{"id":103272,"date":"2003-01-22T00:21:29","date_gmt":"2003-01-21T23:21:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103272"},"modified":"2022-05-29T16:25:33","modified_gmt":"2022-05-29T14:25:33","slug":"die-baeume-unter-sich","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/01\/22\/die-baeume-unter-sich\/","title":{"rendered":"Die B\u00e4ume unter sich"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich vertraue meinen dichterischen Einf\u00e4llen und frage nicht, warum ich immer wieder \u00fcber die Pflanzen auf unserer Welt dichten mu\u00df. Heute fr\u00fch belauschte ich ein Gespr\u00e4ch, das die B\u00e4ume lebhaft miteinander vor meinem Fenster f\u00fchrten. Seitdem nehme ich an, da\u00df es sich, wie bei den Menschen und Tieren, auch bei den Pflanzen um eine pers\u00f6nliche bewu\u00dfte Blutverwandtschaft handelt. Denn die beh\u00e4bige Linde erinnerte mit gro\u00dfer Besorgnis die kleine schlanke Linde, sich grade zu halten: \u00bbHalt dich grade!\u00ab Derartiges Interesse pflegt nur eine Mutter f\u00fcr ihr Kind an den Tag zu legen. Mir fiel es schon einige Male schleierhaft, noch im Nebel der Sinne, auf, wie sich die Arm\u00e4ste der Mutter Linde besorgt zur Tochter herabbogen, und ich h\u00f6rte den \u00fcppig belaubten Mutterbaum sie vernehmbar ermahnen; und auch ich mu\u00df mit Bedauern feststellen, der Stamm der jugendlichen Linde neigt zum schiefen Wachstum. Hingegen die gebr\u00e4unten Leiber des Kastanien- und Hollunderbaums sich strecken beim Hellwerden der Erde t\u00e4glich kerzengrade in die H\u00f6he! Mit begreiflichem Neid beobachtete die Lindin die beiden gleichaltrigen Freunde ihrer Tochter, \u00fcber deren Vertr\u00e4umtheit k\u00f6nnte sie gelb werden!! Aber noch an der Nabelwurzel gebunden, sehnte die sich schon im zartesten Keim, dr\u00e4ngend im Erdreich, in die Seligkeit des Himmels zu wachsen. Und so kam es, da sich ihr Leben nur in des Markes innerstem Herzen abspielte, unbek\u00fcmmert aller \u00c4u\u00dferlichkeiten, ihr k\u00f6rperlicher Schaden drohte, zu erleiden. B\u00e4ume, \u00fcberhaupt jede Pflanze besitzt ein wirklich pochendes Herz, das das Blut durch die Zellen treibt, durch die allerkleinste ihres Blattes. Fr\u00fcchte verm\u00f6gen zu err\u00f6ten, und namentlich der Herzkirsche spielt die Liebe das Blut in die Wangen. Pflanzen besitzen wirkliche Herzen, manche heilig blutend am Morgen, wie es bei der jungen Linde der Fall ist. Die liebe ich, wie eine Lieblingsgef\u00e4hrtin, was eigentlich nicht zu dieser Geschichte \u00bbDie B\u00e4ume unter sich\u00ab geh\u00f6rt. Aber ich nehme pers\u00f6nlichen Anteil am Geschick des weichvertr\u00e4umten Baumes. Unter viel, viel Nachsinnen und Kopfzerbrechen und Demut vernachl\u00e4ssigt die sanfte Heilige ihre Gestalt. Und doch bemerkte ich in der D\u00e4mmerung um ihrer B\u00e4umlichkeit einen silbernen Schein, der Auserw\u00e4hlten reiner Seele Strahl, dessen Funke zu Gott steigt. Ich wu\u00dfte es, sie hatte einmal einen Engel gesehen, der sie segnete. Immer rauscht sie inbr\u00fcnstig, auch dann, wenn der drohende Westen wetternd in die Junistille einbricht. Die anderen B\u00e4ume hingegen scheinen kaum einen Wechsel der Luft zu bemerken, sie lassen sich wenigstens im Spiel nicht st\u00f6ren, sieben grade sein, soviel Sch\u00f6pfungstage es geben; die zu nennen in allerlei Betonungen: ihr t\u00e4gliches Gaukelspiel. Wie ein Schwarm von Faltern umschweben schlie\u00dflich der Montag und der Dienstag, der Mittwoch, der gr\u00fcne Donnerstag, der schimmernde Freitag und Samstag und der stille Sonntag die lachenden kindlichen B\u00e4ume. Sie begn\u00fcgen sich mit der Sch\u00f6nheit des Bodens, darin sie sicher stehen und sich erf\u00fcllen; plaudern mit dem umgegrabenen Gartenhof und seines Beetes Stiefm\u00fctterchen und Vergi\u00dfmeinnicht, blauen und rosafarbenen. Wenn die Ziege nebenan aus dem Stall meckert, jauchzen die B\u00e4ume und alle Blumen und Halme. Schon die Urblatteltern am\u00fcsierten sich im Paradiese \u00fcber das herzhafte Knattern der B\u00f6cke. Der liebe junge Gott neckte sie oft mit einem langen langen Zittergras, das kam so pl\u00f6tzlich aus den Wolken herunter. Das Gegackel der H\u00fchner jedoch mi\u00dfachteten schon Adam und Eva und es macht namentlich auch die Lindenmutter nerv\u00f6s. Sie atmet dann ungeduldig auf, beschlie\u00dft das Spiel, fr\u00fchzeitiger Feierabend, und erkl\u00e4rt mit wohllautender Stimme: \u00bbSonntag!\u00ab Und es ist kein Vogel, der etwa da noch gezwitschert h\u00e4tte. Ein von Anfang der Welt erhaltenes Unterhaltungsspiel, das Aufz\u00e4hlen der sieben Sch\u00f6pfungstage; bunt in den L\u00fcften, stark auf dem Erdreich erhalten, hell \u00fcber den Wassern und hold unterm Himmel lebt es nur im Spielprogramm der B\u00e4ume noch. Und wissen eigentlich nichts von der \u00bbZeit\u00ab, tragen sie nicht zwischen zwei Deckeln, kontrollierend im faserigen Spalt ihrer Rinde Cheviot. Daf\u00fcr aber lassen sie die Ewigkeit ticken unter ihren St\u00e4mmen. Wenn der liebe Gott neue Sterne \u00fcber den Himmelsteppich streut und seine spielende ewige Hand davon eine Anzahl verwischt, entsteht der Komet mit seiner goldgesprenkelten Pfauenschleppe. Durch die Wunderposaune des Ostens wird er zun\u00e4chst den B\u00e4umen unter den Pflanzen fr\u00fchzeitig angek\u00fcndigt. Es beginnt in ihren Kronen unb\u00e4ndig zu st\u00fcrmen: Der Messias kommt, mit seiner Sch\u00f6nheit ihre Herzen zu erquicken! Und sie tun sich alle auf einmal zusammen, bilden eine gr\u00fcne Gemeinde; ja, die entwurzeln sich im Frohlocken ihres Gl\u00fccks sogar; wir Menschen bemerken es nur nicht, denn die Erwartung des herrlichen Sterns h\u00e4lt sie gespannt im Erdboden fest. Ich kann die Welt t\u00e4glich mehr fassen; wie der Baum, wie die Blume und alle Pflanzen sie fa\u00dften vom ersten Korn des S\u00e4ens an. Wer kennt einen Baum, der Philosoph ist, oder eine Tanne, die sich eine Weltanschauung aus ihrem Holze zimmerte? Was hat der Baum oder gar die Rose eine Weltanschauung n\u00f6tig? Sie lassen sich feierlichst von der Welt anschauen, die betrachtet sie stolz in aller Gem\u00fctsruhe als ihre Kindeskinderkinderkinderkinderkinder bl\u00fchendes Erbgut in Wohlgefallen. Die sollten mal wagen, in Gottes monumentalem Schrank zu kramen! Und doch versuchen ihn etliche Menschen aufzuschlie\u00dfen, ja, oft zu erbrechen! Klemmen sich die Finger oder greifen ins Leere, wenn sie auch ab und zu ein Schwei\u00dft\u00fcchlein f\u00fcr ihre Weisheit erwischen. Was n\u00e4mlich bei uns \u00bboben\u00ab liegt, befindet sich dort \u00bbunten\u00ab, und was n\u00e4mlich bei Gott \u00bboben\u00ab funkelt, ergraut bei uns \u00bbunten\u00ab. Ich bin von der bescheidenen Zur\u00fcckhaltung der Pflanzen besch\u00e4mt, wenn ich auch, wei\u00df Gott, mir nie eine Weltanschauung erlaubt habe zu konstruieren (etwas Faulheit spielt wohl mit). Es ist mir eben zu weit. Der Weg zu mir betr\u00e4gt f\u00fcr die Welt ja nur einen Sprung, eine kurze Untergrundbahnfahrt; f\u00fcr mich zu ihr eine Sternenreise. Aber einmal holte mich die Welt ab vom Schauplatz, wir sind n\u00e4mlich zusammen zur Schule gegangen, sie hat mir immer die Aufgaben gemacht und mir in der Religion geholfen. Wir fuhren Hand in Hand im Kreis, immer im Kreis! Welt liegt in Welt wie Mensch in Mensch, Tier in Tier und Baum in Blatt und umgekehrt Blatt wieder in Baum und alles in alles und alles in allem und All in Gott. Amen. Das wissen die Pflanzen allesamt und es beseelt h\u00f6chstens den <em>tr\u00e4umerischen<\/em> Baum ein Wunsch, der, &#8230; <em>in den Himmel zu wachsen.<\/em> Im Eifer um das h\u00f6chste heilige Lob vergi\u00dft so eine gotterf\u00fcllte Linde sich grade zu halten! Ich m\u00f6chte wohl ein Baum sein, schon, weil manchmal ein Vogel kommt und in meinen Zweigen singt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p class=\"uber01\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Essays<\/strong>\u00a0von Else Lasker-Sch\u00fcler.\u00a0Mit einer Einbandzeichnung\u00a0der Verfasserin.\u00a0Verlegt bei Paul Cassirer in Berlin\u00a01920<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-76746 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-214x300.jpg\" alt=\"\" width=\"214\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-214x300.jpg 214w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-260x364.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-160x224.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 214px) 100vw, 214px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192\u00a0<\/strong>KUNO w\u00fcrdigte die Poetin mit einem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=80975\">Rezensionsessay<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192\u00a0<\/strong>Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ich vertraue meinen dichterischen Einf\u00e4llen und frage nicht, warum ich immer wieder \u00fcber die Pflanzen auf unserer Welt dichten mu\u00df. Heute fr\u00fch belauschte ich ein Gespr\u00e4ch, das die B\u00e4ume lebhaft miteinander vor meinem Fenster f\u00fchrten. Seitdem nehme ich an,&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/01\/22\/die-baeume-unter-sich\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":180,"featured_media":100418,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2738],"class_list":["post-103272","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-else-lasker-schueler"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103272","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/180"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=103272"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103272\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":103273,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103272\/revisions\/103273"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/100418"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=103272"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=103272"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=103272"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}