{"id":103324,"date":"2003-09-25T10:28:02","date_gmt":"2003-09-25T08:28:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103324"},"modified":"2022-05-30T10:33:12","modified_gmt":"2022-05-30T08:33:12","slug":"gespraech-ueber-beine","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/09\/25\/gespraech-ueber-beine\/","title":{"rendered":"Gespr\u00e4ch \u00fcber Beine"},"content":{"rendered":"<div align=\"right\"><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>I<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich im Coup\u00e9 sa\u00df, sagte der Herr gegen\u00fcber:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIhnen kann man die Beine nicht abtreten.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sagte: \u201eWieso.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Herr sagte: \u201eSie haben keine Beine.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sagte: \u201eMerkt man das.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Herr sagte: \u201eNat\u00fcrlich.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich nahm meine Beine aus dem Rucksack. Ich hatte sie in Seidenpapier eingewickelt. Und als Andenken mitgenommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Herr sagte: \u201eWas ist das?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sagte: \u201eMeine Beine.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Herr sagte: \u201eSie nehmen die Beine in die Hand und kommen dennoch nicht weiter.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sagte: \u201eLeider.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach einer Pause sagte der Herr: \u201eWas gedenken Sie ohne Beine eigentlich zu tun.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sagte: \u201eDar\u00fcber habe ich mir den Kopf noch nicht zerbrochen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Herr sagte: \u201eOhne Beine k\u00f6nnen Sie nicht einmal ohne Schwierigkeit Selbstmord begehen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sagte: \u201eDas ist aber ein fauler Witz.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Herr sagte: \u201eNicht doch. Wenn Sie sich erh\u00e4ngen wollen, m\u00fc\u00dfte Sie einer erst auf das Fensterbrett heben. Und wer wird Ihnen den Gashahn \u00f6ffnen, wenn Sie sich vergiften wollen? Den Revolver k\u00f6nnten Sie sich nur heimlich durch einen Dienstmann besorgen lassen. Wie aber, wenn Ihnen der Schu\u00df davon l\u00e4uft? Um sich zu ertr\u00e4nken, m\u00fc\u00dften Sie ein Auto nehmen und sich von einer Tragbahre von zwei Pflegern in den Flu\u00df schleppen lassen, der Sie an das jenseitige Ufer bef\u00f6rdern soll.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sagte: \u201eDas ist doch wohl meine Sorge.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Herr sagte: \u201eSie irren, ich \u00fcberlege, seitdem Sie da sind, wie man Sie aus dieser Welt schaffen k\u00f6nnte. Meinen Sie, ein Mensch ohne Beine sei ein sympathischer Anblick? Habe auch Existenzberechtigung? Im Gegenteil, Sie st\u00f6ren das \u00e4sthetische Gef\u00fchl ihrer Mitmenschen erheblich.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sagte: \u201eIch bin ordentlicher Professor f\u00fcr <span id=\"Seite_280\" class=\"PageNumber\">[280]<\/span><span id=\"280\"><\/span> Ethik und \u00c4sthetik an der Universit\u00e4t. Darf ich mich vorstellen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Herr sagte: \u201eWie wollen Sie das machen? Sie k\u00f6nnen sich selbstverst\u00e4ndlich nicht vorstellen, wie unm\u00f6glich Sie sind.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich betrachtete melancholisch meine Stummel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>II<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alsbald sagte die Dame gegen\u00fcber: \u201eKeine Beine haben mu\u00df ein komisches Gef\u00fchl sein.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sagte: \u201eJa.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Dame sagte: \u201eIch m\u00f6chte einen Mann, der keine Beine hat, nicht anfassen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sagte: \u201eIch bin sehr sauber.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Dame sagte: \u201eIch mu\u00df einen gro\u00dfen erotischen Abscheu \u00fcberwinden, um mit Ihnen zu reden, geschweige denn Sie anzusehen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sagte: \u201eNanu.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Dame sagte: \u201eIch glaube nicht, da\u00df Sie ein Verbrecher sind. Sie m\u00f6gen ein kluger und urspr\u00fcnglich liebenswerter Mensch sein. Aber ich k\u00f6nnte mit Ihnen wegen der Ihnen fehlenden Beine beim besten Willen nicht verkehren.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sagte: \u201eMan gew\u00f6hnt sich an alles.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Dame sagte: \u201eDa\u00df einer keine Beine hat, verursacht bei dem nat\u00fcrlich empfindenden Weibe ein unerkl\u00e4rliches Gef\u00fchl tiefsten Grauens. Als ob Sie eine ekelhafte S\u00fcnde begangen h\u00e4tten.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sagte: \u201eIch bin aber unschuldig. Das eine Bein kam mir in der Aufregung abhanden, als ich zum erstenmal meinen Professorenstuhl einnahm, das zweite habe ich verloren, als ich, in Gedanken versunken, jenes wichtige \u00e4sthetische Gesetz fand, das zu grundlegenden \u00c4nderungen in unserer Disziplin f\u00fchrte.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Dame sagte: \u201eWie hei\u00dft dieses Gesetz?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sagte: \u201eDas Gesetz hei\u00dft: Es kommt nur auf die Struktur der Seele und des Geistes an. Wenn Seele und Geist edel ist, mu\u00df man einen K\u00f6rper sch\u00f6n finden, mag er \u00e4u\u00dferlich noch so bucklig und entstellt sein.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Dame hob ostentativ ihr Kleid und zeigte dadurch bis an den oberen Rand der Oberschenkel wundersch\u00f6ne, in allerhand Seide geh\u00fcllte, Beine, die wie bl\u00fchende Zweige aus dem saftigen Leibe ragten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unterdessen sagte die Dame endg\u00fcltig: \u201eSie m\u00f6gen recht haben, obwohl man ebenso gut das Gegenteil behaupten k\u00f6nnte. Jedenfalls ist ein Mensch mit Beinen etwas erheblich anderes als einer ohne.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit lie\u00df sie mich sitzen, stolz davonschreitend.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zuerst erschienen in: <i>Die Aktion<\/i> : Wochenschrift f\u00fcr Politik, Literatur, Kunst, 1915<\/p>\n<div id=\"attachment_94979\" style=\"width: 187px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-94979\" class=\"wp-image-94979 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Lichtenstein.jpg\" alt=\"\" width=\"177\" height=\"216\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Lichtenstein.jpg 177w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Lichtenstein-160x195.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 177px) 100vw, 177px\" \/><p id=\"caption-attachment-94979\" class=\"wp-caption-text\">Der Dichter Alfred Lichtenstein in Milit\u00e4runiform (1914)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEr ist nun abseits, wie alle, die Wesentliches zu sagen haben, (\u2026) w\u00e4hrend geschickte Mittelm\u00e4ssigkeit in bunter Kulissenbeleuchtung paradiert. (\u2026) Aber er wird, wenn alle gl\u00e4nzenden Augenblickspropheten (\u2026) l\u00e4ngst zerst\u00e4ubt sind, noch Menschen aufreissen mit seiner brennenden Wahrhaftigkeit.\u201c (Carl Zuckmayer)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neben der Lyrik verfasste Alfred Lichtenstein verfasste stark groteske Prosa. In seinen Prosast\u00fccken macht er sich \u00fcber einige seiner Bekannten und auch \u00fcber sich selbst im Stile Alfred Jarrys lustig. Dazu kreiert er Phantasiefiguren, die f\u00fcr Freunde und Vorbilder wie etwa Georg Heym, Gottfried Benn und Jakob van Hoddis stehen. Als Freiwilliger nimmt er von Beginn an am Ersten Weltkrieg teil und schreibt unter dem Eindruck der Kriegserlebnisse in seinem Gedicht \u00bbAbschied\u00ab die Zeile: \u00bbVielleicht bin ich in dreizehn Tagen tot.\u00ab Noch im September 1914 f\u00e4llt Alfred Lichtenstein an der Westfront.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I Als ich im Coup\u00e9 sa\u00df, sagte der Herr gegen\u00fcber: \u201eIhnen kann man die Beine nicht abtreten.\u201c Ich sagte: \u201eWieso.\u201c Der Herr sagte: \u201eSie haben keine Beine.\u201c Ich sagte: \u201eMerkt man das.\u201c Der Herr sagte: \u201eNat\u00fcrlich.\u201c Ich nahm meine Beine&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/09\/25\/gespraech-ueber-beine\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":237,"featured_media":99374,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[3181],"class_list":["post-103324","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-alfred-lichtenstein"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103324","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/237"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=103324"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103324\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":103328,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103324\/revisions\/103328"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99374"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=103324"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=103324"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=103324"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}