{"id":103366,"date":"2003-10-30T14:10:03","date_gmt":"2003-10-30T13:10:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103366"},"modified":"2022-05-31T14:16:06","modified_gmt":"2022-05-31T12:16:06","slug":"eine-fratze","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/10\/30\/eine-fratze\/","title":{"rendered":"Eine Fratze"},"content":{"rendered":"<h2 class=\"title\" style=\"text-align: justify;\"><\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unsere Krankheit ist unsere Maske.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unsere Krankheit ist grenzenlose Langeweile.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unsere Krankheit ist wie ein Extrakt aus Faulheit und ewiger Unrast.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unsere Krankheit ist Armut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unsere Krankheit ist, an einen Ort gefesselt zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unsere Krankheit ist, nie allein sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unsere Krankheit ist, keinen Beruf zu haben, h\u00e4tten wir einen, einen zu haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unsere Krankheit ist Mi\u00dftrauen gegen uns, gegen andere, gegen das Wissen, gegen die Kunst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unsere Krankheit ist Mangel an Ernst, erlogene Heiterkeit, doppelte Qual. Jemand sagte zu uns: Ihr lacht so komisch. W\u00fc\u00dfte er, da\u00df dieses Lachen der Abglanz unserer H\u00f6lle ist, der bittere Gegensatz des: \u00bbLe sage ne rit qu&#8217;en tremblant\u00ab Baudelaires.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unsere Krankheit ist der Ungehorsam gegen den Gott, den wir uns selber gesetzt haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unsere Krankheit ist, das Gegenteil dessen zu sagen, was wir m\u00f6chten. Wir m\u00fcssen uns selber qu\u00e4len, indem wir den Eindruck auf den Mienen der Zuh\u00f6rer beobachten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unsere Krankheit ist, Feinde des Schweigens zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unsere Krankheit ist, in dem Ende eines Welttages zu leben, in einem Abend, der so stickig ward, da\u00df man den Dunst seiner F\u00e4ulnis kaum noch ertragen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Begeisterung, Gr\u00f6\u00dfe, Heroismus. Fr\u00fcher sah die Welt manchmal die Schatten dieser G\u00f6tter am Horizont. Heut sind sie Theaterpuppen. Der Krieg ist aus der Welt gekommen, der ewige Friede hat ihn erb\u00e4rmlich beerbt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einmal tr\u00e4umte uns, wir h\u00e4tten ein unnennbares, uns selbst unbekanntes Verbrechen begangen. Wir sollten auf eine diabolische Art hingerichtet werden, man wollte uns einen Korkzieher in die Augen bohren. Es gelang uns aber noch zu entkommen. Und wir flohen \u2013 im Herzen eine ungeheure Traurigkeit \u2013 eine herbstliche Allee dahin, die ohne Ende durch die tr\u00fcben Reviere der Wolken zog.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">War dieser Traum unser Symbol?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unsere Krankheit. Vielleicht k\u00f6nnte sie etwas heilen: Liebe. Aber wir m\u00fc\u00dften am Ende erkennen, da\u00df wir selbst zur Liebe zu krank wurden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber etwas gibt es, das ist unsere Gesundheit. Dreimal \u00bbTrotzdem\u00ab zu sagen, dreimal in die H\u00e4nde zu spucken wie ein alter Soldat, und dann weiter ziehen, unsere Stra\u00dfe fort, Wolken des Westwindes gleich, dem Unbekannten zu.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-97875 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Georg_Heym-218x300.jpg\" alt=\"\" width=\"218\" height=\"300\" \/>Georg Heyms Prosa lebt von der Schilderung der Realit\u00e4t im Bruchst\u00fcck. Dieser Ausschnitt verzichtet bewu\u00dft auf die Breite des Epischen, es gen\u00fcgten dem Novellisten ein Modell, eine Miniatur oder eine Vignette. Wir gehen davon aus, da\u00df es sich bei dieser literarischen Kunstform um eine k\u00fcrzere Erz\u00e4hlung in Prosaform handelt, sie hat eine mittlere L\u00e4nge, was sich darin zeigt, da\u00df sie in einem Zug zu lesen sei. Und schon kommen wir ins Schwimmen. Als Gattung l\u00e4\u00dft sie sich nur schwer definieren und oft nur ex negativo von anderen Textsorten abgrenzen. KUNO postuliert, da\u00df viele dieser Nebenarbeiten bedeutende Hauptwerke der deutschsprachigen Literatur sind, wir belegen diese mit dem R\u00fcckgriff auf die Klassiker dieses Genres und stellen in diesem Jahr alte und neue Texte vor um die Entwicklung der Gattung aufzuhellen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsere Krankheit ist unsere Maske. Unsere Krankheit ist grenzenlose Langeweile. Unsere Krankheit ist wie ein Extrakt aus Faulheit und ewiger Unrast. Unsere Krankheit ist Armut. Unsere Krankheit ist, an einen Ort gefesselt zu sein. 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