{"id":103335,"date":"2003-10-10T13:24:44","date_gmt":"2003-10-10T11:24:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103335"},"modified":"2022-05-30T13:37:30","modified_gmt":"2022-05-30T11:37:30","slug":"aufsatz-den-sichern-weg-des-gluecks-zu-finden","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/10\/10\/aufsatz-den-sichern-weg-des-gluecks-zu-finden\/","title":{"rendered":"Aufsatz, \u00a0den sichern Weg des Gl\u00fccks zu finden"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">An R\u00fchle<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir sehen die Gro\u00dfen dieser Erde im Besitze der G\u00fcter dieser Welt. Sie leben in Herrlichkeit und \u00dcberflu\u00df, die Sch\u00e4tze der Kunst und der Natur scheinen sich um sie und f\u00fcr sie zu versammeln, und darum nennt man sie G\u00fcnstlinge des Gl\u00fccks. Aber der Unmut tr\u00fcbt ihre Blicke, der Schmerz bleicht ihre Wangen, der Kummer spricht aus allen ihren Z\u00fcgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dagegen sehen wir einen armen Tagel\u00f6hner, der im Schwei\u00dfe seines Angesichts sein Brot erwirbt; Mangel und Armut umgeben ihn, sein ganzes Leben scheint ein ewiges Sorgen und Schaffen und Darben. Aber die Zufriedenheit blickt aus seinen Augen, die Freude l\u00e4chelt auf seinem Antlitz, Frohsinn und Vergessenheit umschweben die ganze Gestalt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was die Menschen also Gl\u00fcck und Ungl\u00fcck nennen, das sehn Sie wohl, mein Freund, ist es nicht immer; denn bei allen Beg\u00fcnstigungen des \u00e4u\u00dfern Gl\u00fcckes haben wir Tr\u00e4nen in den Augen des erstern, und bei allen Vernachl\u00e4ssigungen desselben, ein L\u00e4cheln auf dem Antlitz des andern gesehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn also die Regel des Gl\u00fcckes sich nur so unsicher auf \u00e4u\u00dfere Dinge gr\u00fcndet, wo wird es sich denn sicher und unwandelbar gr\u00fcnden? Ich glaube da, mein Freund, wo es auch nur einzig genossen und entbehrt wird, im Innern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Irgendwo in der Sch\u00f6pfung mu\u00df es sich gr\u00fcnden, der Inbegriff aller Dinge mu\u00df die Ursachen und die Bestandteile des Gl\u00fcckes enthalten, mein Freund, denn die Gottheit wird die Sehnsucht nach Gl\u00fcck nicht t\u00e4uschen, die sie selbst unausl\u00f6schlich in unsrer Seele erweckt hat, wird die Hoffnung nicht betr\u00fcgen, durch welche sie unverkennbar auf ein f\u00fcr uns m\u00f6gliches Gl\u00fcck hindeutet. Denn gl\u00fccklich zu sein, das ist ja der erste aller unsrer W\u00fcnsche, der laut und lebendig aus jeder Ader und jeder Nerve unsers Wesens spricht, der uns durch den ganzen Lauf unsers Lebens begleitet, der schon dunkel in dem ersten kindischen Gedanken unsrer Seele lag und den wir endlich als Greise mit in die Gruft nehmen werden. Und wo, mein Freund, kann dieser Wunsch erf\u00fcllt werden, wo kann das Gl\u00fcck besser sich gr\u00fcnden, als da, wo auch die Werkzeuge seines Genusses, unsre Sinne liegen, wohin die ganze Sch\u00f6pfung sich bezieht, wo die Welt mit ihren unerme\u00dflichen Reizungen im kleinen sich wiederholt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da ist es ja auch allein nur unser Eigentum, es hangt von keinen \u00e4u\u00dferen Verh\u00e4ltnissen ab, kein Tyrann kann es uns rauben, kein B\u00f6sewicht kann es st\u00f6ren, wir tragen es mit in alle Weltteile umher.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn das Gl\u00fcck nur allein von \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nden, wenn es also vom Zufall abhinge, mein Freund, und wenn Sie mir auch davon tausend Beispiele auff\u00fchrten; was mit der G\u00fcte und Weisheit Gottes streitet, kann nicht wahr sein. Der Gottheit liegen die Menschen alle gleich nahe am Herzen, nur der bei weiten kleinste Teil ist indes der vom Schicksal beg\u00fcnstigte, f\u00fcr den gr\u00f6\u00dften w\u00e4ren also die Gen\u00fcsse des Gl\u00fccks auf immer verloren. Nein, mein Freund, so ungerecht kann Gott nicht sein, es mu\u00df ein Gl\u00fcck geben, das sich von den \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nden trennen l\u00e4\u00dft, alle Menschen haben ja gleiche Anspr\u00fcche darauf, f\u00fcr alle mu\u00df es also in gleichem Grade m\u00f6glich sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lassen Sie uns also das Gl\u00fcck nicht an \u00e4u\u00dfere Umst\u00e4nde kn\u00fcpfen, wo es immer nur wandelbar sein w\u00fcrde, wie die St\u00fctze, auf welcher es ruht; lassen Sie es uns lieber als Belohnung und Ermunterung an die Tugend kn\u00fcpfen, dann erscheint es in sch\u00f6nerer Gestalt und auf sicherem Boden. Diese Vorstellung scheint Ihnen in einzelnen F\u00e4llen und unter gewissen Umst\u00e4nden wahr, mein Freund, sie ist es in allen, und es freut mich in voraus, da\u00df ich Sie davon \u00fcberzeugen werde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn ich Ihnen so das Gl\u00fcck als Belohnung der Tugend aufstelle, so erscheint zun\u00e4chst freilich das erste als Zweck und das andere nur als Mittel. Dabei f\u00fchle ich, da\u00df in diesem Sinne die Tugend auch nicht in ihrem h\u00f6chsten und erhabensten Beruf erscheint, ohne darum angeben zu k\u00f6nnen, wie dieses Verh\u00e4ltnis zu \u00e4ndern sei. Es ist m\u00f6glich da\u00df es das Eigentum einiger wenigen sch\u00f6nern Seelen ist, die Tugend allein um der Tugend selbst willen zu lieben, und zu \u00fcben. Aber mein Herz sagt mir, da\u00df die Erwartung und Hoffnung auf ein menschliches Gl\u00fcck, und die Aussicht auf tugendhafte, wenn freilich nicht mehr ganz so reine Freuden, dennoch nicht strafbar und verbrecherisch sei. Wenn ein Eigennutz dabei zum Grunde liegt, so ist es der edelste der sich denken l\u00e4\u00dft, denn es ist der Eigennutz der Tugend selbst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und dann, mein Freund, dienen und unterst\u00fctzen sich doch diese beiden Gottheiten so wechselseitig, das Gl\u00fcck als Aufmunterung zur Tugend, die Tugend als Weg zum Gl\u00fcck, da\u00df es dem Menschen wohl erlaubt sein kann, sie nebeneinander und ineinander zu denken. Es ist kein be\u00dfrer Sporn zur Tugend m\u00f6glich, als die Aussicht auf ein nahes Gl\u00fcck, und kein sch\u00f6nerer und edlerer Weg zum Gl\u00fccke denkbar, als der Weg der Tugend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber, mein Freund, er ist nicht allein der sch\u00f6nste und edelste, \u2013 wir vergessen ja, was wir erweisen wollten, da\u00df er der einzige ist. Scheuen Sie sich also um so weniger die Tugend daf\u00fcr zu halten, was sie ist, f\u00fcr die F\u00fchrerin der Menschen auf dem Wege zum Gl\u00fcck. Ja mein Freund, die Tugend macht nur allein gl\u00fccklich. Das was die Toren Gl\u00fcck nennen, ist kein Gl\u00fcck, es bet\u00e4ubt ihnen nur die Sehnsucht nach wahrem Gl\u00fccke, es lehrt sie eigentlich nur ihres Ungl\u00fccks vergessen. Folgen Sie dem Reichen und Geehrten nur in sein K\u00e4mmerlein, wenn er Orden und Band an sein Bette h\u00e4ngt und sich einmal als Mensch erblickt. Folgen Sie ihm nur in die Einsamkeit; das ist der Pr\u00fcfstein des Gl\u00fcckes. Da werden Sie Tr\u00e4nen \u00fcber bleiche Wangen rollen sehen, da werden Sie Seufzer sich aus der bewegten Brust emporheben h\u00f6ren. Nein, nein, mein Freund, die Tugend, und einzig allein nur die<a href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Kleist-WuB+Bd.+3\">[435]<\/a> Tugend ist die Mutter des Gl\u00fccks, und <em>der Beste ist der Gl\u00fccklichste<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie h\u00f6ren mich so viel und so lebhaft von der Tugend sprechen, und doch wei\u00df ich, da\u00df Sie mit diesem Worte nur einen dunkeln Sinn verkn\u00fcpfen; Lieber, es geht mir wie Ihnen, wenn ich gleich so viel davon rede. Es erscheint mir nur wie ein Hohes, Erhabenes, Unnennbares, f\u00fcr das ich vergebens ein Wort suche, um es durch die Sprache, vergebens eine Gestalt, um es durch ein Bild auszudr\u00fccken. Und dennoch strebe ich ihm mit der innigsten Innigkeit entgegen, als st\u00fcnde es klar und deutlich vor meiner Seele. Alles was ich davon wei\u00df, ist, da\u00df es die unvollkommnen Vorstellungen, deren ich jetzt nur f\u00e4hig bin, gewi\u00df auch enthalten wird; aber ich ahnde noch mehr, noch etwas H\u00f6heres, noch etwas Erhabeneres, und das ist recht eigentlich, was ich nicht ausdr\u00fccken und formen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mich tr\u00f6stet indes die R\u00fcckerinnerung dessen, um wieviel noch dunkler, noch verworrener, als jetzt, in fr\u00fcheren Zeiten der Begriff der Tugend in meiner Seele lag, und wie nach und nach, seitdem ich denke, und an meiner Bildung arbeite, auch das Bild der Tugend f\u00fcr mich an Gestalt und Bildung gewonnen hat; daher hoffe und glaube ich, da\u00df so wie es sich in meiner Seele nach und nach mehr aufkl\u00e4rt, auch dieses Bild sich in immer deutlicheren Umrissen mir darstellen, und je mehr es an Wahrheit gewinnt, meine Kr\u00e4fte st\u00e4rken und meinen Willen begeistern wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn ich Ihnen mit einigen Z\u00fcgen die undeutliche Vorstellung bezeichnen soll, die mich als Ideal der Tugend im Bilde eines Weisen umschwebt, so w\u00fcrde ich nur die Eigenschaften, die ich hin und wieder bei einzelnen Menschen zerstreut finde und deren Anblick mich besonders r\u00fchrt, z.B. Edelmut, Menschenliebe, Standhaftigkeit, Bescheidenheit, Gen\u00fcgsamkeit etc. zusammentragen k\u00f6nnen; aber, Lieber, ein Gem\u00e4lde w\u00fcrde das immer nicht werden, ein R\u00e4tsel w\u00fcrde es Ihnen, wie mir, bleiben, dem immer das bedeutungsvolle Wort der Aufl\u00f6sung fehlt. Aber, es sei mit diesen wenigen Z\u00fcgen genug, ich getraue mich, schon jetzt zu behaupten, da\u00df wenn wir, bei der m\u00f6glichst vollkommnen Ausbildung aller unser geistigen Kr\u00e4fte, auch diese benannten Eigenschaften einst fest in unser Innerstes gr\u00fcnden, ich sage, wenn wir bei der Bildung unsers Urteils, bei der Erh\u00f6hung unseres Scharfsinns durch Erfahrungen und Studien aller Art, mit der Zeit die Grunds\u00e4tze des Edelmuts, der Gerechtigkeit, der Menschenliebe, der Standhaftigkeit, der Bescheidenheit, der Duldung, der M\u00e4\u00dfigkeit, der Gen\u00fcgsamkeit usw. unersch\u00fctterlich und unausl\u00f6schlich in unsern Herzen verflochten, unter diesen Umst\u00e4nden behaupte ich, da\u00df wir nie ungl\u00fccklich sein werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich nenne n\u00e4mlich Gl\u00fcck nur die vollen und \u00fcberschwenglichen Gen\u00fcsse, die \u2013 um es mit einem Zuge Ihnen darzustellen \u2013 in dem erfreulichen Anschaun der moralischen Sch\u00f6nheit unseres eigenen Wesens liegen. Diese Gen\u00fcsse, die Zufriedenheit unsrer selbst, das Bewu\u00dftsein guter Handlungen, das Gef\u00fchl unsrer durch alle Augenblicke unsers Lebens vielleicht gegen tausend Anfechtungen und Verf\u00fchrungen standhaft behaupteten W\u00fcrde, sind f\u00e4hig, unter allen \u00e4u\u00dfern Umst\u00e4nden des Lebens, selbst unter den scheinbar traurigsten, ein sicheres tiefgef\u00fchltes und unzerst\u00f6rbares Gl\u00fcck zu gr\u00fcnden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich wei\u00df es, Sie halten diese Art zu denken f\u00fcr ein k\u00fcnstliches aber wohl gl\u00fcckliches H\u00fclfsmittel, sich die tr\u00fcben Wolken des Schicksals hinweg zu philosophieren, und mitten unter Sturm und Donner sich Sonnenschein zu ertr\u00e4umen. Das ist nun freilich doppelt \u00fcbel, da\u00df Sie so schlecht von dieser himmlischen Kraft der Seele denken, einmal, weil Sie unendlich viel dadurch entbehren, und zweitens, weil es schwer, ja unm\u00f6glich ist, Sie besser davon denken zu machen. Aber ich w\u00fcnsche zu Ihrem Gl\u00fccke und hoffe, da\u00df die Zeit und Ihr Herz Ihnen die Empfindung dessen, ganz so wahr und innig schenken m\u00f6ge, wie sie mich in dem Augenblick jener \u00c4u\u00dferung belebte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die h\u00f6chste n\u00fctzlichste Wirkung, die Sie dieser Denkungsart, oder vielmehr (denn das ist sie eigentlich) Empfindungsweise, zuschreiben, ist, da\u00df sie vielleicht dazu diene, den Menschen unter der Last niederdr\u00fcckender Schicksale vor der Verzweiflung zu sichern; und Sie glauben, da\u00df wenn auch wirklich Vernunft und Herz einen Menschen dahin bringen k\u00f6nnte, da\u00df er selbst unter \u00e4u\u00dferlich unvorteilhaften Umst\u00e4nden sich gl\u00fccklich f\u00fchlte, er doch immer in \u00e4u\u00dferlich vorteilhaften Verh\u00e4ltnissen gl\u00fccklicher sein m\u00fc\u00dfte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dagegen, mein Freund, kann ich nichts anf\u00fchren, weil es ein vergeblicher mi\u00dfverstandner Streit sein w\u00fcrde. Das Gl\u00fcck, wovon ich sprach, hangt von keinen \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nden ab, es begleitet den, der es besitzt, mit gleicher St\u00e4rke in alle Verh\u00e4ltnisse seines Lebens, und die Gelegenheit, es in Gen\u00fcssen zu entwickeln, findet sich in Kerkern so gut, wie auf Thronen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, mein Freund, selbst in Ketten und Banden, in die Nacht des finstersten Kerkers gewiesen, \u2013 glauben und f\u00fchlen Sie nicht, da\u00df es auch da \u00fcberschwenglich entz\u00fcckende Gef\u00fchle f\u00fcr den tugendhaften Weisen gibt? Ach es liegt in der Tugend eine geheime g\u00f6ttliche Kraft, die den Menschen \u00fcber sein Schicksal erhebt, in ihren Tr\u00e4nen reifen h\u00f6here Freuden, in ihrem Kummer selbst liegt ein neues Gl\u00fcck. Sie ist der Sonne gleich, die nie so g\u00f6ttlich sch\u00f6n den Horizont mit Flammenr\u00f6te malt, als wenn die N\u00e4chte des Ungewitters sie umlagern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ach, mein Freund, ich suche und sp\u00e4he umher nach Worten und Bildern, um Sie von dieser herrlichen begl\u00fcckenden Wahrheit zu \u00fcberzeugen. Lassen Sie uns bei dem Bilde des unschuldig Gefesselten verweilen, \u2013 oder besser noch, blicken Sie einmal zweitausend Jahre in die Vergangenheit zur\u00fcck, auf jenen besten und edelsten der Menschen, der den Tod am Kreuze f\u00fcr die Menschheit starb, auf Christus. Er schlummerte unter seinen M\u00f6rdern, er reichte seine H\u00e4nde freiwillig zum Binden dar, die teuern H\u00e4nde, deren Gesch\u00e4ft nur Wohl tun war, er f\u00fchlte sich ja doch frei, mehr als die Unmenschen, die ihn fesselten, seine Seele war so voll des Trostes, da\u00df er dessen noch seinen Freunden mitteilen konnte, er vergab<a href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Kleist-WuB+Bd.+3\">[438]<\/a> sterbend seinen Feinden, er l\u00e4chelte liebreich seine Henker an, er sah dem furchtbar schrecklichen Tode ruhig und freudig entgegen, \u2013 ach die Unschuld wandelt ja heiter \u00fcber sinkende Welten. In seiner Brust mu\u00df ein ganzer Himmel von Empfindungen gewohnet haben, denn \u00bbUnrecht leiden schmeichelt gro\u00dfe Seelen\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin nun ersch\u00f6pft, mein Freund, und was ich auch sagen k\u00f6nnte, w\u00fcrde matt und kraftlos neben diesem Bilde stehen. Daher will ich nun, mein lieber Freund, glauben Sie \u00fcberzeugt zu haben, da\u00df die Tugend den Tugendhaften selbst im Ungl\u00fcck gl\u00fccklich macht; und wenn ich \u00fcber diesen Gegenstand noch etwas sagen soll, so wollen wir einmal jenes \u00e4u\u00dfere Gl\u00fcck mit der Fackel der Wahrheit beleuchten, f\u00fcr dessen Reibungen Sie einen so lebhaften Sinn zu haben scheinen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach dem Bilde des wahren innern Gl\u00fcckes zu urteilen, dessen Anblick uns soeben so lebhaft entz\u00fcckt hat: verdient nun wohl Reichtum, G\u00fcter, W\u00fcrden, und alle die zerbrechlichen Geschenke des Zufalls, den Namen Gl\u00fcck? So arm an N\u00fcancen ist doch unsre deutsche Sprache nicht, vielmehr finde ich leicht ein paar W\u00f6rter, die das, was diese G\u00fcter bewirken, sehr passend und richtig ausdr\u00fccken, Vergn\u00fcgen und Wohlbehagen. Um diese sehr angenehmen Gen\u00fcsse sind Fortunens G\u00fcnstlinge freilich reicher als ihre Stiefkinder, obgleich ihre vorz\u00fcglichsten Bestandteile in der Neuheit und Abwechselung liegen, und daher der Arme und Verla\u00dfne auch nicht ganz davon ausgeschlossen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja ich bin sogar geneigt zu glauben, da\u00df in dieser R\u00fccksicht f\u00fcr ihn ein Vorteil \u00fcber den Reichen und Geehrten m\u00f6glich ist, indem dieser bei der zu h\u00e4ufigen Abwechselung leicht den Sinn zu genie\u00dfen abstumpft oder wohl gar mit der Abwechselung endlich ans Ende kommt und dann auf Leeren und L\u00fccken st\u00f6\u00dft, indes der andere mit m\u00e4\u00dfigen Gen\u00fcssen haush\u00e4lt, selten, aber desto inniger den Reiz der Neuheit schmeckt, und mit seinen Abwechselungen nie ans Ende kommt, weil selbst in ihnen eine gewisse Einf\u00f6rmigkeit liegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber es sei, die Gro\u00dfen dieser Erde m\u00f6gen den Vorzug vor die Geringen haben, zu schwelgen und zu prassen, alle G\u00fcter der Welt m\u00f6gen sich ihren nach Vergn\u00fcgen lechzenden Sinnen darbieten, und sie m\u00f6gen ihrer vorzugsweise genie\u00dfen; nur, mein Freund, das Vorrecht gl\u00fccklich zu sein, wollen wir ihnen nicht einr\u00e4umen, mit Gold sollen sie den Kummer, wenn sie ihn verdienen, nicht aufwiegen k\u00f6nnen. Da waltet ein gro\u00dfes unerbittliches Gesetz \u00fcber die ganze Menschheit, dem der F\u00fcrst wie der Bettler unterworfen ist. Der Tugend folgt die Belohnung, dem Laster die Strafe. Kein Gold besticht ein emp\u00f6rtes Gewissen, und wenn der lasterhafte F\u00fcrst auch alle Blicke und Mienen und Reden besticht, wenn er auch alle K\u00fcnste des Leichtsinns herbeiruft, wie Medea alle Wohlger\u00fcche Arabiens, um den h\u00e4\u00dflichen Mordgeruch von ihren H\u00e4nden zu vertreiben \u2013 und wenn er auch Mahoms Paradies um sich versammelte, um sich zu zerstreun oder zu bet\u00e4uben \u2013 umsonst! Ihn qu\u00e4lt und \u00e4ngstigt sein Gewissen, wie den Geringsten seiner Untertanen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gegen dieses gr\u00f6\u00dfte der \u00dcbel wollen wir uns sch\u00fctzen, mein Freund, dadurch sch\u00fctzen wir uns zugleich vor allen \u00fcbrigen, und wenn wir bei der Sinnlichkeit unsrer Jugend uns nicht entbrechen k\u00f6nnen, neben den Gen\u00fcssen des ersten und h\u00f6chsten innern Gl\u00fccks, uns auch die Gen\u00fcsse des \u00e4u\u00dfern zu w\u00fcnschen, so lassen Sie uns wenigstens so bescheiden und begn\u00fcgsam in diesen W\u00fcnschen sein, wie es Sch\u00fclern f\u00fcr die Weisheit ansteht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und nun, mein Freund, will ich Ihnen eine Lehre geben, von deren Wahrheit mein Geist zwar \u00fcberzeugt ist, obgleich mein Herz ihr unaufh\u00f6rlich widerspricht. Diese Lehre ist, von den Wegen die zwischen dem h\u00f6chsten \u00e4u\u00dfern Gl\u00fcck und Ungl\u00fcck liegen, grade nur auf der Mittelstra\u00dfe zu wandern, und unsre W\u00fcnsche nie auf die schwindlichen H\u00f6hen zu richten. Sosehr ich jetzt noch die Mittelstra\u00dfen aller Art hasse, weil ein nat\u00fcrlich heftiger Trieb im Innern mich verf\u00fchrt, so ahnde ich dennoch, da\u00df Zeit und Erfahrung mich einst davon \u00fcberzeugen werden, da\u00df sie dennoch die besten seien. Eine besonders wichtige Ursache uns nur ein m\u00e4\u00dfiges \u00e4u\u00dferes Gl\u00fcck zu w\u00fcnschen, ist, da\u00df dieses sich wirklich am h\u00e4ufigsten in der Welt findet, und wir daher am wenigsten f\u00fcrchten d\u00fcrfen get\u00e4uscht zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie wenig begl\u00fcckend der Standpunkt auf gro\u00dfen au\u00dferordentlichen H\u00f6hen ist, habe ich recht innig auf dem Brocken empfunden. L\u00e4cheln Sie nicht, mein Freund, es waltet ein gleiches Gesetz \u00fcber die moralische wie \u00fcber die physische Welt. Die Temperatur auf der H\u00f6he des Thrones ist so rauh, so empfindlich und der Natur des Menschen so wenig angemessen, wie der Gipfel des Blocksbergs, und die Aussicht von dem einen so wenig begl\u00fcckend wie von dem andern, weil der Standpunkt auf beidem zu hoch, und das Sch\u00f6ne und Reizende um beides zu tief liegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit weit mehrerem Vergn\u00fcgen gedenke ich dagegen der Aussicht auf der mittleren und m\u00e4\u00dfigen H\u00f6he des Regensteins, wo kein tr\u00fcber Schleier die Landschaft verdeckte, und der sch\u00f6ne Teppich im ganzen, wie das unendlich Mannigfaltige desselben im einzelnen klar vor meinen Augen lag. Die Luft war m\u00e4\u00dfig, nicht warm und nicht kalt, grade so wie sie n\u00f6tig ist, um frei und leicht zu atmen. Ich werde Ihnen doch die bildliche Vorstellung Homers aufschreiben, die er sich von Gl\u00fcck und Ungl\u00fcck machte, ob ich Ihnen gleich schon einmal davon erz\u00e4hlt habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Vorhofe des Olymp, erz\u00e4hlt er, st\u00fcnden zwei gro\u00dfe Beh\u00e4ltnisse, das eine mit Genu\u00df, das andere mit Entbehrung gef\u00fcllt. Wem die G\u00f6tter, so spricht Homer, aus beiden F\u00e4ssern mit gleichem Ma\u00dfe messen, der ist der Gl\u00fccklichste; wem sie ungleich messen, der ist ungl\u00fccklich, doch am ungl\u00fccklichsten der, dem sie nur allein aus einem Fasse zumessen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also entbehren und genie\u00dfen, das w\u00e4re die Regel des \u00e4u\u00dferen Gl\u00fccks, und der Weg, gleich weit entfernt von Reichtum und Armut, von \u00dcberflu\u00df und Mangel, von Schimmer und Dunkelheit, die begl\u00fcckende Mittelstra\u00dfe, die wir wandern wollen.<a href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Kleist-WuB+Bd.+3\">[441]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt freilich wanken wir noch auf regellosen Bahnen umher, aber, mein Freund, das ist uns als J\u00fcnglinge zu verzeihen. Die innere G\u00e4rung ineinander wirkender Kr\u00e4fte, die uns in diesem Alter erf\u00fcllt, l\u00e4\u00dft keine Ruhe im Denken und Handeln zu. Wir kennen die Beschw\u00f6rungsformel noch nicht, die Zeit allein f\u00fchrt sie mit sich, um die wunderbar ungleichartigen Gestalten, die in unserm Innern w\u00fchlen und durcheinandertreiben, zu bes\u00e4nftigen und zu beruhigen. Und alle J\u00fcnglinge, die wir um und neben uns sehen, teilen ja mit uns dieses Schicksal. Alle ihre Schritte und Bewegungen scheinen nur die Wirkung eines unf\u00fchlbaren aber gewaltigen Sto\u00dfes zu sein, der sie unwiderstehlich mit sich fortrei\u00dft. Sie erscheinen mir wie Kometen, die in regellosen Kreisen das Weltall durchschweifen, bis sie endlich eine Bahn und ein Gesetz der Bewegung finden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bis dahin, mein Freund, wollen wir uns also aufs Warten und Hoffen legen, und nur wenigstens uns das zu erhalten streben, was schon jetzt in unsrer Seele Gutes und Sch\u00f6nes liegt. Besonders und aus mehr als dieser R\u00fccksicht wird es gut f\u00fcr uns, und besonders f\u00fcr Sie sein, wenn wir die Hoffnung zu unsrer G\u00f6ttin w\u00e4hlen, weil es scheint als ob uns der Genu\u00df flieht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn eine von beiden G\u00f6ttinnen, Lieber, l\u00e4chelt dem Menschen doch immer zu, dem Frohen der Genu\u00df, dem Traurigen die Hoffnung. Auch scheint es, als ob die Summe der gl\u00fccklichen und der ungl\u00fccklichen Zuf\u00e4lle im ganzen f\u00fcr jeden Menschen gleich bleibe; wer denkt bei dieser Betrachtung nicht an jenen Tyrann von Syrakus, <em>Polykrates<\/em>, den das Gl\u00fcck bei allen seinen Bewegungen begleitete, den nie ein Wunsch, nie eine Hoffnung betrog, dem der Zufall sogar den Ring wiedergab, den er, um dem Ungl\u00fcck ein freiwilliges Opfer zu bringen, ins Meer geworfen hatte. So hatte die Schale seines Gl\u00fccks sich tief gesenkt; aber das Schicksal setzte es daf\u00fcr auch mit einem Schlage wieder ins Gleichgewicht und lie\u00df ihn am Galgen sterben. \u2013 Oft verpra\u00dft indes ein J\u00fcngling in ein paar Jugendjahren den Gl\u00fccksvorrat seines ganzen Lebens, und darbt dann im Alter; und da Ihre Jugendjahre, mehr noch als die meinigen, so freudenleer verflossen sind, ob Sie gleich eine tiefgef\u00fchlte Sehnsucht nach Freude in sich tragen, so n\u00e4hren und st\u00e4rken Sie die Hoffnung auf sch\u00f6nere Zeiten, denn ich getraue mich, mit einiger, ja mit gro\u00dfer Gewi\u00dfheit Ihnen eine frohe und freudenreiche Zukunft vorher zu k\u00fcndigen. Denken Sie nur, mein Freund, an unsre sch\u00f6nen und herrlichen Pl\u00e4ne, an unsre Reisen. Wie vielen Genu\u00df bieten sie uns dar, selbst den reichsten in den scheinbar ung\u00fcnstigsten Zuf\u00e4llen, wenigstens doch nach ihnen, durch die Erinnerung. Oder blicken Sie \u00fcber die Vollendung unsrer Reisen hin, und sehen Sie sich an, den an Kenntnissen bereicherten, an Herz und Geist durch Erfahrung und T\u00e4tigkeit gebildeten Mann. Denn Bildung mu\u00df der Zweck unsrer Reise sein und wir m\u00fcssen ihn erreichen, oder der Entwurf ist so unsinnig wie die Ausf\u00fchrung ungeschickt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann, mein Freund, wird die Erde unser Vaterland, und alle Menschen unsre Landsleute sein. Wir werden uns stellen und wenden k\u00f6nnen wohin wir wollen, und immer gl\u00fccklich sein. Ja wir werden unser Gl\u00fcck zum Teil in der Gr\u00fcndung des Gl\u00fccks anderer finden, und andere bilden, wie wir bisher selbst gebildet worden sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie viele Freuden gew\u00e4hrt nicht schon allein die wahre und richtige Wertsch\u00e4tzung der Dinge. Wie oft gr\u00fcndet sich das Ungl\u00fcck eines Menschen blo\u00df darin, da\u00df er den Dingen unm\u00f6gliche Wirkungen zuschrieb, oder aus Verh\u00e4ltnissen falsche Resultate zog, und sich darinnen in seinen Erwartungen betrog. Wir werden uns seltner irren, mein Freund, wir durchschauen dann die Geheimnisse der physischen wie der moralischen Welt, bis dahin, versteht sich, wo der ewige Schleier \u00fcber sie waltet, und was wir bei dem Scharfblick unsres Geistes von der Natur erwarten, das leistet sie gewi\u00df. Ja es ist im richtigen Sinne sogar m\u00f6glich, das Schicksal selbst zu leiten, und wenn uns dann auch das gro\u00dfe allgewaltige Rad einmal mit sich fortrei\u00dft, so verlieren wir doch nie das Gef\u00fchl unsrer selbst, nie das Bewu\u00dftsein unseres Wertes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Selbst auf diesem Wege kann der Weise, wie jener Dichter sagt, <em>Honig aus jeder Blume saugen<\/em>. Er kennt den gro\u00dfen Kreislauf der Dinge, und freut sich daher der Vernichtung wie dem Segen, weil er wei\u00df, da\u00df in ihr wieder der Keim zu neuen und sch\u00f6neren Bildungen liegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Und nun, mein Freund, noch ein paar Worte \u00fcber ein \u00dcbel, welches ich mit Mi\u00dfvergn\u00fcgen als Keim in Ihrer Seele zu entdecken glaube. Ohne, wie es scheint, gegr\u00fcndete, vielleicht Ihnen selbst unerkl\u00e4rbare Ursachen, ohne besonders \u00fcble Erfahrungen, ja vielleicht selbst ohne die Bekanntschaft eines einzigen durchaus b\u00f6sen Menschen, scheint es, als ob Sie die Menschen hassen und scheuen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lieber, in Ihrem Alter ist das besonders \u00fcbel, weil es die Verkn\u00fcpfung mit Menschen und die Unterst\u00fctzung derselben noch so sehr n\u00f6tig macht. Ich glaube nicht, mein Freund, da\u00df diese Empfindung als Grundzug in Ihrer Seele liegt, weil sie die Hoffnung zu Ihrer vollkommnen Ausbildung, zu welcher Ihre \u00fcbrigen Anlagen doch berechtigen, zerst\u00f6ren und Ihren Charakter unfehlbar entstellen w\u00fcrde. Daher glaube ich eher und lieber, worauf auch besonders Ihre \u00c4u\u00dferungen hinzudeuten scheinen, da\u00df es eine von jenen fremdartigen Empfindungen ist, die eigentlich keiner menschlichen Seele und besonders der Ihrigen nicht, eigent\u00fcmlich sein sollte, und die Sie, von irgendeinem Geiste der Sonderbarkeit und des Widerspruchs getrieben, und von einem an Ihnen unverkennbaren Trieb der Auszeichnung verf\u00fchrt, nur durch Kunst und Bem\u00fchung in Ihrer Seele verpflanzt haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verpflanzungen, mein Freund, sind schon im allgemeinen Sinne nicht gut, weil sie immer die Sch\u00f6nheit des Einzelnen und die Ordnung des Ganzen st\u00f6ren. S\u00fcdfr\u00fcchte in Nordl\u00e4ndern zu verpflanzen, \u2013 das mag noch hingehen, der unfruchtbare Himmelsstrich mag die ungl\u00fccklichen Bewohner und ihren Eingriff in die Ordnung der Dinge rechtfertigen; aber die kraft- und saftlosen verkr\u00fcppelten Erzeugnisse des Nordens in den \u00fcppigsten s\u00fcdlichen Himmelstrich zu<a href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Kleist-WuB+Bd.+3\">[444]<\/a> verpflanzen, \u2013 Lieber, es dringt sich nur gleich die Frage auf, wozu? Also der m\u00f6gliche Nutzen kann es nur rechtfertigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was ich aber auch denke und sinne, mein Freund, nicht ein einziger Nutzen tritt vor meine Seele, wohl aber Heere von \u00dcbeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich wei\u00df es und Sie haben es mir ja oft mitgeteilt, Sie f\u00fchlen in sich einen lebhaften T\u00e4tigkeitstrieb, Sie w\u00fcnschen einst viel und im gro\u00dfen zu wirken. Das ist sch\u00f6n, mein Freund, und Ihres Geistes w\u00fcrdig, auch Ihr Wirkungskreis wird sich finden, und die relativen Begriffe von gro\u00df und klein wird die Zeit feststellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber ich sto\u00dfe hier gleich auf einen gewaltigen Widerspruch, den ich nicht anders zu Ihrer Ehre aufl\u00f6sen kann, als wenn ich die Empfindung des Menschenhasses geradezu aus Ihrer Seele wegstreiche. Denn wenn Sie wirken und schaffen wollen, wenn Sie Ihre Existenz f\u00fcr die Existenz andrer aufopfern und so Ihr Dasein gleichsam vertausendfachen wollen, Lieber, wenn Sie nur f\u00fcr andre sammeln, wenn Sie Kr\u00e4fte, Zeit und Leben, nur f\u00fcr andre aufopfern wollen, \u2013 wem k\u00f6nnen Sie wohl dieses kostbare Opfer bringen, als dem, was Ihrem Herzen am teuersten ist, und am n\u00e4chsten liegt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, mein Freund, T\u00e4tigkeit verlangt ein Opfer, ein Opfer verlangt Liebe, und so mu\u00df sich die T\u00e4tigkeit auf wahre innige Menschenliebe gr\u00fcnden, sie m\u00fc\u00dfte denn eigenn\u00fctzig sein, und nur f\u00fcr sich selbst schaffen wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich m\u00f6chte hier schlie\u00dfen, mein Freund, denn das, was ich Ihnen zur Bek\u00e4mpfung des Menschenhasses, wenn Sie wirklich so ungl\u00fccklich w\u00e4ren ihn in Ihrer Brust zu verschlie\u00dfen, sagen k\u00f6nnte, wird mir durch die Vorstellung dieser h\u00e4\u00dflichen abscheulichen Empfindung, so widrig, da\u00df es mein ganzes Wesen emp\u00f6rt. Menschenha\u00df! Ein Ha\u00df \u00fcber ein ganzes Menschengeschlecht! O Gott! Ist es m\u00f6glich, da\u00df ein Menschenherz weit genug f\u00fcr so viel Ha\u00df ist!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und gibt es denn nichts Liebensw\u00fcrdiges unter den Menschen mehr? Und gibt es keine Tugenden mehr unter ihnen, keine Gerechtigkeit, keine Wohlt\u00e4tigkeit, keine Bescheidenheit im Gl\u00fccke, keine Gr\u00f6\u00dfe und Standhaftigkeit im Ungl\u00fcck? Gibt es denn keine redlichen V\u00e4ter, keine z\u00e4rtlichen M\u00fctter, keine frommen T\u00f6chter mehr? R\u00fchrt Sie denn der Anblick eines frommen Dulders, eines geheimen Wohlt\u00e4ters nicht? Nicht der Anblick einer sch\u00f6nen leidenden Unschuld? Nicht der Anblick einer triumphierenden Unschuld? Ach und wenn sich auch im ganzen Umkreis der Erde nur ein einziger Tugendhafter f\u00e4nde, dieser einzige wiegt ja eine ganze H\u00f6lle von B\u00f6sewichtern auf, um dieses einzigen willen \u2013 kann man ja die ganze Menschheit nicht hassen. Nein, lieber Freund, es stellt sich in unsrer gemeinen Lebensweise nur die Au\u00dfenseite der Dinge dar, nur starke und heftige Wirkungen fesseln unsern Blick, die m\u00e4\u00dfigen entschl\u00fcpfen ihm in dem Tumult der Dinge. Wie mancher Vater darbt und sorgt f\u00fcr den Wohlstand seiner Kinder, wie manche Tochter betet und arbeitet f\u00fcr die armen und kranken Eltern, wie manches Opfer erzeugt und vollendet sich im Stillen, wie manche wohlt\u00e4tige Hand waltet im Dunkeln. Aber das Gute und Edle gibt nur sanfte Eindr\u00fccke, und doch liebt der Mensch die heftigen, er gef\u00e4llt sich in der Bewunderung und Entz\u00fcckung, und das Gro\u00dfe und Ungeheure ist es eben, worin die Menschen nicht stark sind. Und wenn es doch nur gerade das Gro\u00dfe und Ungeheure ist, nach dessen Eindr\u00fccken Sie sich am meisten sehnen, nun, mein Freund, auch f\u00fcr diese Gen\u00fcsse l\u00e4\u00dft sich sorgen, auch dazu findet sich Stoff in dem Umkreis der Dinge. Ich rate Ihnen daher nochmals die Geschichte an, nicht als Studium, sondern als Lekt\u00fcre. Vielleicht ist die gro\u00dfe \u00dcberschwemmung von Romanen, die, nach Ihrer eignen Mitteilung, auch Ihre Phantasie einst unter Wasser gesetzt hat (verzeihn Sie mir diesen unedlen Ausdruck), aber vielleicht ist diese zu h\u00e4ufige Lekt\u00fcre an der Empfindung des Menschenhasses schuld, die so ungleichartig und fremd neben Ihren andern Empfindungen steht. Ein gutes leichtsinniges Herz hebt sich so gern in diese erdichteten Welten empor, der Anblick so vollkommner Ideale entz\u00fcckt es, und fliegt dann einmal ein Blick \u00fcber das Buch hinweg, so verschwindet die Zauberin, die magere Wirklichkeit umgibt es, und statt seiner Ideale grinset ihn ein Alltagsgesicht an. Wir besch\u00e4ftigen uns dann mit Pl\u00e4nen zur Realisierung dieser Tr\u00e4umereien, und oft um so inniger, je weniger wir durch Handel und Wandel selbst dazu beitragen, wir finden dann die Menschen zu ungeschickt f\u00fcr unsern Sinn, und so erzeugt sich die erste Empfindung der Gleichg\u00fcltigkeit und Verachtung gegen sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber wie ganz anders ist es mit der Geschichte, mein Freund! Sie ist die getreue Darstellung dessen, was sich zu allen Zeiten unter den Menschen zugetragen hat. Da hat keiner etwas hinzugesetzt, keiner etwas weggelassen, es finden sich keine phantastische Ideale, keine Dichtung, nichts als wahre trockne Geschichte. Und dennoch, mein Freund, finden sich darin sch\u00f6ne herrliche Charaktergem\u00e4lde gro\u00dfer erhabner Menschen, Menschen wie Sokrates und Christus, deren ganzer Lebenslauf Tugend war, Taten, wie des Leonidas, des Regulus, und alle die unz\u00e4hligen griechischen und r\u00f6mischen, die alles, was die Phantasie m\u00f6glicherweise nur erdichten kann, erreichen und \u00fcbertreffen. Und da, mein Freund, k\u00f6nnen wir wahrhaft sehn, auf welche H\u00f6he der Mensch sich stellen, wie nah er an die Gottheit treten kann! Das darf und soll Sie mit Bewunderung und Entz\u00fcckung f\u00fcllen, aber, mein Freund, es soll Sie aber auch mit Liebe f\u00fcr das Geschlecht erf\u00fcllen, dessen Stolz sie waren, mit Liebe zu der gro\u00dfen Gattung, zu der sie geh\u00f6ren, und deren Wert sie durch ihre Erscheinung so unendlich erh\u00f6ht und veredelt haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht sehn Sie sich um in diesem Augenblick unter den V\u00f6lkern der Erde, und suchen und vermissen einen Sokrates, Christus, Leonidas, Regulus etc. Irren Sie sich nicht, mein Freund! Alle diese M\u00e4nner waren gro\u00dfe, seltne Menschen, aber da\u00df wir das wissen, da\u00df sie so ber\u00fchmt geworden sind, haben sie dem Zufall zu danken, der ihre Verh\u00e4ltnisse so gl\u00fccklich stellte, da\u00df die Sch\u00f6nheit ihres Wesens wie eine Sonne daraus hervorstieg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ohne den <em>Melitus<\/em> und ohne den <em>Herodes<\/em> w\u00fcrde<em> Sokrates<\/em> und <em>Christus<\/em> uns vielleicht unbekannt geblieben, und doch \u00a0nicht minder gro\u00df und erhaben gewesen sein. Wenn sich Ihnen also in diesem Zeitpunkt kein so bewundrungsw\u00fcrdiges Wesen ank\u00fcndigt, \u2013 \u2013 mein Freund, ich w\u00fcnsche nur, da\u00df Sie nicht etwa denken m\u00f6gen, die Menschen seien von ihrer H\u00f6he herabgesunken, vielmehr es scheint ein Gesetz \u00fcber die Menschheit zu walten, da\u00df sie sich im allgemeinen zu allen Zeiten gleichbleibt, wie oft auch immer die V\u00f6lker mit Gestalt und Form wechseln m\u00f6gen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus allen diesen Gr\u00fcnden, mein teurer Freund, verscheuchen Sie, wenn er wirklich in Ihrem Busen wohnt, den h\u00e4\u00dflich ungl\u00fcckseligen und, wie ich Sie \u00fcberzeugt habe, selbst ungegr\u00fcndeten Ha\u00df der Menschen. Liebe und Wohlwollen m\u00fcssen nur den Platz darin einnehmen. Ach es ist ja so \u00f6de und traurig zu hassen und zu f\u00fcrchten, und es ist so s\u00fc\u00df und so freudig zu lieben und zu trauen. Ja, wahrlich, mein Freund, es ist ohne Menschenliebe gewi\u00df kein Gl\u00fcck m\u00f6glich, und ein so liebloses Wesen wie ein Menschenfeind ist auch keines wahren Gl\u00fcckes wert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und dann noch eines, Lieber, ist denn auch ohne Menschenliebe jene Bildung m\u00f6glich, der wir mit allen unsern Kr\u00e4ften entgegenstreben? Alle Tugenden beziehn sich ja auf die Menschen, und sie sind nur Tugenden insofern sie ihnen n\u00fctzlich sind. Gro\u00dfmut, Bescheidenheit, Wohlt\u00e4tigkeit, bei allen diesen Tugenden fragt es sich, gegen wen? und f\u00fcr wen? und wozu? Und immer dringt sich die Antwort auf, f\u00fcr die Menschen, und zu ihrem Nutzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Besonders dienlich wird unsre entworfne Reise sein, um Ihnen die Menschen gewi\u00df von einer recht liebensw\u00fcrdigen Seite zu zeigen. Tausend wohlt\u00e4tige Einfl\u00fcsse erwarte und hoffe ich von ihr, aber besonders nur f\u00fcr Sie den ebenbenannten. Die Art unsrer Reise verschafft uns ein gl\u00fcckliches Verh\u00e4ltnis mit den Menschen. Sie erf\u00fcllen nur nicht gern, was man laut von ihnen verlangt, aber leisten desto lieber was man schweigend von sie hofft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon auf unsrer kleinen Harzwanderung haben wir h\u00e4ufig diese frohe Erfahrung gemacht. Wie oft, wenn wir erm\u00fcdet und ersch\u00f6pft von der Reise in ein Haus traten, und den N\u00e4chsten um einen Trunk Wasser baten, wie oft reichten die ehrlichen Leute uns Bier oder Milch und weigerten sich Bezahlung anzunehmen. Oder sie lie\u00dfen freiwillig Arbeit und Gesch\u00e4ft im Stiche, um uns Verirrte oft auf entfernte rechte Wege zu f\u00fchren. Solche stillen W\u00fcnsche werden oft empfunden, und ohne Ger\u00e4usch und Anspruch erf\u00fcllt, und mit H\u00e4ndedr\u00fccken bezahlt, weil die geselligen Tugenden gerade diejenigen sind, deren jeder in Zeit der Not bedarf. Aber freilich, gro\u00dfe Opfer darf und soll man auch nicht verlangen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_20667\" style=\"width: 230px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/220px-Heinrich_von_Kleist22.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-20667\" class=\"size-full wp-image-20667\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/220px-Heinrich_von_Kleist22.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"280\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-20667\" class=\"wp-caption-text\">Heinrich von Kleist, Reproduktion einer Illustration von Peter Friedel, die der Dichter 1801 f\u00fcr seine Verlobte Wilhelmine von Zenge anfertigen lie\u00df<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Wir begreifen die Gattung des Essays auf KUNO als eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Versuchsanordnung<\/a>, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192 <\/strong>Lesen Sie auch Heinrich von Kleist: \u00dcber die allm\u00e4hliche <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13085\">Verfertigung der Gedanken beim Reden<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An R\u00fchle Wir sehen die Gro\u00dfen dieser Erde im Besitze der G\u00fcter dieser Welt. Sie leben in Herrlichkeit und \u00dcberflu\u00df, die Sch\u00e4tze der Kunst und der Natur scheinen sich um sie und f\u00fcr sie zu versammeln, und darum nennt man&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/10\/10\/aufsatz-den-sichern-weg-des-gluecks-zu-finden\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":69,"featured_media":97919,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1084],"class_list":["post-103335","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-heinrich-von-kleist"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103335","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/69"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=103335"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103335\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":103339,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103335\/revisions\/103339"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97919"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=103335"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=103335"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=103335"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}