{"id":103422,"date":"2023-03-18T00:01:19","date_gmt":"2023-03-17T23:01:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103422"},"modified":"2023-03-13T16:30:52","modified_gmt":"2023-03-13T15:30:52","slug":"der-erste-moderne-roman","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/03\/18\/der-erste-moderne-roman\/","title":{"rendered":"Der erste moderne Roman"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Auch heute noch, nachdem er sich 200 Jahre in der Lesewelt befindet, gilt von Laurence Sternes \u201aThe Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman\u2018 das Urteil, da\u00df es zu den 10 gr\u00f6\u00dften B\u00fcchern geh\u00f6re, die bisher in englischer Sprache geschrieben worden sind.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Arno Schmidt<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Hauptwerk von Laurence Sterne ist der Roman <i>The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman<\/i> dessen beide ersten B\u00e4nde \u2013\u00a0trotz negativer Kritiken von Samuel Johnson und Horace Walpole\u00a0\u2013 ihn bereits sehr popul\u00e4r machten. Die weiteren sieben B\u00e4nde erschienen zwischen 1761 und 1767. Die Neuheit und Eigent\u00fcmlichkeit seines Stils erregte allgemeines Aufsehen; er wurde der \u201everzogene Liebling\u201c der feinen Gesellschaft Londons. Die erste deutsche Ausgabe des <i>Tristram Shandy<\/i> erschien in der \u00dcbersetzung und im Verlag von Johann Joachim Christoph Bode bereits 1774 in Hamburg und markiert den Beginn der Rezeption durch die ma\u00dfgeblichen deutschsprachigen Autoren der Zeit; so geh\u00f6rte unter anderen Johann Wolfgang Goethe zu den Subskribenten dieser Ausgabe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Tristram Shandy<\/i> ist ein Roman, der aus einer Reihe von Skizzen besteht und teils unter der Maske des Yorick, eines Geistlichen und Humoristen, teils unter derjenigen des fantastischen Tristram vorgetragen wird. Das Ganze ist, \u00e4hnlich wie bei Jean Paul, mit wunderlicher Gelehrsamkeit verquickt, mehr ein buntes Durcheinander als ein planvolles Kunstwerk. Zitat aus dem VI. Buch, 17. Kapitel:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Somit schreibe ich [\u2026] ein sorglos gemachtes, artiges, unsinnvolles, gutgelauntes Shandysches Buch, das allen Ihren Herzen guttun wird. \u2013 Und auch allen Ihren K\u00f6pfen \u2013 vorausgesetzt, Sie verstehen es.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Lesen wird zu einem Akt des Entdeckens, Entr\u00e4tselns und phantasievollen Erg\u00e4nzens. Der Leser muss bei Sterne in die Rolle eines Mitverfassers schl\u00fcpfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tristram will die Geschichte seines Lebens erz\u00e4hlen und beginnt mit dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/03\/18\/hast-du-auch-nicht-vergessen-die-uhr-aufzuziehen\/\">Bericht seiner Zeugung<\/a>. Eine harmlose Bemerkung seiner Mutter st\u00f6rt seinen Vater, und der arme Tristram wird als Kr\u00fcppel geboren. Um den Kausalzusammenhang zu erkl\u00e4ren, muss erst John Lockes Theorie von der Assoziation der Gedanken dargelegt werden. Was wiederum zum Ehekontrakt seiner Eltern f\u00fchrt, weiter zu seinem Onkel Toby und dessen Steckenpferd, zur Hebamme und dem beschr\u00e4nkten Dr. Slop. So kann er von seiner eigenen Geburt erst im dritten Band berichten. Dem Erz\u00e4hler d\u00e4mmert, dass die Erz\u00e4hlung seines Lebens mehr Zeit in Anspruch nimmt als sein Leben selbst. Schlie\u00dflich wendet er sich der heiteren Geschichte von Onkel Tobys Liebesabenteuern mit der Witwe Wadman zu. Sterne beschrieb liebevoll, wie die \u2013\u00a0von Missverst\u00e4ndnissen ausgel\u00f6ste\u00a0\u2013 Distanz zwischen den Menschen mit Zuneigung \u00fcberwunden werden kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer den Roman zum ersten Mal liest, mag sich gefoppt f\u00fchlen: Es ist kaum die Rede vom \u201eLeben\u201c, auch nicht von den \u201eAnsichten\u201c des Erz\u00e4hlers. Die zeitliche Abfolge ist auf den Kopf gestellt (das Ende des Romans liegt vor seinem Anfang), das Ganze scheinbar ein Vexierbild eines spleenigen Autors. Der Roman ist jedoch auch aus heutiger Sicht ein k\u00fchnes Formexperiment, kombiniert mit subtiler Menschenkenntnis.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span lang=\"en-Latn\"><i>The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman<\/i><\/span>; kurz <b>Tristram Shandy<\/b>) ist ein zwischen 1759 und 1767 erschienener Roman von Laurence Sterne<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-100815 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Laurence-Sterne-240x300.jpg\" alt=\"\" width=\"240\" height=\"300\" \/>Das Buch ist eine ebenso wilde wie witzige Abschweifung \u00fcber Ausschweifungen, Philosophie sowie \u00fcber Familien-, Kunst- und Kriegsgeschichte in der Tradition von Rabelais und Cervantes. Als Romanheld bringt es Tristram Shandy nur bis zur ersten Hose, die den Kleinen damals im Alter von vier bis f\u00fcnf Jahren angezogen wurde. Daf\u00fcr beginnt seine Karriere fr\u00fcher als gewohnt,\u00a0 gleich mit der Zeugung. Als Erz\u00e4hler\u00a0 f\u00fchrt er ein \u00fcberm\u00fctiges Eigenleben, und trotz seinem b\u00f6sen Husten ist er kein Griesgram. Er setzt sich die Narrenkappe auf, rei\u00dft hier ein Kapitel heraus, weil es so gut sei, dass alle anderen dagegen abfielen, l\u00e4\u00dft dort eine Seite frei, damit der Leser darauf ein Bild seiner Geliebten malen kann; verh\u00f6kert mittendrin die Widmung des Werkes meistbietend, verstrickt sich stehenden Fusses in monstr\u00f6se Abschweifungen, setzt die buntesten fremden Textflicken ein und stellt immerzu die Chronologie auf den Kopf. Jede Linearit\u00e4t der Erz\u00e4hlung ist aufgek\u00fcndigt; daf\u00fcr werden wir st\u00e4ndig auf den Prozess, den Moment des Schreibens verwiesen. Das Medium ist die Botschaft. Seine Vorbilder sind Rabelais, Erasmus, Montaigne oder Burton. Die Diatribe des Letzteren gegen die grassierende Unsitte des Plagiats hat er wortw\u00f6rtlich: plagiiert. Kein Wunder, da\u00df ihn viele experimentierfreudige Romanciers der Moderne und Postmoderne als Ahnherrn betrachten. Arno Schmidt erkl\u00e4rte es zu einem der &#8222;zehn gr\u00f6\u00dften B\u00fccher, die bisher in englischer Sprache geschrieben wurden&#8220;. Neben dem Rolls Joyce und Beckett sicher ein Fixstern am Literaturhimmel. Friedrich Nitzsche bezeichte ihn gar als <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19824\">Der freieste Schriftsteller<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch heute noch, nachdem er sich 200 Jahre in der Lesewelt befindet, gilt von Laurence Sternes \u201aThe Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman\u2018 das Urteil, da\u00df es zu den 10 gr\u00f6\u00dften B\u00fcchern geh\u00f6re, die bisher in englischer Sprache geschrieben&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/03\/18\/der-erste-moderne-roman\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":257,"featured_media":100815,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[334,3811,531],"class_list":["post-103422","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-arno-schmidt","tag-friedrich-nitzsche","tag-laurence-sterne"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103422","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/257"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=103422"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103422\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":104522,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103422\/revisions\/104522"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/100815"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=103422"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=103422"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=103422"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}