{"id":103282,"date":"2003-08-25T17:41:08","date_gmt":"2003-08-25T15:41:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103282"},"modified":"2022-05-29T17:56:44","modified_gmt":"2022-05-29T15:56:44","slug":"warum-ich-ein-schicksal-bin","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/08\/25\/warum-ich-ein-schicksal-bin\/","title":{"rendered":"Warum ich ein Schicksal bin"},"content":{"rendered":"<h5 style=\"text-align: justify;\">1<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich kenne mein Los. Es wird sich einmal an meinen Namen die Erinnerung an etwas Ungeheures ankn\u00fcpfen \u2013 an eine Krisis, wie es keine auf Erden gab, an die tiefste Gewissens-Kollision, an eine Entscheidung, heraufbeschworen <em>gegen<\/em> alles, was bis dahin geglaubt, gefordert, geheiligt worden war. Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit. \u2013 Und mit alledem ist nichts in mir von einem Religionsstifter \u2013 Religionen sind P\u00f6bel-Aff\u00e4ren, ich habe n\u00f6tig, mir die H\u00e4nde nach der Ber\u00fchrung mit religi\u00f6sen Menschen zu waschen&#8230; Ich <em>will<\/em> keine \u00bbGl\u00e4ubigen\u00ab, ich denke, ich bin zu boshaft dazu, um an mich selbst zu glauben, ich rede niemals zu Massen&#8230; Ich habe eine erschreckliche Angst davor, da\u00df man mich eines Tags <em>heilig<\/em> spricht: man wird erraten, weshalb ich dies Buch <em>vorher<\/em> herausgebe, es soll verh\u00fcten, da\u00df man Unfug mit mir treibt&#8230; Ich will kein Heiliger sein, lieber noch ein Hanswurst&#8230; Vielleicht bin ich ein Hanswurst&#8230; Und trotzdem oder vielmehr <em>nicht<\/em> trotzdem \u2013 denn es gab nichts Verlogneres bisher als Heilige \u2013 redet aus mir die Wahrheit. \u2013 Aber meine Wahrheit ist <em>furchtbar<\/em>: denn man hie\u00df bisher die <em>L\u00fcge<\/em> Wahrheit. \u2013 <em>Umwertung aller Werte:<\/em> das ist meine Formel f\u00fcr einen Akt h\u00f6chster Selbstbesinnung der Menschheit, der in mir Fleisch und Genie geworden ist. Mein Los will, da\u00df ich der erste <em>anst\u00e4ndige<\/em> Mensch sein mu\u00df, da\u00df ich mich gegen die Verlogenheit von Jahrtausenden im Gegensatz wei\u00df&#8230; Ich erst habe die Wahrheit <em>entdeckt,<\/em> dadurch da\u00df ich zuerst die L\u00fcge als L\u00fcge empfand \u2013 <em>roch&#8230;<\/em> Mein Genie ist in meinen N\u00fcstern&#8230; Ich widerspreche, wie nie widersprochen worden ist, und bin trotzdem der Gegensatz eines neinsagenden Geistes. Ich bin ein <em>froher Botschafter,<\/em> wie es keinen gab, ich kenne Aufgaben von einer H\u00f6he, da\u00df der Begriff daf\u00fcr bisher gefehlt hat; erst von mir an gibt es wieder Hoffnungen. Mit alledem bin ich notwendig auch der Mensch des Verh\u00e4ngnisses. Denn wenn die Wahrheit mit der L\u00fcge von Jahrtausenden in Kampf tritt, werden wir Ersch\u00fctterungen haben, einen Krampf von Erdbeben, eine Versetzung von Berg und Tal, wie dergleichen nie getr\u00e4umt worden ist. Der Begriff Politik ist dann g\u00e4nzlich in einen Geisterkrieg aufgegangen, alle Machtgebilde der alten Gesellschaft sind in die Luft gesprengt \u2013 sie ruhen allesamt auf der L\u00fcge: es wird Kriege geben, wie es noch keine auf Erden gegeben hat. Erst von mir an gibt es auf Erden<em> gro\u00dfe Politik. \u2013<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<h5 style=\"text-align: justify;\">2<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Will man eine Formel f\u00fcr ein solches Schicksal, <em>das Mensch wird? \u2013<\/em> Sie steht in meinem Zarathustra.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2013 <em>und wer ein Sch\u00f6pfer sein will im Guten und B\u00f6sen, der mu\u00df ein Vernichter erst sein und Werte zerbrechen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Also geh\u00f6rt das h\u00f6chste B\u00f6se zur h\u00f6chsten G\u00fcte: diese aber ist die sch\u00f6pferische.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin bei weitem der furchtbarste Mensch, den es bisher gegeben hat; dies schlie\u00dft nicht aus, da\u00df ich der wohlt\u00e4tigste sein werde. Ich kenne die Lust am<em> Vernichten<\/em> in einem Grade, die meiner <em>Kraft<\/em> zum Vernichten gem\u00e4\u00df ist, \u2013 in beidem gehorche ich meiner dionysischen Natur, welche das Neintun nicht vom Jasagen zu trennen wei\u00df. Ich bin der erste <em>Immoralist:<\/em> damit bin ich der <em>Vernichter par excellence. \u2013<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<h5 style=\"text-align: justify;\">3<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man hat mich nicht gefragt, man h\u00e4tte mich fragen sollen, was gerade in meinem Munde, im Munde des ersten Immoralisten der Name <em>Zarathustra<\/em> bedeutet: denn was die ungeheure Einzigkeit jenes Persers in der Geschichte ausmacht, ist gerade dazu das Gegenteil. Zarathustra hat zuerst im Kampf des Guten und des B\u00f6sen das eigentliche Rad im Getriebe der Dinge gesehn \u2013 die \u00dcbersetzung der Moral ins Metaphysische, als Kraft, Ursache, Zweck an sich, ist <em>sein<\/em> Werk. Aber diese Frage w\u00e4re im Grunde bereits die Antwort. Zarathustra <em>schuf<\/em> diesen verh\u00e4ngnisvollsten Irrtum, die Moral: folglich mu\u00df er auch der erste sein, der ihn <em>erkennt.<\/em> Nicht nur, da\u00df er hier l\u00e4nger und mehr Erfahrung hat als sonst ein Denker \u2013 die ganze Geschichte ist ja die Experimental-Widerlegung vom Satz der sogenannten \u00bbsittlichen Weltordnung\u00ab \u2013: das Wichtigere ist, Zarathustra ist wahrhaftiger als sonst ein Denker. Seine Lehre, und sie allein, hat die Wahrhaftigkeit als oberste Tugend \u2013 das hei\u00dft den Gegensatz zur <em>Feigheit<\/em> des \u00bbIdealisten\u00ab, der vor der Realit\u00e4t die Flucht ergreift; Zarathustra hat mehr Tapferkeit im Leibe als alle Denker zusammengenommen. Wahrheit reden und <em>gut mit Pfeilen schie\u00dfen,<\/em> das ist die persische Tugend. \u2013 Versteht man mich?&#8230; Die Selbst\u00fcberwindung der Moral aus Wahrhaftigkeit, die Selbst\u00fcberwindung des Moralisten in seinen Gegensatz \u2013 <em>in mich \u2013<\/em> das bedeutet in meinem Munde der Name Zarathustra.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<h5 style=\"text-align: justify;\">4<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Grunde sind es zwei Verneinungen, die mein Wort <em>Immoralist<\/em> in sich schlie\u00dft. Ich verneine einmal einen Typus Mensch, der bisher als der h\u00f6chste galt, die<em> Guten,<\/em> die <em>Wohlwollenden, Wohlt\u00e4tigen;<\/em> ich verneine andrerseits eine Art Moral, welche als Moral an sich in Geltung und Herrschaft gekommen ist \u2013 die<em> d\u00e9cadence-Moral,<\/em> handgreiflicher geredet, die <em>christliche<\/em> Moral. Es w\u00e4re erlaubt, den zweiten Widerspruch als den entscheidenderen anzusehn, da die \u00dcbersch\u00e4tzung der G\u00fcte und des Wohlwollens, ins gro\u00dfe gerechnet, mir bereits als Folge der <em>d\u00e9cadence<\/em> gilt, als Schw\u00e4che-Symptom, als unvertr\u00e4glich mit einem aufsteigenden und jasagenden Leben: im Jasagen ist Verneinen <em>und Vernichten<\/em> Bedingung. \u2013 Ich bleibe zun\u00e4chst bei der Psychologie des guten Menschen stehn. Um abzusch\u00e4tzen, was ein Typus Mensch wert ist, mu\u00df man den Preis nachrechnen, den seine Erhaltung kostet \u2013 mu\u00df man seine Existenzbedingungen kennen. Die Existenz-Bedingung der Guten ist die <em>L\u00fcge \u2013:<\/em> anders ausgedr\u00fcckt, das Nicht-sehn-<em>Wollen<\/em> um jeden Preis, wie im Grunde die Realit\u00e4t beschaffen ist, n\u00e4mlich <em>nicht<\/em> derart, um jederzeit wohlwollende Instinkte herauszufordern, noch weniger derart, um sich ein Eingreifen von kurzsichtigen gutm\u00fctigen H\u00e4nden jederzeit gefallen zu lassen. Die<em> Notst\u00e4nde<\/em> aller Art \u00fcberhaupt als Einwand, als etwas, das man <em>abschaffen<\/em> mu\u00df, betrachten, ist die <em>niaiserie par excellence,<\/em> ins gro\u00dfe gerechnet, ein wahres Unheil in seinen Folgen, ein Schicksal von Dummheit \u2013, beinahe so dumm, als es der Wille w\u00e4re, das schlechte Wetter abzuschaffen \u2013 aus Mitleiden etwa mit den armen Leuten&#8230; In der gro\u00dfen \u00d6konomie des Ganzen sind die Furchtbarkeiten der Realit\u00e4t (in den Affekten, in den Begierden, im Willen zur Macht) in einem unausrechenbaren Ma\u00dfe notwendiger als jene Form des kleinen Gl\u00fccks, die sogenannte \u00bbG\u00fcte\u00ab; man mu\u00df sogar nachsichtig sein, um der letzteren, da sie in der Instinkt-Verlogenheit bedingt ist, \u00fcberhaupt einen Platz zu g\u00f6nnen. Ich werde einen gro\u00dfen Anla\u00df haben, die \u00fcber die Ma\u00dfen unheimlichen Folgen des<em> Optimismus,<\/em> dieser Ausgeburt der <em>homines optimi,<\/em> f\u00fcr die ganze Geschichte zu beweisen. Zarathustra, der erste, der begriff, da\u00df der Optimist ebenso <em>d\u00e9cadent<\/em> ist wie der Pessimist und vielleicht sch\u00e4dlicher, sagt: <em>gute Menschen reden nie die Wahrheit. Falsche K\u00fcsten und Sicherheiten lehrten euch die Guten; in L\u00fcgen der Guten wart ihr geboren und geborgen. Alles ist in den Grund hinein verlogen und verbogen durch die Guten.<\/em> Die Welt ist zum Gl\u00fcck nicht auf Instinkte hin gebaut, da\u00df gerade blo\u00df gutm\u00fctiges Herdengetier darin sein enges Gl\u00fcck f\u00e4nde; zu fordern, da\u00df alles \u00bbguter Mensch\u00ab, Herdentier, blau\u00e4ugig, wohlwollend, \u00bbsch\u00f6ne Seele\u00ab \u2013 oder, wie Herr Herbert Spencer es w\u00fcnscht, altruistisch werden solle, hie\u00dfe dem Dasein seinen <em>gro\u00dfen<\/em> Charakter nehmen, hie\u00dfe die Menschheit kastrieren und auf eine armselige Chineserei herunterbringen. \u2013 <em>Und dies hat man versucht!&#8230; Dies eben hie\u00df man Moral&#8230;<\/em> In diesem Sinne nennt Zarathustra die Guten bald \u00bbdie letzten Menschen\u00ab, bald den \u00bbAnfang vom Ende\u00ab; vor allem empfindet er sie als die <em>sch\u00e4dlichste Art Mensch,<\/em> weil sie ebenso auf Kosten der <em>Wahrheit<\/em> als auf Kosten der <em>Zukunft<\/em> ihre Existenz durchsetzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Guten \u2013 die k\u00f6nnen nicht <em>schaffen,<\/em> die sind immer der Anfang vom Ende \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2013 sie kreuzigen den, der <em>neue<\/em> Werte auf neue Tafeln schreibt, sie opfern <em>sich<\/em> die Zukunft, sie kreuzigen alle Menschen-Zukunft!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Guten \u2013 die waren immer der Anfang vom Ende&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und was auch f\u00fcr Schaden die Welt-Verleumder tun m\u00f6gen, <em>der Schaden der Guten ist der sch\u00e4dlichste Schaden.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<h5 style=\"text-align: justify;\">5<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zarathustra, der erste Psycholog der Guten, ist \u2013 folglich \u2013 ein Freund der B\u00f6sen. Wenn eine <em>d\u00e9cadence-Art<\/em> Mensch zum Rang der h\u00f6chsten Art aufgestiegen ist, so konnte dies nur auf Kosten ihrer Gegensatz-Art geschehn, der starken und lebensgewissen Art Mensch. Wenn das Herdentier im Glanze der reinsten Tugend strahlt, so mu\u00df der Ausnahme-Mensch zum B\u00f6sen heruntergewertet sein. Wenn die Verlogenheit um jeden Preis das Wort \u00bbWahrheit\u00ab f\u00fcr ihre Optik in Anspruch nimmt, so mu\u00df der eigentlich Wahrhaftige unter den schlimmsten Namen wiederzufinden sein. Zarathustra l\u00e4\u00dft hier keinen Zweifel: er sagt, die Erkenntnis der Guten, der \u00bbBesten\u00ab gerade sei es gewesen, was ihm Grausen vor dem Menschen \u00fcberhaupt gemacht habe; aus <em>diesem<\/em> Widerwillen seien ihm die Fl\u00fcgel gewachsen, \u00bbfortzuschweben in ferne Zuk\u00fcnfte\u00ab \u2013 er verbirgt es nicht, da\u00df <em>sein<\/em> Typus Mensch, ein relativ \u00fcbermenschlicher Typus, gerade im Verh\u00e4ltnis zu den <em>Guten<\/em> \u00fcbermenschlich ist, da\u00df die Guten und Gerechten seinen \u00dcbermenschen <em>Teufel<\/em> nennen w\u00fcrden&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihr h\u00f6chsten Menschen, denen mein Auge begegnete, das ist mein Zweifel an euch und mein heimliches Lachen: ich rate, ihr w\u00fcrdet meinen \u00dcbermenschen \u2013 Teufel hei\u00dfen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So fremd seid ihr dem Gro\u00dfen mit eurer Seele, da\u00df euch der \u00dcbermensch <em>furchtbar<\/em> sein w\u00fcrde in seiner G\u00fcte&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An dieser Stelle und nirgendswo anders mu\u00df man den Ansatz machen, um zu begreifen, was Zarathustra will: diese Art Mensch, die er konzipiert, konzipiert die Realit\u00e4t, <em>wie sie ist:<\/em> sie ist stark genug dazu \u2013, sie ist ihr nicht entfremdet, entr\u00fcckt, sie ist <em>sie selbst,<\/em> sie hat all deren Furchtbares und Fragw\u00fcrdiges auch noch in sich, <em>damit erst kann der Mensch Gr\u00f6\u00dfe haben&#8230;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<h5 style=\"text-align: justify;\">6<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2013 Aber ich habe auch noch in einem andren Sinne das Wort <em>Immoralist<\/em> zum Abzeichen, zum Ehrenzeichen f\u00fcr mich gew\u00e4hlt; ich bin stolz darauf, dies Wort zu haben, das mich gegen die ganze Menschheit abhebt. Niemand noch hat die <em>christliche<\/em> Moral als <em>unter<\/em> sich gef\u00fchlt: dazu geh\u00f6rte eine H\u00f6he, ein Fernblick, eine bisher ganz unerh\u00f6rte psychologische Tiefe und Abgr\u00fcndlichkeit. Die christliche Moral war bisher die Circe aller Denker \u2013 sie standen in ihrem Dienst. \u2013 Wer ist vor mir eingestiegen in die H\u00f6hlen, aus denen der Gifthauch dieser Art von Ideal \u2013 <em>der Weltverleumdung! \u2013<\/em> emporquillt? Wer hat auch nur zu ahnen gewagt, <em>da\u00df<\/em> es H\u00f6hlen sind? Wer war \u00fcberhaupt vor mir unter den Philosophen <em>Psycholog<\/em> und nicht vielmehr dessen Gegensatz \u00bbh\u00f6herer Schwindler\u00ab, \u00bbIdealist\u00ab? Es gab vor mir noch gar keine Psychologie. \u2013 Hier der Erste zu sein kann ein Fluch sein, es ist jedenfalls ein Schicksal: <em>denn man verachtet auch als der Erste&#8230;<\/em> Der <em>Ekel<\/em> am Menschen ist meine Gefahr&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<h5 style=\"text-align: justify;\">7<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hat man mich verstanden? \u2013 Was mich abgrenzt, was mich beiseite stellt gegen den ganzen Rest der Menschheit, das ist, die christliche Moral <em>entdeckt<\/em> zu haben. Deshalb war ich eines Worts bed\u00fcrftig, das den Sinn einer Herausforderung an jedermann enth\u00e4lt. Hier nicht eher die Augen aufgemacht zu haben, gilt mir als die gr\u00f6\u00dfte Unsauberkeit, die die Menschheit auf dem Gewissen hat, als Instinkt gewordner Selbstbetrug, als grunds\u00e4tzlicher Wille, jedes Geschehen, jede Urs\u00e4chlichkeit, jede Wirklichkeit <em>nicht<\/em> zu sehen, als Falschm\u00fcnzerei <em>in psychologicis<\/em> bis zum Verbrechen. Die Blindheit vor dem Christentum ist das <em>Verbrechen par excellence \u2013<\/em> das Verbrechen <em>am Leben&#8230;<\/em> Die Jahrtausende, die V\u00f6lker, die Ersten und die Letzten, die Philosophen und die alten Weiber \u2013 f\u00fcnf, sechs Augenblicke der Geschichte abgerechnet, mich als siebenten \u2013 in diesem Punkte sind sie alle einander w\u00fcrdig. Der Christ war bisher <em>das<\/em> \u00bbmoralische Wesen\u00ab, ein Kuriosum ohnegleichen \u2013 und, <em>als<\/em> \u00bbmoralisches Wesen\u00ab, absurder, verlogner, eitler, leichtfertiger, <em>sich selber nachteiliger<\/em> als auch der gr\u00f6\u00dfte Ver\u00e4chter der Menschheit es sich tr\u00e4umen lassen k\u00f6nnte. Die christliche Moral \u2013 die b\u00f6sartigste Form des Willens zur L\u00fcge, die eigentliche Circe der Menschheit: das, was sie <em>verdorben<\/em> hat. Es ist <em>nicht<\/em> der Irrtum als Irrtum, was mich bei diesem Anblick entsetzt, <em>nicht<\/em> der jahrtausendelange Mangel an \u00bbgutem Willen\u00ab, an Zucht, an Anstand, an Tapferkeit im Geistigen, der sich in seinem Sieg verr\u00e4t \u2013 es ist der Mangel an Natur, es ist der vollkommen schauerliche Tatbestand, da\u00df die <em>Widernatur<\/em> selbst als Moral die h\u00f6chsten Ehren empfing und als Gesetz, als kategorischer Imperativ, \u00fcber der Menschheit h\u00e4ngen blieb!&#8230; In diesem Ma\u00dfe sich vergreifen, <em>nicht<\/em> als einzelner, <em>nicht<\/em> als Volk, sondern als Menschheit!&#8230; Da\u00df man die allerersten Instinkte des Lebens verachten lehrte; da\u00df man eine \u00bbSeele\u00ab, einen \u00bbGeist\u00ab <em>erlog,<\/em> um den Leib zuschanden zu machen; da\u00df man in der Voraussetzung des Lebens, in der Geschlechtlichkeit, etwas Unreines empfinden lehrt; da\u00df man in der tiefsten Notwendigkeit zum Gedeihen, in der <em>strengen<\/em> Selbstsucht (\u2013 das Wort schon ist verleumderisch! \u2013) das b\u00f6se Prinzip sucht; da\u00df man umgekehrt in den typischen Abzeichen des Niedergangs und der Instinkt-Widerspr\u00fcchlichkeit, im \u00bbSelbstlosen\u00ab, im Verlust an Schwergewicht, in der \u00bbEntpers\u00f6nlichung\u00ab und \u00bbN\u00e4chstenliebe\u00ab (\u2013 N\u00e4chsten<em>sucht<\/em>!) den <em>h\u00f6heren<\/em> Wert, was sage ich! den <em>Wert an sich<\/em> sieht!&#8230; Wie! w\u00e4re die Menschheit selber in <em>d\u00e9cadence<\/em>? war sie es immer? \u2013 Was feststeht, ist, da\u00df ihr nur D\u00e9cadence-Werte als oberste Werte <em>gelehrt<\/em> worden sind. Die Entselbstungs-Moral ist die Niedergangs-Moral <em>par excellence,<\/em> die Tatsache, \u00bbich gehe zugrunde\u00ab in den Imperativ \u00fcbersetzt: \u00bbihr <em>sollt<\/em> alle zugrunde gehn\u00ab \u2013 und <em>nicht nur<\/em> in den Imperativ!&#8230; Diese einzige Moral, die bisher gelehrt worden ist, die Entselbstungs-Moral, verr\u00e4t einen Willen zum Ende, sie <em>verneint<\/em> im untersten Grunde das Leben. \u2013 Hier bliebe die M\u00f6glichkeit offen, da\u00df nicht die Menschheit in Entartung sei, sondern nur jene parasitische Art Mensch, die des <em>Priesters,<\/em> die mit der Moral sich zu ihren Wert-Bestimmern emporgelogen hat \u2013 die in der christlichen Moral ihr Mittel zur <em>Macht<\/em> erriet&#8230; Und in der Tat, das ist <em>meine<\/em> Einsicht: die Lehrer, die F\u00fchrer der Menschheit, Theologen insgesamt, waren insgesamt auch <em>d\u00e9cadents: daher<\/em> die Umwertung aller Werte ins Lebensfeindliche, <em>daher<\/em> die Moral&#8230; <em>Definition der Moral:<\/em> Moral \u2013 die Idiosynkrasie von<em> d\u00e9cadents,<\/em> mit der Hinterabsicht, <em>sich am Leben zu r\u00e4chen \u2013 und<\/em> mit Erfolg. Ich lege Wert auf <em>diese<\/em> Definition. \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<h5 style=\"text-align: justify;\">8<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2013 Hat man mich verstanden? \u2013 Ich habe eben kein Wort gesagt, das ich nicht schon vor f\u00fcnf Jahren durch den Mund Zarathustras gesagt h\u00e4tte. \u2013 Die <em>Entdeckung<\/em> der christlichen Moral ist ein Ereignis, das nicht seinesgleichen hat, eine wirkliche Katastrophe. Wer \u00fcber sie aufkl\u00e4rt, ist eine <em>force majeure,<\/em> ein Schicksal \u2013 er bricht die Geschichte der Menschheit in zwei St\u00fccke. Man lebt <em>vor<\/em> ihm, man lebt <em>nach<\/em> ihm&#8230; Der Blitz der Wahrheit traf gerade das, was bisher am h\u00f6chsten stand: wer begreift, <em>was<\/em> da vernichtet wurde, mag zusehn, ob er \u00fcberhaupt noch etwas in den H\u00e4nden hat. Alles, was bisher \u00bbWahrheit\u00ab hie\u00df, ist als die sch\u00e4dlichste, t\u00fcckischste, unterirdischste Form der L\u00fcge erkannt; der heilige Vorwand, die Menschheit zu \u00bbverbessern\u00ab, als die List, das Leben selbst <em>auszusaugen,<\/em> blutarm zu machen. Moral als <em>Vampyrismus&#8230;<\/em> Wer die Moral entdeckt, hat den Unwert aller Werte mit entdeckt, an die man glaubt oder geglaubt hat; er sieht in den verehrtesten, in den selbst <em>heilig<\/em> gesprochnen Typen des Menschen nichts Ehrw\u00fcrdiges mehr, er sieht die verh\u00e4ngnisvollste Art von Mi\u00dfgeburten darin, verh\u00e4ngnisvoll, <em>weil sie faszinierten&#8230;<\/em> Der Begriff \u00bbGott\u00ab erfunden als Gegensatz-Begriff zum Leben \u2013 in ihm alles Sch\u00e4dliche, Vergiftende, Verleumderische, die ganze Todfeindschaft gegen das Leben in eine entsetzliche Einheit gebracht! Der Begriff \u00bbJenseits\u00ab, \u00bbwahre Welt\u00ab erfunden, um die <em>einzige<\/em> Welt zu entwerten, die es gibt \u2013 um kein Ziel, keine Vernunft, keine Aufgabe f\u00fcr unsre Erden-Realit\u00e4t \u00fcbrigzubehalten? Der Begriff \u00bbSeele\u00ab, \u00bbGeist\u00ab, zuletzt gar noch \u00bbunsterbliche Seele\u00ab, erfunden, um den Leib zu verachten, um ihn krank \u2013 \u00bbheilig\u00ab \u2013 zu machen, um allen Dingen, die Ernst im Leben verdienen, den Fragen von Nahrung, Wohnung, geistiger Di\u00e4t, Krankenbehandlung, Reinlichkeit, Wetter, einen schauerlichen Leichtsinn entgegenzubringen! Statt der Gesundheit das \u00bbHeil der Seele\u00ab \u2013 will sagen eine <em>folie circulaire<\/em> zwischen Bu\u00dfkrampf und Erl\u00f6sungs-Hysterie! Der Begriff \u00bbS\u00fcnde\u00ab erfunden samt dem zugeh\u00f6rigen Folter-Instrument, dem Begriff \u00bbfreier Wille\u00ab, um die Instinkte zu verwirren, um das Mi\u00dftrauen gegen die Instinkte zur zweiten Natur zu machen! Im Begriff des \u00bbSelbstlosen\u00ab, des \u00bbSich-selbst-Verleugnenden\u00ab das eigentliche <em>d\u00e9cadence<\/em>-Abzeichen, das <em>Gelockt<\/em>werden vom Sch\u00e4dlichen, das Seinen-Nutzen-nicht-mehr-finden- <em>K\u00f6nnen<\/em>\u00ab, die Selbst-Zerst\u00f6rung zum Wertzeichen \u00fcberhaupt gemacht, zur \u00bbPflicht\u00ab, zur \u00bbHeiligkeit\u00ab, zum \u00bbG\u00f6ttlichen\u00ab im Menschen! Endlich \u2013 es ist das Furchtbarste \u2013 im Begriff des <em>guten<\/em> Menschen die Partei alles Schwachen, Kranken, Mi\u00dfratnen, An-sich-selber-Leidenden genommen, alles dessen, <em>was zugrunde gehn soll-,<\/em> das Gesetz der <em>Selektion<\/em> gekreuzt, ein Ideal aus dem Widerspruch gegen den stolzen und wohlgeratenen, gegen den jasagenden, gegen den zukunftsgewissen, zukunftverb\u00fcrgenden Menschen gemacht \u2013 dieser hei\u00dft nunmehr der <em>B\u00f6se&#8230;<\/em> Und das alles wurde geglaubt <em>als Moral! \u2013 Ecrasez l&#8217;inf\u00e2me! \u2013 \u2013<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<h5 style=\"text-align: justify;\">9<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2013 Hat man mich verstanden; \u2013 <em>Dionysos gegen den Gekreuzigten.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<dl id=\"attachment_17303\">\n<dt><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-99342 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Friedrich-Nietzsche-245x300.jpg\" alt=\"\" width=\"245\" height=\"300\" \/>Friedrich Nietzsches Essays sind aufschreckende Br\u00fcche und Diskontinuit\u00e4ten im Sprachlichen, unruhige und gewagte Kombinationen und Schnitte, alchemistische Verbindungen von Kontexten, die man so nicht erwartet h\u00e4tte. Neben dem Zeremonienmeister Lichtenberg (und, so wage ich zu behaupten, Martin Walsers alter ego Me\u00dfmer) ist Nietzsche sicher ein interessanter Vorl\u00e4ufer der Form des &#8211; bei ihm noch wortmechanischen &#8211; Tweet.<\/dt>\n<\/dl>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p>Lesen Sie auch \u201e<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=51602\">Zarathustra \u2022 Revisited<\/a>\u201e. Z\u00e4hlung, Dichtung, Diagramme. Visualisiert von Hartmut Abendschein. Und Thomas N\u00f6ske versucht <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=70592\">mit diesem Essay<\/a> mit Nietzsche fertig zu werden.<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1 Ich kenne mein Los. Es wird sich einmal an meinen Namen die Erinnerung an etwas Ungeheures ankn\u00fcpfen \u2013 an eine Krisis, wie es keine auf Erden gab, an die tiefste Gewissens-Kollision, an eine Entscheidung, heraufbeschworen gegen alles, was bis&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/08\/25\/warum-ich-ein-schicksal-bin\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":93,"featured_media":99342,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[447],"class_list":["post-103282","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-friedrich-nietzsche"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103282","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/93"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=103282"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103282\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":103286,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103282\/revisions\/103286"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99342"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=103282"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=103282"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=103282"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}