{"id":103351,"date":"2003-09-14T16:03:37","date_gmt":"2003-09-14T14:03:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103351"},"modified":"2022-05-30T16:09:28","modified_gmt":"2022-05-30T14:09:28","slug":"vom-universalstaat","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/09\/14\/vom-universalstaat\/","title":{"rendered":"Vom Universalstaat"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Will man den Weg verstehen, auf dem die heute unter dem Schlagwort \u00bbPangermanismus\u00ab vereinigten Tendenzen zu der furchtbaren Macht gelangten, die alle Welt kennt und versp\u00fcrt, so mu\u00df man zur\u00fcckgehen bis ins tiefe Mittelalter. In dem mittelalterlichen Kampf um die Suprematie zwischen geistlicher und weltlicher Macht, zwischen einer geistlichen Oberleitung durch den Papst und der tobs\u00fcchtigen Wildheit barbarischer K\u00f6nige spielten sich die ersten Entscheidungen europ\u00e4ischer Geschichte ab. Als Otto I. sich 962 vom Papste die Kaiserkrone erzwang, entstand das \u00bbHeilige r\u00f6mische Reich deutscher Nation\u00ab. Unter Otto III. gab es bereits einen deutschen Papst, kaum da\u00df es ein deutsches Volk gab. Es folgten die Kreuzz\u00fcge, in denen die P\u00e4pste der \u00fcberm\u00fctigen Barbarenkraft und den verheerenden Einf\u00e4llen deutscher K\u00f6nige nach Italien eine phantastische Ablenkung schufen. Es folgte die Unterwerfung des geschw\u00e4chten Staates unter die Kirche durch Gregor VII.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der p\u00e4pstlich-kaiserliche Universalstaat des Mittelalters leitete eine innige Verbindung der deutschen V\u00f6lkerschaften mit dem zivilisiertesten Land der damaligen Welt, Italien, ein, und wenn die gewaltsamen deutschen K\u00f6nige auch, sobald sie den Segen empfangen hatten, nur Richtschwert und Vollstrecker des r\u00f6mischen Willens geworden waren, so verlieh ihnen diese Weihe doch die \u00bbKulturmission\u00ab, Mehrer des Kirchengebiets und Verbreiter des Evangeliums zu sein, und damit jene heraldische All\u00fcre einer von den Reichs-Trompetern begleiteten theologischen Majest\u00e4t, der die buntb\u00e4urische Phantasie des deutschen Volkes noch heute nicht gewachsen ist. Jahrhundertelang verbreitete das Schwert der Kaiser den Christenglauben, wie es unter Mohammed den Islam verbreitete. Und nicht erst heute, schon zu Gutenbergs Zeiten findet sich in der Presse die \u00dcberzeugung, die deutsche Nation sei von Gott bevorzugt und von der Vorsehung auserw\u00e4hlt. Sie war aber nur von den Kardin\u00e4len auserw\u00e4hlt und vom Papste bevorzugt. Die deutschen K\u00f6nige hatten sich diese ihre Stellung durch Bluttat und Gewalt ertrotzt. Ihre Kulturleistungen blieben weit hinter dem zur\u00fcck, was gleichzeitig Arabien, Spanien und Italien in Kunst, Literatur und Wissenschaft leisteten.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Noch heute sehen unsere deutschen Schulr\u00e4te, Geschichtsschreiber und P\u00e4dagogen nicht ein, da\u00df keine Veranlassung vorliegt, auf diese Tradition besonders stolz zu sein. Deutschland war keineswegs das \u00bbmoralische Herz der Welt\u00ab, wie Herr Scheler glauben machen will. Die Moralit\u00e4t war in Deutschland, von vereinzelten Mystikern und Troubadouren abgesehen, unausgebildet, abseitig und grob. Das Land war R\u00fcstkammer und Arsenal f\u00fcr die weltlichen Ziele des Papsttums. In solchen L\u00e4ndern ist wenig Raum f\u00fcr die Ausbildung verfeinerter Sitten. Profo\u00df und Schrecken brachten den P\u00e4psten die Barbarossas, Ottos und Friedrichs. Wen deshalb der Papst zum Kaiser salbte, dem legte er damit die Verpflichtung auf, solch \u00bbApostolische Majest\u00e4t\u00ab (noch heute tr\u00e4gt der Kaiser von \u00d6sterreich den Titel) habe den gewaltigen europ\u00e4ischen Kirchenstaat zu vergr\u00f6\u00dfern oder zu verteidigen, auf welche Art immer es geschehe.<\/p>\n<div class=\"zenoCOAdRight\" style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Das \u00bbHeilige r\u00f6mische Reich deutscher Nation\u00ab wurde von Luther zerst\u00f6rt. Luthers robust gewaltige Pers\u00f6nlichkeit ist geschichtlich nur zu verstehen, wenn man den Kampf zwischen Kaiser und Papst sich vergegenw\u00e4rtigt. Luther trennte Deutschland von Rom und schuf damit die Voraussetzung f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit des heutigen deutschen Feudalismus. Er lieferte den deutschen F\u00fcrsten, und Reichsherolden wie Treitschke und Chamberlain, die Ideologie f\u00fcr jene egozentrische Selbst\u00fcberhebung, die sich in den K\u00f6pfen alldeutscher Gener\u00e4le und Subalternpropagandisten zu einem Delirium ausgewachsen hat. Von den Zeiten der Reformation an gelang es den P\u00e4psten nicht mehr, die deutsche Macht unter eine geistige Obhut zu beugen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Luther wurde ein Angelpunkt der Geschichte. Von Luther an beginnt sich ein neuer Universalstaat vorzubereiten, in dessen Zentrum nicht mehr die ganze klerikale, sondern die ganze profane Gewalt steht. In den gro\u00dfen Bauernkriegen von 1524\/25 handelte es sich darum, ob die uralte Feudaltradition Deutschlands gebrochen werden k\u00f6nne oder nicht. Diese deutsche Revolution (wichtiger heute als die Reformation, mit der sie Hand in Hand h\u00e4tte gehen k\u00f6nnen) mi\u00dfgl\u00fcckte. Der Feudalismus wurde gest\u00e4rkt. Im Aufkommen der Hohenzollern verj\u00fcngte er sich. Das Aufkommen der Hohenzollern brachte den Konkurrenzkampf mit Habsburg, dem letzten Rudiment des mittelalterlichen Systems. Damals gingen die geistlichen und weltlichen Methoden der Universalstaatspolitik und \u00bbDiplomatie von Wien\u00ab in die preu\u00dfischen Kabinette \u00fcber. Und heute erleben wir es, wie derselbe, auf die Besitzlosen, das Proletariat gegr\u00fcndete Universalstaat des Mittelalters von Berlin aus wiederaufersteht.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Jetzt ist es umgekehrt. Das kaiserliche Regime sucht den Papst zu ben\u00fctzen, wie im Mittelalter der Papst den Kaiser ausspielte. Steuerte Habsburg die diplomatischen Methoden bei, so Napoleon die milit\u00e4rischen. Eine satanische Macht regiert heute Deutschland und sucht sich von dort aus die Welt zu unterwerfen. Das Mittel ist Zweck geworden. Die Profanit\u00e4t triumphiert, und eine Entwertung aller Werte findet statt, die niemals ihresgleichen sah. Als Dante seine Schrift \u00bbDe monarchia\u00ab schrieb, lie\u00df er sich kaum tr\u00e4umen, da\u00df er die H\u00f6lle selbst damit beg\u00fcnstigte. Gott ist Werkzeug der Monarchie geworden. Moral und Religion sind der omnipotenten Staatsgewalt untergeordnet, und die Folge dieser Perversion der Moralbegriffe ist es, da\u00df man die teuflischsten Dinge im Namen Gottes verherrlicht, ohne jegliches Gef\u00fchl und Gewissen f\u00fcr die Inferiorit\u00e4t dieses Evangeliums der reinen Kraft und Gewalt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Jede Art Mystik, jede Art Religion, jede Regung des Seelenlebens und der menschlichen Sehnsucht, alles was dem Menschen heilig ist, wird von diesem System in raffiniertester Weise ben\u00fctzt, um den Menschen zu fassen und gef\u00fcgig zu machen. An die Stelle des Ablasses ist der Aderla\u00df getreten. An die Stelle der Beichte die Detektivpolizei. Die gro\u00dfen moralischen Werte der Menschheit (Seele, Friede, Vertrauen; Achtung, Freiheit und Glauben) werden nach dem Erfolg berechnet und als Mittel zur Erreichung von Zwecken ausgespielt, die der traditionellen Bedeutung dieser Worte entgegengesetzt sind. Das klerikale Kollegium de propaganda fide ist ersetzt von einem journalistischen de propaganda bello, und die Freude und der Stolz, mit denen man diesem verwerflichen System dient, geben die Beleuchtung zu einem infernalischen Totentanz, in dem die Reste deutschen Wesens in Verwesung \u00fcbergehen.<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Ball-Schriften\" name=\"179\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-99417 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/HugoBall-211x300.jpg\" alt=\"\" width=\"211\" height=\"300\" \/>Im Mai 1915 emigrierte Hugo Ball gemeinsam mit Emmy Hennings in die Schweiz, wo er zun\u00e4chst in Z\u00fcrich wohnte. Er tingelte mit einem Variet\u00e9-Ensemble als Klavierspieler und Texter durch das Land. Schlie\u00dflich kam er in Kontakt mit der Tanzschule von Rudolf von Laban, die als Treffpunkt der Dadaismusbewegung galt. Im Februar 1916 gr\u00fcndete er mit Hans Arp, Tristan Tzara und Marcel Janco in Z\u00fcrich das Cabaret Voltaire, die als \u201eWiege des Dadaismus\u201d bezeichnet wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14599\">Artikel<\/a> \u00fcber die Gr\u00fcndung des Cabaret Voltaire.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Will man den Weg verstehen, auf dem die heute unter dem Schlagwort \u00bbPangermanismus\u00ab vereinigten Tendenzen zu der furchtbaren Macht gelangten, die alle Welt kennt und versp\u00fcrt, so mu\u00df man zur\u00fcckgehen bis ins tiefe Mittelalter. 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