{"id":103380,"date":"2022-06-05T00:01:51","date_gmt":"2022-06-04T22:01:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103380"},"modified":"2022-06-04T13:26:29","modified_gmt":"2022-06-04T11:26:29","slug":"ein-jahrhundertmensch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/06\/05\/ein-jahrhundertmensch\/","title":{"rendered":"Ein Jahrhundertmensch"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Boris Pahor stellte wie Primo Levi oder Imre Kert\u00e9sz die Frage, ob das erlebte Grauen mit Worten nachvollziehbar gemacht werden kann.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Karl-Markus Gau\u00df<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Und wieder einmal ist ein \u201eJahrhundertmensch\u201c von uns gegangen: Mit 108 Jahren verstarb <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">am 30. Mai in seiner Heimatstadt Triest\/Trst der bedeutende slowenische Schriftsteller und <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Intellektuelle Boris Pahor. Er war Widerstandsk\u00e4mpfer, Antifaschist und Holocaust-<\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">\u00dcberlebender. Schon 1920 mu\u00dfte er zusehen, wie italienische Faschisten den Kulturni Dom, <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">das Kulturzentrum der slowenischen Bev\u00f6lkerungsminderheit in Triest zerst\u00f6rten und wie <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">sich Ha\u00df und Unterdr\u00fcckung auf alles Slowenische im faschistischen Italien ausbreiteten, <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">soda\u00df sogar der \u00f6ffentliche Gebrauch der slowenischen Sprache verboten war. Vorgestern <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">also ist Boris Pahor von uns gegangen. Er war nicht nur einer der bedeutendsten, <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">angesehensten und bekanntesten slowenischen Schriftsteller und politisch engagierten <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Menschen, sondern auch ein Kollege, dem ich bei den allj\u00e4hrlich in Bled\/Slowenien <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">stattfindenden internationalen PEN-Tagungen begegnet bin und der mich sehr beeindruckt <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">hat.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Ich erinnere mich: Er stand nach Abschlu\u00df der Konferenz beim Picknick am steil abfallenden <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Ufer eines Flusses. Eine kleine, etwas schm\u00e4chtige, stets sorgf\u00e4ltig gekleidete Gestalt, in <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">seinem grauen Lodenmantel und mit Hut auf dem Kopf. Dieses sein Abseitsstehen machte <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">mich aufmerksam auf ihn. Und so ging ich nach einer Weile zu ihm hin und sprach ihn an. Es <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">st\u00fcnde mir zwar als wesentlich j\u00fcngeren nicht zu, ihn auf die Gef\u00e4hrlichkeit seines <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">exponierten Standortes aufmerksam zu machen, aber ich w\u00fcrde das, so wie ich bin, eben <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">trotzdem tun. Er l\u00e4chelte mich milde an. Und antwortete in einem Gemisch aus gebrochenem <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Deutsch, Slowenisch und Italienisch, da\u00df er schon aufpassen w\u00fcrde. Und f\u00fcgte, wenn ich <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">mich recht erinnere, so etwas hinzu wie: Er habe schon gef\u00e4hrlichere Situationen in seinem <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Leben \u00fcberstanden. Ich nickte diese Antwort nur ab. Sp\u00e4ter erfuhr ich Genaueres, was er <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">damit gemeint haben k\u00f6nnte. Er hatte vier nationalsozialistische KZ \u00fcberlebt, also den <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Holocaust \u00fcberstanden. Ich kaufte mir sein Buch \u201eNekropolis\u201c, in dem er die Schrecken <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">seiner KZ-Aufenthalte festhielt. Bei seiner Lesung in der Alten Schmiede in Wien vor nun <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">auch schon wieder langer Zeit lie\u00df ich mir das Buch von ihm signieren. Und er begr\u00fc\u00dfte mich <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">dabei wie einen alten Freund. Ich war ihm also im Ged\u00e4chtnis geblieben. Denn trotz aller <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Sprachbarrieren standen wir einander nahe. Ich hatte ihm ja meinen Fotogedichtband <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">\u201eFarbenlehre\u201c geschenkt, in dem der Hauptteil vom ehemaligen KZ-Mauthausen handelt. Und <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">die Intentionen solcher Fotogedichtb\u00e4nde sind auch bei eingeschr\u00e4nkter <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Kommunikationsf\u00e4higkeit verst\u00e4ndlich, weil man weil dann erf\u00e4hrt, auf welcher Seite der <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Autor eines solchen Buches steht und ob er in solchen \u201eDingen\u201c engagiert ist oder nicht. Und <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">das begr\u00fcndet dann ein Naheverh\u00e4ltnis zwischen zwei Menschen oder eben auch nicht. Ich <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">jedenfalls darf mich an Boris Pahor als an einen engagierten Intellektuellen und bescheidenen <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Menschen erinnern, der mir ein Vorbild war in seinem Kampf um die Rechte der <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">slowenischen Minderheit im Triestiner Raum und in der Diaspora, eben f\u00fcr die Einhaltung der <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Menschenrechte \u00fcberhaupt. <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Mit ihm und meinem anderen slowenischen Freund Branko Hofmann, der als H\u00e4ftling die <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">grauenhafte Schreckenszeit auf der jugoslawischen KZ-Insel Goli Otok \u00fcberlebt hatte, aber <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">davon gezeichnet war und sie in seinem Roman \u201eDie Nacht vor dem Morgen\u201c aufgearbeitet <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">hatte, war ich immer wieder zusammen. Sie haben mich niemals ausgeschlossen, sondern <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">stets in liebensw\u00fcrdiger Weise in ihre Gemeinschaft integriert. So sa\u00dfen wir auch zusammen <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">im schwankenden Boot, das uns hin\u00fcberbrachte zur Insel mitten im Bleder See, mit der <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Kirche darauf, wo wir Schriftsteller aus aller Herren L\u00e4nder stets den Beginn der Konferenz <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">am Vorabend feierten; bei Wein und Gespr\u00e4ch. Und beim Wiedersehen miteinander. Und <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">daf\u00fcr bin ich heute noch dankbar, da\u00df ich so oft daran teilnehmen durfte, da\u00df solche<\/span> <span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Begegnungen und Freundschaften im Lauf der Zeit zum Bestandteil meines Lebens geworden <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">sind.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Schriftstellerbegegnungen<\/strong> 1960-2010 von Peter Paul Wiplinger, Kitab-Verlag, Klagenfurt, 2010<\/p>\n<div id=\"attachment_19169\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-19169\" class=\"size-medium wp-image-19169\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-725x1024.jpg 725w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-19169\" class=\"wp-caption-text\">Wiplinger Peter Paul 2013, Photo: Margit Hahn<\/p><\/div>\n<div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>KUNO sch\u00e4tzt dieses <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/02\/28\/ein-geflecht-aus-perspektiven-und-eindruecken\/\">Geflecht aus Perspektiven und Eindr\u00fccken<\/a>. Weitere Ausk\u00fcnfte gibt der Autor im <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/02\/24\/epilog-zu-schriftstellerbegegnungen-1960-2010\/\">Epilog<\/a> zu den <em>Schriftstellerbegegnungen<\/em>.<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Die <em>Kulturnotizen<\/em> (KUNO) setzen die Reihe Kollegengespr\u00e4che in loser Folge ab 2011 fort. So z.B. mit dem vertiefenden <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> von A.J. Weigoni mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier. Druck und Papier, manche Traditionen gehen eben nicht verloren.<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Boris Pahor stellte wie Primo Levi oder Imre Kert\u00e9sz die Frage, ob das erlebte Grauen mit Worten nachvollziehbar gemacht werden kann. 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