{"id":103275,"date":"2003-04-01T17:01:22","date_gmt":"2003-04-01T15:01:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103275"},"modified":"2022-06-06T13:29:59","modified_gmt":"2022-06-06T11:29:59","slug":"wiener-episode","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/04\/01\/wiener-episode\/","title":{"rendered":"Wiener Episode"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wien ist eine herrliche Stadt; Wien ist eine Stadt, in der ich es nicht lange aushielte. Vielleicht hat sich in den zweiundzwanzig Jahren, seit ich Wien sah, geno\u00df, erlebte, an Wien mitwirkte, mancherlei ge\u00e4ndert; im Jahre 1906 hatte ich nicht den Eindruck, als ob sich an der spezifischen Atmosph\u00e4re des Wienertums, soweit es sich den sozialen N\u00f6ten und K\u00e4mpfen der Misera Plebs entr\u00fcckt d\u00fcnkt, schon jemals etwas ge\u00e4ndert h\u00e4tte, jemals sich etwas \u00e4ndern k\u00f6nnte. Das ganze Wien kam mir vor wie eine Theaterangelegenheit, die sehr geschmackvolle Darstellung eines putzigen Lebensbildes, voll genie\u00dferischer Kultur, voll k\u00fcnstlerischen Stils, voll Leichtsinn, Erotik, altmodischer Courtoisie, spiritualistischer Klatscherei, streits\u00fcchtiger Intellektualit\u00e4t, Intrige, Ironie, Witz, Betulichkeit, Wichtignehmerei aller Bagatellen, Freude am Besonderen, Freude an der Sch\u00f6nheit, Freude an der Neuheit, Freude an der Clique, Freude an Wien und jeglichem Wienertum. Ich hatte das Gef\u00fchl, hier lebt eine Familie, die riesig nett ist, wenn man auf Besuch zu ihr kommt, die aber unausgesetzt nur Familiengespr\u00e4che f\u00fchrt, Gespr\u00e4che, die die genaue Kenntnis aller Verwandtschaftsverzweigungen zwischen den Personen und den Kl\u00fcngeln Wiens voraussetzen und \u00fcberdies in einer dem Fremdling ganz unverst\u00e4ndlichen Ausdrucksweise gef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur zweimal je zwei Monate wohnte ich in Wien, im <a id=\"page117\" title=\"DaoH\/woldemar\" name=\"page117\"><\/a> April und im Mai und im November und im Dezember 1906, beide Male engagiert, um dem alln\u00e4chtlichen Am\u00fcsementbed\u00fcrfnis eines zahlungsf\u00e4higen Publikums durch den Vortrag humoristischer und satirischer Verse Nahrung zu geben. Das erstemal war ich Mitglied des Kabaretts \u00bbNachtlicht\u00ab, das sein Ensemble zum gro\u00dfen Teil aus den Kr\u00e4ften des inzwischen entschlafenen Vorbilds aller deutschen Kabarette, der \u00bbElf Scharfrichter\u00ab, zusammensetzte. M. (die Abk\u00fcrzung hie\u00df fr\u00fcher Monsieur, sp\u00e4ter Marc) Henry leitete mit gro\u00dfem Geschick das Unternehmen, indem er als Conf\u00e9rencier in einem au\u00dferordentlich gepflegten gebrochenen Deutsch jeden von uns den G\u00e4sten vorstellte, sie milde auf unsere Eigenheiten vorbereitete und beispielsweise von mir, da ich mit brennender Zigarre auf dem Podium zu stehen pflegte, versicherte: \u00bbEr ist das Prototypus von einer Berliner Bohemien; er kann rauchen, wie wenn nichts w\u00e4re.\u00ab Ausgezeichnet war M. Henry in seinen eigenen franz\u00f6sischen Vortr\u00e4gen und Chansons. Neben ihm wirkte die hervorragende Brettlk\u00fcnstlerin Marya Delvard, wirkte durch ihre \u00fcbergro\u00dfe, \u00fcberschlanke Linie, durch ihr eindrucksvolles Organ, durch ihre stilisierten Gesten und ihren eindringlichen Vortrag. Sie war n\u00e4chst Frank und Donald Wedekind der beste Interpret der Wedekindschen Lieder und B\u00e4nkels\u00e4nge. Menschlich n\u00e4her als Henry und die Delvard, die als Direktorenpaar nicht ganz frei waren von Prinzipalanspr\u00fcchen, stand mir der Kapellmeister des Kabaretts, Richard Weinh\u00f6ppel, der hier wieder seinen Scharfrichternamen Hannes Ruch f\u00fchrte. Ich hatte und habe noch jetzt eine tiefe Verehrung f\u00fcr diesen bedeutenden K\u00fcnstler, dessen lyrische Liederkompositionen, da ich nicht sachkundig bin, meiner Kritik entzogen sind, nicht aber meinem laienhaften Empfinden, dem sie wundersch\u00f6n und von so <a id=\"page118\" title=\"DaoH\/gary\" name=\"page118\"><\/a> reiner Klarheit scheinen wie der Geist ihres Sch\u00f6pfers, des intimsten Freundes Frank Wedekinds. In meinem Arbeitszimmer h\u00e4ngt eine ausgezeichnete Karikatur Weinh\u00f6ppels, wie er mit ausgebreiteten Armen und erhobenem Taktstock, offenen Mundes den Text mitkeuchend, eines seiner Lieder dirigiert. Nervosit\u00e4t und Begeisterung, die bei unserem Kapellmeister st\u00e4ndig in etwas komischer Konkurrenz im Widerstreit lagen, sind in dieser Bleistiftskizze vorz\u00fcglich herausgeholt; ich nahm sie dem Maler Karl Hollitzer unter den Fingern weg, der damals ebenfalls im \u00bbNachtlicht\u00ab auftrat, wo er mit kr\u00e4ftiger Ba\u00dfstimme mit Trommelbegleitung alte Landsknechtlieder sang.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dichterkollegen, die, wie ich, aus eigenen Werken vortrugen, gab es in dem Lokal hinter dem Stephansdom noch drei: Roda Roda, den Wiener Lyriker Hans Adler und Felix D\u00f6rmann. Den kannte ich noch von Berlin her aus der Zeit, als er die dekadente Richtung kreierte und seine Liebeserkl\u00e4rungen den hektischen Narzissen widmete und allem, \u00bbwas welk ist und krank\u00ab. Jetzt bedichtete er bereits die \u00bbsch\u00e4umenden Ekstasen\u00ab, die seine Liebste zu entflammen wu\u00dfte, ungeachtet seines Wissens, \u00bbda\u00df meiner Liebsten Liebe verk\u00e4uflich ist\u00ab; er befand sich also gerade mitten auf dem Wege zu seiner Bestimmung als Operettenlibrettist. Von den vielerlei Verwirrungen, Verwicklungen, Rank\u00fcnen, Kabalen und Gef\u00fchlsexplosionen im K\u00fcnstlerzimmer und den Garderober\u00e4umen hinter dem Kabarett soll hier keine Chronik niedergelegt werden. Sie unterschieden sich von \u00e4hnlichen Erscheinungen hinter allen Kulissen nur durch die gr\u00f6\u00dfere Temperamenthaftigkeit der beteiligten Damen, durch ihre H\u00e4ufung zu tages\u00fcblichen Programmnummern und durch das besondere Wiener Kolorit, das aus dem Liebesgram zweier Menschen die Sensation <a id=\"page119\" title=\"DaoH\/gary\" name=\"page119\"><\/a> mehrerer Caf\u00e9h\u00e4user und aus dem Krach zweier anderer die Todfeindschaft von Dutzenden macht. \u00dcbrigens wird wohl einmal mein Nachla\u00dfordner einen Sketch ans Licht f\u00f6rdern, der in gemeinsamer vergn\u00fcglicher Arbeit mit Egon Friedell entstanden ist und die dunklen Hintergr\u00fcnde des Nachtlichts in bengalische Beleuchtung r\u00fcckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Friedell geh\u00f6rte zum st\u00e4ndigen Geselligkeitskreis des damals schon in Wien sehr gef\u00fcrchteten Herausgebers der \u00bbFackel\u00ab, Karl Kraus, der mit seinem ganzen Anhang fast regelm\u00e4\u00dfiger Besucher im \u00bbNachtlicht\u00ab war. Daraus ergab sich f\u00fcr mich von selbst die Wahl des Kl\u00fcngels, in dem ich mich w\u00e4hrend meiner beiden Wiener Gastspiele ausschlie\u00dflich bewegte. Diese Ausschlie\u00dflichkeit war durch die Gepflogenheiten der Wiener Intelligenz geboten; es w\u00e4re schwerlich m\u00f6glich gewesen, sich verschiedenen der Literatenkreise einzugliedern, die in ihren Stammcaf\u00e9s wie in feindlichen Burgen sa\u00dfen und deren jeder in esoterischer Eifersucht z\u00e4hnefletschend \u00fcber seiner Weltbedeutung wachte. Wahrscheinlich h\u00e4tte ich auch in Wien keinen mir genehmeren und ad\u00e4quateren Kreis finden k\u00f6nnen als den Krausschen, in dem es doch auch noch andere Gegenst\u00e4nde zu er\u00f6rtern gab als immer nur Literatur, Theater und Stadtklatsch, und in dem \u00fcberdies auch t\u00e4glich die interessanteste und originellste Gestalt zu sehen war, die das geistige Wien besa\u00df: Peter Altenberg. Immerhin dankte ich es vielleicht nur einem Zufall, in diesen Zirkel verschlagen zu werden. Als ich n\u00e4mlich in Wien eintraf, begegnete mir auf dem Wege zum Hotel der mir von M\u00fcnchen schon bekannte Alfred Kubin, der eben im Begriff war, seine Vaterstadt zu verlassen. Wir setzten uns zusammen in ein Lokal, wo mir der Gespenstermaler erkl\u00e4rte, es werde mir schwer werden, in Wien zurechtzukommen, da ich <a id=\"page120\" title=\"r_a_5\/gary\" name=\"page120\"><\/a> noch \u00bbkein Wort \u00d6sterreichisch\u00ab verst\u00e4nde. Ich habe erst sp\u00e4ter begriffen, wie recht er hatte. Ohne Kubins Abreise h\u00e4tte ich mich jedenfalls unter seine Fittiche begeben, und meine unpolitischen Erinnerungen aus Wien \u2013 der einzigen Station meiner Fahrten \u00fcbrigens, die mir nur unpolitische Erinnerungen hinterlassen hat \u2013 w\u00e4ren vermutlich durch ein ganz anderes Personenverzeichnis gekennzeichnet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Gesellschaft, die mich nun au\u00dferhalb meiner Berufspflicht in ihre Mitte aufnahm, war Karl Kraus unbestritten die zentrale Figur. Eine Pers\u00f6nlichkeit von bedeutendem Format, ein geistreicher, witziger, lebenskluger und von hoher sozialer Ethik geleiteter Mensch, seine Wiener Umwelt mit sarkastischer Kritik durchschauend und mit meisterlicher publizistischer Begabung verh\u00f6hnend. Meine Wertsch\u00e4tzung dieser Pers\u00f6nlichkeit ist sehr hoch, sie ist nicht vermindert worden durch recht ruppige Polemiken, die in der \u00bbFackel\u00ab gegen mich gerichtet waren, und wird nicht zu vermindern sein, wenn vielleicht diese S\u00e4tze Kraus zu neuen Ausbr\u00fcchen pamphletistischer Leidenschaft erregen sollten. Damit mu\u00df ich deswegen rechnen, weil meine Freude an seinem K\u00f6nnen und an seinem Temperament zwar gro\u00df und voll bewundernder Anerkennung ist, aber doch, wie ich ehrlicherweise zugebe, nicht an das Ma\u00df anhimmelnder Begeisterung heranreicht, das Kraus glaubt von jedem seiner Freunde in Anspruch nehmen zu d\u00fcrfen. F\u00fcr das unvergleichliche Genie, das man in Wien aus ihm gemacht hat, halte ich Kraus nicht, aber ich gebe zu, da\u00df es seiner eigenen \u00dcberzeugung von seiner Genialit\u00e4t und seiner mit Galle und hei\u00dfer Lauge getr\u00e4nkten Feder zu danken ist, da\u00df man es aus ihm machen konnte. Karl Kraus, Wiener in all seinen menschlichen und k\u00fcnstlerischen Z\u00fcgen, in seinem Sehen, F\u00fchlen, Denken, H\u00f6ren <a id=\"page121\" title=\"r_a_5\/gary\" name=\"page121\"><\/a> und Reagieren auf Freundschaft und Feindschaft, Kritik und Schmeichelei, nahm den Kampf auf gegen Wien, gegen das weichliche, geschw\u00e4tzige, parf\u00fcmierte und geistig schildb\u00fcrgerliche Wien, ohne recht zu erkennen, wie sehr er selbst mit allen Wurzeln seines Wesens in dem Wiener Boden feststeckte, den er umgraben wollte. So mi\u00dflang ihm die Alternative seines Kampfes, und aus der gewollten Fragestellung: F\u00fcr Ring und Graben oder f\u00fcr Welt und Menschheit? wurde das echte Wiener Dilemma: F\u00fcr Wien und sein Spie\u00dfertum \u2013 oder f\u00fcr Karl Kraus und seine \u00bbFackel\u00ab? Daraus aber ergab sich f\u00fcr Kraus und seinen Verehrerkreis eine Neueinteilung der Menschheit in solche, die dem Herausgeber der \u00bbFackel\u00ab das Pr\u00e4dikat des Genies zuerkannten, und solche, die es nicht taten. Bei der ungew\u00f6hnlich ausgebildeten F\u00e4higkeit, einen Gegner in der Polemik f\u00fcrchterlich und erbarmungsw\u00fcrdig zuzurichten, vermochte Kraus einen gro\u00dfen Teil fr\u00fcherer Skeptiker von seiner in aller Geschichte beispiellosen Genialit\u00e4t zu \u00fcberzeugen, w\u00e4hrend doch gesagt werden mu\u00df, da\u00df, wiewohl Kraus als geistige Potenz auf einen hohen Platz geh\u00f6rt, diese hyperbolische Einsch\u00e4tzung nur unter Wiener Ma\u00dfst\u00e4ben zul\u00e4ssig sein kann. Aber Wiener Ma\u00dfst\u00e4be sind es auch, die den tapferen Ankl\u00e4ger und Aufst\u00f6berer stinkender gesellschaftlicher Korruptionsherde zu einem kleinen und bedeutungslosen Kl\u00e4ffer herabkritisieren wollen. Wien ist eine Welt f\u00fcr sich, deren Horizont eng ist; Kraus lebt in dieser Welt und sieht nicht weit \u00fcber ihre Stadtmauern. Aber in der Kriegszeit ist es ihm doch gelungen, sich in diesen Mauern Bilder spiegeln zu lassen, in denen sich das Schicksal einer ganzen Generation malte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich erfuhr bei meinem Umgang mit Kraus und seinen Mitarbeitern und Begleitern mehr Toleranz als andere. <a id=\"page122\" title=\"Samuel\/gary\" name=\"page122\"><\/a> Da meine Urteile nicht aus Wiener Einfl\u00fcssen und Eindr\u00fccken kamen, wurden sie auch dann respektiert, wenn sie sonst mit der Strafe des \u00bbAbschaffens\u00ab geahndet worden w\u00e4ren. Sollte jemand wegen mi\u00dfliebigen Verhaltens, peinlicher Auffassungen oder Trottelhaftigkeit im Umgang \u00bbabgeschafft\u00ab werden, so geschah es in der Weise, da\u00df der im Caf\u00e9haus oder im L\u00f6wenbr\u00e4u, wo wir abends in gr\u00f6\u00dferer Gesellschaft zu essen pflegten, so lange geschnitten oder auch direkt ange\u00f6det wurde, bis er merkte, da\u00df er unerw\u00fcnscht sei und verschwand. Mir aber wurde es nachgesehen, da\u00df ich weder auf Schnitzler noch auf Bahr mitschimpfte und sogar, da\u00df ich mit Harden und Kerr, die untereinander ungef\u00e4hr ebenso angenehme Beziehungen unterhielten wie Kraus zu jedem von ihnen, in pers\u00f6nlich und sachlich durchaus freundlichem Verkehr stand. Was es hie\u00df, gleichzeitig mit Harden, Kerr und Kraus gut zu stehen, ohne das vor einem der drei geheimzuhalten, wird jeder ermessen k\u00f6nnen, der einmal den Dreckschleuderkampf zwischen feindlichen Literaten als Zuschauer verfolgt hat. Mit Kraus kam ich erst zwei Jahre nach meinem Wiener Aufenthalt auseinander, als ich mich in der Eulenburg-Aff\u00e4re auf die Seite Hardens stellte und ihn in einer sackgroben Polemik gegen Angriffe in der \u00bbFackel\u00ab verteidigte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die einzige Pers\u00f6nlichkeit, die in jenem Kreise vollst\u00e4ndig den eigenen Charakter wahrte, ohne sich von Lob oder Tadel, Strenge oder Milde der zentralen Figur beeinflussen zu lassen, war Peter Altenberg. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnte ich jetzt, wie jeder gelegentliche Wienreisende und Weinreisende, haufenweise Peter-Anekdoten hier aneinanderreihen. Doch nehme ich an, da\u00df Egon Friedell, der n\u00e4chste Freund des Dichters, der gescheite, verst\u00e4ndnisvolle und von Liebe und Respekt gez\u00fcgelte <a id=\"page123\" title=\"Samuel\/gary\" name=\"page123\"><\/a> Sammler von Altenberg-Geschichten, der komischen Seite des merkw\u00fcrdigen Kleinkram-Romantikers schon so viel Verbreitung geschaffen hat, da\u00df sich eine Vermehrung um zuf\u00e4llig in meiner Anwesenheit erfolgte Emanationen seiner Bizarrerien er\u00fcbrigt. Ich war mehrfach Zeuge seiner ber\u00fchmten Tobsuchtsanf\u00e4lle, wie sie einer der Freunde Altenbergs, ein Angeh\u00f6riger auch meines Wiener Bekanntenkreises, der Maler Gustav Jagersbacher, in einigen ausgezeichneten Graphiken festgehalten hat, ich habe viele \u00fcberaus lustige Situationen miterlebt, in denen sich der kaufm\u00e4nnisch gekl\u00e4rte Vagabundengeist Peter Altenberg manifestierte \u2013 aber viel lieber hole ich die Unterhaltungen mit ihm aus dem Ged\u00e4chtnis, die seine fabelhafte F\u00e4higkeit enth\u00fcllten, aus den Details des t\u00e4glichen Lebens den ewigen Kern des Wesenhaften auszusch\u00e4len. Als nicht lange nach meinem Wiener Aufenthalt eine Auswahl aus seinen B\u00fcchern erschien, schrieb ich einen Artikel \u00fcber Peter Altenberg, in dem ich den Dichter und den Vorl\u00e4ufer einer literarischen Stilkunst gegen den Lieferanten von Unterhaltungsmaterial f\u00fcr Herrenabende abzugrenzen suchte. Peter schrieb mir eine von Gl\u00fcck str\u00f6mende Postkarte, und ich erfuhr dann, da\u00df er meine Verteidigung st\u00e4ndig bei sich trage und sich damit gegen Aufdringlichkeiten leutseliger Anekdoten-Provokateure wehre. Gewi\u00df denke ich mit Schmunzeln an den sonderbaren Kerl mit der m\u00e4chtigen Glatze, dem r\u00f6tlichen Robbenbart und dem gro\u00dfkarierten Mantel, der in der Raserei seines Zornes nicht minder grotesk wirkte als in der \u00dcberschwenglichkeit seiner Begeisterung. Aber die Wiener scheinen nie gewu\u00dft zu haben, wie dieser Wiener Dichter mehr als irgendeiner in seinem Werk das Wertvollste der Wiener Eigenart aussch\u00f6pft. Er machte, schrieb ich nach seinem Tode \u00bbin einer hingeworfenen Bemerkung die Banalit\u00e4t <a id=\"page124\" title=\"Samuel\/gary\" name=\"page124\"><\/a> selbst zum lyrischen Ereignis. Er philosophierte in drei S\u00e4tzen in die Benutzung der Zahnb\u00fcrste eine Weltanschauung hinein. Er war der konkreteste Denker, der je in deutscher Sprache geschrieben hat. Alles Typische galt f\u00fcr ihn nicht, da es abstrakt war. Nie hat er das Lob der Frau schlechthin gesungen, immer nur das der besonderen Frau. Wenn er von Sch\u00f6nheit sprach, war es die Sch\u00f6nheit seiner zeitlichen Geliebten\u00ab. Und diese Konkretheit, glaube ich, ist das Merkmal Wiens, in seinen Vorz\u00fcgen und seinen M\u00e4ngeln. Das Wienerische, das ist die Abwesenheit der Abstraktionen, es ist das Sinnhafte und damit auch das Beschr\u00e4nkte, und es geht eine gerade Linie von der Denkweise Peter Altenbergs \u00fcber den Kampf Karl Kraus&#8216; und die Kritik Alfred Polgars bis zur Konkretisierung der Seelen durch den Wiener Sigmund Freud.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein erstes Wiener Kabarett-Engagement mu\u00dfte ich vorzeitig abbrechen, zum Gl\u00fcck blo\u00df zwei Tage vor seinem nat\u00fcrlichen Ablauf. Mein Nachtlicht-Chef Henry, in Rage gebracht durch eine Anrempelung in der \u00bbFackel\u00ab, nahm an deren Herausgeber brachiale Rache. Ich sa\u00df mit Karl Kraus in einem Weinlokal, als die Kollegen vom Kabarett erschienen und an einem anderen Tisch Platz nahmen. Pl\u00f6tzlich st\u00fcrzte sich Henry auf Kraus, den er buchst\u00e4blich bis zur Bewu\u00dftlosigkeit verpr\u00fcgelte; es war h\u00f6chst widerw\u00e4rtig und roh. Ich lag, in dem Drange, Frieden zu stiften, beiseite geschoben, mit verstauchtem Finger, zerbrochenem Kneifer und zerfetztem Engagementsvertrag in einer Ecke am Boden, w\u00e4hrend Peter Altenberg seufzend zwischen den verwaisten und derangierten Tischen umherirrte und mit den Worten \u00bbIch bin verzweifelt\u00ab von Freund und Feind die Sektreste austrank.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich im Herbst wiederkam, mu\u00dfte ich in demselben Weinrestaurant meine Brettlk\u00fcnste zeigen, in dem das <a id=\"page125\" title=\"Samuel\/gary\" name=\"page125\"><\/a> erste Wiener Gastspiel so rabiat geendet hatte. Das Kabarett, das mich hierher engagiert hatte, hie\u00df \u00bbSimplicissimus\u00ab, sein Direktor war derselbe Josef Vall\u00e9, der schon in M\u00fcnchen mit seinen \u00bbSieben Tantenm\u00f6rdern\u00ab die \u00bbElf Scharfrichter\u00ab abgel\u00f6st hatte, und unsere Diva war die sch\u00f6ne junge Mary Irber, Frank Wedekinds \u00bbVenus Duplex Amathusia\u00ab, die mir noch bei verschiedenen sp\u00e4teren Kabarettgastspielen eine liebe, stets freundschaftlich gesinnte Kollegin gewesen ist. \u2013 Sonst umschlo\u00df mich im Herbst 1906 derselbe Menschenkreis wie im Fr\u00fchling, und seitdem habe ich Wien nicht wiedergesehen. Denn als ich 1925 hin wollte, da durfte ich nicht \u00fcber die Passauer Grenze. Aber davon reden, hie\u00dfe andere Grenzen \u00fcberschreiten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-98331\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/ErichMu\u0308hsam.jpg\" alt=\"\" width=\"239\" height=\"256\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/ErichMu\u0308hsam.jpg 239w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/ErichMu\u0308hsam-160x171.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 239px) 100vw, 239px\" \/>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir begreifen die Gattung des Essays auf KUNO als eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Versuchsanordnung<\/a>, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Weitere Informationen \u00fcber Erich M\u00fchsam finden Sie <a href=\"http:\/\/www.muehsam.de\/appl\/index.php\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Wien ist eine herrliche Stadt; Wien ist eine Stadt, in der ich es nicht lange aushielte. 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