{"id":103362,"date":"2003-02-05T17:28:48","date_gmt":"2003-02-05T16:28:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103362"},"modified":"2022-05-30T17:33:40","modified_gmt":"2022-05-30T15:33:40","slug":"was-am-grundriss-fehlt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/02\/05\/was-am-grundriss-fehlt\/","title":{"rendered":"Was am \u00bbGrundri\u00df\u00ab fehlt"},"content":{"rendered":"<h4 style=\"text-align: justify;\"><\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Elementarische und Intime sagt von sich nicht selber aus. Mithin bleibt das Wesentliche als solches ungesagt. Verschweigt sich aber so sein Positives, dann kann es noch zum Bekenntnis werden vom Negativen her: an seinen Fehlern und M\u00e4ngeln kann es sich umrei\u00dfen, mit seinen leeren Stellen den Umri\u00df bedingen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einer ganz pers\u00f6nlichen Stunde, mitten unterwegs, leitete sich, wovon ich sprechen will, mit einem Schlage ein: aus dem Zwang zu einem Mi\u00dfverst\u00e4ndnis zwischen dem Freunde meiner Jugend \u2013 Paul R\u00e9e \u2013 und mir; wie unter einen in voller Fahrt dahinziehenden intakten Wagen ein Hindernis geschleudert wird, woran er zerbricht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hindernisse von au\u00dfen hatte es genugsam gegeben, aber sorglos und wunschlos vertrauten wir unserer Fahrt; \u2013 wo immer sie dereinst verlaufen mochte, es w\u00fcrde auf unserm eigensten Wege sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Mi\u00dfverst\u00e4ndnis entstand dadurch, da\u00df ich um einen Schritt auf den Weg eines Andern trat, ohne dem Freunde um des Andern willen die ganze Wahrheit \u00fcber diesen Schritt mitteilen zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Paul R\u00e9e, dem nichts schwerer fiel, als zu glauben, man habe ihn lieb, sah in diesem Schritt einen Beweis innerlich bereits vollzogener Trennung und zog daraus alle Konsequenzen: sp\u00e4ter sogar die des Hasses.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er ahnte nicht, da\u00df niemals \u2013 weder je vorher noch nachher \u2013 mir der Freund, der er war, auch nur ann\u00e4hernd so not tat wie zu jener Stunde. Denn der Zwang, unter dem ich den nie mehr zur\u00fcckzunehmenden Schritt tat, trennte mich nicht von ihm, sondern von mir selbst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur wer meinen Mann ganz und tief gekannt hat, nur wer ihn ganz und tief geliebt hat nach Wesen und Temperament, wird ahnen k\u00f6nnen, was dies Wort \u00bbZwang\u00ab hier hei\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was den Zwang bewirkte, war die Gewalt des <em>Unwiderstehlichen<\/em>, der mein Mann selbst erlag. Unwiderstehlich, weil es sich nicht erst wie mit triebm\u00e4\u00dfiger Wunschgewalt vollzog, sondern sogleich als unab\u00e4nderlich gegebene <em>Tats\u00e4chlichkeit<\/em> dastand. So auch seinen vollen Ausdruck nicht in \u00dcberredungen fand, sondern sich selber zum Ausdruck davon in meinem Mann gleichsam verk\u00f6rperte: der gesamten leiblichen Erscheinung nach. Es w\u00e4re zwecklos, dies jemandem beschreiben zu wollen, der nicht irgendworan an meinem Mann erlebt hat, was ich an keinem andern Menschen so gekannt habe. Es w\u00e4re auch fast gleichg\u00fcltig, ob man es Wirkungen von \u00dcbergro\u00dfem, Gewaltt\u00e4tigem vergliche, von Riesengesch\u00f6pfen ohne Hemmung, oder Wirkungen von Zartestem, ganz Hilflosem, wie ein V\u00f6gelchen es ist, das zu zertreten, in seiner vertrauenden Wirklichkeit zu verleugnen, man nicht aushielte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bezeichnend ist aber, da\u00df solche schiefen und schlechten Vergleiche unwillk\u00fcrlich der Kreat\u00fcrlichkeit entnommen sind. Man wird sich daran des Beschr\u00e4nkten aller menschlichen Ma\u00dfst\u00e4be bewu\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu dem Eindruck bei mir geh\u00f6rte, da\u00df er nicht beeinflu\u00dft war von meinem eigenen damaligen Gef\u00fchlszustand, der daf\u00fcr willenlos gemacht h\u00e4tte, etwa von erotischer Erregung der Sinne; da\u00df er sich im Gegenteil klar davon unterschied. Denn ich verhielt mich in meiner Empfindungsweise gar nicht als Frau dazu: ich verhielt mich also in diesem Punkte \u00e4hnlich <em>neutral<\/em> wie zum Gef\u00e4hrten meiner Jugend auch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber dort hatte dies seinen Grund gehabt in etwas, das, wenn es noch so geringf\u00fcgig sich meldet, nicht umhin kann, das Gef\u00fchl auch der tiefsten Freundschaft von der Liebe abzugrenzen: weil, st\u00e4rker oder schw\u00e4cher, die Sinne das <em>Leib<\/em>fremde sp\u00fcren. Derartiges kam in diesem Fall nicht in Frage: weder anfangs noch je im Lauf der Jahrzehnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann h\u00e4tten auch andere Hemmungen wirksam sein k\u00f6nnen: jene Gehemmtheiten \u00fcberhaupt, von denen so viele Frauen wissen und die nirgends deutlicher und besser qualifiziert worden sind als in den Funden der Psychoanalyse. Jedoch meiner sp\u00e4tern Jugend Erfahrungen widerlegen hier auch das Zutreffen solcher Einordnungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie wohl auch ein anderer gedacht haben k\u00f6nnte, glaubte mein Mann damals: \u00bbM\u00e4dchenvorstellungen, die mit der Zeit vergehen.\u00ab Und Zeit, das hie\u00df: das ganze Leben \u2013 ja mehr noch: etwas, das auch den Tod ausschlo\u00df, mit dem mein Mann im lebendigen Sein einfach nicht rechnete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies <em>Heranfordern des Insgesamten<\/em> des Lebens besch\u00e4ftigte mich weit mehr als die erw\u00e4hnte Sonderfrage, die ich von mir aus auch gar nicht beantwortete: noch erf\u00fcllte mich ja die Trauer um den entschwundenen Gef\u00e4hrten, den mit hineinzunehmen meinem Manne zur Bedingung gemacht worden war, vor der er schlie\u00dflich, zu allem entschlossen, ebenfalls nicht zur\u00fcckschreckte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn man erw\u00e4gt, um wie viele Jahre erfahrener er war als ich, und um wie vieles kindisch unbefangener ich geblieben war als Altersgenossinen von mir, dann erscheint sein Glaube und seine unbeirrbare Sicherheit nahezu monstr\u00f6s.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun hatten aber wir alle beide keine gen\u00fcgende Kenntnis von mir selber, von meiner eigenen \u00bbNatur\u00ab \u2013 oder wie man das nennen will, was uns ohne unser Vorwissen und ohne weiteres befehligt. Was ich an noch m\u00e4dchenhaften Ansichten oder an ernstlich und redlich durchgearbeiteten Auffassungen in mir hegen mochte, das entschied f\u00fcr mich nichts <em>grundlegend<\/em>. Ich m\u00f6chte dies Schwierige am liebsten an einem Beispiel auf total anderm Gebiet schildern, das ich zudem schon in die \u00bbErinnerungen\u00ab aufnahm: an meinen Austritt aus der Kirche. Er bedeutete keinerlei Trotzakt oder gar Wahrheitsfanatismus, und ich k\u00e4mpfte gegen diesen Antrieb, der meine Eltern in Gram versetzen und Skandal hervorrufen mu\u00dfte, nicht nur mit der Vernunft \u2013 ich verurteilte sogar sozusagen \u00bbmoralisch\u00ab das dazu notwendige Gebaren als exaltiert erscheinend. Genau genommen entschied damals aber nicht ich, sondern ein n\u00e4chtlicher Traum, in dem ich mich w\u00e4hrend des Konfirmationsaktes laut \u00bbNein!\u00ab rufen h\u00f6rte. Nicht, als h\u00e4tte ich beim Erwachen daraufhin bef\u00fcrchtet, am Ende so zu handeln; vielmehr erfuhr ich nun erst vollst\u00e4ndig, wie v\u00f6llig unm\u00f6glich es mir sei, mir das Verlangte auch nur pro forma abzuzwingen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was wir f\u00fcr unsere Motivationen oder Beurteilungen halten, wie sehr wir uns auch um das saubere Netz ihrer Verkn\u00fcpfung bem\u00fchen, das erweist sich unter Umst\u00e4nden als so belanglos f\u00fcr uns, wie zwischen ein paar Zweigen das Gespinst von F\u00e4den des Altweibersommers, das leisester Lufthauch heranweht oder zerstreut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das pl\u00f6tzlich zu erfahren, kann das Leben ver\u00e4ndern. Vor uns beiden richtete es sich gemeinsam und pl\u00f6tzlich auf, wenn auch dieser Augenblick in Schweigen verharrte. Wir haben nie das Wagnis unternommen, \u00fcber ihn zueinander zu sprechen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An einem Nachmittag hatte mein Mann sich neben mir auf das Ruhebett gestreckt, auf dem ich lag und fest schlief.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht war es ein j\u00e4her Entschlu\u00df zu einer \u00dcberrumpelung, Eroberung, der ihn dazu verleitet. Jedenfalls wachte ich nicht sofort auf. Was mich zuerst weckte, scheint ein Ton gewesen zu sein; ein nur schwacher Laut, aber von so vehement seltsamer T\u00f6nung, da\u00df sie in mir durchgriff wie aus Unendlichem, wie von anderm Gestirn. \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es begleitete sich mit der Empfindung, meine Arme nicht bei mir zu haben, sondern irgendwo \u00fcber mir hinweg. Dann \u00f6ffneten sich mir schon die Augen: meine Arme lagen eng um einen Hals \u2013. Meine H\u00e4nde umfingen mit starkem Druck einen Hals und drosselten ihn. Der Ton war ein R\u00f6cheln gewesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was ich erschaute, Blick in Blick, dicht vor mir, unverge\u00dflich f\u00fcrs Leben, \u2013 ein Antlitz \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Sp\u00e4ter fiel mir oft ein, wie am Vorabend vor unserer Verlobung beinahe ein tr\u00fcgerischer Schein des M\u00f6rderischen auf mich h\u00e4tte fallen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein Mann trug, f\u00fcr abendliche Heimg\u00e4nge in seine damals sehr entlegene Wohnung, ein kurzes, schweres Taschenmesser bei sich. Es hatte auf dem Tisch gelegen, an dem wir uns gegen\u00fcber sa\u00dfen. Mit einer ruhigen Bewegung hatte er danach gegriffen und es sich in die Brust gesto\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich, halb von Sinnen auf die Stra\u00dfe st\u00fcrzend, von Haus zu Haus nach dem n\u00e4chsten Wundarzt auf der Suche, von eilig mit mir Gehenden \u00fcber den Unfall befragt wurde, hatte ich geantwortet, jemand sei in sein Messer gefallen. W\u00e4hrend der Arzt den auf den Boden gesunkenen Bewu\u00dftlosen untersuchte, machten ein paar Silben und seine Miene mir seinen Verdacht deutlich, wer hier das Messer gehandhabt haben mochte. Zweifelhaftes blieb ihm, er benahm sich aber in der Folge diskret und g\u00fctig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Umstand, da\u00df das der Hand entgleitende Messer die Klinge einklappte, hatte das Herz gesch\u00fctzt, doch gleichzeitig ein Dreieck verursacht, das die Wunde schwer heilbar machte. \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war nicht das einzige Mal, wo wir vor dem Tode gestanden, mit dem Leben abschlossen und unsere Angelegenheiten den N\u00e4chsten gegen\u00fcber ordneten. Zwei Menschen wurden voll der gleichen Ratlosigkeit und Verzweiflung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Freilich: Stunden, Augenblicke, nach denen sich unser sonstiges Erleben nicht bemessen lie\u00df. Verband uns doch so vieles an denselben Neigungen und Denkrichtungen. Gew\u00f6hnlich \u2013 so scheint mir \u2013 \u00fcbersch\u00e4tzt man das zwar durchaus; gewi\u00df schl\u00e4gt es Br\u00fccken und bereitet Freude und Arbeitsgemeinschaft, aber ebenso oft deckt es gerade dadurch Verschiedenartigkeit, Abstand von einander, mehr wohltuend zu, als da\u00df es einander klarer sehen lie\u00dfe und um so tieferhin zusammenschl\u00f6sse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Meines Mannes ausgebreitete Fachgebiete entzogen sich meinem Wissen und Verstehen \u00fcberdies so absolut, wie es nur sein kann; doch auch wenn ich ihm anstatt dessen benachbart h\u00e4tte sein k\u00f6nnen wie irgend ein liebster seiner sp\u00e4teren Sch\u00fcler von produktiver Bef\u00e4higung, so w\u00fcrde dies sie nur ins Peripherische verschoben und uns get\u00e4uscht haben bis zur n\u00e4chsten unaufhaltsamen Trennungsstunde. Aber helfend beteiligten sich die \u00e4u\u00dfern Verh\u00e4ltnisse. Mein Mann hatte eine an Arbeit und Interessen reiche Stellung inne am Berliner Orientalischen Seminar. Da diese Professur vorwiegend Diplomaten oder nach Asien ausblickenden Industriellen zu gelten hatte, lie\u00df sich allerdings nur ein Teil seines forscherischen Wissens dort unterbringen. Sein Kollege und Freund, der von dort aus, nach Aufgabe der Stellung, in den diplomatischen Dienst eintrat, der Gesandte und sp\u00e4tere Au\u00dfenminister Rosen, bedauerte es l\u00e4chelnd, da\u00df mein Mann hier, wo man schon mit einem Trunk Milch auskomme, mit der kostbarsten Sahne zur\u00fcckhalten m\u00fcsse. Ganz anders aber verhielt sich dies f\u00fcr meinen Mann: ihm galt es, von ungeheuerm Quantum Milch die ganze Sahne zu extrahieren!, mit andern Worten: dem rein Wissenschaftlichen dasjenige beizugeben, was ins Leben st\u00e4rkend zur\u00fcckflie\u00dfen sollte; in V\u00f6lkerschafts- und Dialektstudien sollte das nie blo\u00df forscherisch Kondensierte mit enthalten sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Gl\u00fcck gab ihm ein paar richtige Sch\u00fcler daf\u00fcr, unter anderen den ihm lebenslang anh\u00e4nglichen Solf. Die Stellung selbst aber wurde ihm genau dadurch verleidet und unm\u00f6glich gemacht, da\u00df er nur \u2013 Milch reichen durfte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies alles geh\u00f6rte derma\u00dfen seiner eigensten Natur zu wie ihr Atem selber, nicht wie ein dazu hinzutretender Zwiespalt oder ein abwendbares Mi\u00dfgeschick: es war jedoch darin Verh\u00e4ngnisvolles beschlossen. Als ob, was in ihm st\u00e4rkste Initiative war, zugleich an der Vollkommenheit ihrer Anspr\u00fcche scheiterte. Als ob, was ihm lebendigstes Leben bedeutete, am Unbegrenzbaren der Einzelausf\u00fchrungen sich ins Unm\u00f6gliche sch\u00f6be. Als ob gleichsam \u00bbabsolut\u00ab und \u00bbrelativ\u00ab sich so ineinandersteckten, da\u00df sie gegenseitig ihr Resultat leugneten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht ist es etwas hiervon gewesen, wodurch der Ausdruck seines Wesens und Wollens in seiner Erscheinung unvermittelt zu so suggestiver Gewalt zu gelangen vermochte. Vielleicht kam etwas von dieser verborgenen Tragik in den Ausdruck, wodurch er bezwang, \u2013 gleich einer \u00dcberw\u00e4ltigung von Wirklichstem und von nie zu Verwirklichendem.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit gro\u00dfer Selbstverst\u00e4ndlichkeit pa\u00dfte ich mich deshalb von vornherein seinem Lebensverhalten an, wie es ihm f\u00fcr seine Ziele n\u00f6tig erschien. Mir war auch recht, dazu Europa zu verlassen, als es anfangs geschienen hatte, wir sollten nach Armenisch-Persien in die Klostergegend von Etschmiadzin gehen. Auch unsere \u00e4u\u00dfere Lebensweise bestimmte sich mehr und mehr nach der meines Mannes: ich wurde, wie er, ein nach Simplizit\u00e4t von Kleidung und Nahrung und nach radikalem Verh\u00e4ltnis zur Luft strebendes Wesen; trotz meiner urspr\u00fcnglich nordischen Gewohnheiten wandelte ich mich mit entschiedenster Zusage darin um und beharrte lebenslang darin. Und ein Gebiet gab es, auf dem wir uns sofort fanden und das uns die gleichen Tore offen hielt: die <em>Tierwelt<\/em>. Diese Welt des Noch-nicht-Menschlichen, an der so tief ergreift, zu sp\u00fcren, da\u00df sie unser Menschliches der Grundlage nach unversch\u00fctteter aufschlie\u00dft, als wir es in all unsern Komplikationen wiederfinden. Unser beider Einstellung dem einzelnen <em>Tier<\/em>gesch\u00f6pf gegen\u00fcber war ebenso gleichgerichtet, wie sie dem einzelnen <em>Menschen<\/em> gegen\u00fcber zwischen uns meistens verschieden blieb.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Gegensatz zur sachlichen k\u00e4mpferischen Hingenommenheit meines Mannes an seine Grundziele, erm\u00f6glichte sich meine Anpassungsbereitschaft aus dem Ehrgeiz- und Zielfremden meiner Art. Ich h\u00e4tte nicht mal zu benennen verstanden, was das endg\u00fcltig Notwendige und Wesentliche f\u00fcr mich sei, aber vielleicht namentlich deshalb nicht, weil es zu seiner Durchsetzung meiner Sorge und Obacht nicht erst bedurft h\u00e4tte; mir schien fast: was man auch angriffe, wenn es nur <em>recht<\/em> geschah, m\u00fcsse sowieso bis in den Mittelpunkt leiten. Hinzu kam allerdings die geheime Resignation, da\u00df \u2013 wie ich mich auch ben\u00e4hme \u2013 ich im letzten Wortsinn nichts mehr zu verlieren hatte. Der Unterschied zwischen meinem nunmehrigen und dem fr\u00fchern Verhalten \u2013 nicht nur zu dem Gef\u00e4hrten meiner Jugend, sondern \u00fcberhaupt zu den Gef\u00e4hrten einst um uns herum \u2013 war namentlich darin gelegen, da\u00df <em>einst<\/em> die Frage, ob oder wieweit man gemeinsamen Weges wandere, eine mir gewisserma\u00dfen harmlose, geistig beantwortbare blieb, w\u00e4hrend es <em>nun<\/em> kaum noch auf sie ankam \u2013 gegen\u00fcber einem Hineingestelltsein in unl\u00f6sbar Verantwortliches.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dadurch verselbst\u00e4ndigte sich anderseits au\u00dferordentlich alle eigene geistige Verarbeitung; die Arbeit wurde etwas f\u00fcr sich, eine Sache begehrten und ernstlichen Alleinseins; sie streifte auch nicht eigentlich das Leben miteinander und die Problematik, die dieses mir aufgab. Alles was man Abschleifung aneinander nennt, fand zwischen uns am allerwenigsten statt. Deshalb brachten die Jahre, zuletzt vier Jahrzehnte, keine Mischung \u2013 aber auch keinen Abzug von dem, was jedem aus sich selber erwuchs. Noch als wir l\u00e4ngst ganz alte Leute waren, kam ich mit manchem, was mich wesentlich und t\u00e4glich besch\u00e4ftigte, so selten zu meinem Mann, wie wenn ich dazu erst von Japan oder Australien h\u00e4tte heranreisen m\u00fcssen \u2013 und kam, wenn es geschah, damit in f\u00fcr mich noch um vieles entferntere Weltteile, die ich wie zum allerersten Mal betrat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ganz verst\u00e4ndigen kann man sich dar\u00fcber begrifflich kaum, und dennoch w\u00e4re es mi\u00dfverstanden, w\u00fcrde man daran nur die <em>Entfernung<\/em> begreifen, die sogar mit der L\u00e4nge der Zeit noch zunahm. Eine kleine Szene vor meines Mannes letztem Lebensjahr k\u00f6nnte das erweisen. In jenem Sp\u00e4therbst lag ich ungef\u00e4hr sechs Wochen lang krank in der Klinik, und da ich ab vier Uhr nachmittags meiner psychoanalytischen T\u00e4tigkeit nachzugehen fortfuhr, erhielt mein Mann Erlaubnis zum Besuch schon vor drei Uhr: die ordnungsm\u00e4\u00dfig statthafte Zeit war also begrenzt. Uns so gegen\u00fcberzusitzen, war uns aber ganz neu: wir, die wir die \u00fcblichen Familienabende \u00bbbeim trauten Schein der Lampe\u00ab gar nicht kannten, die wir auch auf Spazierg\u00e4ngen am liebsten ungest\u00f6rt rannten, erfuhren damit eine Situation ungewohntester Art, die uns vollkommen hinri\u00df. Es galt, die Minuten zu t\u00e4uschen, die Zeit zu strecken wie einst im Kriege das t\u00e4gliche Brot, von dem man leben wollte. Wiedersehn um Wiedersehn begab sich wie zwischen nach langem und von weitem heimgekehrten Menschen; und der Vergleich kam uns selber und breitete eine feine Heiterkeit \u00fcber den Reichtum dieser Stunden. Als ich endlich aufstand und nach Hause zur\u00fcckkehrte, lie\u00dfen die \u00bbSpitalstunden\u00ab es sich nicht mehr nehmen, verstohlen mitzutun, und nicht nur zwischen Drei und Vier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Unter den Menschen der literarisch und politisch interessierten Kreise jener Zeit nach unserer Eheschlie\u00dfung trafen wir einen Mann, der uns beiden besonders auffiel und gefiel. Im ersten Augenblick, wie das zu gehen pflegt, \u00fcberh\u00f6rte ich seinen Namen, ebenso er den meinen. Als dieser nochmals zur Nennung kam, bemerkte ich, da\u00df er meine H\u00e4nde mit vermehrter Genauigkeit in Betrachtung zog, und schon wollte ich ihn fragen, worauf er da eigentlich starre, als er in schroffem Ton seinerseits eine Frage tat: \u00bbWarum tragen Sie keinen Trauring?\u00ab Lachend erz\u00e4hlte ich, wir h\u00e4tten die Ringe zu besorgen vergessen und es nun dabei belassen. Doch sein Ton blieb derselbe, er herrschte mich geradezu an: \u00bbDas mu\u00df man aber!\u00ab Gleichzeitig erkundigte sich jemand scherzend bei ihm, wie ihm die \u00bbSommerfrische in Pl\u00f6tzensee\u00ab bekommen sei, die er wegen Majest\u00e4tsbeleidigung gerade erst abgesessen. Ich konnte nicht umhin, es erheiternd zu finden, da\u00df ausgerechnet seinem Munde ein so sittenstrenger Vorwurf gegen mich entfahren sei, aber er blieb, entgegen seiner vorhergehenden anregenden Gespr\u00e4chigkeit, mi\u00dfgestimmt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sp\u00e4ter befreundeten wir uns bald, und nach einigen Wochen, bei der Heimkehr von einer zu zweien besuchten Versammlung, geschah es, da\u00df er mir seine Liebe gestand, begleitet von den mir unfa\u00dflichen, ihn gleichsam entschuldigen sollenden Worten: \u00bbSie sind keine Frau: Sie sind ein M\u00e4dchen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr mich \u00fcberwog der Schreck \u00fcber dieses unvorstellbare Wissen so sehr alles andere, da\u00df ich nicht nur in jenem Augenblick, sondern \u00fcberhaupt nicht zum Bewu\u00dftsein \u00fcber meine eigene Einstellung zu diesem Manne gelangte. Es ist nicht unm\u00f6glich, da\u00df in mir selber Gef\u00fchle ihm entgegenkamen; doch sofern dies, ob auch noch so unwissentlich, unterwegs gewesen sein sollte, w\u00fcrde es doch v\u00f6llig abgehalten worden sein durch eine zweite, nicht geringere Schreckwirkung, ja vielleicht sogar eine st\u00e4rkere, als sie der sittsamsten Ehefrau, die sich unvermutet zu verlieben beginnt, zusto\u00dfen kann. Denn wie gering w\u00e4re mir die Gebundenheit an Sakrament oder Menschensatzung erschienen im Vergleich zu dem <em>Unl\u00f6slichen<\/em>, das durch meines Mannes Sein und Wesen jede L\u00f6sung ausgeschlossen hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schnell genug wurde ich auch in <em>diese<\/em> Schrecken zur\u00fcckgeschleudert, die wir schon vor unserer Verlobung, dem \u00bbGel\u00fcbde f\u00fcr immerdar\u00ab, durchgemacht hatten. Die Aufregungszust\u00e4nde meines Mannes, der nicht blind blieb und dennoch Blindheit vorzog, indem er den Andern nur niederstechen, nicht aber sprechen wollte, beherrschten allein das Situationsbild. Und hieraus wiederum ergaben sich f\u00fcr mich unwillk\u00fcrlich andersartige Gef\u00fchlseinstellungen als verliebte zu Jenem: n\u00e4mlich Zufluchtsverlangen vor Schrecken, vor denen ich machtlos war und die unsere Tage und N\u00e4chte zu qualvoll durchlittenen werden lie\u00dfen. Wie der Freund mir zu helfen versuchte in den verseltnerten gemeinsamen Stunden, mit echter Freundesbereitschaft und in einer Vornehmheit der Gesinnung, die ihn meiner Erinnerung unverge\u00dflich macht, das bedeutete Erl\u00f6sung aus fast untragbarer Einsamkeit. Aber es blieb nicht dabei stehen: in den Erregungen und Bef\u00fcrchtungen, denen er sich um mich \u00fcberlie\u00df, steigerte sich sein eigener Zustand in Ma\u00dflosigkeiten, die an dieser wundgeriebenen Stelle mich wie eine zweite Gewaltsamkeit folterten und bedr\u00e4ngten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie sehr er auch als Hasser meinem Mann nicht nachstand, hat sich mir dann nach mehr als zwanzig Jahren nochmals offenbart. In schwerer Sorge um politische Bedr\u00e4ngnisse meiner Verwandtschaft in Ru\u00dfland erbat ich, in kurzem, geschlossenem Billet, von ihm Rat und Auskunft. Er erkannte meine Handschrift an seinem Namen und dem \u00bbMitgl. d. Reichstags\u00ab. Das Billet kam zur\u00fcck mit dem postalischen Vermerk: Annahme verweigert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Ende war damals gewesen, da\u00df ich meines Mannes Forderung nachgegeben hatte, den Freund nicht mehr wiederzusehn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber damit leitete sich erst die eigentliche Bedeutung dieses Erlebnisses f\u00fcr unsere Ehe ein, indem es eine Fortsetzung der bisherigen Gebundenheit als menschenunm\u00f6glich erwies. Von einer Scheidung nach au\u00dfen konnte wie bisher auch jetzt keine Rede sein, und es war wie nichts anderes charakteristisch f\u00fcr meines Mannes Denkungsart, da\u00df, was ihm dies ausschlo\u00df, weder in einer Hoffnung f\u00fcr die Zukunft gelegen war, noch in einer Ansicht \u00fcber irgendwelche irrige Ma\u00dfnahmen im Vergangenen, die noch korrigierbar h\u00e4tten sein k\u00f6nnen, sondern das Festgelegtsein auf ein trotz allem unumst\u00f6\u00dflich <em>Wirkliches<\/em>, Vorhandenes. So bleibt mir der Augenblick eingepr\u00e4gt f\u00fcr immer, wo er sagte: \u00bbIch kann nicht aufh\u00f6ren zu <em>wissen<\/em>, da\u00df Du meine Frau bist.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach Monaten schmerzvoller Gemeinsamkeit und dazwischen hinlaufenden Trennungen, die das Alleinsein zu zweien vermeiden halfen, war der neue Standpunkt festgelegt. Nach au\u00dfen hin ver\u00e4nderte sich nichts: nach innen zu alles. In all den Jahren erfolgten viele Reisen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Einmal, in einer herzbewegenden Stunde, hatte ich an meinen Mann die Frage gerichtet: \u00bbDarf ich Dir sagen, was mir inzwischen geschah \u2013?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rasch, ohne zu z\u00f6gern oder einer Sekunde Raum f\u00fcr einen weiteren Laut zu lassen, hatte er geantwortet: \u00bbNein.\u00ab So w\u00f6lbte sich \u00fcber uns und dem, was wir miteinander teilten, ein hohes, unverbr\u00fcchliches Schweigen, aus dem wir nie herausgetreten sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trotz der besondern Art meines Mannes mu\u00df doch darin etwas von der Art des Mannestums \u00fcberhaupt gelegen haben, wie verschieden die jeweiligen Zusammenh\u00e4nge solcher \u00c4u\u00dferungen auch sein m\u00f6gen. Jahre sp\u00e4ter lautete die Antwort eines Freundes an mich \u00e4hnlich, nachdem ich ihn aus harmlosesten Gr\u00fcnden l\u00e4ngere Zeit nicht hatte sehen k\u00f6nnen: den Grund mi\u00dfverstehend, erwiderte er auf meinen Vorschlag, ihm zu erkl\u00e4ren, warum, nach einer Minute \u00fcberlegenden Schweigens, entschieden: \u00bbNein. Ich will es nicht wissen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei unserer Gewohnheit zur\u00fcckhaltenden geselligen Verkehrs mochte man sich Gedanken \u00fcber uns machen, die wir nicht kannten; vielleicht nahm die menschliche Welt wie sie ist an, entweder sei mein Mann mir untreu geworden, oder ich ihm? Wer konnte sich auch denken, mit welcher Inbrunst ich zu jeder Zeit meines Lebens meinem Mann, wie einen begl\u00fcckenden Aufbau zu Weihnachten, eine Frau oder die liebste, beste, sch\u00f6nste Geliebte zugedacht h\u00e4tte. Unser Schweigen zueinander w\u00fcrde es nur haben verdeckt gehalten, was sich ereignen k\u00f6nnte, aber nie h\u00f6rten meine W\u00fcnsche auf, es zu begleiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was mich selber betraf, so m\u00f6gen die vorausgegangenen K\u00e4mpfe und Kr\u00e4mpfe, die allzu gewaltt\u00e4tig gegen eine aufsteigende Sehnsucht gestritten, gerade dazu mitgewirkt haben, da\u00df mir dann die Liebe unter einer gro\u00dfen Stille und Selbstverst\u00e4ndlichkeit begegnete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht nur ohne Trotz- oder gar Schuldgef\u00fchle, sondern so, wie Gesegnetes begegnet, durch das die Welt vollkommen wird: die Welt nicht nur f\u00fcr einen selbst, sondern gleichsam die Welt an sich. Wie Taten sich vollziehen, deren Vollzug gutgehei\u00dfen ist unab\u00e4nderlich und weit \u00fcber unser Daf\u00fcrhalten hinaus, und von uns nur empfangen wird ohne unser Dazutun.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Deshalb soll man gar nicht erst zu vergleichen und zu messen versuchen zwischen der <em>Gr\u00f6\u00dfe<\/em> und der <em>Dauer<\/em> echter Leidenschaften: ob ihr Umfang die Zeitdauer eines Lebens betr\u00e4gt und er sich f\u00fcr immer allen praktischen Bezogenheiten eingliederte, oder ob er Wiederholungen zulie\u00df. Man kann jenes als ein \u00fcber alles Verstehen Herrlicheres empfinden und sich dabei bescheiden eigener Unzul\u00e4nglichkeit bewu\u00dft werden, weil sich eben an solchem Fall alle Einzelz\u00fcge der Liebe subjektiv und objektiv sichtlicher auseinanderlegen und beurteilen lassen. Aber wir ahnen ja so wenig vom Geheimnis <em>aller<\/em> Liebe, eben infolge der Not unserer Beschr\u00e4nkung auf das rein Personelle \u2013 infolge unseres Begreifens nur daran entlang. Das ganze Mitspiel unserer Allzumenschlichkeit sowie unserer leidenschaftlich intendierten Ubermenschlichkeit verf\u00e4ngt sich in unsere Wertungen und Absch\u00e4tzungen dessen, was keines Menschen Herz je dem Verstand voll unterbreitet hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Deshalb verbleibt dem Verstand nichts als sein Bem\u00fchen um das Dunkelste <em>leiblicher<\/em> Vollz\u00fcge, die dadurch nur der Banalisierung vogelfrei stehen. Ist es damit jedoch nicht wie mit dem Wein und Brot des Sakramentes, das wohlweislich nach des Leibes Trank und Speise greift, <em>um zu sein<\/em>?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Mensch unserer Liebe, gleichviel in wie gesteigertem Zustand geistiger und seelischer Ergriffenheit Beider, bleibt ein Priester im Me\u00dfgewand, der nur notd\u00fcrftig zu ahnen vermag, was er zelebriert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Sp\u00e4t, aber immerhin noch \u00fcber zweieinhalb Jahrzehnte lang, fiel meinem Mann die Wirksamkeit in G\u00f6ttingen zu; denn auch seine Emeritierung \u00e4nderte daran nichts Wesentliches: sein Stamm von Sch\u00fclern oder von ausl\u00e4ndischen Kollegen, die bei ihm arbeiteten, verlie\u00df ihn nicht. Einmal war Berufung nach Berlin nahe, scheiterte aber daran, da\u00df eine in Arbeit befindliche Publikation rascher h\u00e4tte erledigt sein m\u00fcssen, als es meinem Mann geboten erschien. Die Erwartung \u00fcberhaupt, die man an publizistische wissenschaftliche Erledigungen unwillk\u00fcrlich stellte, f\u00fcgte dem Gl\u00fcck an seiner Wirksamkeit auch manche Gereiztheit hinzu, etwa verbunden mit dem nat\u00fcrlichen Wunsch, irgendwelche \u00e4u\u00dfern Hindernisse daf\u00fcr verantwortlich zu machen, wenn er Abschl\u00fcsse hinausschob; unter anderm entstand dadurch ein in seiner Intensit\u00e4t fast ma\u00dfloser Ha\u00df gegen den Wirt einer Schenke uns gegen\u00fcber, aus der (ob auch nur schwacher) L\u00e4rm eines Grammophons bis zu uns her\u00fcberdrang. Oft und oft gedachte ich der humoristisch vorgebrachten Worte seines \u00e4ltesten Freundes und Kollegen, Prof. Hoffmann in Kiel, der uns bald nach unserer Verheiratung besuchte; er hatte behauptet: \u00bbvielleicht wenn Andreas die sofortige Hinrichtung drohe, w\u00e4re von ihm eine fachliche Erledigung zu erlangen \u2013 vielleicht aber auch dann nicht: so sehr hinrichten m\u00fc\u00dfte er dazu sich selbst\u00ab. Denn jeder Abschlu\u00df ist auch ein Verzicht auf ganze Vollkommenheit dessen, wovon man total und bis ins Letzte durchdrungen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich kann nicht umhin, in diesem Sinne des Eindrucks zu gedenken, den die Haltung der Deutschen im Weltkrieg auf ihn aus\u00fcbte, auch noch jenseits allen vaterl\u00e4ndischen Feuers: des Eindrucks von gleichzeitiger Hingerissenheit und Exaktheit, von Getragensein durch begeisternde Gem\u00fctskr\u00e4fte und von beispielloser T\u00fcchtigkeit in aller Einzelausf\u00fchrung, die nichts gering achtete oder auslie\u00df. In der Bewunderung daf\u00fcr spitzte sich ihm sein eigenes Wesensproblem zu einer Ratlosigkeit zu, dar\u00fcber, wie beides sich f\u00f6rdern k\u00f6nne, anstatt einander zu hemmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das war ja aber kein \u00fcberwindbarer Zwiespalt in ihm, sondern es war sein Wesen als solches, das Schauplatz und Zusammentreffen sein mu\u00dfte f\u00fcr zwei zu weit auseinanderliegende Welten, in die er sich hineingeboren fand. Und das Allerbitterste f\u00fcr ihn \u2013 sofern es sich h\u00e4tte ereignen k\u00f6nnen \u2013 w\u00e4re trotz all der scheinbaren Zwiesp\u00e4ltigkeit dies gewesen, wenn er den Ri\u00df k\u00fcnstlich geschlossen h\u00e4tte durch Opfern des einen f\u00fcrs andre. Nichts gliche der Zerst\u00f6rung, die mit ihm h\u00e4tte vorgehen m\u00fcssen, wenn er irgendwelcher Zwecke oder Erfolge halber getan h\u00e4tte, als sei exakt erledigt, was in ihm noch nach zeitlos breiter Vollendung der Kombinationen schrie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man darf, des Mangels dieser Besonderheit v\u00f6llig bewu\u00dft, auch ja nicht \u00fcbersehen, da\u00df sie ihm eine unbeschreibliche Jugend schenkte und erhielt. Was arbeitend in ihm umging, blieb irgendwie von Zukunft umwittert; nicht nur von einer zum Ablauf sowohl begnadeten wie auch verurteilten Zukunft, sondern einer aller blo\u00dfen Zeitbedeutung entnommenen. Machte ihn das bald ratlos, bald rastlos, bald ersch\u00f6pft, bald sorglos unt\u00e4tig, so verj\u00fcngte es den innersten Ausdruck seines Seins zugleich in einer mir sonst bei kaum jemandem aufgefallenen St\u00e4rke. Noch im hohen Alter verschlug es hieran nichts, da\u00df es ihm die Schultern beugte oder da\u00df er erschwert h\u00f6rte, \u2013 wie auch sein wei\u00dfer Kopf an Ausdruck zunahm und das dunkle Auge, dem blauen Greisenring zum Trotz, zu einer erh\u00f6hten Eindringlichkeit gekommen zu sein schien, als ob zu ihrem Aufstrahlen das Dunkle allein nicht mehr gereicht h\u00e4tte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich entsinne mich in allen Einzelheiten seines 70. Geburtstages. Die Feier durchs Offizielle und durchs Freundschaftliche traf ihn um so weniger vorbereitet, als sein 60. und 65. Geburtstag in den Wirren der Zeit sich nicht \u00e4hnlich herauszuheben vermochten. Eigentlich entri\u00df es den erst gegen Morgen zur Ruhe Gehenden dem Bett: aber mit welcher innern Gegenw\u00e4rtigkeit stand er dann unter allen. In spontaner Gegenrede auf Gl\u00fcckw\u00fcnsche, auf ungeschminkte Verehrung \u2013 und auch leise erinnernde Mahnung der damaligen Magnifizenz der Universit\u00e4t, er habe noch zu geben, was nur er zu geben imstande sei, \u2013 auf all das entwickelte sich ihm voll Feuer und \u00dcberzeugung ein Bild von dem, was Wissenschaft \u00fcberhaupt noch zu leisten habe; er sah f\u00fcr k\u00fcnftige Jahrzehnte eine beginnende Zusammenarbeit der philologischen Disziplinen nach dem Beispiel der naturkundlichen voraus, und man nahm f\u00f6rmlich wahr, wie er pers\u00f6nlich noch \u2013 gew\u00e4hrleistend \u2013 dies als eine Tatsache miterlebte, der die Zeitl\u00e4ufte einfach gehorchten. Hier und da l\u00e4chelte einer andeutungsweise, andern kam das Wasser in die Augen \u2013. Aber <em>so<\/em> wenig wie er selber dachte gewi\u00dflich noch jemand daran, da\u00df Erwartungen, die man an ihn gekn\u00fcpft, unerf\u00fcllt geblieben seien \u2013 ja vielleicht in einem hohen Sinne unerf\u00fcllbar seien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine innern Tatsachen waren immer wach in mir, aber nie bildeten sie ein Gespr\u00e4chsthema zwischen uns. Zweimal, glaub ich, zwischen vielen Jahren, wurde es \u00fcberhaupt gestreift. Diese Art, dem andern nicht en face zu stehen, ja gewisserma\u00dfen abgekehrt, blieb uns eigen; wie denn auch im \u00fcbrigen \u00c4nderungen und Entwicklungen in unserm Verhalten zueinander nicht stattfanden: es behielt seine simple und unwandelbare Grundlage. Hinzu kam, da\u00df meine T\u00e4tigkeit insofern eine schweigsame war, als, was mich am Miterleben anderer und an ihrer Behandlung ergriff, sich nicht zum Wiedersagen eignete, und als au\u00dferdem starke Ablenkungen meinem Mann leicht Schaden brachten. Die vollkommene Freiheit, worin so jeder zum Seinen stand, war aber jedem von uns als \u2013 ebenfalls \u2013 <em>Gemeinsamkeit<\/em> bewu\u00dft, der man inne blieb; man k\u00f6nnte vielleicht sagen: eine einfache Ehrerbietung gegeneinander, in die wir gem\u00fcndet, f\u00fchlte sich dabei doch wie Besitz und Sicherheit an. Denn f\u00fcr Eins bewahrte mein Mann auch im vollsten Besch\u00e4ftigtsein eine wunderbare Witterung: ob und wieweit der andere ruhig und freudig seinen Weg ging. Ein Beleg daf\u00fcr pr\u00e4gte sich mir tief ein. Ausnahmsweise hatte ich etwas Erz\u00e4hlendes niederzuschreiben begonnen \u2013 inkonsequenterweise, da ich seit dem Beginn meiner psychoanalytischen T\u00e4tigkeit mit dieser bisherigen Gewohnheit vollkommen abgeschlossen hatte \u2013, und das Zuviel beider Arten von Konzentration machte mich ganz in Arbeit versinken; hinterher rief ich, in Gewissensbissen, lachend aus: all die Zeit sei ich gewi\u00df ganz unbrauchbar und unausstehlich gewesen! Und da antwortete mein Mann darauf mit einem durchleuchteten Gesicht, das sich gar nicht wieder vergessen l\u00e4\u00dft, fast im Jubelton: \u00bbDu bist so gl\u00fccklich gewesen!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Mitfreude daran lebte mehr als nur G\u00fcte, wie stark diese auch daraus sprechen mag. Die F\u00e4higkeit zum <em>Sichmitfreuen<\/em>, dieser hervorstechendste Zug seiner Menschlichkeit, bedeutete ihm stets ein Erfassen des Andern als seinesgleichen: ein Erfassen des in Beiden gleichen wesentlichsten Urgrundes. Von daher der m\u00e4chtige, \u00fcberzeugende Ausdruck, den er gewann: der einer <em>Wirklichkeit<\/em>, die er dabei erschaute. Und noch heute, unerachtet der Tatsache des Todes, den er nie beachtete, mit dem er sich nichts zu schaffen machte, findet dieser Ausdruck in mir seine Fortsetzung: jedesmal, wo ich in mir selber am tiefsten komme, begegne ich gleichsam dieser Mitfreude. W\u00fcrde er nicht vielleicht dazu gesagt haben: \u2013 weil er, allem zum Trotz, damals dennoch mit uns Beiden recht gehabt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kam das mich \u00dcberw\u00e4ltigende jenes seines Ausdruckes damals von daher, da\u00df es aus einer letzten Wahrheit kam? Ich wei\u00df es nicht. Vergib, vergib: ich wei\u00df es nicht. Aber in den Augenblicken solchen Frohseins war mir, als w\u00fc\u00dften sie es f\u00fcr mich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So erfuhr ich mein Gedenken an Dich nicht wie an ein Vergangenes, sondern wie ein zugleich Entgegengehendes. Es war nicht eine Totenfeier, es ward eine Lebens-Erfahrung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-98152 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Lou_Andreas-Salome\u0301-206x300.jpg\" alt=\"\" width=\"206\" height=\"300\" \/>Lou Andreas-Salom\u00e9s oft ger\u00fchmte pers\u00f6nliche Ausstrahlung, ihre Bildung und intellektuelle Beweglichkeit, die Freundschaft mit namhaften Zeitgenossen und ihre unkonventionelle Lebensf\u00fchrung sicherten ihr einen Platz in der deutschen Kulturgeschichte. Ihr Leben war und ist Gegenstand von Biographien, Romanliteratur, Musiktheater (der Oper <em>Lou Salom\u00e9<\/em> von Giuseppe Sinopoli (Libretto: Karl Dietrich Gr\u00e4we) zum Beispiel, die 1981 in M\u00fcnchen uraufgef\u00fchrt wurde) und anderen Texten, in denen ihre Kontakte zu Ber\u00fchmtheiten der Literatur- und Wissenschaftsgeschichte er\u00f6rtert werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verglichen damit fand ihr eigenes schriftstellerisches Werk seither wenig Beachtung \u2013 es verschwand hinter der au\u00dfergew\u00f6hnlichen Geschichte ihres Lebens, dem will KUNO abhelfen. Als renommierte Autorin hatte sie an der Entwicklung der Positionen der Moderne um 1900 lebhaft mitgewirkt. In Romanen, Erz\u00e4hlungen, Essays, Theaterkritiken, zahlreichen Texten \u00fcber Philosophie und Psychoanalyse, einem weitl\u00e4ufigen Briefwechsel beteiligte sie sich an den Diskussionen \u00fcber grundlegende Fragen der Zeit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Elementarische und Intime sagt von sich nicht selber aus. Mithin bleibt das Wesentliche als solches ungesagt. 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