{"id":103342,"date":"2003-01-25T13:50:08","date_gmt":"2003-01-25T12:50:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103342"},"modified":"2022-05-30T13:52:19","modified_gmt":"2022-05-30T11:52:19","slug":"geistererscheinung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/01\/25\/geistererscheinung\/","title":{"rendered":"Geistererscheinung"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Anfange des Herbstes 1809 verbreitete sich in der Gegend von Schlan (einem St\u00e4dtchen vier Meilen von Prag auf der Stra\u00dfe nach Sachsen) das Ger\u00fccht einer Geistererscheinung, die ein Bauernknabe aus Stredokluk (einem Dorfe auf dem halben Wege von Schlan nach Prag) gehabt habe. Dies Ger\u00fccht ward endlich so allgemein und so laut, da\u00df endlich ein Hochl\u00f6bl. Kreisamt zu Schlan eine gerichtliche Untersuchung der ganzen Sache beschlo\u00df, und demzufolge eine eigene Komission ernannte, aus deren Akten zum Teil, und zum Teil aus m\u00fcndlichen Berichten an Ort und Stelle, nachstehende Geschichte gezogen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Bauernknabe von ungef\u00e4hr elf Jahren aus Stredokluk, mit Namen Joseph, bekannt bei seiner Familie sowohl als im ganzen Dorfe f\u00fcr einen erzdummen Jungen, schlief f\u00fcr gew\u00f6hnlich mit einem alten Onkel und einigen seiner Geschwister, von seinen Eltern getrennt, in einer besondern Kammer. Eines Nachts wird er durch Sch\u00fctteln geweckt, und wie er aus dem Schlafe aufschreckt, sieht er eine Gestalt sich langsam vom Fu\u00dfe seines Bettes fortbewegen und im Dunkel verschwinden. Joseph, dem Schlafen \u00fcber alles geht, nimmt es gewaltig \u00fcbel, so mutwillig gest\u00f6rt zu werden, und in der Meinung, die Gestalt sei der Onkel gewesen, der ihn habe necken wollen, f\u00e4ngt er an, sich laut zu beklagen und sich derartige Scherze scheltend zu verbitten. Der Onkel, ein alter Invalide, wacht \u00fcber den L\u00e4rm ebenfalls auf, fragt ziemlich barsch nach der Ursache, und da Joseph ihn zu Rede stellt, warum er ihn necke und nicht schlafen lasse, so ergrimmt der alte Soldat, und nach einigen Beteuerungen und Fluchen, da\u00df er von nichts wisse, die aber unserm Joseph nicht einleuchten wollen, steht er auf und, um seinen Gr\u00fcnden Gewicht zu geben, nimmt er den Stock und zerpr\u00fcgelt den ungl\u00e4ubigen Herrn Neffen. Joseph schreit f\u00fcrchterlich, alle seine Geschwister werden wach und schreien mit, die Eltern eilen voll Angst herbei, sie besorgen Feuer oder Mord, beruhigen sich aber bald, da sie sehen, da\u00df nur der dumme Joseph etwas gepr\u00fcgelt wird. Sie fragen nach dem Anlasse des Tumults; Joseph erz\u00e4hlt schluchzend seine Geschichte; der Onkel flucht laut \u00fcber den L\u00fcgner; den Eltern ist der Fall zu spitzig; zum Untersuchen ist nicht Zeit, und da Joseph von seinem Satz nicht abgeht, so vereinigen sie sich der K\u00fcrze halber mit dem Onkel, pr\u00fcgeln gemeinschaftlich auf den \u00c4rmsten und schicken ihn zu Bette. In der folgenden Nacht geht derselbe Spa\u00df von neuem an, Joseph wird wieder geweckt, sieht eine Gestalt, h\u00e4lt sie wieder f\u00fcr den Onkel und, da er diesmal seiner Sache noch gewisser zu sein glaubt, als das erstemal, so beklagt er sich noch ungest\u00fcmer; der alte Onkel erwacht, pr\u00fcgelt, die Eltern kommen herbei, pr\u00fcgeln auch, und Joseph fl\u00fcchtet sich, ein gutes Teil m\u00fcrber als die vergangene Nacht, in sein Bett. In der dritten Nacht dieselbe Erscheinung, aber nicht dieselben Pr\u00fcgel. In dem Kopfe des dummen Josephs entwickelt sich allm\u00e4hlich die Idee vom ewigen Unrechte des Schw\u00e4chern, er schweigt demnach, und versucht es, mit einem \u00e4u\u00dferst verdrie\u00dflichen Gesicht, sobald wie m\u00f6glich wieder einzuschlafen, was ihm denn auch gelingt. Den Tag darauf k\u00f6mmt Joseph abends vom Felde nach Hause, und erz\u00e4hlt der Mutter, wie um die Mittagsstunde ein fremder Herr zu ihm gekommen sei, in einem wei\u00dfen Mantel und mit sehr bleichem Angesichte; wie dieser, als er sich anfangs vor ihm gef\u00fcrchtet und davonlaufen wollte, ihm freundlich zugeredet habe, er solle sich nicht f\u00fcrchten, er meine es gut mit ihm und wolle ihn belohnen, wenn er h\u00fcbsch folgsam w\u00e4re. Als er sich hierauf beruhigt, habe der fremde Herr mit tiefbetr\u00fcbter Miene gesagt, da\u00df er schon sehr lange, lange auf ihn gewartet habe, da\u00df er ihm die drei vergangenen N\u00e4chte erschienen sei, und jetzt komme, um von ihm einen Dienst zu begehren, dessen Gew\u00e4hrleistung er nicht zu bereuen Ursach haben w\u00fcrde. Morgen n\u00e4mlich mit Sonnenaufgang solle er, mit einem Spaten versehen, aufs Feld hinausgehn und an einem Orte, den er ihm zeigen w\u00fcrde, nachgraben; er werde dort Menschenknochen finden, an denen f\u00fcnf eiserne Ringe befestigt w\u00e4ren; diese w\u00e4ren seine Gebeine, \u00fcber die sein Geist nun schon seit f\u00fcnfhundert Jahren ohne Ruhe und ohne Rast herumirre; habe er die Gebeine gefunden und herausgenommen, so solle er noch tiefer graben, wo er sodann auf f\u00fcnf verschlossene irdene Truhen sto\u00dfen werde; was damit zu tun, w\u00fcrde er ihm sp\u00e4ter entdecken. Nachdem er ihm dies alles gesagt, sei der Herr pl\u00f6tzlich weggekommen, er wisse nicht wohin. Die Mutter hatte mit offenem Munde zugeh\u00f6rt, und voller Verwunderung ihren Joseph betrachtet, welcher, da er sonst in dummer Unbehilflichkeit kaum ein halb Dutzend Worte aneinander zu reihen wu\u00dfte, jetzt mit flie\u00dfender Rede, im reinsten B\u00f6hmisch, seine Geschichte vortrug. So unheimlich ihr auch bei dieser Erz\u00e4hlung zumute sein mochte, so witterte sie doch als eine kluge Frau in den verhei\u00dfenen Truhen so etwas von einem Schatze, und um des Schatzes willen beschlo\u00df sie, mit ihrem Joseph gemeinschaftlich das Abenteuer zu bestehn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den andern Morgen in aller Fr\u00fche machten Mutter und Sohn geh\u00f6rig zum Graben ger\u00fcstet sich auf und gingen dem Felde zu, wo der Geist sich hatte sehn lassen; kaum waren sie vor das Dorf gekommen, als Joseph sagte: \u00bbEi seht doch Mutter, da ist der Herr schon.\u00ab \u2013 \u00bbWo?\u00ab rief die Mutter erblassend und schlug ein Kreuz \u00fcber ihren ganzen Leib. \u00bbHier dicht vor uns,\u00ab antwortete Joseph, \u00bber hat mir aber gesagt, er komme, uns zu f\u00fchren.\u00ab Die Mutter sahe nichts; der Geist, nur dem auserw\u00e4hlten Joseph sichtbar, zog still vor ihnen her. Die Reise ging querfeldein, einer Heide zu, die an einem Feldwege hinlief; dort steht Joseph still und sagt zur Mutter: \u00bbHier Mutter, hier sollen wir graben, spricht der Herr.\u00ab Die Mutter, den Angstschwei\u00df auf der Stirn, setzt den Spaten an und gr\u00e4bt hastig darauf los. Sie mochte ungef\u00e4hr zwei Schuh tief gegraben haben, als sie auf Totengebeine st\u00f6\u00dft; der Herr sehe dem Dinge sehr freundlich zu, versichert Joseph der Mutter, die f\u00fcr die Freundlichkeit des f\u00fcnfhundertj\u00e4hrigen Herrn wenig Sinn hat, und geistliche Lieder und Ave&#8217;s und Beschw\u00f6rungsformeln bunt durcheinander sich immer lauter in Gedanken zuschreit. Der Gebeine wurden immer mehrere, sie waren mit einem gew\u00f6hnlichen Schimmel \u00fcberzogen und zerfielen an der Luft in Asche, um beiden Arm- und Beinr\u00f6hren, dicht \u00fcber den Hand- und Fu\u00dfgelenken, lagen starke eiserne B\u00e4nder. Auf einmal ruft Joseph in die Grube hinein: \u00bbMutter, der Herr will, da\u00df ihr dort mehr rechts grabet; dort, wo er mit dem Degen hinzeigt, da liege sein Kopf, spricht er.\u00ab Die Mutter gehorcht und nach einigen Spatenstichen hebt sie einen Totenkopf heraus, dessen Stirn ein gro\u00dfer eiserner Ring umgibt. Nun war&#8217;s mit der Mutter am Ende; mit jedem Knochen, den sie herausgegraben, hatte die Angst und das innere L\u00e4rmen sich gemehrt; halb in Verzweiflung hatte sie nach dem Sch\u00e4del gesucht, sein Anblick gab ihr den Rest, sie warf den Spaten hin, und floh laut schreiend dem Dorfe zu. Joseph begriff die Mutter nicht, ihm war nie so wohl in seiner Haut gewesen. Als er den fremden Herrn fragen wollte, was denn das bedeute, war dieser verschwunden; kopfsch\u00fcttelnd nahm Joseph seine f\u00fcnf Ringe um den Spaten, spielte noch ein wenig mit der Knochenasche, und ging dann jubelnd dem Dorfe zu. Die f\u00fcnf Ringe wurden sp\u00e4ter bei den Gerichten deponiert, wo sie noch jetzt zu sehen sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als die Kommission die Untersuchung dieser Geschichte geendigt hatte, ohne die Sache selbst ins reine gebracht zu haben, entschlo\u00df sich eine hohe Amtsobrigkeit, durch die f\u00fcnf Ringe aufgemuntert, den verhei\u00dfenen f\u00fcnf Truhen nachzusp\u00fcren: es ward von Amts wegen weiter nachgegraben. Im November\u00a01809, wo Erz\u00e4hler die Grube selbst gesehn, war man schon zu einer betr\u00e4chtlichen Tiefe gelangt. Da die weitere Fortsetzung der Arbeit die Kr\u00e4fte gew\u00f6hnlicher Tagel\u00f6hner \u00fcberstieg, so lie\u00df man, um nicht den Vorwurf halber Ma\u00dfregeln auf sich zu laden, endlich gar Bergleute kommen. Diese erweiterten den Bau und trieben G\u00e4nge rechts und links; nicht lange, so wollte man es haben hohl klingen h\u00f6ren, man grub und grub; umsonst, die Truhen zeigten sich nicht; man kam auf Schutt, die Hoffnung wuchs; der Schutt wurde durchw\u00fchlt, er verlor sich, die Hoffnung sank. In der Verlegenheit, worin man sich befand, fiel es einem gescheiten Kopfe ein, da\u00df Sch\u00e4tze ihre Kaprizen haben, die respektiert sein wollen, da\u00df sie nicht jeder rohen Faust in die H\u00e4nde laufen, sondern sich nur von sympathetischen Fingern ber\u00fchren lassen, und tat daher den Vorschlag, den Joseph kommen zu lassen, um k\u00fcnftig bei der Arbeit gegenw\u00e4rtig zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da man schon im Dezember ziemlich weit vorger\u00fcckt war, so packte man den armen Jungen warm ein, gab ihm einen kleinen Spaten in die Hand, und hie\u00df ihm hin und her ein Schaufelchen Erde herausheben. Man versprach sich sehr viel von dieser List, doch es schien, als w\u00e4re es dem Geiste mehr um seine Knochen als um die Truhen zu tun gewesen, denn auch die Gegenwart unsers Josephs verfing nichts. Der zunehmende Frost machte endlich dem Suchen ein Ende; im Fr\u00fchjahr, beschlo\u00df man, sollte die Arbeit fortgesetzt werden, hat es jedoch unterlassen. \u00dcbrigens hat der Geist gegen Joseph nicht ganz undankbar gehandelt, als es auf den ersten Anblick scheinen m\u00f6chte; denn wenn er ihm auch den gehofften Schatz, den er ihm \u00fcbrigens nie versprach, entr\u00fcckte, so hatte er doch wahrscheinlich veranstaltet, da\u00df die Leute von nah und von fern herbeistr\u00f6mten, um den kleinen Geisterseher zu sehn und reichlich zu beschenken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_20667\" style=\"width: 230px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/220px-Heinrich_von_Kleist22.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-20667\" class=\"size-full wp-image-20667\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/220px-Heinrich_von_Kleist22.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"280\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-20667\" class=\"wp-caption-text\">Heinrich von Kleist, Reproduktion einer Illustration von Peter Friedel, die der Dichter 1801 f\u00fcr seine Verlobte Wilhelmine von Zenge anfertigen lie\u00df<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Wir begreifen die Gattung des Essays auf KUNO als eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Versuchsanordnung<\/a>, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192 <\/strong>Lesen Sie auch Heinrich von Kleist: \u00dcber die allm\u00e4hliche <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13085\">Verfertigung der Gedanken beim Reden<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Im Anfange des Herbstes 1809 verbreitete sich in der Gegend von Schlan (einem St\u00e4dtchen vier Meilen von Prag auf der Stra\u00dfe nach Sachsen) das Ger\u00fccht einer Geistererscheinung, die ein Bauernknabe aus Stredokluk (einem Dorfe auf dem halben Wege von&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/01\/25\/geistererscheinung\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":69,"featured_media":97919,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1084],"class_list":["post-103342","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-heinrich-von-kleist"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103342","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/69"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=103342"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103342\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":103343,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103342\/revisions\/103343"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97919"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=103342"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=103342"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=103342"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}