{"id":103278,"date":"2004-07-10T17:05:49","date_gmt":"2004-07-10T15:05:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103278"},"modified":"2022-06-06T10:40:22","modified_gmt":"2022-06-06T08:40:22","slug":"berliner-nachlese-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2004\/07\/10\/berliner-nachlese-2\/","title":{"rendered":"Berliner Nachlese"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Vorbemerkung der Redaktion:<\/span> In der Nacht des Reichstagsbrandes wurde Erich M\u00fchsam von Nationalsozialisten verhaftet, und am 10. Juli 1934 wurde er von der SS-Wachmannschaft des KZ Oranienburg ermordet. Mit diesem Text blicken wir durch seine Augen auf die untergegangene Weimarer Republik:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es mag um Mitternacht gewesen sein, da \u00fcberbrachte mir ein Kellner im Caf\u00e9 des Westens eine Visitenkarte; der Herr stehe drau\u00dfen und w\u00fcnsche mich zu sprechen. Ich las den Namen Gustav Meyrink. Das mag Ende 1904 gewesen sein. Meyrinks Geschichten im \u00bbSimplicissimus\u00ab, geheimnisvoll, grotesk, gespenstisch, boshaft, witzig und funkelnd, regten zu jener Zeit die Phantasie der geistig bewegten Jugend m\u00e4chtig an. Man st\u00fcrzte sich \u00fcber jede neue Nummer des M\u00fcnchener Blattes, und stand ein neuer Meyrink drin, so war f\u00fcr etliche Abende Diskussionsstoff vorhanden. \u00bbMeyrink!\u00ab rief ich, die Visitenkarte in der Hand drehend und eilte vor die T\u00fcr, gefolgt von den \u00fcberraschten, neidischen und neugierigen Blicken meiner Freunde. Ihre Neugier wurde nicht befriedigt, denn der Dichter str\u00e4ubte sich, mir ins Caf\u00e9 zu folgen. Unsere erste Begegnung und unser erstes Gespr\u00e4ch wurde an der Ecke Kurf\u00fcrstendamm und Joachimsthaler Stra\u00dfe im fr\u00f6stelnden Nachtwind Ereignis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er komme eben von Prag, erkl\u00e4rte mir Meyrink, und sei im Begriff, in Wien die Redaktion eines Witzblattes zu \u00fcbernehmen, das er auf literarische und k\u00fcnstlerische H\u00f6he heben solle, des \u00bbLieben Augustin\u00ab. In Berlin wolle er geeignete Mitarbeiter werben, und Hugo Salus habe ihm gesagt, er m\u00f6ge sich nur zum Caf\u00e9 des Westens bem\u00fchen und mich fragen: ich sei mit allen bekannt. Auf der Stra\u00dfe wurde nun eine Liste der aufzufordernden Dichter und Maler aufgestellt, ich verpflichtete mich, verschiedene Kandidaten des \u00bbLieben Augustin\u00ab aufzusuchen und am n\u00e4chsten Abend Bericht zu erstatten. So besuchte ich am folgenden Tage Freunde und Bekannte und er\u00f6ffnete ihnen die erfreulichsten Aussichten auf neue Absatzgebiete ihrer Werke. Nur einen der von mir zu Keilenden lernte ich erst bei dieser Gelegenheit kennen. Das war Heinrich Zille.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zille war noch gar nicht ber\u00fchmt, aber wir Modernen liebten und sch\u00e4tzten ihn schon sehr, und Meyrink hatte auf seine Zusage ganz besonderen Wert gelegt. Ich fand ihn in einer Charlottenburger Proletarierwohnung, seine derbe, freundliche Frau mit den Kindern besch\u00e4ftigt, und sein \u00bbMillj\u00f6h\u00ab str\u00f6mte eine behagliche Molligkeit aus, in der keine Spur Atelierluft war. Ich mu\u00dfte eine Tasse Kaffee mittrinken, und Zille, der bis dahin in einem industriellen Betrieb als Lithograph gearbeitet hatte, erz\u00e4hlte, da\u00df er infolge seiner Beteiligung an einem Streik arbeitslos geworden sei und nun sehen m\u00fcsse, von der Kunst zu leben, was ihm durchaus unangenehm zu sein schien. Wir gingen dann zusammen in eine Kneipe, und am Abend konnte ich Meyrink Zilles Bereitwilligkeit zur Mitarbeit am \u00bbLieben Augustin\u00ab mitteilen. Wenn ich mich recht erinnere, brachte die erste Nummer des von Gustav Meyrink geleiteten Blattes auf der ersten Seite das ber\u00fchmt gewordene Bild von Heinrich Zille, das das vor ihren Freundinnen renommierende schwinds\u00fcchtige kleine M\u00e4dchen zeigte: \u00bb\u00c4tsch! Ich kann Blut in den Schnee spucken.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDer liebe Augustin\u00ab erschien mehrere Jahre unter Meyrinks ausgezeichneter Redaktion. Einige hervorragende Karikaturisten fanden von dort aus den Weg ans Licht, unter ihnen Pascin. Mir war die Zeitschriftvon hohem Nutzen, da sie eine Menge Gedichte von mir ver\u00f6ffentlichte und mir die Honorarsendungen oft genug das Weiterkommen auf meinen Wanderfahrten erm\u00f6glichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von irgendwoher mal wieder f\u00fcr ein paar Monate nach Berlin zur\u00fcckgekehrt, fand ich das Caf\u00e9 des Westens baulich ver\u00e4ndert, modernisiert und seiner fr\u00fcheren Gem\u00fctlichkeit einigerma\u00dfen beraubt vor. Der alte K\u00fcnstlerstammtisch beim Eingang war in eine andere Nische gestellt, und seine st\u00e4ndigen Besucher erschienen nur noch sporadisch oder hatten sich verkr\u00fcmelt. Daf\u00fcr waren die marmornen Tischplatten, auf denen Ottomar Begas Wirt und G\u00e4ste in Pastell festgehalten hatte, unter Glas gesetzt worden, und ein \u00d6lbild von Edmund Edel, auf dem Rossius-Rhyn, Hanns Heinz Ewers, ich und ein junges M\u00e4dchen meiner Freundschaft an vergangenen Glanz erinnern sollten, prangte an der Wand. \u00dcber der Telephonzelle aber versch\u00f6nte die Gipsb\u00fcste Wilhelms II. das verj\u00fcngte Lokal und gab zu vielen, dazumals nicht ganz ungef\u00e4hrlichen Witzen Anla\u00df. Auch die Gesellschaft hatte sich gewandelt. Man sa\u00df nicht mehr im Kreise arrivierter Kulturtr\u00e4ger, sondern zwischen zigeunernden Skeptikern und sch\u00f6nheitsdurstigen Lebensstilisten, selbst nicht mehr einer der Allerj\u00fcngsten, und in der zweiten H\u00e4lfte der Zwanziger, von manchen schon als \u00fcberholt bel\u00e4chelt. Gro\u00dfe Mode war der \u00c4sthetizismus, die M\u00fcdigkeit, der Absinth, das Morphium, die Blasiertheit und in Liebesdingen jedwede Anomalie. Das Sinnlose wurde als Sinn des Lebens proklamiert, das Wesenlose als Wesen der Welt. Soziale Empfindungen waren Gegenstand spitzigen Spottes, Mitgef\u00fchl mit Leid und Gebresten war zul\u00e4ssig als W\u00fcrze genie\u00dferischer Selbstbespiegelung. Ich galt als hoffnungsloser Rationalist, meine Anteilnahme an den K\u00e4mpfen und Sorgen der Arbeiterklasse als Verr\u00fccktheit oder Pose. Bleichsucht wurde f\u00fcr Vergeistigung gehalten, und man trug Orchideen als Sinnbild kranker Dekadenz. Wozu hier Namen nennen? Die Mode, die krasse Unnatur als Natur auszugeben, ist l\u00e4ngst vorbei, und die damals die \u00c4therischsten waren, die mit einem Buch von Oscar Wilde unter dem Kopfkissen einschliefen und mit einem von Stefan George unter dem Arm und einer Opiumzigarette im Mund ins Caf\u00e9haus kamen, \u2013 sind l\u00e4ngst beim Film untergekommen oder bewahren in ihrem weiblichen Teil in ehelichen Z\u00fcchten geborene Kinder vor den Versuchungen der b\u00f6sen Welt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein Bed\u00fcrfnis, unter Menschen zu sein, verst\u00e4rkt durch den Umstand, da\u00df die dem \u00c4sthetizismus ergebenen Frauen gro\u00dfenteils \u00fcber viele Reize verf\u00fcgten, mit denen sie, schon aus Gr\u00fcnden der Weltanschauung, nicht geizten, trieb mich Abend f\u00fcr Abend zu den Absinthtischen der schwelgenden Unproduktivit\u00e4t. Aber ich brauchte einen Ausgleich, brauchte gerade auch mit k\u00fcnstlerischen Menschen Umgang, deren Ehrgeiz nicht m\u00fcder Verzicht, sondern lebendige Leistung war. Diesen Umgang fand ich in einem anderen Caf\u00e9haus, da, wo sich nachmittags die Schauspieler einfanden, die K\u00fcnstler, die nicht die Wirklichkeit vertr\u00e4umen, sondern aus Dichtertr\u00e4umen Wirklichkeit machen: im Caf\u00e9 Monopol in der Friedrichstra\u00dfe. Es war die Zeit der prachtvollsten T\u00e4tigkeit Max Reinhardts im Deutschen Theater. Alle seine Mitarbeiter fanden sich, bevor die Auff\u00fchrung begann, im Caf\u00e9 Monopol ein und f\u00fcllten, an vielen Tischen verstreut, mit uns Freunden aus anderen Kunstbezirken und mit B\u00fchnenk\u00fcnstlern aus anderen Instituten \u2013 Max Martersteig, Giampietro, Poldi Deutsch usw. \u2013 den ganzen hinteren Raum des gro\u00dfen Caf\u00e9hauses. Einzelne Herren der Schumannstra\u00dfe waren t\u00e4glich da, so Reinhardts Dramaturgen, Arthur Kahane und Felix Hollaender, und von den Schauspielern Gottowt, Feldhammer, Sidonie Lorm, gew\u00f6hnlich auch Moissi, Wegener, Schildkraut, und die \u00fcbrigen gr\u00f6\u00dferen oder gr\u00f6\u00dften Reinhardt-K\u00fcnstler waren doch wenigstens hin und wieder zu sehen: Gertrud Eysoldt kam und Lucie H\u00f6flich, Tilla Durieux, Adele Sandrock, Diegelmann, Wa\u00dfmann, Biensfeldt, Victor Arnold, K\u00fchne, Steinr\u00fcck und viele andere. Reinhardt selbst habe ich dort, soweit ich mich erinnern kann, nicht getroffen, wohl aber die Direktoren anderer Theater, Victor Barnowsky und die unzertrennlichen Meinhard und Bernauer. Die Dichter kamen, deren Dramen gerade auf dem Spielplan standen, Ossip Dymow, Schalom Asch, und in der kurzen Zeit, als Hermann Bahr bei Reinhardt als Regisseur wirkte, auch Arno Holz, dessen \u00bbSonnenfinsternis\u00ab aufgef\u00fchrt werden sollte, geprobt, monatelang geprobt und endlich vom Spielplan abgesetzt wurde. Angeblich war keine richtige Besetzung der weiblichen Hauptrolle zu erzielen, und die Aufregung \u00fcber diese Frage und noch allerlei Kulissenkonflikte im Zusammenhange mit der \u00bbSonnenfinsternis\u00ab hielt das ganze Caf\u00e9 Monopol in Spannung und teilte sich uns allen mit. Eines Tages aber war ein anderer Konflikt auf der Tagesordnung. Hermann Bahr verlangte vom Wirt, da\u00df er einen Ecktisch des Caf\u00e9s, an dem einmal zu aller Erstaunen kunstfremde Reisende vom Bahnhof Friedrichstra\u00dfe Platz genommen hatten, st\u00e4ndig f\u00fcr uns freihalten solle. Das wurde verweigert. Die Auseinandersetzung nahm spitze Formen an, und so wurde der Boykott beschlossen. Hermann Bahr mit seinem gewaltigen Vollbart an der Spitze, mit ihm Franz Zavrel, ich und ein erheblicher Teil der Beleidigten \u2013 so geschah der Exodus in feierlichem Zuge zwei H\u00e4user weiter, zum Caf\u00e9 Savoy, wo uns willig die beste Ecke als Stammplatz einger\u00e4umt wurde. Ich habe das wichtige Ereignis in einer Nummer der \u00bbB. B. Z. um Mitternacht\u00ab, der allj\u00e4hrlichen Faschingszeitschrift zum B\u00f6sen-Buben-Ball, f\u00fcr die Nachwelt festgehalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Besuche in den verschiedenen Berliner Kulturzentren verteilten sich \u00fcber Jahre und waren immer wieder von Reisen und k\u00fcrzeren oder l\u00e4ngeren Gastspielen an anderen Orten unterbrochen. So wechselten auch die Gestalten, die ich in den Caf\u00e9h\u00e4usern Berlins antraf, und wie aus dem Caf\u00e9 Monopol fand eines Tages aus dem Caf\u00e9 des Westens ein Auszug statt. Teils vertrieben durch die Renovierung des Lokals, teils durch das hysterische Getue der \u00c4stheten, etablierten wir unsere Korona im Caf\u00e9 Sezession. Mein Freundeskreis dort war der literarische Zirkel, der sich um Ren\u00e9 Schickele und Ferdinand Hardekopf gruppierte. Ich denke gern auch an die sch\u00f6nen Nachmittage in der Wohnung Schickeles und seiner famosen Frau, die in Gesellschaft Hardekopfs, des Schauspielers Wlach, des Operns\u00e4ngers Fleischer und der noch sehr jungen, von Geist und Witz spr\u00fchenden Lotte Pritzel oft in ernstem Gespr\u00e4ch, oft in ausgelassener Fr\u00f6hlichkeit verliefen. Von der Zeit her sind mir einige Freunde bis heute geblieben, so Lotte Pritzel selbst, die beiden Schickele und der Maler Ali Hubert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Untreue gegen das Caf\u00e9 des Westens war nicht von Dauer, und als ich einmal wieder in Berlin erschien, fand ich die alten Gef\u00e4hrten alle wieder am alten Ort, den manche, wie der ahasverische John H\u00f6xter und der von Schnaps und Enthusiasmus immer geladene Dichter Rudolf Johannes Schmied, niemals verleugnet hatten. Der Deutsch-Argentinier Schmied war einer der originellsten Kerle, die ich je gekannt habe. Jeder, der mit ihm in Ber\u00fchrung gekommen ist, wei\u00df Dutzende von Anekdoten von ihm zu erz\u00e4hlen, denn die ungeheure Beweglichkeit seines durchaus bedeutenden Geistes schuf aus jeder Begegnung mit ihm von selbst eine Anekdote. Er hat nur zwei kleine B\u00fccher geschrieben, seine Kindheitserlebnisse, und hinter diesen feinen, klugen, zarten und humorvollen Geschichten von Carlos und Nikolas vermutet niemand als Verfasser einen ewig besoffenen, immer gl\u00fccklichen und doch stets seinem Gl\u00fcck mi\u00dftrauenden, die Realit\u00e4t des Lebens aufs tiefste verachtenden K\u00fcnstlermenschen. Sein Gl\u00fcck freilich hatte nichts mit materiellen Dingen zu tun. \u00bbBist du mein Freund?\u00ab fragte er treuherzig, und hatte man es ihm versichert, so erkl\u00e4rte er: \u00bbDann gib mir eine Mark.\u00ab \u2013 \u00bbM\u00fchsam\u00ab, sagte er einmal, \u00bbich wei\u00df nicht, ob du beg\u00fctert bist. Ich besitze zwei Mark. Hast du Geld, so gib mir die Mark zum Taler, hast du keins, so bekommst du eine von mir.\u00ab Schmied war von seiner Genialit\u00e4t absolut \u00fcberzeugt, wenn er sich selbst auch gestattete, sie zu ironisieren. \u00bbIch glaube nicht an Genies\u00ab, sagte gelegentlich ein Tischgenosse. Rudolf Johannes sprang auf und bohrte ihm den Zeigefinger in die Weste: \u00bbWas haben Sie gegen mich?!\u00ab fuhr er ihn an. Die gro\u00dfen Werke der Weltliteratur beurteilte er nach ganz eigenen Gesichtspunkten, nie nach dem k\u00fcnstlerischen Wert, stets aus der Einf\u00fchlung in die Pers\u00f6nlichkeit des Dichters. Er las Dantes Neues Leben, das ihn tagelang ausschlie\u00dflich besch\u00e4ftigte. Pl\u00f6tzlich meinte er: \u00bbAngenommen, da\u00df Beatrice eine bl\u00f6de Gans war, dann ist Dante blamiert, tief blamiert!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am am\u00fcsantesten war es, Rudolf Johannes Schmied in der Gesellschaft des gro\u00dfen Lebensk\u00fcnstlers Friedrich von Schennis zu genie\u00dfen. Schennis betrat das Caf\u00e9 des Westens verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig selten und immer erst in sp\u00e4ter Nachtstunde. Dieser Mann, eine Mischung von Aristokraten, Zigeuner, Anarchisten, K\u00fcnstler, Menschheitsver\u00e4chter, gro\u00dfem Liebenden und Leidenden, wirkte in der Erscheinung, im Benehmen und in der Lebensf\u00fchrung anachronistisch und unwirklich. Aus dem zerrissenen und doch ebenm\u00e4\u00dfig langen Gesicht mit den grauen Haaren und dem d\u00fcnnen grauen Schnurrbart leuchteten gro\u00dfe tiefe blaue Augen; die H\u00e4nde waren \u00fcberm\u00e4\u00dfig lang und schmal, und man sah die Nerven auf den Handr\u00fccken blo\u00dfliegen. Allerdings sah man sie nur selten. In der Regel trug Schennis Zwirnhandschuhe mit Ausschnitten an den Fingerspitzen, so da\u00df die langen, gepflegten Fingern\u00e4gel herausstaken. Die Handschuhe behielt er gew\u00f6hnlich auch beim Trinken an, ebenso behielt er den gelbgrauen runden Hut auf dem Kopf. In der Berliner Nationalgalerie h\u00e4ngt ein Gem\u00e4lde dieses au\u00dferordentlichen Mannes, das der Katalog als \u00bbVerfallener Park\u00ab vermerkt. Schennis konnte kein treffenderes Symbol der eigenen Pers\u00f6nlichkeit w\u00e4hlen. Er schien mir das wandelnde Sinnbild einer l\u00e4ngst gestorbenen Kultur zu sein, er, der bei aller Freiheit von den Vorurteilen seiner Kaste doch ein wenig stolz darauf war, da\u00df in ihm der letzte Spro\u00df eines Adelsgeschlechtes lebe, das \u00e4lter sei als die Habsburger. Es w\u00e4re wenig ausgesagt von Friedrich von Schennis, wollte ich erz\u00e4hlen, wie ich bald mit ihm im Kreise gr\u00f6lender Kutscher, bald unter den anspruchvollsten Geistern Berlins gezecht habe und wie er mit seinen kurzen hohnvollen Bemerkungen mit unfehlbarer Z\u00fcndkraft die Situation glossierte, einen Menschen etikettierte, eine Anzapfung erledigte. Zwischen ihm und Rudolf Johannes Schmied herrschte, da ihre Art des schlagenden bildhaften Ausdrucks ziemlich \u00e4hnlich war, eine leichte, aber von gro\u00dfer gegenseitiger Sympathie gemilderte Rivalit\u00e4t. Schmied litt darunter, da\u00df man ihm nachsagte, er kopiere Schennis. Einmal platzte er damit los: \u00bbDu kopierst mich, Schennis \u2013 nicht umgekehrt!\u00ab Der alte Maler machte seine charakteristische knipsende Handbewegung. \u00bbKalb!\u00ab sagte er nur. \u00bbOchse!\u00ab replizierte Schmied w\u00fctend. Da war Schennis beleidigt. \u00bbOchse?! Ochse?! Das mir?!\u00ab Er schlug sich mit den flachen H\u00e4nden an den Kopf und wollte gehen. Da lenkte der andere bescheiden ein: \u00bbBitte sehr, der Ochse ist die Sehnsucht des Kalbes!\u00ab Die Vers\u00f6hnung war hergestellt und wurde gewaltig begossen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe mit Schennis nicht nur schrankenlos gekneipt, ich habe unverge\u00dfliche Stunden auch in seiner Wohnung am L\u00fctzowplatz verlebt. Da zeigte er mir seine Radierungen und Bilder und die reichen Sch\u00e4tze seiner Sammlungen: M\u00fcnzen, Gobelins, Miniaturen. In jedem St\u00fcck lebte die Z\u00e4rtlichkeit des Sammlers, und von jedem St\u00fcck erz\u00e4hlte er, seine Worte mit den ihm eigenen flatternden und doch starken Gesten begleitend, mit der Liebe, die sonst lebenden Wesen geh\u00f6rt. Sp\u00e4ter zog Schennis um, und ich kam in sein neues Atelier im Tiergartenviertel, als er noch kaum fertig eingerichtet war. Da traf ich ihn bei einer sonderbaren Besch\u00e4ftigung. Er \u00fcbte von einem Stuhl aus, seinen runden Hut auf eine etwa zwei Meter entfernte Ottomane zu werfen, und erkl\u00e4rte mir v\u00f6llig ernsthaft, er sei es so gewohnt gewesen in der alten Wohnung Und m\u00fcsse sich jetzt auf die neue Entfernung umstellen. Ich kann nicht beurteilen, wie hoch die Gem\u00e4lde und Radierungen des K\u00fcnstlers zu bewerten sind. Aber ich wei\u00df, da\u00df Friedrich von Schennis als Mensch ein K\u00fcnstler von allerh\u00f6chsten Graden war und als k\u00fcnstlerische Gestalt die Elemente des G\u00f6sta Berling, des Crampton und wohl auch eines wahrheitliebenden M\u00fcnchhausen in sich vereinigte, ein Mensch von Geist und Feuer, voll Liebe und Leid und voll versch\u00fcttetem Tatendrang.<\/p>\n<p class=\"rez\" style=\"margin: 0cm; margin-bottom: .0001pt; text-align: justify; line-height: 15.0pt;\"><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Verdana',sans-serif;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-98331\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/ErichMu\u0308hsam.jpg\" alt=\"\" width=\"239\" height=\"256\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/ErichMu\u0308hsam.jpg 239w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/ErichMu\u0308hsam-160x171.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 239px) 100vw, 239px\" \/>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir begreifen die Gattung des Essays auf KUNO als eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Versuchsanordnung<\/a>, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Weitere Informationen \u00fcber Erich M\u00fchsam finden Sie <a href=\"http:\/\/www.muehsam.de\/appl\/index.php\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorbemerkung der Redaktion: In der Nacht des Reichstagsbrandes wurde Erich M\u00fchsam von Nationalsozialisten verhaftet, und am 10. 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