{"id":103240,"date":"2003-12-21T12:18:16","date_gmt":"2003-12-21T11:18:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103240"},"modified":"2022-05-29T12:20:59","modified_gmt":"2022-05-29T10:20:59","slug":"der-sinnlose-film","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/12\/21\/der-sinnlose-film\/","title":{"rendered":"Der sinnlose Film"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Neulich sp\u00fclte mich die Menge von den Boulevards in einen Cin\u00e9ma, geb. Kintopp \u2013 und da gab es einen Tierfilm, der Abend war also nicht verloren. Aber so, wie man sich den gro\u00dfen Chaplin oft mit vielen kleinen dummen Filmen erkaufen mu\u00df, so lief auch hier vorher ein \u201eBeiprogramm\u201c, eine Groteske, und noch dazu eine von Franzosen hergestellte. Es war das Ende von weg, der Schrecken der Schrecken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Auto fuhr zitternd vor, ihm entstiegen ein Mann, eine dicke Dame, vier Kinder, drei Hunde; Kind bindet Hund an, Hund l\u00e4uft, mit heraush\u00e4ngender Zunge, und schleift eine Tonne hinter sich her; ein Affe klettert auf einen Papageienk\u00e4fig; wo der herkommt, ahnt niemand; die dicke Dame tritt in ihren Salon \u2013 welcher Tritt! Welcher Salon! \u2013 und entdeckt eine Katze in der Suppenterrine \u2013 nun l\u00e4uft der Film zu schnell, so schnell, da\u00df man nicht folgen kann und \u00fcberhaupt nichts mehr versteht, keinen Zusammenhang, keine Folge, keine Pointe, alles wirbelt und wirrt durcheinander, die Katze bellt, der Hund buckelt, das Kind schreit, einer f\u00e4hrt auf einem Brett im Staub Schlitten, der Hund zieht, die Erwachsenen schlagen alle Arme \u00fcber dem Kopf zusammen, die Kinder sind mit Ru\u00df beschmiert, immer mehr Tiere kommen \u2026 man w\u00e4hnte sich in einem Irrenhaus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach vier Minuten sah ich nicht mehr zu, ich <em>konnte<\/em> nicht mehr zusehen, es tat weh in den Augen, und der Kopf schmerzte vor so viel Unsinn. Da blickte ich ins Publikum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier sa\u00dfen also etwa achthundert ernsthafte Menschen, die am Tage einen richtigen Beruf hatten: Buchhalter und Immobilienkaufleute und Warenhausangestellte und Werkmeister und Schneiderinnen und Anprobierm\u00e4dchen (wie unfeierlich im fremden Lande alles wird, wenn man es beim richtigen Namen nennt \u2013 \u201eMidinettes\u201c klingt, Probierdame schon weniger \u2026) und Arbeiter und staubige Beamte \u2013 und dann ihre Frauen, die um Sous in der Markthalle feilschen und die Wirtschaft f\u00fchren und Krieg mit der Concierge \u2026 da sa\u00dfen sie. Da es keine Freibillette gibt, so war anzunehmen, da\u00df auch alle pro Mann und Nase bezahlt hatten. Da sa\u00dfen sie und sahen sich diesen grenzenlosen Unfug mit an. Sieh \u2013 jetzt lief wieder die gro\u00dfe Katze mit der kleinen \u00fcber die Leinwand, sie huschten auf einen Zaun, zwei Hunde hinterher, zwei kleine Jungen auf Rollschuhen hinterher, die dicke Dame hinterher \u2013 ein K\u00f6nigreich f\u00fcr eine Erkl\u00e4rung! Was also taten die achthundert\u00a0\u2013?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sahen ernsthaft zu. Sie schauten auf die Leinwand wie die Sch\u00fcler auf die Tafel des Lehrers, diesen Film \u201ehatten sie auf\u201c, er war jetzt \u201edran\u201c \u2013 und sie blickten mit glanzlosen Augen auf das Pensum der Stunde. Das Pensum war sorgf\u00e4ltig vorbereitet worden: in kleinen B\u00fcrozimmern der Film-Branche war viel telephoniert, geschrieben, noch mehr geschwatzt worden, windige Regisseure hatten sich vorgestellt und waren wieder herausgeschmissen worden, irgendeiner von ihnen wurde engagiert, die, wenn man so sagen darf, Darsteller hatte er rasch zusammengesucht, die Tiere waren in kleinen K\u00e4figen und K\u00e4sten auf den Aufnahmeplatz gebracht worden, dann waren sie mit den Kindern, den K\u00e4figen, den dicken Damen und den Katzen und Hunden und Affen auf eine Chaussee gefahren, und der Regisseur hatte mit den Armen geschwenkt und mit der Pfeife gepfiffen, und los war\u2019s gegangen, da\u00df es nur so st\u00e4ubte \u2026! Hier sa\u00dfen die Achthundert, in artige Zuschauer verwandelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Klavier klimperte, die Geige im Orchester wurde von jemand, der dazu verpflichtet war, j\u00e4mmerlich gekratzt, worauf sie weinte \u2013 und die Achthundert sahen zu, durch einen Schleier von Tr\u00e4nen der Langeweile. Es war fast ganz still, manchmal kam jemand, dann klappten Sitze, eine Frau hustete trocken \u2026 dann erf\u00fcllte wieder jenes mystische Ger\u00e4usch, das auch die stillste Menge macht, den Raum. Sie sahen zu, denn sie hatten bezahlt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und ich dachte, was wohl geschehen w\u00fcrde, wenn ihnen jemand den Inhalt dieses sinnlosen Films erz\u00e4hlen wollte \u2013 sie w\u00fcrde ihn beiseite sto\u00dfen und ihres Weges gehen. Oder wenn jemand ihnen den Film anbr\u00e4chte und ihn \u2013 f\u00fcr eine winzige Summe \u2013 verkaufen wollte; sie wendeten sich ab. Oder wenn jemand ihnen zumutete, diesen Kohl zu lesen (soweit er sich aufschreiben lie\u00dfe \u2013 unvorstellbar blieb freilich der Gedanke, da\u00df zu diesem Tohuwabohu jemals ein Manuskript vorhanden war) \u2013, warum in aller Welt sahen diese Leute artig hin, sa\u00dfen auf ihren Sitzchen und lie\u00dfen das helle schwarz-wei\u00df-graue Gewirbel an sich vor\u00fcbergleiten, ohne zu mucken?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weil gar nichts da war als Bewegung, und hier und da, an seltenen Flecken, eine winzige Spekulation auf den Zuckergehalt in der Masse: kleines Kind wackelt allein auf weiter Chaussee oder Spekulation auf die dem Menschen innewohnende Schadenfreude: Mann bekommt Ru\u00dftopf auf Gesicht \u2026 sie sahen artig hin, weil der Film vor\u00fcberzappelte, ohne etwas mitzuteilen. St\u00e4nde da oben zum Beispiel einer, der nicht in den Krieg marschieren wollte, weil ihm sein Leben wichtiger erschien als das, mit Verlaub zu sagen, Vaterland; st\u00e4nde da einer, der sich gegen den Terror von Staat, Kirche, Familie oder Industrie aufb\u00e4umte \u2026! Ah, der ganze Saal w\u00e4re in Bewegung; Pfiffe und Klatschen und \u201eLa barbe!\u201c und Hoch! und Nieder! und was man so singt \u2026 Hier aber war gar nichts; auf keine Tr\u00e4nendr\u00fcse wurde gedr\u00fcckt, kein Leiermann und sein Kind humpelten vor\u00fcber, das kostenlose Mitleid erbarmungsloser Kleinb\u00fcrger ohne Verpflichtung anjammernd; kein Filmschuft peitschte unschuldige M\u00e4dchen, da\u00df die Fetzen nur so flogen, hier und da ein St\u00fcckchen Fleisch fast versehentlich freilegend (schon weg!) \u2013 keine Mutter sank an der Lagerstatt ihres sterbenden, vierundf\u00fcnfzigj\u00e4hrigen Kindes unter brummender Orgelbegleitung sanft in sich zusammen \u2026 hier war nur Gezappel und Bewegung, und immer wieder, wieder gewechselter Schauplatz, laufendes Tier, dressiertes Kind und falsch erstaunter Erwachsener. Die Achthundert sa\u00dfen und schauten zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zw\u00f6lf Minuten dauerte der Film \u2013 zw\u00f6lf Minuten sind sehr lang, wenn sie lang sind. Aber sie gen\u00fcgten, darzutun, was man mit dem Menschen so alles machen kann, wenn man es nur richtig anf\u00e4ngt. Er l\u00e4\u00dft sich einen sinnlosen Film vorf\u00fchren, muckt nicht und zuckt nicht, sieht artig hin und bezahlt noch daf\u00fcr. \u201eReine\u201c, pflegte meine alte Zeitungsfrau am D\u00f6nhoffplatz zu sagen, \u201ereine wie ins Leben.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Tucholsky.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-13512 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Tucholsky-177x300.jpg\" alt=\"\" width=\"177\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Tucholsky-177x300.jpg 177w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Tucholsky.jpg 354w\" sizes=\"auto, (max-width: 177px) 100vw, 177px\" \/><\/a>Kurt Tucholsky z\u00e4hlt zu den bedeutendsten Publizisten der Weimarer Republik. Als politisch engagierter Journalist und zeitweiliger Mitherausgeber der Wochenzeitschrift <i>Die Weltb\u00fchne<\/i> erwies er sich als Gesellschaftskritiker in der Tradition Heinrich Heines. Zugleich war er Satiriker, Kabarettautor, Liedtexter, Romanautor, Lyriker und Kritiker (Literatur, Film, Musik). Er verstand sich selbst als linker Demokrat und warnte vor der Erstarkung der politischen Rechten\u00a0\u2013 vor allem in Politik, Milit\u00e4r und Justiz\u00a0\u2013 und vor der Bedrohung durch den Nationalsozialismus. &#8222;Der niemals zu unterdr\u00fcckende Drang, die Wahrheit zu sagen&#8220;, ist Tucholskys Motiv, und als er erleben muss, dass in Deutschland die Republik versinkt und ein umjubelter Diktator mit ausgestrecktem Arm an die Macht kommt, verstummt die mahnende Stimme Tucholskys im schwedischen Exil: &#8222;Man kann nicht schreiben, wo man nur noch verachtet.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neulich sp\u00fclte mich die Menge von den Boulevards in einen Cin\u00e9ma, geb. Kintopp \u2013 und da gab es einen Tierfilm, der Abend war also nicht verloren. Aber so, wie man sich den gro\u00dfen Chaplin oft mit vielen kleinen dummen Filmen&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/12\/21\/der-sinnlose-film\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":81,"featured_media":97977,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1099],"class_list":["post-103240","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-kurt-tucholsky"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103240","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/81"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=103240"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103240\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":103242,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103240\/revisions\/103242"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97977"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=103240"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=103240"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=103240"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}