{"id":103287,"date":"1995-09-12T18:11:52","date_gmt":"1995-09-12T16:11:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103287"},"modified":"2022-05-29T18:18:49","modified_gmt":"2022-05-29T16:18:49","slug":"scheerbartiana","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/09\/12\/scheerbartiana\/","title":{"rendered":"Scheerbartiana"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Geschichte, wie ich f\u00fcr meine Gedichte den ersten Verleger fand, hat eine Vorgeschichte, die weder mit den Gedichten noch mit Verlagsangelegenheiten zusammenh\u00e4ngt, sondern mit einem von Alkohol und Galgenhumor getr\u00e4nkten Abend bei Paul Scheerbart.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es wird \u2013 hoffentlich! \u2013 nicht n\u00f6tig sein, Scheerbart als Dichter vorzustellen. Obgleich seine B\u00fccher, die es so sehr verdient h\u00e4tten, keine hohen Auflagen erreicht haben und, wie es scheint, jetzt v\u00f6llig vom Markt verschwunden sind, hat es doch eine Zeit gegeben, die dem humorvollsten Phantasten und dem phantasievollsten Humoristen der modernen deutschen Literatur wenigstens die platonische Anerkennung nicht schuldig blieb. Die Zeit aber, die diesen kosmischen Sp\u00f6tter als sich zugeh\u00f6rig erkennen wird, diese Zeit, daran zweifle ich nicht, wird noch kommen. Es wird die Zeit sein, die von Freiheit des Menschen und seiner Gedanken- und Gef\u00fchlswelt wissen und die hinter dem dr\u00f6hnenden Lachen des Dichters, der seine philosophischen Romane auf dem Mond und dem Jupiter spielen l\u00e4\u00dft, den tiefsten sozialen Ernst heraush\u00f6ren wird. Wer Paul Scheerbart pers\u00f6nlich nahestand, der sah, wie einheitlich diese Pers\u00f6nlichkeit war. Seine unb\u00e4ndige Lustigkeit war ein Bestandteil seiner Weltanschauung, und seine Weltanschauung bejahte das Weltall in seiner unfa\u00dfbaren Gr\u00f6\u00dfe, Sch\u00f6nheit und Mannigfaltigkeit, die der dichterischen Phantasie schrankenlose M\u00f6glichkeiten \u00f6ffnete, w\u00e4hrend das Wichtignehmen der irdischen Absonderlichkeiten Scheerbarts Freude am Lachen immer neue Nahrung gab. \u00bbAntierotiker\u00ab nannte er sich, weil ihm die Feierlichkeit, mit der seine alten Freunde Dehmel und Przybyszewski die Geschlechtsbeziehungen der Menschen als poetisch zu glorifizierende Angelegenheit behandelten, ungeheuer komisch zu sein schien. Das gesamte Gebaren der Erdbewohner, in ihrer nat\u00fcrlichen Beschaffenheit, wie sie sich in den Dingen der Liebe und in den Vorg\u00e4ngen der Ern\u00e4hrung und des Stoffwechsels offenbart, und erst recht ihr Verhalten gegeneinander, das er vor allem in jeder Art Staatsherrschaft und in der Einrichtung des Krieges charakterisiert sah, war ihm ein unversieglicher Quell donnernden Gel\u00e4chters. Dagegen dichtete er in seiner eigent\u00fcmlichen Sprache, die mit \u00e4u\u00dferstem stilistischen Feingef\u00fchl jeden Anschein von Pathetik durch salopp klingende Wortanordnung zu vermeiden wu\u00dfte, in die kosmischen Wunder des Unendlichen die Lebensprosa hinein, der er irdische Wirklichkeit w\u00fcnschte. Ein Beispiel: In dem Roman \u00bbDie gro\u00dfe Revolution\u00ab werden die Mondbewohner vorgef\u00fchrt, deren einzige Besch\u00e4ftigung in der durch die vollkommensten Instrumente erm\u00f6glichten Beobachtung der Lebewesen auf allen \u00fcbrigen Gestirnen besteht. Die gro\u00dfe Revolution richtet sich gegen die Erde und ist siegreich durch den Beschlu\u00df, den Nachbarstern zu boykottieren, ihn so lange von allen Erforschungen der Mondleute auszuschlie\u00dfen, bis die Erdmenschen aufgeh\u00f6rt h\u00e4tten, das Weltall durch ihre Kriege zu sch\u00e4nden. Sein Antimilitarismus geh\u00f6rte wie seine Antierotik ganz und gar zu Scheerbarts Gesamterscheinung, die in allen ihren \u00c4u\u00dferungen hinter ausgelassenem Witz und phantastischer Erfindung einen sehr ernsthaften Denker verbarg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Scheerbarts B\u00fccher und Scheerbarts Pers\u00f6nlichkeit hatten ganz die gleichen Eigenschaften. Er \u00fcberschlug sich in grotesken Einf\u00e4llen, \u00fcber die er ma\u00dflos lachte und die trotzdem niemals ausschlie\u00dflich als Spa\u00df zu nehmen waren. Am bezeichnendsten f\u00fcr ihn, der sein Lebtag nie aus dem qualvollsten Geldmangel und ganz selten aus buchst\u00e4blicher Not herausgekommen ist, scheint mir der jahrelang z\u00e4h verfolgte Plan, durch die Konstruktion eines Perpetuum mobile mit einem Schlage Multimillion\u00e4r zu werden. Scheerbart \u2013 und au\u00dfer ihm noch sein pr\u00e4chtiger \u00bbB\u00e4r\u00ab, die r\u00fchrendste Gestalt unter allen Dichterfrauen, dieser weibliche Sancho Pansa, der, der Realit\u00e4t des Daseins in resoluter N\u00fcchternheit gewachsen, acht Jahre \u00e4lter als sein von Bier und Phantasien ewig anges\u00e4uselter Don Quichote, die dicke Zigarre im Munde, alle Verr\u00fccktheiten des Dichters geduldig und gl\u00e4ubig anh\u00f6rte \u2013 Scheerbart und der B\u00e4r waren v\u00f6llig davon \u00fcberzeugt, da\u00df das Problem gel\u00f6st sei, und was nur immer an kleiner M\u00fcnze zusammenzukratzen war, wanderte zum Patentamt. Zu den R\u00e4dern und Gewichten, zu seiner von fr\u00fch bis sp\u00e4t betreuten Bastelarbeit gewann aber Scheerbart eine immer pers\u00f6nlichere Beziehung. \u00bbPerpeh\u00ab nannte er sein Werk, und ich bekam Postkarten nach M\u00fcnchen mit dem Postskriptum: \u00bbPerpeh l\u00e4\u00dft Dich sch\u00f6n gr\u00fc\u00dfen.\u00ab Einmal teilte mir Scheerbart mit: \u00bbPerpeh ist fertig; es bewegt sich nur noch nicht\u00ab f\u00fcr ein Perpetuum mobile offenbar ein Nachteil. Das kostbare Tagebuch, in dem er selbst die Geschichte dieser Erfindung zusammengestellt hat (\u00bbDas Perpetuum mobile\u00ab bei Rowohlt 1910), war der Ertrag der Bem\u00fchungen \u2013 und kein schlechter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Perpeh-Periode begann erst 1907, als ich l\u00e4ngst nicht mehr dauernd in Berlin wohnte und nur bei gelegentlichen Besuchen Zeuge des Geschehens im Hause Scheerbart sein konnte. Aber bevor ich erz\u00e4hle, wie ich den ersten Verleger f\u00fcr meine Gedichte fand, will ich noch einmal vorgreifen, um den Mann kenntlich zu machen, der in seinem zweib\u00e4ndigen Roman \u00bbImmer mutig\u00ab die in allerlei Ulk versteckten Weisheiten vieler kurzer Geschichten in die Unterhaltung von Nilpferden verflicht, die dabei, in Schlafr\u00f6cke geh\u00fcllt, in Schaukelst\u00fchlen sitzen und lange Pfeifen rauchen. \u2013 Wir tranken Kaffee bei ihm, und der B\u00e4r hatte auch f\u00fcr Kuchen gesorgt. Paul Scheerbart berichtete mit gro\u00dfem Eifer von einem neuen Saturnring, den er soeben zu entdecken im Begriffe sei. Er hatte die Angewohnheit, so wie manche Leute fortw\u00e4hrend \u00bbnicht?\u00ab oder \u00bbn&#8217;wahr?\u00ab in ihren Redeflu\u00df einwerfen, jeden Satz mehrmals mit dem Wort \u00bbwisangtschin\u00ab zu unterbrechen, das, wie er mir einmal erkl\u00e4rt hat, urspr\u00fcnglich \u00bbwie gesagt, entschieden!\u00ab bedeutet hatte. Jedenfalls klang es f\u00fcr Uneingeweihte sehr befremdend. Der neue Saturnring aber war \u2013 wisangtschin \u2013 aus Aluminium. Da klingelte es. Scheerbart \u00f6ffnete selbst, und der B\u00e4r und ich h\u00f6rten nun drau\u00dfen eine st\u00fcrmische Begr\u00fc\u00dfung: das sei ungemein liebensw\u00fcrdig, und wir s\u00e4\u00dfen gerade beim Kaffee, und: \u00bbKommen Sie doch rein, wisangtschin, und trinken Sie ein T\u00e4\u00dfchen mit.\u00ab Damit schob Scheerbart einen etwas ver\u00e4ngstigten, sehr harmlos aussehenden Herrn ins Zimmer, n\u00f6tigte ihn auf einen Stuhl, bat seine Frau: \u00bbGib doch dem Herrn Kaffee und Kuchen, Onkelchen!\u00ab und berichtete ihm, ohne ihn zu einem Wort kommen zu lassen, von dem neuen Aluminiumring um den Saturn. Der arme Mensch war v\u00f6llig konsterniert und hatte wohl die Empfindung, zwischen Irrsinnige geraten zu sein. Da fragte ihn der Dichter endlich, wie er hei\u00dfe und was ihn auf die gl\u00fcckliche Idee gebracht habe, seinen Besuch zu machen. Es stellte sich heraus, da\u00df der Mann von einer Versicherungsgesellschaft kam und Scheerbarts Leben versichern wollte. Es war schwer, einigerma\u00dfen ernst zu bleiben. Aber Scheerbart lie\u00df sich, \u00e4u\u00dferst interessiert, erkl\u00e4ren, worin sein Vorteil best\u00e4nde, wenn er eine Police kaufe. \u00bbAch so\u00ab, meinte er schlie\u00dflich, \u00bbdann mu\u00df ich erst sterben, wisangtschin, bis Sie, wisangtschin, Geld rausr\u00fccken. Lieber Herr, wisangtschin, wenn ich tot bin, dann bin ich, wisangtschin, so ber\u00fchmt, ich beneide meine Witwe jetzt schon.\u00ab Der Agent mu\u00dfte noch eine Tasse Kaffee trinken, war aber sichtlich froh, als er die T\u00fcr hinter sich zumachen durfte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eines Abends, im August 1903, kam ich zu Scheerbarts. Mein letztes Geld hatte ich in Zigarren angelegt, die ich zu dem Abendbrot beisteuern wollte, das ich dort zu bekommen hoffte. Ich traf Lentrodt an, der eine Flasche Schnaps mitgebracht hatte, aber auch keinen Pfennig weiter besa\u00df. Der B\u00e4r war betr\u00fcbt. Es war au\u00dfer ein wenig Brot ohne Butter nichts mehr im Hause. So sa\u00dfen wir zu viert da, jeder mit einer dicken Zigarre und machten das wenige Brot mit viel Schnaps schmackhaft. Wir fanden, da\u00df es so nicht weitergehe, und Paul Scheerbart erkl\u00e4rte: \u00bbEs mu\u00df etwas geschehen.\u00ab Nachdem verschiedene Vorschl\u00e4ge gemacht und verworfen waren, unter anderem der, ein Omnibusunternehmen mit Kabarettunterhaltung ins Leben zu rufen, beschlossen wir, eine Tageszeitung zu gr\u00fcnden. Es mu\u00dfte etwas ganz Neues sein, und wir einigten uns darauf, da\u00df die Zeitung nur L\u00fcgen enthalten sollte, und zwar, wie Scheerbart es ausdr\u00fcckte, \u00bbL\u00fcgen mit Hintergrund\u00ab. Wir wollten Berichte aus allen L\u00e4ndern, aber auch von allen Sternen bringen, und jeder Bericht sollte die politischen, sozialen, gesellschaftlichen, literarischen, k\u00fcnstlerischen und pers\u00f6nlichen Angelegenheiten der nahen Umwelt aus der Perspektive der Erfindung glossieren und brandmarken. Der Titel des Blattes machte keine Schwierigkeiten; es sollte \u00bbDas Vaterland\u00ab hei\u00dfen, womit jene weitere Heimat gemeint war, die keine Grenzen hat und den ganzen Kosmos umfa\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In meinem Besitz befindet sich heute noch ein Sto\u00df geb\u00fcndelter Aufzeichnungen, auf dessen Umschlagsblatt in Paul Scheerbarts Handschrift zu lesen ist: \u00bbDas Vaterland. \u2013 Es ist Herbst \u2013 \u2013 die Bl\u00e4tter fallen.\u00ab Zwischen diesen Papieren befinden sich genaue Hinweise, was alles die Zeitung zu enthalten habe, Vertragsentw\u00fcrfe mit in Frage kommenden Verlegern, Listen von Personen, die zur Mitarbeit aufzufordern w\u00e4ren, Zeichnungen von Scheerbart und von mir, Manuskripte von uns beiden, ferner auch die Dokumente, die aus den engen Bezirken der Scheerbartschen Wohnung in der Charlottenburger Kaiser-Friedrich-Stra\u00dfe und meines Zimmers in der Augsburger Stra\u00dfe weiteren Kreisen zu Augen und Ohren kamen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lentrodt wollte gleich von Anfang an der \u00d6ffentlichkeit gegen\u00fcber abseits stehen und \u00fcberlie\u00df Scheerbart und mir alles. So standen denn auch nur unsere Namen unter der Einladung, die wir, nachdem wir die Vervielf\u00e4ltigung und die Finanzierung der Portokosten in harter M\u00fche bewirkt hatten, an 200 Adressen versandten. Sie hatte diesen Wortlaut: \u00bbGeehrter Herr! Sie werden mit uns der Meinung sein, da\u00df es so nicht weiter geht. Was zuviel ist, ist zuviel. Es geht eben nicht. Die Lethargie mu\u00df \u00fcberwunden werden. Deshalb werden wir eine neue Tageszeitung gr\u00fcnden. \u203aDas Vaterland\u2039 soll sie hei\u00dfen. Wir reichen Ihnen die Hand, schlagen Sie ein und kommen Sie &#8230; zur Vorbesprechung &#8230;\u00ab Diese Einladung machte zun\u00e4chst die Runde durch die ganze Presse. Niemand wu\u00dfte, was davon zu halten sei, ob wir es ernst meinten oder einen Bierulk vorh\u00e4tten. V\u00f6llig klar waren wir uns dar\u00fcber selber nicht. Jedenfalls fand die Vorbesprechung am 29. August 1903 in einem Lokal der Friedrichstadt statt, und zwar mit vierzig Teilnehmern. Der Vortrag, den ich dabei \u00fcber die \u00bbOrganisation der L\u00fcge\u00ab hielt, befindet sich unter meinen Papieren. An der Diskussion beteiligten sich Samuel Lublinski und Ludwig Rubiner, ohne da\u00df die wichtige Frage der materiellen Fundierung dadurch gel\u00f6st worden w\u00e4re. Da der einzige Verleger, der unserer Einladung gefolgt war, auf unsere direkte Anzapfung, er solle doch den Verlag der Zeitung \u00fcbernehmen, erschrocken abwinkte, blieb nichts \u00fcbrig als eine Tellersammlung, die \u00fcber 30 Mark ergab. Damit begaben wir beiden Unternehmer uns auf die Tour, die uns bis zum n\u00e4chsten Morgen besch\u00e4ftigte. Um neun Uhr fr\u00fch lieferte ich Paul Scheerbart bei seinem B\u00e4ren ab. Von dem Gelde waren nicht viel mehr Pfennige vorhanden als es Mark gewesen waren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der B\u00e4r brachte ihren Paul sofort zu Bett. Ich ging in eine benachbarte Kneipe und trank dort Kaffee. Dabei las ich die einzige dort aush\u00e4ngende Zeitung, die \u00bbVo\u00df\u00ab. Etwas im Tran bl\u00e4tterte ich im Inseratenteil herum, und urpl\u00f6tzlich erwachte ich aus allen Umnebelungen. Mein Blick war zuf\u00e4llig auf eine Annonce gefallen, die folgenderma\u00dfen lautete: \u00bbZeitschrift oder junger Verlag sofort gegen Kassa zu kaufen gesucht. Offerten unter &#8230;\u00ab Ich ri\u00df das Blatt heraus, kaufte dem Wirt eine Briefmarke ab, zahlte und st\u00fcrzte zu Scheerbart zur\u00fcck, drang in sein Schlafzimmer ein. Mit M\u00fche weckte ich ihn. \u00bbUnsinn\u00ab, sagte er, als ich ihm den Fall klargemacht hatte, \u00bbda\u00df ist, wisangtschin, ein Kerl, der Adressen sucht.\u00ab Als ich ihm aber zeigte, da\u00df ich sogar schon eine Marke gekauft h\u00e4tte, kroch er aus dem Bett, und wir verfa\u00dften einen Brief, in dem wir dem Reflektanten unsere \u00bbVaterland\u00ab mit der Versicherung empfahlen, da\u00df es sich hier um ein Millionenunternehmen handeln k\u00f6nne. Auf dem Heimwege bef\u00f6rderte ich das Schreiben in den Briefkasten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwei Tage darauf hatten wir Antwort. Der Verleger Eisselt in Gro\u00df-Lichterfelde schrieb uns, er habe bereits in der Zeitung von unserem Plan gelesen, der ihn sehr interessiere, und wenn auch f\u00fcr ihn keine Tageszeitung in Frage komme, so bitte er uns, falls wir bereit seien, uns mit einer Wochenschrift zu begn\u00fcgen, um unseren Besuch. Tags darauf holte ich Scheerbart in aller Fr\u00fche ab, und wir fuhren nach Lichterfelde. Der Verleger war von unserer Idee begeistert, und wir waren noch begeisterter, als die Geldfrage in der Weise gel\u00f6st wurde, da\u00df wir als Herausgeber der Wochenzeitschrift ein Gehalt von je 200 Mark monatlich in Aussicht gestellt erhielten. Da der B\u00e4r aufgeregt in der N\u00e4he in einer Konditorei auf uns wartete, erbaten und erhielten wir einen gemeinsamen Vorschu\u00df von 20 Mark, den wir mit der Unterschrift quittierten: \u00bbDie Redaktion des Vaterlandes. Paul Scheerbart. Erich M\u00fchsam.\u00ab Mit dem Auftrag, binnen einer Woche den Text f\u00fcr eine Probenummer zusammenzustellen und voll hochgeschwellter Zukunftspl\u00e4ne verlie\u00dfen wir unseren Retter. Die Probenummer wurde vorgelegt, fand Herrn Eisselts Beifall, und es wurde ein Tag vereinbart, wann wir zusammen zum Notar gehen sollten, da unser Verleger grunds\u00e4tzlich nur notarielle Vereinbarungen eingehen wollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hatte, um nicht zu verschlafen, die Nacht durchgebummelt und kungelte morgens um acht Uhr bei Scheerbart. Der gute B\u00e4r \u00f6ffnete mir mit verweinten Augen. \u00bbGehen Sie man rein\u00ab, sagte sie wehm\u00fctig, und ich ging rein. Da lag Paul Scheerbart b\u00e4uchlings auf der Ottomane, strampelte mit den Beinen, trommelte mit den F\u00e4usten und schrie vor Lachen, da\u00df die W\u00e4nde zitterten. \u00bbDa lies\u00ab, sagte er nur und schob mir einen Brief zu. Herr Eisselt teilte uns mit, da\u00df er leider im letzten Augenblick gezwungen sei, von unseren Verabredungen zur\u00fcckzutreten. Wir h\u00e4tten ihm erkl\u00e4rt, da\u00df unser Blatt eine schroff antimilitaristische Tendenz verfolgen werde. Nun habe er soeben den Kauf von zwei Annoncenzeitungen abgeschlossen, \u00bbDas Kasino\u00ab und \u00bbDie Kantine\u00ab, die ausschlie\u00dflich f\u00fcr Milit\u00e4rkreise bestimmt seien. Wir m\u00fc\u00dften wohl einsehen, da\u00df er nicht gleichzeitig ein antimilitaristisches und zwei Soldatenbl\u00e4tter herausbringen k\u00f6nne. Es werde ihn jedoch freuen, wenn er uns jeden durch die Herausgabe eines Buches schadlos halten k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich ging nach Hause und holte das wohlgeordnete Manuskript meiner lyrischen Gedichte, und am Nachmittage dieses Tages fuhren Paul Scheerbart und ich wiederum gemeinsam nach Lichterfelde, und Herr Eisselt machte sofort und ohne Notar mit uns beiden Kontrakt, und die ersten B\u00fccher, die in seinem Verlage erschienen, waren Paul Scheerbarts \u00bbMachtsp\u00e4\u00dfe\u00ab und meine \u00bbW\u00fcste\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend des Krieges ist Paul Scheerbart gestorben; er hat sein Leben lang zu wenig gegessen und zu viel getrunken. Das herrliche, m\u00e4chtige, Leib und Seele ersch\u00fctternde Lachen des einzigen gro\u00dfen Humoristen der modernen deutschen Literatur ist stumm geworden. Ich denke an eine \u00f6ffentliche Vorlesung, die er aus seinen Werken halten sollte. Er las brillant, aber pl\u00f6tzlich \u00fcbermannte ihn sein eigener Humor. Er fing zu wackeln an, er fing zu prusten an, und dann brach das Lachen mit einer solchen Urgewalt hervor, da\u00df an kein Lesen mehr zu denken war. Da stand ein deutscher Dichter auf dem Podium und lachte, sch\u00fcttelte sich, br\u00fcllte vor Lachen, und der ganze Zuh\u00f6rerraum war angesteckt von dem lachenden Dichter, bog sich und kr\u00e4hte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Zeit wird kommen, die Scheerbarts Lachen wieder lernen wird, das gro\u00dfe freie und befreiende Lachen, das aus dem weiten gl\u00fccklichen Weltall stammt, wo es keine Not und keine Kriege gibt. Es wird die Zeit sein, die auch Scheerbarts B\u00fccher wieder drucken, lesen und mit ernsthafter Heiterkeit genie\u00dfen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><span id=\"productTitle\" class=\"a-size-extra-large\"><strong>W\u00fcste &#8211; Krater &#8211; Wolken<\/strong>. Die Gedichte von Erich M\u00fcsam.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-98331 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/ErichMu\u0308hsam.jpg\" alt=\"\" width=\"239\" height=\"256\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/ErichMu\u0308hsam.jpg 239w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/ErichMu\u0308hsam-160x171.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 239px) 100vw, 239px\" \/>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong> Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen der Kultur, dies bezeugt der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>. Um den Widerstand gegen die gepolsterte Gegenwartslyrik ein wenig anzufachen schickte <span data-offset-key=\"d96ve-1-0\">Wolfgang Schlott<\/span><span data-offset-key=\"d96ve-2-0\"> dieses\u00a0 post-dadaistische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/02\/03\/handwerkliche-anleitungen-zur-ueberwindung-von-schreibblockaden\/\">Manifest<\/a>. Warum<\/span> Lyrik wieder in die Zeitungen geh\u00f6rt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/10\/07\/der-dichtung-eine-bresche-schlagen\/\">begr\u00fcndete<\/a> Walther Stonet, diese Forderung hat nichts an Aktualit\u00e4t verloren. 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Rezensionsessays von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/06\/17\/beschwoerungszauber\/\">Holger Benkel<\/a> \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/11\/12\/mit-deutschen-untertiteln\/\">Ralph Pordzik<\/a>,\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/12\/20\/wohnraeume-der-poesie\/\">Friederike Mayr\u00f6cker<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/03\/19\/welten-gegenwelten\/\">Werner Weimar-Mazur<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/06\/26\/wohnraeume-der-poesie-2\/\">Peter Engstler<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15177\">Birgitt Lieberwirth<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/08\/17\/der-grill-auf-der-hauswiese-der-welt\/\">Linda Vilhj\u00e1lmsd\u00f3ttir<\/a>, und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/09\/17\/rettungsversuche-der-literatur-im-digitalen-raum\/\">A.J. Weigoni<\/a>. Lesenswert auch die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/05\/16\/verseschmied-und-lyrikfischer\/\">Gratulation<\/a> von Axel Kutsch durch Markus Peters zum 75. Geburtstag. Diese Betrachtungen versammeln sich in der Tradition von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/04\/04\/vauo\/\">V.O. Stomps<\/a>, dem Klassiker des Andersseins, dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/09\/24\/erinnerungen\/\">Bottroper Literaturrocker<\/a> &#8222;Biby&#8220; Wintjes und Hadayatullah H\u00fcbsch, dem Urvater des <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/06\/30\/wie-was-social-beat-ist-und-warum-und-warum-nicht\/\"><em>Social-Beat<\/em><\/a>, im KUNO-Online-Archiv. Wir empfehlen f\u00fcr Neulinge als Einstieg in das weite Feld der nonkonformistischen Literatur <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/04\/01\/nonkonformistische-literatur\/\">diesem Hinweis<\/a> zu folgen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Die Geschichte, wie ich f\u00fcr meine Gedichte den ersten Verleger fand, hat eine Vorgeschichte, die weder mit den Gedichten noch mit Verlagsangelegenheiten zusammenh\u00e4ngt, sondern mit einem von Alkohol und Galgenhumor getr\u00e4nkten Abend bei Paul Scheerbart. Es wird \u2013 hoffentlich!&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/09\/12\/scheerbartiana\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":104,"featured_media":98331,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1237,3714,3183],"class_list":["post-103287","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-erich-muhsam","tag-paul-scheerbart","tag-richard-dehmel"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103287","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/104"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=103287"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103287\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":103290,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103287\/revisions\/103290"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98331"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=103287"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=103287"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=103287"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}