{"id":103416,"date":"2003-11-13T08:24:47","date_gmt":"2003-11-13T07:24:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103416"},"modified":"2022-06-05T08:28:34","modified_gmt":"2022-06-05T06:28:34","slug":"ich-wollte-ich-koennte-ein-kapitel-ueber-den-menschen-schreiben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/11\/13\/ich-wollte-ich-koennte-ein-kapitel-ueber-den-menschen-schreiben\/","title":{"rendered":"Ich wollte, ich k\u00f6nnte ein Kapitel \u00fcber den Menschen schreiben"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine geschicktere Gelegenheit h\u00e4tte sich nie dargeboten, als eben jetzt, wo alle Vorh\u00e4nge in der Familie zugezogen \u2013 die Lichter gel\u00f6scht, \u2013 und keines Menschen Augen offen sind als das einzige der Amme meiner Mutter, denn das andere war schon seit zwanzig Jahren zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist ein sch\u00f6ner Gegenstand!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber so sch\u00f6n er ist, so wollte ich doch lieber ein Dutzend Kapitel \u00fcber Knopfl\u00f6cher schreiben, und zwar rascher und mit mehr Erfolg als ein einziges \u00fcber diesen Stoff.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Knopfl\u00f6cher! schon in dem Wortbegriff liegt etwas Munteres \u2013 und glauben Sie mir, wenn ich einmal dahinter gerathe, ja ihr Herren mit den gro\u00dfen B\u00e4rten, \u2013 seht nur so ernst drein als ihr wollt, \u2013 so will ich eine lustige Geschichte aus meinen Knopfl\u00f6chern machen \u2013 sie sollen ganz Gesch\u00f6pfe von mir werden, \u2013 der Stoff ist noch unber\u00fchrt \u2013 und ich werde keines Mannes Weisheit oder sch\u00f6ne Redensarten dar\u00fcber benutzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was aber den Schlaf betrifft, \u2013 so wei\u00df ich schon, ehe ich nur anfange, da\u00df ich nichts daraus werde machen k\u00f6nnen; \u2013 erstens bin ich kein Held in euern sch\u00f6nen Redensarten; \u2013 und dann kann ich ums Leben kein wichtiges Gesicht zu einem schlechten Stoff machen und der Welt sagen: \u2013 er sei ein Asyl f\u00fcr den Ungl\u00fccklichen, \u2013 die Befreiung f\u00fcr den Gefangenen, \u2013 ein weicher Schoo\u00df f\u00fcr den Hoffnungslosen, M\u00fchseligen und Gebrochenen; auch verm\u00f6chte ich mich nicht zu der L\u00fcge emporzuschwingen und zu behaupten, er sei von all den s\u00fc\u00dfen und k\u00f6stlichen Th\u00e4tigkeiten unserer Natur, womit ihr gro\u00dfer Sch\u00f6pfer in seiner G\u00fcte uns f\u00fcr die Leiden belohnen wollte, womit seine Gerechtigkeit und sein Belieben uns heimgesucht hat, \u2013 die erste und beste (ich wenigstens kenne zehnmal bessere Freuden); \u2013 m\u00f6chte nicht sagen, was f\u00fcr ein Gl\u00fcck es f\u00fcr einen Menschen sei, wenn die Aengsten und Leidenschaften des Tages vor\u00fcber seien, und er sich niedergelegt habe, da\u00df dann seine Seele in ihm so ruhe, da\u00df, wohin sie immer die Augen wenden m\u00f6ge, der Himmel ruhig und klar sich \u00fcber ihr w\u00f6lbe, und kein Verlangen \u2013 keine Furcht \u2013 kein Zweifel die Luft tr\u00fcbe, noch irgend eine vergangene, gegenw\u00e4rtige oder k\u00fcnftige Noth, \u00fcber welche die Phantasie in dieser s\u00fc\u00dfen Abgeschiedenheit nicht ungestraft hinwegkommen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gott segne den Mann, sagte Sancho Pansa, der jenes treffliche Ding, das man den Schlaf nennt, erfunden hat: \u2013 es deckt den Menschen zu wie ein Mantel. \u2013 Hierin liegt f\u00fcr mich mehr und es spricht w\u00e4rmer zu meinem Herzen und Gem\u00fcth, als all die Redensarten, die all den gelehrten K\u00f6pfen zusammen \u00fcber diese Sache entflohen sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch will ich, was Montaigne hier\u00fcber gesagt hat, keineswegs herabsetzen; \u2013 es ist in seiner Art herrlich: (Ich citire aus dem Ged\u00e4chtni\u00df) die Welt, sagt er, genie\u00dft auch andere Vergn\u00fcgungen, gerade wie sie es mit dem Schlaf macht, sie schmeckt nicht und f\u00fchlt nicht, wie er dahin schl\u00fcpft. Wir sollten aber dar\u00fcber nachdenken und studiren, um dann dem geh\u00f6rig daf\u00fcr zu danken, der ihn uns schenkte. Ich lasse mich deshalb absichtlich im Schlafe st\u00f6ren, um ihn besser zu genie\u00dfen und tiefer zu empfinden: \u2013 und doch, f\u00e4hrt er fort, kenne ich wenige, die mit weniger Schlaf auskommen k\u00f6nnten, wenn es n\u00f6thig wird; mein K\u00f6rper ertr\u00e4gt eine nachhaltige Erregung, aber keine pl\u00f6tzliche und heftige, \u2013 ich vermeide seit einiger Zeit alle gewaltsamen Hebungen, \u2013 aber im Gehen werde ich nicht m\u00fcde; \u2013 dagegen bin ich von Jugend auf nicht gerne auf Pflaster gefahren. Ich liege gerne hart und allein, und auch ohne meine Frau. \u2013 Dieser letztere Ausspruch mag der Welt Zweifel einfl\u00f6\u00dfen; \u2013 aber man denke an den Satz: <tt>La Vraisemblance<\/tt> (wie Bayle in der Sache des Licetus sagt) <tt>n'est pas toujours du c\u00f4t\u00e9 de la V\u00e9rit\u00e9<\/tt>. \u2013 Soviel \u00fcber den Schlaf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-100815 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Laurence-Sterne-240x300.jpg\" alt=\"\" width=\"240\" height=\"300\" \/>Der Schriftsteller Laurence Sterne l\u00f6ste mit seinem Roman <em>The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman<\/em> 1759 einen Literaturskandal aus, weil der Autor alle Erz\u00e4hlkonventionen auf so k\u00fchne wie geistreiche Weise auf den Kopf stellt. Leben und Ansichten Tristram Shandys&#8220; werden im Lauf der Handlung (?) aber kaum zum Gegenstand des Romans, sondern vielmehr die Ehefreuden seiner Eltern und das Liebesleben seines Onkels Toby. Das Buch ist eine ebenso wilde wie witzige Abschweifung \u00fcber Ausschweifungen, Philosophie sowie \u00fcber Familien-, Kunst- und Kriegsgeschichte in der Tradition von Rabelais und Cervantes. Als Romanheld bringt es Tristram Shandy nur bis zur ersten Hose, die den Kleinen damals im Alter von vier bis f\u00fcnf Jahren angezogen wurde. Daf\u00fcr beginnt seine Karriere fr\u00fcher als gewohnt,\u00a0 gleich mit der Zeugung. Als Erz\u00e4hler\u00a0 f\u00fchrt er ein \u00fcberm\u00fctiges Eigenleben, und trotz seinem b\u00f6sen Husten ist er kein Griesgram. Er setzt sich die Narrenkappe auf, rei\u00dft hier ein Kapitel heraus, weil es so gut sei, dass alle anderen dagegen abfielen, l\u00e4\u00dft dort eine Seite frei, damit der Leser darauf ein Bild seiner Geliebten malen kann; verh\u00f6kert mittendrin die Widmung des Werkes meistbietend, verstrickt sich stehenden Fusses in monstr\u00f6se Abschweifungen, setzt die buntesten fremden Textflicken ein und stellt immerzu die Chronologie auf den Kopf. Jede Linearit\u00e4t der Erz\u00e4hlung ist aufgek\u00fcndigt; daf\u00fcr werden wir st\u00e4ndig auf den Prozess, den Moment des Schreibens verwiesen. Das Medium ist die Botschaft. Seine Vorbilder sind Rabelais, Erasmus, Montaigne oder Burton. Die Diatribe des Letzteren gegen die grassierende Unsitte des Plagiats hat er wortw\u00f6rtlich: plagiiert. Kein Wunder, da\u00df ihn viele experimentierfreudige Romanciers der Moderne und Postmoderne als Ahnherrn betrachten. Arno Schmidt erkl\u00e4rte es zu einem der &#8222;zehn gr\u00f6\u00dften B\u00fccher, die bisher in englischer Sprache geschrieben wurden&#8220;. Neben dem Rolls Joyce und Beckett sicher ein Fixstern am Literaturhimmel. Friedrich Nitzsche bezeichte ihn gar als <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19824\">Der freieste Schriftsteller<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Eine geschicktere Gelegenheit h\u00e4tte sich nie dargeboten, als eben jetzt, wo alle Vorh\u00e4nge in der Familie zugezogen \u2013 die Lichter gel\u00f6scht, \u2013 und keines Menschen Augen offen sind als das einzige der Amme meiner Mutter, denn das andere war&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/11\/13\/ich-wollte-ich-koennte-ein-kapitel-ueber-den-menschen-schreiben\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":122,"featured_media":100815,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[531],"class_list":["post-103416","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-laurence-sterne"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103416","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/122"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=103416"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103416\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":103419,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103416\/revisions\/103419"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/100815"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=103416"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=103416"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=103416"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}