{"id":103243,"date":"2003-09-20T00:27:06","date_gmt":"2003-09-19T22:27:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103243"},"modified":"2025-02-17T16:21:16","modified_gmt":"2025-02-17T15:21:16","slug":"gefaehrliches-spiel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/09\/20\/gefaehrliches-spiel\/","title":{"rendered":"Gef\u00e4hrliches Spiel"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir hatten in Swinem\u00fcnde verschiedene Spielpl\u00e4tze. Der uns liebste war aber wohl der am Bollwerk, und zwar gerade da, wo die von unserem Hause abzweigende Seitenstra\u00dfe einm\u00fcndete. Die ganze Stelle war sehr malerisch, besonders auch im Winter, wo hier die festgelegten, ihrer Obermasten entkleideten Schiffe lagen, oft drei hintereinander, also bis ziemlich weit in den Strom hinein. Uns hier am Bollwerk herumzutummeln und auf den ausgespannten Tauen, so weit sie dicht \u00fcber dem Erdboden hinliefen, unsere Seilt\u00e4nzerk\u00fcnste zu \u00fcben, war uns gestattet, und nur eines stand unter Verbot: Wir durften nicht auf die Schiffe gehen und am wenigsten die Strickleiter hinauf bis in den Mastkorb klettern. Ein sehr vern\u00fcnftiges Verbot. Aber je vern\u00fcnftiger es war, desto gr\u00f6\u00dfer war unser Verlangen, es zu \u00fcbertreten, und bei \u00bbR\u00e4uber und Wandersmann\u00ab, das wir alle sehr liebten, verstand sich diese \u00dcbertretung beinahe von selbst. Entdeckung lag \u00fcberdies au\u00dferhalb der Wahrscheinlichkeit; die Eltern waren entweder bei ihrer \u00bbPartie\u00ab oder zu Tisch eingeladen. \u00bbAlso nur vorw\u00e4rts. Und petzt einer, so kommt er noch schlimmer weg als wir.\u00ab<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">So dachten wir auch eines Sonntags im April 1831. Es mu\u00df um diese Jahreszeit gewesen sein, weil mir noch der klare und kalte Luftstrom deutlich vor Augen steht. Auf dem Schiff war keine Spur von Leben und am Bollwerk keine Menschenseele zu sehen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich, als der \u00e4lteste und st\u00e4rkste, war nat\u00fcrlich R\u00e4uber, und acht oder zehn kleinere Jungens \u2013 unter denen nur ein einziger, Fritz Ehrlich, es einigerma\u00dfen mit mir aufnehmen konnte \u2013 waren schon vom Kirchplatz her, wo wie gew\u00f6hnlich die Jagd begonnen hatte, dicht hinter mir her. Ziemlich abgejagt kam ich am Bollwerk an, und weil es hier keinen anderen Ausweg f\u00fcr mich gab, lief ich \u00fcber eine breite und feste Bohlenlage fort auf das zun\u00e4chst liegende Schiff hinauf. Die ganze Meute mir nach, was nat\u00fcrlich zur Folge hatte, da\u00df ich vom ersten Schiff bald aufs zweite und vom zweiten aufs dritte mu\u00dfte. Da ging es nun nicht weiter, und wenn ich mich meiner Feinde trotzdem erwehren wollte, so blieb mir nichts anderes \u00fcbrig, als auf dem Schiff selbst nach einem Versteck oder wenigstens nach einer schwer zug\u00e4nglichen Stelle zu suchen. Und ich fand auch so was und kletterte auf den etwa mannshohen, neben der Kaj\u00fcte befindlichen Oberbau hinauf, darin sich neben anderen R\u00e4umlichkeiten gemeinhin auch die Schiffsk\u00fcche zu befinden pflegte. Etliche in der steilen Wandung eingelegte Stufen erleichterten es mir. Und da stand ich nun oben, momentan geborgen, und sah als Sieger auf meine Verfolger. Aber das Siegergef\u00fchl konnte nicht lange dauern; die Stufen waren wie f\u00fcr mich, so auch f\u00fcr andre da, und in k\u00fcrzester Frist stand Fritz Ehrlich ebenfalls oben. Ich war verloren, wenn ich nicht auch jetzt noch einen Ausweg fand, und mit aller Kraft und, soweit der schmale Raum es zulie\u00df, einen Anlauf nehmend, sprang ich von dem K\u00fcchenbau her \u00fcber die zwischenliegende Wasserspalte hinweg auf das zweite Schiff zur\u00fcck und jagte nun, wie von allen Furien verfolgt, wieder aufs Ufer zu. Und nun hatt&#8216; ich&#8217;s, und den Freiplatz vor unserm Haus zu gewinnen, war nur noch ein kleines f\u00fcr mich. Aber ich sollte meiner Freude dar\u00fcber nicht lange froh werden, denn im selben Augenblick fast, wo ich wieder festen Boden unter meinen F\u00fc\u00dfen hatte, h\u00f6rte ich auch schon von dem dritten und zweiten Schiff her ein j\u00e4mmerliches Schreien und dazwischen meinen Namen, so da\u00df ich wohl merkte, da m\u00fcsse was passiert sein. Und so schnell wie <b>ich<\/b> eben \u00fcber die polternde Bohlenlage ans Ufer gekommen, ebenso schnell ging es wieder \u00fcber dieselbe zur\u00fcck.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war h\u00f6chste Zeit. Fritz Ehrlich hatte mir den Sprung von der K\u00fcche her nachmachen wollen und war dabei, weil er zu kurz sprang, in die zwischen dem dritten und zweiten Schiff befindliche Wasserspalte gefallen. Da steckte nun der arme Junge, mit seinen N\u00e4geln in die Schiffsritzen hineingreifend; denn an Schwimmen, wenn er \u00fcberhaupt schwimmen konnte, war nicht zu denken. Dazu das eiskalte Wasser. Ihn von oben her so ohne weiteres zu erreichen, war unm\u00f6glich, und so griff ich denn nach einem von der einen Strickleiter etwas herabh\u00e4ngenden Tau und lie\u00df mich, meinen K\u00f6rper durch allerlei K\u00fcnste und M\u00f6glichkeiten verl\u00e4ngernd, an der Schiffswand so weit herab, da\u00df Fritz Ehrlich meinen am weitesten nach unten reisenden linken Fu\u00df gerade noch fassen konnte. Oben hielt ich mich mit der rechten Hand. \u00bbPack zu, Fritz!\u00ab Aber der brave Junge, der wohl einsehen mochte, da\u00df wir beide verloren waren, wenn er wirklich fest zupackte, beschr\u00e4nkte sich darauf, seine Hand leise auf meine Stiefelspitze zu legen, und so wenig dies war, so war es doch gerade genug f\u00fcr ihn, sich \u00fcber Wasser zu halten. Er blieb in der Schwebe, bis Leute vom Ufer herankamen und ihm einen Bootshaken herunterreichten, w\u00e4hrend andere ein Boot losmachten und in den Zwischenraum hineinfuhren, um ihn da herauszufischen. Ich meinerseits war in dem Augenblick, wo der rettende Bootshaken kam, von einem mir Unbekannten von oben her am Kragen gepackt und mit einem strammen Ruck wieder auf Deck gehoben worden. Von Vorw\u00fcrfen, die sonst bei solchen Gelegenheiten nicht ausbleiben, war diesmal keine Rede. Den triefenden, von Sch\u00fcttelfrost gepackten Fritz Ehrlich brachten die Leute nach einem ganz in der N\u00e4he gelegenen Hause, w\u00e4hrend wir anderen in kleinlauter Stimmung unsern Heimweg antraten. Ich freilich auch gehoben, trotzdem ich wenig Gutes von der Zukunft erwartete. \u2013 Meine Bef\u00fcrchtungen erf\u00fcllten sich aber nicht. Im Gegenteil.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph {\"align\":\"center\"} -->\r\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:image {\"id\":60132,\"align\":\"left\",\"width\":220,\"height\":277} -->\r\n<div class=\"wp-block-image\">\r\n<figure class=\"alignleft is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-60132\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/440px-Theodor_Fontane.png\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"277\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/440px-Theodor_Fontane.png 440w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/440px-Theodor_Fontane-239x300.png 239w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/440px-Theodor_Fontane-260x327.png 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/440px-Theodor_Fontane-160x201.png 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 220px) 100vw, 220px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n<!-- \/wp:image -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph -->\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph \/-->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Poesie ist das identit\u00e4tsstiftende Element der Kultur, KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologische Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Wir hatten in Swinem\u00fcnde verschiedene Spielpl\u00e4tze. 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