{"id":103237,"date":"2003-01-09T12:09:23","date_gmt":"2003-01-09T11:09:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103237"},"modified":"2022-05-29T12:18:05","modified_gmt":"2022-05-29T10:18:05","slug":"kabarett-zum-hakenkreuz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/01\/09\/kabarett-zum-hakenkreuz\/","title":{"rendered":"Kabarett zum Hakenkreuz"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u201eNa, lach doch mal! Na, lach doch mal! Muh! Miau! Baubau \u2013!\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Fotograf aus den neunziger Jahren.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der beliebteste Einwand gegen den Mann auf der andern Seite ist: er sei nicht auf der H\u00f6he seiner Zeit. Der Einwand ist nicht sehr kostspielig, wobei nicht einmal untersucht werden soll, was denn eigentlich unsere Zeit und wo denn eigentlich ihre H\u00f6he sei\u2026 Die Jahreszahlen des Kalenders zeigen keine klare Aufw\u00e4rtskurve an, und ich f\u00fcr mein Teil zweifle sehr daran, ob ein alt-\u00e4gyptischer Priester \u201ezur\u00fcck\u201c-geblieben ist und ob wir es ihm gegen\u00fcber gar so herrlich weit gebracht\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber es gibt Erscheinungen, bei denen sich das Wort \u201evon gestern\u201c geradezu aufdr\u00e4ngt. Zu diesen Erscheinungen geh\u00f6ren die Satiriker der deutschen Rechten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Viel gibt es nicht davon. Die Familie der Satiriker (Ehrenmitglied: Jonathan Swift) soll nicht mit dem uns\u00e4glichen Rumpelstilzchen gekr\u00e4nkt werden, ein ehemaliger Major, der die Republik mit den Unterr\u00f6cken der Frau Zietz beschimpft und die Diktatur mit dem S\u00fcdtiroler Helden Mussolini gefeiert hat\u2026 so tief wollen wir denn doch nicht schie\u00dfen. Was nun die Hakenkreuz-Satiriker angeht, so haben sie es, sollte man denken, gar nicht so schwer: sie predigen uns fortw\u00e4hrend, wie schlecht diese Zeit sei, die Original-Revolution sei nur bei ihnen zu finden, nur sie seien modern, nur sie die deutsche Zukunft\u2026 und in der Opposition sind sie auch noch: also scheinen alle Vorbedingungen gegeben zu sein, da\u00df dort peitschende, gute, wirksame Satire gemacht werden k\u00f6nnte. Ja, Kuchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So etwas von Witzlosigkeit war noch nicht da. Wenn ich das Zeug so lese, das die nationalsozialistischen, die v\u00f6lkischen, die rechts gerichteten B\u00fcnde unter sich lassen, dann juckt es mich in allen Fingern. Nein, so nicht \u2013 ich m\u00f6chte nur hingehen und es besser machen. Ein Jammer, da\u00df man nicht Angriffe gegen sich selbst ver\u00f6ffentlichen kann\u2026 Ich wei\u00df doch, wo wir wirklich verletzbar sind. Die wissen es nicht. Ach, wie schie\u00dft ihr schlecht \u2013!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da gibt in Hamburg ein dem alten \u201eKunstwart\u201c entlaufener Herr Dr. Stapel ein Blatt heraus: \u201eDeutsches Volkstum.\u201c Das Blatt hat viel Umh\u00e4ngebart, enth\u00e4lt aber von Zeit zu Zeit lesenswerte, ernste Aufs\u00e4tze, wie ja gewi\u00df die Intelligenz und die Sauberkeit nicht parteim\u00e4\u00dfig aufgeteilt sind: h\u00fcben alles, dr\u00fcben nichts. Soweit gut. Aber den Dr. Stapel reitet der Teufel, er h\u00e4lt sich f\u00fcr einen Spa\u00dfmacher, er glaubt, da\u00df man \u00fcber ihn auch dann lache, wenn er das wolle, w\u00e4hrend man am meisten \u00fcber ihn lacht, wenn er das nicht will \u2013 und nun hat er seine Aufs\u00e4tze gegen \u2026 gesammelt, gegen die Republik, gegen den Pazifismus, gegen mich, gegen uns, gegen was Sie wollen. Das B\u00e4ndchen hei\u00dft \u201e<i>Literatenw\u00e4sche<\/i>\u201c. Es ist typisch f\u00fcr die ganze Gattung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zun\u00e4chst verhaut sich der gute Stapel im Objekt. Journalisten sind in Deutschland leider nicht so popul\u00e4r, da\u00df man eine Satire, die alle angeht, auf ihrem Wirken aufbauen kann; es ist so viel Atelierfest in diesem Buch, aber es ist ein herzlich langweiliges Fest. Publizisten angreifen? Warum sollte man nicht? Wir haben in Deutschland viel zuviel W\u00fcrde \u2013 ich m\u00f6chte einmal Sonntags das sein, was gewisse im \u00f6ffentlichen Leben stehende M\u00e4nner an Wochentagen zu sein glauben. Wenn aber die deutsche Presse einen Fehler hat, so ist es der, zu wenig von sich selbst zu sprechen, von ihren N\u00f6ten, ihrer Problematik \u2026 Vielleicht ist diese Bescheidenheit l\u00f6blich, ich wei\u00df es nicht, ich glaube es nicht. Die gro\u00dfe Presse ist angreifbar. Das wei\u00df jeder Journalist, der seinen Beruf liebt; jeder von uns kennt die Fehler, die den Zeitungen anhaften: jene, die vermeidbar sind, und jene, die allen Zeitungen immanent bleiben, solange es sie geben wird. Man soll keine Unfehlbarkeit statuieren, die gibt es nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So unbeschwert machen wir uns an die Lekt\u00fcre. W\u00e4re der Text so h\u00fcbsch wie die im Stil Heinrich Kleys gehaltenen Streubildchen A. Paul Webers (mich hat er als Laus aufgepielt), dann k\u00f6nnte man 126 Seiten lang lachen. So g\u00e4hnt man, als seien es dreihundert. Also malt sich in diesem Menschenk\u00f6pfchen die Welt:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDer Matrose Stibitzke war w\u00e4hrend des Krieges mehrfach wegen Dienstvergehens bestraft worden. Auch fand er den Wachtdienst furchtbar anstrengend. Darum wurde er Revolution\u00e4r.\u201c Stapel, einen runter. Dieser Sch\u00fcler hat offenbar die letzten zehn Jahre geschlafen. Denn sonst w\u00fc\u00dfte er von den oft unertr\u00e4glichen Verh\u00e4ltnissen auf den Kriegsschiffen; er w\u00fc\u00dfte von den durchaus objektiven und ganz und gar parteilosen Berichten der ehemaligen Deckoffiziere, von den Ergebnissen aus den Untersuchungsaussch\u00fcssen, die ein ger\u00fcttelt Ma\u00df an Schuld, an Leichtsinn und Mangel an Menschenkenntnis vieler Seeoffiziere einwandfrei festgestellt haben. Von Schlimmerem zu schweigen. F\u00fcr Stapel ist die Revolution ausgebrochen, weil die Matrosen keinen Wachtdienst mehr machen wollten. Und nun geht\u2019s los.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Packte er die \u201eneuen Herren\u201c noch da, wo sie wirklich zu packen sind! Er sieht das gar nicht. Er kennt die Leute nicht, er kennt nur ihren Widerschein in den Zeitungen, wie \u00fcberhaupt [diese gesamte] politische Polemik fatal nach Druckerschw\u00e4rze riecht, <span id=\"Seite_3\" class=\"PageNumber\">[<b><span class=\"plainlinks\"><a class=\"external text\" href=\"https:\/\/de.wikisource.org\/w\/index.php?title=Kabarett_zum_Hakenkreuz&amp;action=edit&amp;image=\/wiki\/Kabarett_zum_Hakenkreuz-Vossische_Zeitung-1930-03.png\">3<\/a><\/span><\/b>]<\/span> alles ist aus der Presse genommen, aus dem Leben so gut wie nichts.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er \u2013 und fast alle seine Genossen \u2013 machen so ziemlich dasselbe:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zun\u00e4chst etwas Erlaubtes. Sie halten den Literaten, die im Kriege \u201eHurra!\u201c gerufen haben und die heute pazifistisch oder doch zum mindesten republikanisch sind, dieses alte Hurra vor. Das m\u00f6gen die Herren unter sich abmachen. Eine derartige Polemik hat einen gewissen Sinn, obgleich echte Wandlungen der Beteiligten vorgekommen sind. Immerhin: Konjunkturjobber gibt es in allen Bewegungen, auch in der nationalen. (Harden nannte das: die Leute aus \u201eImmerdabayern\u201c.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Personalunkenntnis Stapels und seiner Freunde aber ist grotesk; was sie da treiben, ist unerlaubt dumm. Arthur Schnitzler ist f\u00fcr ihn der Mann mit der Unsittlichkeit, Eugen Diederichs wird von ihm angepflaumt, von ihm, der doch zu jenem stehen m\u00fc\u00dfte, von den zweifellos vorhandenen Verdiensten des Mannes zu schweigen. Dann nimmt er Sling her. Uns allen ist Sling zu fr\u00fch dahingegangen; als nebens\u00e4chlicher Wunsch schwingt in mir mit: Schade, da\u00df er dem nicht noch hatte einen auswischen k\u00f6nnen! Aber vielleicht h\u00e4tte er es gar nicht getan. Dabei war Sling zu einer anst\u00e4ndigen Polemik immer bereit; aber doch nicht mit einem, der \u00fcberhaupt nicht f\u00fchlt, wie den Zuh\u00f6rer im Gerichtssaal der Schmerz \u00fcber das Unrecht im Recht durchzucken kann\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie dieser Stapel sich seinen Stoff zurechtbiegt, daf\u00fcr ein Exemplum. Ich hatte einmal gefragt, warum denn der Verlag Brockhaus das noch nie ver\u00f6ffentlichte Manuskript Casanovas, das er noch in seinen Schr\u00e4nken birgt, nicht herausgibt. Und nicht ich allein hatte so gefragt. Ich sagte: \u201eDie Gr\u00fcnde, die den Verleger bewegen, damit nicht herauszukommen, sind nicht recht ersichtlich. Wenn er etwa glaubt, da\u00df das Werk f\u00fcr seinen Verlag zu frivol sei, dann braucht er es ja nur zu verkaufen.\u201c Das sperrt Herr Stapel im Druck und setzt als Ueberschrift hinzu: \u201eDann braucht er ja nur\u2026\u201c Das hei\u00dft f\u00fcr seine Leser: Seht, wie sie schachern! F\u00fcr diesen Panter ist auch das Werk Casanovas nur eine Ware. Ja, denk mal, Hedda! Das ist es n\u00e4mlich wirklich, neben seinen anderen Eigenschaften; genau so, wie Brockhaus keine Messen zelebriert, sondern ein dem Irdischen zugewandter Kaufmann ist. Geistige Produkte sind eben unter anderem auch Ware. Zum Beispiel kann man auch auf das \u201eDeutsche Volkstum\u201c abonnieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da wird man dann allerdings finden, da\u00df dessen Herausgeber kein richtiges Deutsch schreiben kann. \u201eDie Sprache\u201c, sagt er einmal, \u201eist jiddisch-berlinisch, man merkt an jedem Satz die vor sich gegangene Uebertragung aus dem Jargon.\u201c Dann schon lieber Jargon; der Herr Doktor Stapel t\u00e4te gut, einmal das Kapitel \u201eDas Partizipium\u201c in Wustmanns \u201eSprachdummheiten\u201c nachzulesen, er h\u00e4tte dann diesen vor sich gegangenen Fehler vermieden. Aber so genau kommt das bei den alten Germanen nicht drauf an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den Pazifismus tut Stapel \u2013 wie fast alle seine Genossen \u2013 gern mit dem Hinweis auf die kriegerischen Vorkommnisse im Tierreich ab. \u201eNie wieder Krieg\u201c, sagte der Frosch zum Storch, als er im Storchschnabel zappelte.\u201c Ich glaube nicht, da\u00df das B\u00fcrgerliche Gesetzbuch, unter dessen Schutz auch Herr Stapel lebt, sich das Tierreich zum Vorbild genommen hat: von Kropotkins \u201eGegenseitiger Hilfe im Tierreich\u201c braucht jener nichts zu wissen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit einem \u201eNationalistischen Ausklang\u201c schlie\u00dft das Heft. Gott sei uns vor solcher Lyrik gn\u00e4dig, an der nicht nur die Gesinnung m\u00e4\u00dfig ist, sondern auch die Verse nichts taugen:<\/p>\n<div class=\"poem\" style=\"text-align: justify;\">\n<p>Hab f\u00fcrder guten Mut!<br \/>\nIn deines Herzens Grund<br \/>\nWallt dir ein edles Tr\u00f6pflein Blut,<br \/>\nUralt und kerngesund.<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Lyrik wallte fr\u00fcher durch den Briefkasten des \u201eKladderadatsch\u201c, und das ist schon lange her.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das sind die Jonathan Swifts der Rechten, kleine Leute wie aus dem ersten Abschnitt von Gullivers Reisen. Man mu\u00df sich nur einmal die Arbeit machen, diese v\u00f6lkischen \u201eBeobachter\u201c aller Provinzen durchzubl\u00e4ttern \u2013 ein hartes Unterfangen; man mu\u00df diese grenzenlos flache und platte Afterphilosophie der Gebildeteren unter den Nationalisten ansehen, diesen Abfalleimer gebrauchter Ideen, und man wird verstehen, wie alle ihre Bem\u00fchungen, daraus eine neue Methode zu machen, fehlschlagen und fehlschlagen m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer verurteilt ist, solch einen Kram lesen zu m\u00fcssen, der schlie\u00dft resigniert die Akten \u00fcber die emsigen Bem\u00fchungen dieser Satiriker und murmelt ein kleines, zweisilbiges W\u00f6rtchen dabei, das mit einer vor sich gegangenen Uebertragung in die Alltagssprache gekommen ist und mit einem N anf\u00e4ngt; es dr\u00fcckt Bedauern aus, ein wenig Schadenfreude, ein wenig Ironie, ein wenig herablassenden Spott und Mitleid, Mitleid, Mitleid.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Tucholsky.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-13512 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Tucholsky-177x300.jpg\" alt=\"\" width=\"177\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Tucholsky-177x300.jpg 177w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Tucholsky.jpg 354w\" sizes=\"auto, (max-width: 177px) 100vw, 177px\" \/><\/a>Kurt Tucholsky z\u00e4hlt zu den bedeutendsten Publizisten der Weimarer Republik. Als politisch engagierter Journalist und zeitweiliger Mitherausgeber der Wochenzeitschrift <i>Die Weltb\u00fchne<\/i> erwies er sich als Gesellschaftskritiker in der Tradition Heinrich Heines. Zugleich war er Satiriker, Kabarettautor, Liedtexter, Romanautor, Lyriker und Kritiker (Literatur, Film, Musik). Er verstand sich selbst als linker Demokrat und warnte vor der Erstarkung der politischen Rechten\u00a0\u2013 vor allem in Politik, Milit\u00e4r und Justiz\u00a0\u2013 und vor der Bedrohung durch den Nationalsozialismus. &#8222;Der niemals zu unterdr\u00fcckende Drang, die Wahrheit zu sagen&#8220;, ist Tucholskys Motiv, und als er erleben muss, dass in Deutschland die Republik versinkt und ein umjubelter Diktator mit ausgestrecktem Arm an die Macht kommt, verstummt die mahnende Stimme Tucholskys im schwedischen Exil: &#8222;Man kann nicht schreiben, wo man nur noch verachtet.&#8220;<\/p>\n<p><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eNa, lach doch mal! Na, lach doch mal! Muh! Miau! Baubau \u2013!\u201c Fotograf aus den neunziger Jahren. 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