{"id":103475,"date":"2003-06-11T09:55:15","date_gmt":"2003-06-11T07:55:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103475"},"modified":"2022-06-06T09:58:04","modified_gmt":"2022-06-06T07:58:04","slug":"marie-boehm","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/06\/11\/marie-boehm\/","title":{"rendered":"Marie B\u00f6hm"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"uber01\">\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">Ecke Franz\u00f6sische und Charlotten-Stra\u00dfe lachen aus einem der Glask\u00e4sten sch\u00f6ne, wei\u00dfe Z\u00e4hne, zwischen frischen Lippen in M\u00e4dchengesichtern. Manche von den jungen Schauspielerinnen offenbaren ihre ureigene Begabung, denn ihre Perlmutterhecken sind gar nicht erschaffen, am Abend hinter zuckenden Lippen versteckt zu schimmern. \u00dcber dem Atelier von Marie B\u00f6hm scheint auch der Himmel zu heiter; die wundervolle Photographin kann nicht genug Vorh\u00e4nge \u00fcber die Sonne ziehen, die macht immerfort ein freundliches Gesicht. Marie B\u00f6hm ist die Eigent\u00fcmerin des kunstphotographischen Ateliers Becker und Maa\u00df. Man kann sich ohne Gefahr vor Entstellung vor ihren Apparat begeben. Marie B\u00f6hm wei\u00df im richtigen Augenblick den Blick vom Auge zu nehmen. \u00bbDer nichtssagendste, ausdrucksloseste Mensch hat einen Augenblick, den mu\u00df man eben festhalten.\u00ab Ihre lieben, blauen Augen strahlen, als sie das antwortet. Ich verstecke mich unter einem Tisch hinter langen Laubgew\u00e4chsen, um einige Aufnahmen zu beobachten. Da\u00df das nicht angehe, meint Fr\u00e4ulein B\u00f6hm \u2013 schon naht das Brautpaar, ich rufe ihr aus meiner Lage zerstreut zu, sie soll sagen \u2013 im Fall \u2013 ich bin Arzt und interessiere mich f\u00fcr neuartige Operationen. Diese Ideenverwirrung stammt von meinem Vater her, er verwechselte immer das Zahnziehen mit dem Photographierenlassen. Beides hat so was mit dem Herausholen zu tun \u2013 und \u2013 \u00bbder eine Augenblick\u00ab. Marie B\u00f6hm aber hat keine Zange in der Hand. Br\u00e4utigamundbrautumschlungen sitzen die Beiden auf der Bank und drehen ihr den R\u00fccken zu; ihre Gesichter blicken sich auf einmal nach etwas um. Ob sie mich quaken h\u00f6ren aus meiner Froschperspektive? \u2013 \u00bbDanke!\u00ab Zweite Aufnahme. \u2013 F\u00fcr die Photographien m\u00fc\u00dfte es auch eine Welt geben aus gediegenem Silberoxyd im Krinolin. Das Album ist aus der Mode gekommen, darin sich das photographierte Onkeltantengeschlecht zum Aufbl\u00e4ttern befand; es stirbt nicht aus. In Schalen liegen all die Piet\u00e4ten, Frauen, die sich auch schon L\u00f6ckchen drehten. Nun sind unsere Kleiders\u00e4cke zugebunden. Auf den sp\u00e4tverwandten Bildern stehen die R\u00f6cke weit in Runden. Ihre Augen aufgetan in Todesangst \u2013 den Augenblick zu greifen, heute hascht ihn die Photographie wie einen Schmetterling vom zwanglosen Sichgehenlassen. Und gerade meine liebe Marie B\u00f6hm ist eine so gro\u00dfe Photographin \u2013 sie photographiert auch ohne Apparat gerade mitten in der Sonne mit geschlossenen Augen, wie der Maler malt ohne Pinsel im Spazierengehen, im Anblick, im Nachsinnen. Wenn ich ihr gegen\u00fcber sitze, wartet sie auf die Falte zwischen meinen Brauen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p class=\"uber01\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Essays<\/strong>\u00a0von Else Lasker-Sch\u00fcler.\u00a0Mit einer Einbandzeichnung\u00a0der Verfasserin.\u00a0Verlegt bei Paul Cassirer in Berlin\u00a01920<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-76746 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-214x300.jpg\" alt=\"\" width=\"214\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-214x300.jpg 214w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-260x364.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-160x224.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 214px) 100vw, 214px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ecke Franz\u00f6sische und Charlotten-Stra\u00dfe lachen aus einem der Glask\u00e4sten sch\u00f6ne, wei\u00dfe Z\u00e4hne, zwischen frischen Lippen in M\u00e4dchengesichtern. 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