicke Frau is satt\u00ab.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p class=\"uber01\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Essays<\/strong>\u00a0von Else Lasker-Sch\u00fcler.\u00a0Mit einer Einbandzeichnung\u00a0der Verfasserin.\u00a0Verlegt bei Paul Cassirer in Berlin\u00a01920<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-76746 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-214x300.jpg\" alt=\"\" width=\"214\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-214x300.jpg 214w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-260x364.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-160x224.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 214px) 100vw, 214px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Sie m\u00fc\u00dfte eine Patronesse haben \u2013 etwa die Kaiserin von Island oder eine reiche Eskimotochter; vielleicht wird es eine Inger auf \u00d6strot sein. 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