{"id":103441,"date":"2003-07-28T17:31:59","date_gmt":"2003-07-28T15:31:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103441"},"modified":"2022-06-05T17:42:21","modified_gmt":"2022-06-05T15:42:21","slug":"poetische-osmose-zwischen-dem-lyrischen-ich-und-der-welt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/07\/28\/poetische-osmose-zwischen-dem-lyrischen-ich-und-der-welt\/","title":{"rendered":"Poetische Osmose zwischen dem lyrischen Ich und der Welt"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>A text that alludes to Eliot\u2019s Waste Land, was set to music by Tom T\u00e4ger,using minimalist techniques and sound effects like the rustle of paper.<\/em><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #999999;\">Judith Ryan \u00b7 The Long German Poem in the Long Twentieth Century<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/kuenstlerbuch_unbehaust.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-10451\" title=\"kuenstlerbuch_unbehaust\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/kuenstlerbuch_unbehaust.jpg\" alt=\"\" width=\"160\" height=\"220\" \/><\/a><\/em>Folgt man den Gedanken Weigonis<em>, ist Unbehaust<\/em> ein St\u00fcck \u00fcber die (m\u00f6gliche) Freiheit des Einzelnen innerhalb der Unfreiheit der Bedingungen. Jeder tr\u00e4umt den autonom-autistischen Traum vom Leben als Held. Jo Chang, die Heldin, mi\u00dftraut diesem Traum. Sie f\u00fchrt ihn vor, destabilisiert, zerrei\u00dft ihn. Das Leben bietet andere Realit\u00e4ten. Und mehr noch \u2013 andere Traumata. Erfahrung einatmen, Gedichte ausatmen. Leben und Dichtung sind nicht getrennte Bereiche, sie entwickeln sich miteinander in Verantwortung und Zeugenschaft. Dieses Langgedicht schraubt sich wie Tunnelbohrer durch zeitgen\u00f6ssische Erfahrungsr\u00e4ume. Ob diese Monodramen etwas bedeuten sollen, ist zweitrangig. Entscheidend ist, da\u00df sie sich ereignen. Diese Lyrik ist ein Sprachgeschehen, das die Leser synchron miterleben k\u00f6nnen, vorausgesetzt, er ist bereit, den sprunghaften Wechsel zwischen symbolistischen und gegenst\u00e4ndlichen Weltbeschreibungen mitzuvollziehen. Jo Chang laboriert mit Methoden zum Einfangen irrationaler Verbindungen mittels der \u201e\u00e9criture automatique, sie erkennt die seelischen Verkr\u00fcppelungen, Restriktionen und kommunikativen Verarmungen, das Orientierungsdefizit der Mitmenschen, ihre autistischen Tendenzen, Doppelmoral, Neurosen und den Lebensverzicht. Diese Perspektive birgt reizvolle Chancen f\u00fcr kleine Grausamkeiten und unerwartete Wahrheiten.<\/p>\n<h4>Tiefenbohrungen in die \u00dcberlagerungen<\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\">A. J. Weigoni erkennt die Schwellen und Br\u00fcche der sich rapide ver\u00e4ndernden Gesellschaft und bearbeitet ihre Ambivalenzen in seinem Werk.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/Unbehaust3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-10463 alignright\" title=\"Unbehaust3\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/Unbehaust3-197x300.jpg\" alt=\"\" width=\"138\" height=\"210\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/Unbehaust3-197x300.jpg 197w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/Unbehaust3-675x1024.jpg 675w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/Unbehaust3.jpg 726w\" sizes=\"auto, (max-width: 138px) 100vw, 138px\" \/><\/a>Sein Stil ist ein Tanz, ein Spiel der Symmetrien aller Art und ein \u00dcberspringen und Verspotten dieser Symmetrien. Das geht bis in die Wahl der Vokale. Der Mensch ist ein eigent\u00fcmliches Wesen, das durch die Sprache von sich getrennt ist. Erst diese Trennung von sich macht es m\u00f6glich, da\u00df er einen Bezug zu sich selbst hat. Weigonis Schreiben kreist best\u00e4ndig um die Verstrickung in diesen sprachlichen Diskurs. Dieses Lebensthema bildet das Gravitationszentrum seines Denkens. Er will das Leben nicht ersetzen, sondern verdichten, Erfahrungen nicht \u00fcbertuschen, sondern erforschen. Auch die Form, die ein K\u00fcnstler seinem Kunstwerk gibt, ist f\u00fcr ihn nur ein T\u00e4uschungsman\u00f6ver, das Wahrheit und Stabilit\u00e4t lediglich suggeriert. Er beschreibt die Konstruktion von Wirklichkeit als einen offenen Proze\u00df, den abzuschlie\u00dfen immer schon eine Verf\u00e4lschung bedeutet, da da\u00df die Behauptung von Eindeutigkeit fordert. An dieser Eindeutigkeit scheitert auch Jo Chang in dem Monodram <em>Unbehaust<\/em>. Eine Empfindung von Vielfachheit, Gewesenheit und Wiederholtheit reist mit, h\u00e4lt sie gefangen. Ihr nomadisches Dasein ist eine linguistische Odyssee. Jo Chang springt hin und her, verkn\u00fcpft die entlegendsten Erscheinungen und fesselt durch ihre Kunst der gekonnten Abschweifung. Jede Form von Dogmatismus ist ihr zuwider, stattdessen propagiert sie eine Art kreativer Zweideutigkeit. Offenbar geht die Selbstbesinnung und das Bewu\u00dftsein von einer globalen Ordnung weiter, als je vorher, und damit auch das Verlangen, dem einzelnen Wort jenen ganz bestimmten Sinn zu geben, der \u00fcber die momentane Saturierung und den blo\u00dfen Spieltrieb des Organisierens und Kombinierens hinaus reicht; den Sinn n\u00e4mlich, Poesie jeweils als Vorstellung jener umfa\u00dfendsten globalen Struktur zu verstehen, in die alles einbezogen ist. Das hat nichts mit weltfernem Mystizismus und Dogmatismus zu tun, sondern ist ein Zeichen daf\u00fcr, da\u00df einen in ganz besonderem Masse das Staunen \u00fcberkommen kann, wenn man heute die einfachsten \u00dcberlegungen und Untersuchungen \u00fcber ein einziges Wort anstellt und Zusammenh\u00e4nge entdeckt, die zwangsl\u00e4ufig zu neuen Ordnungsvorstellungen f\u00fchrt, zu einer neuen Anschauung der Materie und damit des Handwerks \u00fcberhaupt. Als unentwegter Passagier der Gegenwart kann sie nicht endlos in der Warteschleife des aufgeschobenen Sinns verweilen.<\/p>\n<h4>Ger\u00f6llhalden des Ged\u00e4chtnisses<\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was uns verbindet ist das Papier. Zwischen Mensch und Papier gibt es eine Intimit\u00e4t, eine geradezu k\u00f6rperliche Affinit\u00e4t. Papier ist dem Menschen in vielem \u00e4hnlich. Es ist schwach und altert. Der kleinste Unfall, und es reisst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/Unbehaust2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-10464\" title=\"Unbehaust2\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/Unbehaust2-300x211.jpg\" alt=\"\" width=\"180\" height=\"127\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/Unbehaust2-300x211.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/Unbehaust2.jpg 560w\" sizes=\"auto, (max-width: 180px) 100vw, 180px\" \/><\/a>A.J. Weigoni tariert den Widerspruch aus, zwischen epischem Anspruch und lyrischer Subjektivit\u00e4t, zwischen dem Ehrgeiz, die Virtuosen einzuholen, und der Sehnsucht nach einer ganz anderen, nicht verdinglichten, weltvers\u00f6hnenden Poesie. Mitunter gebiert das Leben h\u00f6chstselbst die Kunst. Wenn es anders nicht zu ertragen ist. Als menschlicher \u00dcberlebensausweg aus den Bedr\u00e4ngnissen der Welt. Sie findet aber oft auch dann noch zu einer meisterhaften Form, wenn sie sich aus sich selbst gebiert, ihr Lebenslicht nur weiterreicht. Weigonis Monodram scheint unter der Wortoberfl\u00e4che eine latente Musikalit\u00e4t mitgegeben zu sein. Jo Chang bewegt sich in den G\u00e4rten des Lauschens. Doch anders als bei \u00bbSe\u00f1ora Nada\u00ab, deren Sprache gleichsam silberhell klingt, arbeitet T\u00e4ger mit dem Ger\u00e4usch des Papiers, das er aus der Konnotation des Nebens\u00e4chlichen, ja des St\u00f6renden zu befreien sucht. Tom T\u00e4ger hat ein waches Ohr f\u00fcr die Naturt\u00f6ne in der gro\u00dfen Stille. Seine Klangcollage zeugt von gro\u00dfer Disziplin, kommt schlackenlos daher, hart und kristallin manchmal, aber immer wieder auch mit Glanz und innerer W\u00e4rme. Diese Komposition ist eine kunstvolle Et\u00fcde \u00fcber die Frage: <em>Wie weit kann man Musik elementar machen, ohne ins Leere zu fallen?<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Unbehaust<\/strong>, K\u00fcnstlerbuch von Haimo Hieronymus und A.J. Weigoni. ur\u00e4us-Handpresse, Halle 2003<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die H\u00f6rspielumsetzung von <em>Unbehaust<\/em> durch den Komponisten Tom T\u00e4ger ist erh\u00e4ltlich auf dem H\u00f6rbuch: <strong>Gedichte<\/strong> von A.J. Weigoni, Edition Das Labor, M\u00fclheim 2015<\/p>\n<div id=\"attachment_10799\" style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Parlandos.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-10799\" class=\"wp-image-10799 size-medium\" title=\"Parlandos\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Parlandos-200x300.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Parlandos-200x300.jpg 200w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Parlandos-683x1024.jpg 683w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Parlandos.jpg 1530w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-10799\" class=\"wp-caption-text\">Original Holzschnitt auf das Cover gedruckt von Haimo Hieronymus<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Thema K\u00fcnstlerb\u00fccher finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Vertiefend auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jeder Band aus dem <em>Schuber<\/em> von A.J. Weigoni ist ein Sammlerobjekt. Und jedes Titelbild ein Kunstwerk. KUNO fa\u00dft die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42570\">Stimmen<\/a> zu dieser verlegerischen Gro\u00dftat zusammen. Last but not least: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25524\"><em>VerDichtung \u2013 \u00dcber das Verfertigen von Poesie<\/em><\/a>, ein Essay von A.J. Weigoni in dem er dichtungstheoretisch die poetologischen Grunds\u00e4tze seines Schaffens beschreibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">K\u00fcnstlerb\u00fccher verstehen diese Artisten als Physiognomik, der B\u00fcchersammler wird somit zum Physiognomiker der Dingwelt. Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>A text that alludes to Eliot\u2019s Waste Land, was set to music by Tom T\u00e4ger,using minimalist techniques and sound effects like the rustle of paper. 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