{"id":103340,"date":"2003-09-16T13:38:43","date_gmt":"2003-09-16T11:38:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103340"},"modified":"2022-05-30T13:41:48","modified_gmt":"2022-05-30T11:41:48","slug":"ueber-die-aufklaerung-des-weibes","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/09\/16\/ueber-die-aufklaerung-des-weibes\/","title":{"rendered":"\u00dcber die Aufkl\u00e4rung des Weibes"},"content":{"rendered":"<p class=\"centersml\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><i>F\u00fcr Wilhelmine von Zenge<\/i><\/span><\/p>\n<p class=\"date\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">den 16. September 1800 zu W\u00fcrzburg<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle echte Aufkl\u00e4rung des Weibes besteht am Ende wohl nur darin, meine liebe Freundin: <i>\u00fcber die Bestimmung seines<span class=\"spaced\"> irdischen <\/span>Lebens vern\u00fcnftig nachdenken zu k\u00f6nnen.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber die Bestimmung unseres <i>ewigen<\/i> Daseins nachzudenken, auszuforschen, ob der Genu\u00df der Gl\u00fcckseligkeit (wie <i>Epikur<\/i> meinte) oder die Erreichung der Vollkommenheit (wie <i>Leibniz<\/i> glaubte) oder die Erf\u00fcllung der trocknen Pflicht (wie <i>Kant<\/i> versichert) der letzte Zweck des Menschen sei, das, liebe Freundin, <a id=\"page160\" title=\"akling\/Personal\" name=\"page160\"><\/a> ist selbst f\u00fcr M\u00e4nner unfruchtbar und oft verderblich. Solche M\u00e4nner begehen die Unart, die ich beging, als ich mich im Geiste von Frankfurt nach Stralsund, und von Stralsund wieder im Geiste nach Frankfurt versetzte. Sie leben in der Zukunft, und vergessen dar\u00fcber, was die Gegenwart von ihnen fordert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Urteile selbst, wie k\u00f6nnen wir beschr\u00e4nkte Wesen, die wir von der Ewigkeit nur ein so unendlich kleines St\u00fcck, unser spannenlanges Erdenleben \u00fcbersehen, wie k\u00f6nnen wir uns getrauen, den Plan, den die Natur f\u00fcr die Ewigkeit entwarf, zu ergr\u00fcnden? Und wenn dies nicht m\u00f6glich ist, wie kann irgend eine gerechte Gottheit von uns verlangen, in diesen ihren ewigen Plan einzugreifen, von uns, die wir nicht einmal imstande sind, ihn zu denken?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber die Bestimmung unseres <i>irdischen<\/i> Daseins, die k\u00f6nnen wir allerdings unzweifelhaft herausfinden, und diese zu erf\u00fcllen, das kann daher die Gottheit auch wohl mit Recht von uns fordern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist m\u00f6glich, liebe Freundin, da\u00df mir Deine Religion hierin widerspricht und da\u00df sie Dir gebietet, auch etwas f\u00fcr Dein k\u00fcnftiges Leben zu tun. Du wirst gewi\u00df Gr\u00fcnde f\u00fcr Deinen Glauben haben, so wie ich Gr\u00fcnde f\u00fcr den meinigen; und so f\u00fcrchte ich nicht, da\u00df diese kleine Religionszwistigkeit unsrer Liebe eben gro\u00dfen Abbruch tun wird. Wo nur die Vernunft herrschend ist, da vertragen sich auch die Meinungen leicht; und da die Religionstoleranz schon eine Tugend ganzer V\u00f6lker geworden ist, so wird es, denke ich, der Duldung nicht sehr schwer werden, in zwei liebenden Herzen zu herrschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn Du Dich also durch die Einfl\u00fcsse Deiner fr\u00fcheren Erziehung gedrungen f\u00fchltest, durch die Beobachtung religi\u00f6ser Zeremonieen auch etwas f\u00fcr Dein ewiges Leben zu tun, so w\u00fcrde ich weiter nichts als Dich warnen, ja nicht dar\u00fcber Dein irdisches Leben zu vernachl\u00e4ssigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn nur gar zu leicht glaubt man, man habe <i>alles<\/i> getan, wenn man die ernsten Gebr\u00e4uche der Religion beobachtet, wenn man flei\u00dfig in die Kirche geht, t\u00e4glich betet, und j\u00e4hrlich zweimal das Abendmahl nimmt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und doch sind dies alles nur <i>Zeichen<\/i> eines Gef\u00fchls, das auch ganz anders sich ausdr\u00fccken kann. Denn mit demselben Gef\u00fchle, <a id=\"page161\" title=\"akling\/Personal\" name=\"page161\"><\/a> mit welchem Du bei dem Abendmahle das Brot nimmst aus der Hand des Priesters, mit demselben Gef\u00fchle, sage ich, erw\u00fcrgt der Mexikaner seinen Bruder vor dem Altare seines G\u00f6tzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich will Dich dadurch nur aufmerksam machen, da\u00df alle diese religi\u00f6sen Gebr\u00e4uche nichts sind, als <i>menschliche<\/i> Vorschriften, die zu allen Zeiten verschieden waren und noch in diesem Augenblicke an allen Orten der Erde verschieden sind. <i>Darin<\/i> kann also das Wesen der Religion nicht liegen, weil es ja sonst h\u00f6chst schwankend und ungewi\u00df w\u00e4re. Wer steht uns daf\u00fcr, da\u00df nicht in kurzem ein zweiter <i>Luther<\/i> unter uns aufsteht, und umwirft, was jener baute. Aber in uns flammt eine Vorschrift \u2013 und die mu\u00df g\u00f6ttlich sein, weil sie ewig und allgemein ist; sie hei\u00dft: <i>erf\u00fclle Deine Pflicht;<\/i> und dieser Satz enth\u00e4lt die Lehren aller Religionen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle anderen S\u00e4tze folgen aus diesem und sind in ihm gegr\u00fcndet, oder sie sind nicht darin begriffen, und dann sind sie unfruchtbar und unn\u00fctz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da\u00df ein Gott sei, da\u00df es ein ewiges Leben, einen Lohn f\u00fcr die Tugend, eine Strafe f\u00fcr das Laster gebe, das alles sind S\u00e4tze, die in jenem nicht gegr\u00fcndet sind, und die wir also entbehren k\u00f6nnen. Denn gewi\u00df sollen wir sie nach dem Willen der Gottheit selbst entbehren k\u00f6nnen, weil sie es uns selbst unm\u00f6glich gemacht hat, es einzusehen und zu begreifen. W\u00fcrdest Du nicht mehr tun, was recht ist, wenn der Gedanke an Gott und Unsterblichkeit nur ein Traum w\u00e4re? Ich nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Daher <i>bedarf<\/i> ich zwar zu meiner Rechtschaffenheit dieser S\u00e4tze nicht; aber zuweilen, <i>wenn ich meine Pflicht erf\u00fcllt habe<\/i>, erlaube ich mir, mit stiller Hoffnung an einen Gott zu denken, der mich sieht, und an eine frohe Ewigkeit, die meiner wartet; denn zu beiden f\u00fchle ich mich doch mit meinem Glauben hingezogen, den mein Herz mir ganz zusichert und mein Verstand mehr best\u00e4tigt, als widerspricht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber dieser Glaube sei irrig, oder nicht, \u2013 gleichviel! Es warte auf mich eine Zukunft, oder nicht \u2013 gleichviel! Ich erf\u00fclle f\u00fcr dieses Leben meine Pflicht, und wenn Du mich fragst: <i>warum?<\/i> so ist die Antwort leicht: eben <i>weil<\/i> es meine Pflicht ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich schr\u00e4nke mich daher mit meiner T\u00e4tigkeit ganz f\u00fcr dieses Erdenleben ein. Ich will mich nicht um meine Bestimmung nach <a id=\"page162\" title=\"akling\/Personal\" name=\"page162\"><\/a> dem Tode k\u00fcmmern, aus Furcht dar\u00fcber meine Bestimmung f\u00fcr dieses Leben zu vernachl\u00e4ssigen. Ich f\u00fcrchte nicht die H\u00f6llenstrafe der Zukunft, weil ich mein eignes Gewissen f\u00fcrchte, und rechne nicht auf einen Lohn jenseits des Grabes, weil ich ihn mir diesseits desselben schon erwerben kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dabei bin ich \u00fcberzeugt, gewi\u00df in den gro\u00dfen ewigen Plan der Natur einzugreifen, wenn ich nur den Platz ganz erf\u00fclle, auf den sie mich in dieser Erde setzte. Nicht umsonst hat sie mir diesen gegenw\u00e4rtigen Wirkungskreis angewiesen, und gesetzt ich vertr\u00e4umte diesen und forschte dem <i>zuk\u00fcnftigen<\/i> nach \u2013 ist denn nicht die <i>Zukunft<\/i> eine <i>kommende Gegenwart<\/i>, und soll ich denn auch diese Gegenwart wieder vertr\u00e4umen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch ich kehre zu meinem Gegenstande zur\u00fcck. Ich habe Dir diese Gedanken blo\u00df zur Pr\u00fcfung vorgelegt. Ich f\u00fchle mich ruhiger und sicherer, wenn ich den Gedanken an die dunkle Bestimmung der Zukunft ganz von mir entferne, und mich allein an die gewisse und deutliche Bestimmung f\u00fcr dieses Erdenleben halte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich will Dir nun meinen ersten Hauptgedanken erkl\u00e4ren. <i>Bestimmung unseres irdischen Lebens<\/i> hei\u00dft Zweck desselben, oder die Absicht, zu welcher uns Gott auf diese Erde gesetzt hat. <i>Vern\u00fcnftig dar\u00fcber nachdenken<\/i> hei\u00dft nicht nur diesen Zweck selbst deutlich kennen, sondern auch in allen Verh\u00e4ltnissen unseres Lebens immer die zweckm\u00e4\u00dfigsten Mittel zu seiner Erreichung herausfinden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das, sagte ich, w\u00e4re die ganze wahre Aufkl\u00e4rung des Weibes und die einzige Philosophie, die ihr ansteht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Deine Bestimmung, liebe Freundin, oder \u00fcberhaupt die Bestimmung des Weibes ist wohl unzweifelhaft und unverkennbar; denn welche andere kann es sein, als diese, <i>Mutter zu werden, und der Erde tugendhafte Menschen zu erziehen?<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und wohl euch, da\u00df eure Bestimmung so einfach und beschr\u00e4nkt ist! Durch euch will die Natur nur ihre Zwecke erreichen, durch uns M\u00e4nner auch der Staat noch die seinigen, und daraus entwickeln sich oft die unseligsten Widerspr\u00fcche.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_20667\" style=\"width: 230px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/220px-Heinrich_von_Kleist22.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-20667\" class=\"size-full wp-image-20667\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/220px-Heinrich_von_Kleist22.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"280\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-20667\" class=\"wp-caption-text\">Heinrich von Kleist, Reproduktion einer Illustration von Peter Friedel, die der Dichter 1801 f\u00fcr seine Verlobte Wilhelmine von Zenge anfertigen lie\u00df<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Wir begreifen die Gattung des Essays auf KUNO als eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Versuchsanordnung<\/a>, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192 <\/strong>Lesen Sie auch Heinrich von Kleist: \u00dcber die allm\u00e4hliche <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13085\">Verfertigung der Gedanken beim Reden<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr Wilhelmine von Zenge den 16. September 1800 zu W\u00fcrzburg Alle echte Aufkl\u00e4rung des Weibes besteht am Ende wohl nur darin, meine liebe Freundin: \u00fcber die Bestimmung seines irdischen Lebens vern\u00fcnftig nachdenken zu k\u00f6nnen. \u00dcber die Bestimmung unseres ewigen Daseins&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/09\/16\/ueber-die-aufklaerung-des-weibes\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":69,"featured_media":97919,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1084],"class_list":["post-103340","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-heinrich-von-kleist"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103340","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/69"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=103340"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103340\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":103341,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103340\/revisions\/103341"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97919"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=103340"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=103340"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=103340"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}