{"id":103188,"date":"2003-05-09T13:57:42","date_gmt":"2003-05-09T11:57:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103188"},"modified":"2022-05-23T14:13:00","modified_gmt":"2022-05-23T12:13:00","slug":"ueber-den-grund-des-vergnuegens-an-tragischen-gegenstaenden","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/05\/09\/ueber-den-grund-des-vergnuegens-an-tragischen-gegenstaenden\/","title":{"rendered":"Ueber den Grund des Vergn\u00fcgens an tragischen Gegenst\u00e4nden."},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\nWie sehr auch einige neuere Aesthetiker sichs zum Gesch\u00e4ft machen, die K\u00fcnste der Phantasie und Empfindung gegen den allgemeinen Glauben, <em>da\u00df sie auf Vergn\u00fcgen abzwecken<\/em>, wie gegen einen herabsetzenden Vorwurf zu vertheidigen, so wird dieser Glaube dennoch, nach wie vor, auf seinem festen Grunde bestehen, und die sch\u00f6nen K\u00fcnste werden ihren althergebrachten unabstreitbaren und wohlth\u00e4tigen Beruf nicht gern mit einem neuen vertauschen, zu welchen man sie gro\u00dfm\u00fcthig erh\u00f6hen will. Unbesorgt, da\u00df ihre auf unser Vergn\u00fcgen abzielende Bestimmung sie erniedrige, werden sie vielmehr auf den Vorzug stolz seyn, dasjenige <em>unmittelbar<\/em> zu leisten, was alle \u00fcbrigen Richtungen und Th\u00e4tigkeiten des menschlichen Geistes nur <em>mittelbar<\/em> erf\u00fcllen. Da\u00df der Zweck der Natur mit dem Menschen seine Gl\u00fcckseligkeit sey, wenn auch der Mensch selbst in seinem moralischen Handeln von diesem Zwecke nichts wissen soll, wird wohl niemand bezweifeln, der \u00fcberhaupt nur einen Zweck in der Natur annimmt. Mit dieser also, oder vielmehr mit ihrem Urheber haben die sch\u00f6nen K\u00fcnste ihren Zweck gemein, Vergn\u00fcgen auszuspenden und Gl\u00fcckliche zu machen. Spielend verleihen sie, was ihre ernstern Schwestern uns erst m\u00fchsam erringen lassen; sie verschenken, was dort erst der sauer erworbene Preis vieler Anstrengungen zu seyn pflegt. Mit anspannendem Flei\u00dfe m\u00fcssen wir die Vergn\u00fcgungen des Verstandes, mit schmerzhaften Opfern die Billigung der Vernunft, die Freuden der Sinne durch harte Entbehrungen erkaufen, oder das Uebermaa\u00df der letztern durch eine Kette von Leiden b\u00fc\u00dfen; die Kunst allein gew\u00e4hrt uns Gen\u00fcsse, die nicht erst abverdient werden d\u00fcrfen, die keine Opfer kosten, die durch keine Reue erkauft werden. Wer wird aber das Verdienst, auf diese Art zu erg\u00f6tzen, mit dem armseligen Verdienst, zu <em>belustigen<\/em>, in eine Klasse setzen? Wer sich einfallen lassen, der sch\u00f6nen Kunst blo\u00df de\u00dfwegen <em>jenen<\/em> Zweck abzusprechen, weil sie \u00fcber <em>diesen<\/em> erhaben ist?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die wohlgemeinte Absicht, das Moralischgute \u00fcberall als h\u00f6chsten Zweck zu verfolgen, die in der Kunst schon so manches Mittelm\u00e4\u00dfige erzeugte und in Schutz nahm, hat auch in der Theorie einen \u00e4hnlichen Schaden angerichtet. Um den K\u00fcnsten einen recht hohen Rang anzuweisen, um ihnen die Gunst des Staats, die Ehrfurcht aller Menschen zu erwerben, vertreibt man sie aus ihrem eigent\u00fcmlichen Gebieth, um ihnen einen Beruf aufzudringen, der ihnen fremd und ganz unnat\u00fcrlich ist. Man glaubt ihnen einen gro\u00dfen Dienst zu erweisen, in dem man ihnen, anstatt des frivolen Zwecks <em>zu erg\u00f6tzen<\/em>, einen moralischen unterschiebt, und ihr so sehr in die Augen fallender Einflu\u00df auf die Sittlichkeit mu\u00df diese Behauptung unterst\u00fctzen. Man findet es widersprechend, da\u00df dieselbe Kunst, die den h\u00f6chsten Zweck der Menschheit in so gro\u00dfem Maa\u00dfe bef\u00f6rdert, nur beil\u00e4ufig diese Wirkung leisten und einen so gemeinen Zweck, wie man sich das Vergn\u00fcgen denkt, zu ihrem letzten Augenmerk haben sollte. Aber diesen anscheinenden Widerspruch w\u00fcrde, wenn wir sie h\u00e4tten, eine b\u00fcndige Theorie des Vergn\u00fcgens und eine vollst\u00e4ndige Philosophie der Kunst sehr leicht zu heben im Stande seyn. Aus dieser w\u00fcrde sich ergeben, da\u00df ein freyes Vergn\u00fcgen, so wie die Kunst es hervorbringt, durchaus auf moralischen Bedingungen beruhe, da\u00df die ganze sittliche Natur des Menschen dabei th\u00e4tig sey. Aus ihr w\u00fcrde sich ferner ergeben, da\u00df die Hervorbringung dieses Vergn\u00fcgens ein Zweck sey, der schlechterdings nur durch moralische Mittel erreicht werden k\u00f6nne, da\u00df also die Kunst, um das Vergn\u00fcgen als ihren wahren Zweck vollkommen zu erreichen, durch die Moralit\u00e4t ihren Weg nehmen m\u00fcsse. F\u00fcr die W\u00fcrdigung der Kunst ist es aber vollkommen einerley, ob ihr Zweck ein moralischer sey, oder ob sie ihren Zweck nur durch moralische Mittel erreichen k\u00f6nne, denn in beyden F\u00e4llen hat sie es mit der Sittlichkeit zu thun und mu\u00df mit dem Sittengesetz im engsten Einverst\u00e4ndni\u00df handeln; aber f\u00fcr die Vollkommenheit der Kunst ist es nichts weniger als einerley, welches von beyden ihr Zweck und welches das Mittel ist. Ist der Zweck selbst moralisch, so verliert sie das wodurch sie allein m\u00e4chtig ist, ihre Freiheit, und das, wodurch sie so allgemein wirksam ist, den Reiz des Vergn\u00fcgens. Das Spiel verwandelt sich in ein ernsthaftes Gesch\u00e4ft, und doch ist es gerade das Spiel, wodurch sie das Gesch\u00e4ft am besten vollf\u00fchren kann. Nur indem sie ihre h\u00f6chste \u00e4sthetische Wirkung erf\u00fcllt, wird sie einen wohlth\u00e4tigen Einflu\u00df auf die Sittlichkeit haben; aber nur indem sie ihre v\u00f6llige Freyheit aus\u00fcbt, kann sie ihre h\u00f6chste \u00e4sthetische Wirkung erf\u00fcllen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist ferner gewi\u00df, da\u00df jedes Vergn\u00fcgen, insofern es aus sittlichen Quellen flie\u00dft, den Menschen sittlich verbessert, und da\u00df hier die Wirkung wieder zur Ursache werden mu\u00df. Die Lust am Sch\u00f6nen, am R\u00fchrenden, am Erhabenen st\u00e4rkt unsre moralischen Gef\u00fchle, wie das Vergn\u00fcgen am Wohlthun, an der Liebe u.\u00a0s.\u00a0f. alle diese Neigungen st\u00e4rkt. Eben so, wie ein vergn\u00fcgter Geist das gewisse Loos eines sittlich vortreflichen Menschen ist, so ist sittliche Vortreflichkeit gern die Begleiterinn eines vergn\u00fcgten Gem\u00fcths. Die Kunst wirkt also nicht deswegen allein sittlich, weil sie durch sittliche Mittel erg\u00f6tzt, sondern auch deswegen, weil das Vergn\u00fcgen selbst, das die Kunst gew\u00e4hrt, ein Mittel zur Sittlichkeit wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Mittel, wodurch die Kunst ihren Zweck erreicht, sind so vielfach, als es \u00fcberhaupt Quellen eines freyen Vergn\u00fcgens giebt. <em>Frey<\/em> aber nenne ich dasjenige Vergn\u00fcgen, wobey die Gem\u00fcthskr\u00e4fte nach ihren eigenen Gesetzen affiziert werden, und wo die Empfindung durch eine Vorstellung erzeugt wird; im Gegensatz von dem physischen oder sinnlichen Vergn\u00fcgen, wobey die Seele dem Mechanismus unterw\u00fcrfig, nach fremden Gesetzen bewegt wird, und die Empfindung unmittelbar auf ihre physische Ursache erfolget. Die sinnliche Lust ist die einzige, die vom Gebiet der sch\u00f6nen Kunst ausgeschlossen wird, und eine Geschicklichkeit, die sinnliche Lust zu erwecken, kann sich nie oder alsdann nur zur Kunst erheben, wenn die sinnliche Eindr\u00fcke nach einem Kunstplan geordnet, verst\u00e4rkt oder gem\u00e4\u00dfigt werden, und diese Planm\u00e4\u00dfigkeit durch die Vorstellung erkannt wird. Aber auch in diesem Fall w\u00e4re nur dasjenige an ihr <em>Kunst<\/em>, was der Gegenstand eines freyen Vergn\u00fcgens ist, nehmlich der Geschmack in der Anordnung, der unsern Verstand erg\u00f6tzt, nicht die physischen Reize selbst, die nur unsre Sinnlichkeit vergn\u00fcgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die allgemeine Quelle jedes, auch des sinnlichen, Vergn\u00fcgens ist Zweckm\u00e4\u00dfigkeit. Das Vergn\u00fcgen ist sinnlich, wenn die Zweckm\u00e4\u00dfigkeit nicht durch die Vorstellungskr\u00e4fte erkannt wird, sondern blo\u00df durch das Gesetz der Nothwendigkeit die Empfindung des Vergn\u00fcgens zur physischen Folge hat. So erzeugt eine zweckm\u00e4\u00dfige Bewegung des Bluts und der Lebensgeister in einzelnen Organen oder in der ganzen Maschine die k\u00f6rperliche Lust mit allen ihren Arten und Modifikationen; wir <em>f\u00fchlen<\/em> diese Zweckm\u00e4\u00dfigkeit durch das Medium der angenehmen Empfindung, aber wir gelangen zu keiner, weder klaren noch verworrenen Vorstellung von ihr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Vergn\u00fcgen ist frey, wenn wir uns die Zweckm\u00e4\u00dfigkeit <em>vorstellen<\/em>, und die angenehme Empfindung die Vorstellung begleitet; alle Vorstellungen also, wodurch wir Uebereinstimmung und Zweckm\u00e4\u00dfigkeit erfahren, sind Quellen eines freyen Vergn\u00fcgens und in so fern f\u00e4hig von der Kunst zu dieser Absicht gebraucht zu werden. Sie ersch\u00f6pfen sich in folgenden Klassen: <em>Gut, Wahr, Vollkommen, Sch\u00f6n, R\u00fchrend, Erhaben<\/em>. Das Gute besch\u00e4ftigt unsre Vernunft, das Wahre und Vollkommene den Verstand; das Sch\u00f6ne den Verstand mit der Einbildungskraft, das R\u00fchrende und Erhabene die Vernunft mit der Einbildungskraft. Zwar erg\u00f6tzt auch schon der <em>Reiz<\/em> oder die zur Th\u00e4tigkeit aufgefoderte Kraft, aber die Kunst bedient sich des Reizes nur, um die h\u00f6hern Gef\u00fchle der Zweckm\u00e4\u00dfigkeit zu begleiten; allein betrachtet verliert er sich unter die <em>Lebensgef\u00fchle<\/em>, und die Kunst verschm\u00e4ht ihn wie alle sinnlichen L\u00fcste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Verschiedenheit der Quellen, aus welchen die Kunst das Vergn\u00fcgen sch\u00f6pft, das sie uns gew\u00e4hret, kann f\u00fcr sich allein zu keiner Eintheilung der K\u00fcnste berechtigen, da in derselben Kunstklasse mehrere, ja oft alle Arten des Vergn\u00fcgens zusammen flie\u00dfen k\u00f6nnen. Aber in so fern eine gewisse Art derselben als Hauptzweck verfolgt wird, kann sie, wenn gleich nicht eine eigene Klasse, doch eine eigene Ansicht der Kunstwerke gr\u00fcnden. So z.\u00a0B. k\u00f6nnte man diejenigen K\u00fcnste, welche den <em>Verstand<\/em> und die Einbildungskraft vorzugsweise befriedigen, diejenigen also, die das Wahre, das Vollkommene das Sch\u00f6ne zu ihrem Hauptzweck machen, unter dem Nahmen der <em>sch\u00f6nen<\/em> K\u00fcnste (K\u00fcnste des Geschmacks, K\u00fcnste des Verstandes) begreifen; diejenigen hingegen, die die Einbildungskraft mit der <em>Vernunft<\/em> vorzugsweise besch\u00e4ftigen, also das Gute, das R\u00fchrende und Erhabene zu ihrem Hauptgegenstand haben, unter dem Nahmen der <em>R\u00fchrenden<\/em> K\u00fcnste (K\u00fcnste des Gef\u00fchls, des Herzens) in eine besondere Klasse vereinigen. Zwar ist es unm\u00f6glich, das R\u00fchrende von dem Sch\u00f6nen durchaus zu trennen, aber sehr gut kann das Sch\u00f6ne ohne das R\u00fchrende bestehen. Wenn also gleich diese verschiedene Ansicht zu keiner vollkommenen Eintheilung der freyen K\u00fcnste berechtigt, so dient sie wenigstens dazu, die Principien zu Beurteilung derselben n\u00e4her anzugeben und der Verwirrung vorzubeugen, welche unvermeidlich einreissen mu\u00df, wenn man bey einer Gesetzgebung in \u00e4sthetischen Dingen die ganz verschiedenen Felder des R\u00fchrenden und des Sch\u00f6nen verwechselt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unter der r\u00fchrenden Gattung behaupten in der Dichtkunst die Epopee und das Trauerspiel den vorz\u00fcglichsten Rang. In der Erstern ist das R\u00fchrende dem Erhabnen, in dem letzten das Erhabene dem R\u00fchrenden beigesellt. Wollte man von diesem Leitfaden weiter Gebrauch machen, so k\u00f6nnte man Dichtungsarten aufstellen, die das Erhabene allein, andre die das R\u00fchrende allein behandeln. In noch andern w\u00fcrde sich das R\u00fchrende mit dem Sch\u00f6nen vorz\u00fcglich gatten, und zu der zweiten Ordnung der K\u00fcnste einen Uebergang bahnen. So k\u00f6nnte man vielleicht diesen Faden auch durch diese, die sch\u00f6nen K\u00fcnste, fortf\u00fchren, und an dem h\u00f6chst <em>Vollkommenen<\/em> einen R\u00fcckweg zum Erhabenen finden, wodurch der Kreis der K\u00fcnste geschlossen w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das R\u00fchrende und Erhabene kommen darinn \u00fcberein, da\u00df sie Lust durch Unlust hervorbringen, da\u00df sie uns also (da die Lust aus Zweckm\u00e4\u00dfigkeit, der Schmerz aber aus dem Gegentheil entspringt) eine Zweckm\u00e4\u00dfigkeit zu empfinden geben, die eine <em>Zweckwidrigkeit<\/em> voraussetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Gef\u00fchl des Erhabenen besteht einerseits aus dem Gef\u00fchl unsrer <em>Ohnmacht<\/em> und Begrenzung, einen Gegenstand zu umfassen, anderseits aber aus dem Gef\u00fchl unsrer <em>Uebermacht<\/em>, welche vor keinen Grenzen erschrickt, und dasjenige sich <em>geistig<\/em> unterwirft, dem unsre sinnlichen Kr\u00e4fte unterliegen. Der Gegenstand des Erhabenen widerstreitet also unserm sinnlichen Verm\u00f6gen, und diese Unzweckm\u00e4\u00dfigkeit mu\u00df uns nothwendig Unlust erwecken. Aber sie wird zugleich eine Veranlassung, ein anderes Verm\u00f6gen in uns zu unserm Bewu\u00dftseyn zu bringen, welches demjenigen, woran die Einbildungskraft erliegt, \u00fcberlegen ist. Ein erhabener Gegenstand ist also eben dadurch, da\u00df er der Sinnlichkeit widerstreitet, zweckm\u00e4\u00dfig f\u00fcr die Vernunft, und erg\u00f6tzt durch das h\u00f6here Verm\u00f6gen, indem er durch das niedrige schmerzet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">R\u00fchrung, in seiner strengen Bedeutung, bezeichnet die gemischte Empfindung des Leidens und der Lust an dem Leiden. R\u00fchrung kann man also nur dann \u00fcber eigenes Ungl\u00fcck empfinden, wenn der Schmerz \u00fcber dasselbe gem\u00e4\u00dfigt genug ist, um der Lust Raum zu lassen, die etwa ein mitleidender Zuschauer dabey empfindet. Der Verlust eines gro\u00dfen Guts schl\u00e4gt uns heute zu Boden, und unser Schmerz <em>r\u00fchrt<\/em> den Zuschauer; in einem Jahre erinnern wir uns dieses Leidens selbst mit <em>R\u00fchrung<\/em>. Der Schwache ist jederzeit ein Raub seines Schmerzens, der Held und der Weise werden vom h\u00f6chsten eigenen Ungl\u00fcck nur <em>ger\u00fchrt<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">R\u00fchrung enth\u00e4lt eben so, wie das Gef\u00fchl des Erhabenen, zwey Bestandtheile, Schmerz und Vergn\u00fcgen; also hier wie dort ligt der Zweckm\u00e4\u00dfigkeit eine Zweckwidrigkeit zum Grunde. So scheint es eine Zweckwidrigkeit in der Natur zu seyn, da\u00df der Mensch leidet, der doch nicht zum Leiden bestimmt ist, und diese Zweckwidrigkeit thut uns wehe. Aber dieses <em>Wehethun<\/em> der Zweckwidrigkeit ist zweckm\u00e4\u00dfig f\u00fcr unsere vern\u00fcnftige Natur \u00fcberhaupt und in so fern es uns zur Th\u00e4tigkeit auffordert, zweckm\u00e4\u00dfig f\u00fcr die menschliche Gesellschaft. Wir m\u00fcssen also \u00fcber die Unlust selbst, welche das Zweckwidrige in uns erregt, nothwendig Lust empfinden, weil jene Unlust zweckm\u00e4\u00dfig ist. Um zu bestimmen, ob bey einer R\u00fchrung die Lust oder die Unlust hervorstechen werde, kommt es darauf an, ob die Vorstellung der Zweckwidrigkeit oder die der Zweckm\u00e4\u00dfigkeit die Oberhand beh\u00e4lt. Die\u00df kann nun entweder von der Menge der Zwecke, die erreicht oder verletzt werden, oder von ihrem Verh\u00e4ltni\u00df zu dem letzten Zweck aller Zwecke abh\u00e4ngen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Leiden des Tugendhaften r\u00fchrt uns schmerzhafter, als das Leiden des Lasterhaften, weil dort nicht nur dem allgemeinen Zweck der Menschen, gl\u00fccklich zu seyn, sondern auch dem besondern, da\u00df die Tugend gl\u00fccklich mache, hier aber nur dem erstern widersprochen wird. Hingegen schmerzt uns das Gl\u00fcck des B\u00f6sewichts auch weit mehr, als das Ungl\u00fcck des Tugendhaften, weil <em>erstlich<\/em> das Laster selbst und <em>zweytens<\/em> die Belohnung des Lasters eine Zweckwidrigkeit enthalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ausserdem ist die Tugend weit mehr geschickt, sich selbst zu belohnen, als das gl\u00fcckliche Laster, sich zu bestrafen; eben de\u00dfwegen wird der Rechtschaffene im Ungl\u00fcck weit eher der Tugend getreu bleiben, als der Lasterhafte im Gl\u00fcck zur Tugend umkehren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vorz\u00fcglich aber kommt es bey Bestimmung des Verh\u00e4ltnisses der Lust zu der Unlust in R\u00fchrungen darauf an, ob der verletzte Zweck den erreichten oder der erreichte den, der verletzt wird, an Wichtigkeit \u00fcbertreffen. Keine Zweckm\u00e4\u00dfigkeit geht uns so nah an als die <em>moralische<\/em> und nichts geht \u00fcber die Lust, die wir \u00fcber diese moralische Zweckm\u00e4\u00dfigkeit empfinden. Die Naturzweckm\u00e4\u00dfigkeit k\u00f6nnte noch immer problematisch seyn, die moralische ist uns erwiesen. Sie allein gr\u00fcndet sich auf unsre vern\u00fcnftige Natur und auf innre Nothwendigkeit. Sie ist uns die n\u00e4chste, die wichtigste, und zugleich die erkennbarste, weil sie durch nichts von aussen sondern durch ein innres Princip unsrer autonomischen Vernunft bestimmt wird. Sie ist das Palladium unsrer Freiheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese moralische Zweckm\u00e4\u00dfigkeit wird am lebendigsten erkannt, wenn sie im Widerspruch mit andern die Oberhand beh\u00e4lt; nur dann erwei\u00dft sich die ganze Macht des Sittengesetzes, wenn es mit allen \u00fcbrigen Naturkr\u00e4ften im Streit gezeigt wird und alle neben ihm ihre Gewalt \u00fcber ein menschliches Herz verlieren. Unter diesen Naturkr\u00e4ften ist alles begriffen, was nicht moralisch ist, alles was nicht unter der h\u00f6chsten Gesetzgebung der Vernunft stehet; also Empfindungen, Triebe, Affekte, Leidenschaften so gut, als die physische Nothwendigkeit und das Schicksal. Je furchtbarer die Gegner, desto glorreicher der Sieg; der Widerstand allein kann die Kraft sichtbar machen. Aus diesem folgt, \u201eda\u00df das h\u00f6chste Bewu\u00dftseyn unsrer moralischen Natur nur in einem gewaltsamen Zustand, im Kampfe, erhalten werden kann, und da\u00df das h\u00f6chste moralische Vergn\u00fcgen jederzeit von Schmerz wird begleitet seyn.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diejenige Dichtungsart also, welche uns die moralische Lust in vorz\u00fcglichem Grade gew\u00e4hrt, mu\u00df sich eben de\u00dfwegen der gemischten Empfindungen bedienen, und uns durch den Schmerz erg\u00f6tzen. Die\u00df thut vorzugsweise die Trag\u00f6die, und ihr Gebieth umfa\u00dft alle m\u00f6gliche F\u00e4lle, in denen irgend eine Naturzweckm\u00e4\u00dfigkeit einer moralischen, oder auch eine moralische Zweckm\u00e4\u00dfigkeit der andern, die h\u00f6her ist, aufgeopfert wird. Es w\u00e4re vielleicht nicht unm\u00f6glich, nach dem Verh\u00e4ltni\u00df, in welchem die moralische Zweckm\u00e4\u00dfigkeit im Widerspruch mit der andern erkannt und empfunden wird, eine Stuffenleiter des Vergn\u00fcgens von der untersten bi\u00df zur h\u00f6chsten hinaufzuf\u00fchren, und den Grad der angenehmen oder schmerzhaften R\u00fchrung a priori aus dem Princip der Zweckm\u00e4\u00dfigkeit bestimmt anzugeben. Ja vielleicht lie\u00dfen sich aus eben diesem Princip bestimmte Ordnungen der Trag\u00f6die ableiten, und alle m\u00f6gliche Klassen derselben a priori in einer vollst\u00e4ndigen Tafel ersch\u00f6pfen; so, da\u00df man im Stande w\u00e4re, jeder gegebenen Trag\u00f6die ihren Platz anzuweisen und den Grad sowohl als die Art der R\u00fchrung im voraus zu berechnen, \u00fcber den sie sich, verm\u00f6ge ihrer Species nicht erheben kann. Aber dieser Gegenstand bleibt einer eigenen Er\u00f6rterung vorbehalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie sehr die Vorstellung der moralischen Zweckm\u00e4\u00dfigkeit der Naturzweckm\u00e4\u00dfigkeit in unserm Gem\u00fcth vorgezogen werde, wird aus einzelnen Beispielen einleuchtend zu erkennen seyn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn wir H\u00fcon und Amanda an den Marterpfahl gebunden sehen, beyde aus freyer Wahl bereit, lieber den f\u00fcrchterlichen Feuertod zu sterben als durch Untreue gegen das Geliebte sich einen Thron zu erwerben \u2013 was macht uns wohl diesen Auftritt zum Gegenstand eines so himmlischen Vergn\u00fcgens? Der Widerspruch ihres gegenw\u00e4rtigen Zustands mit dem lachenden Schicksal das sie verschm\u00e4hten, die anscheinende Zweckwidrigkeit der Natur, welche Tugend mit Elend lohnt, die naturwidrige Verl\u00e4ugnung der Selbstliebe u.\u00a0s.\u00a0f. sollten uns, da sie so viele Vorstellungen von Zweckwidrigkeit in unsre Seele rufen, mit dem empfindlichsten Schmerz erf\u00fcllen \u2013 aber was k\u00fcmmert uns die Natur mit allen ihren Zwecken und Gesetzen, wenn sie durch ihre Zweckwidrigkeit eine Veranlassung wird, uns die moralische Zweckm\u00e4\u00dfigkeit <em>in<\/em> uns in ihrem vollesten Lichte zu zeigen? Die Erfahrung von der siegenden Macht des sittlichen Gesetzes, die wir bei diesem Anblick machen, ist ein so hohes so wesentliches Gut, da\u00df wir sogar versucht werden, uns mit dem Uebel auszus\u00f6hnen, dem wir es zu verdanken haben. Uebereinstimmung im <em>Reich der Freyheit<\/em> erg\u00f6tzt uns unendlich mehr, als alle Widerspr\u00fcche in der <em>nat\u00fcrlichen Welt<\/em> uns zu betr\u00fcben verm\u00f6gen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn Koriolan, von der Gatten- und Kindes- und B\u00fcrgerpflicht besiegt, das schon so gut als eroberte Rom verl\u00e4\u00dft, seine Rache unterdr\u00fcckt, sein Heer zur\u00fcckf\u00fchrt, und sich dem Ha\u00df eines eifers\u00fcchtigen Nebenbuhlers zum Opfer dahingibt, so begeht er offenbar eine sehr zweckwidrige Handlung; er verliert durch diesen Schritt nicht nur die Frucht aller bisherigen Siege, sondern rennt auch vors\u00e4tzlich seinem Verderben entgegen \u2013 aber wie treflich wie unaussprechlich gro\u00df ist es auf der andern Seite, den gr\u00f6bsten Widerspruch mit der Neigung einem Widerspruch mit dem sittlichen Gef\u00fchl k\u00fchn vorzuziehen, und auf solche Art, dem h\u00f6chsten Interesse der Sinnlichkeit entgegen, gegen die Regeln der Klugheit zu versto\u00dfen, um nur mit der h\u00f6hern moralischen Pflicht \u00fcbereinstimmend zu handeln? Jede Aufopferung des Lebens ist zweckwidrig, denn das Leben ist die Bedingung aller G\u00fcter; aber Aufopferung des Lebens in moralischer Absicht ist in hohem Grad zweckm\u00e4\u00dfig, denn das Leben ist nie f\u00fcr sich selbst, nie als Zweck, nur als Mittel zur Sittlichkeit wichtig. Tritt also ein Fall ein, wo die Hingebung des Lebens ein Mittel zur Sittlichkeit wird, so mu\u00df das Leben der Sittlichkeit nachstehen. \u201eEs ist nicht n\u00f6thig, da\u00df ich lebe, aber es ist n\u00f6thig, da\u00df ich Rom vor dem Hunger sch\u00fctze,\u201c sagt der gro\u00dfe Pompejus, da er nach Afrika schiffen soll, und seine Freunde ihm anliegen, seine Abfahrt zu verschieben, bi\u00df der Seesturm vor\u00fcber sey.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber das Leiden eines Verbrechers ist nicht weniger tragisch erg\u00f6tzend, als das Leiden des Tugendhaften und doch erhalten wir hier die Vorstellung einer moralischen Zweckwidrigkeit. Der Widerspruch seiner Handlung mit dem Sittengesetz sollte uns mit Unwillen, die moralische Unvollkommenheit, die eine solche Art zu handeln voraussetzt, mit Schmerz erf\u00fcllen; wenn wir auch das Ungl\u00fcck der Schuldlosen nicht einmal in Anschlag br\u00e4chten, die das Opfer davon werden. Hier ist keine Zufriedenheit mit der Moralit\u00e4t der Personen, die uns f\u00fcr den Schmerz zu entsch\u00e4digen verm\u00f6chte, den wir \u00fcber ihr Handeln und Leiden empfinden \u2013 und doch ist beydes ein sehr dankbarer Gegenstand f\u00fcr die Kunst, bey dem wir mit hohem Wohlgefallen verweilen. Es wird nicht schwer seyn, diese Erscheinung mit dem bisher gesagten in Uebereinstimmung zu zeigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht allein der Gehorsam gegen das Sittengesetz gibt uns die Vorstellung moralischer Zweckm\u00e4\u00dfigkeit, auch der Schmerz \u00fcber Verletzung desselben thut es. Die Traurigkeit, welche das Bewu\u00dftseyn moralischer Unvollkommenheit erzeugt, ist zweckm\u00e4\u00dfig, weil sie der Zufriedenheit gegen\u00fcber steht, die das moralische Rechtthun begleitet. Reue, Selbstverdammung, selbst in ihrem h\u00f6chsten Grad, in der Verzweiflung, sind moralisch erhaben, weil sie nimmermehr empfunden werden k\u00f6nnten, wenn nicht tief in der Brust des Verbrechers ein unbestechliches Gef\u00fchl f\u00fcr Recht und Unrecht wachte, und seine Anspr\u00fcche selbst gegen das feurigste Interesse der Selbstliebe geltend machte. Reue \u00fcber eine That entspringt aus der Vergleichung derselben mit dem Sittengesetz, und ist Mi\u00dfbilligung dieser That, weil sie dem Sittengesetz widerstreitet. Also mu\u00df im Augenblick der Reue das Sittengesetz die h\u00f6chste Instanz im Gem\u00fcth eines solchen Menschen seyn; es mu\u00df ihm wichtiger seyn, als selbst der Prei\u00df des Verbrechens, weil das Bewu\u00dftseyn des beleidigten Sittengesetzes ihm den Genu\u00df dieses Preises verg\u00e4llt. Der Zustand eines Gem\u00fcths aber, in welchem das Sittengesetz f\u00fcr die h\u00f6chste Instanz erkannt wird, ist moralisch zweckm\u00e4\u00dfig, also eine Quelle moralischer Lust. Und was kann auch erhabener seyn, als jene heroische Verzweiflung, die alle G\u00fcter des Lebens, die das Leben selbst in den Staub tritt, weil sie die mi\u00dfbilligende Stimme ihres innern Richters nicht ertragen und nicht \u00fcbert\u00e4uben kann? Ob der Tugendhafte sein Leben freiwillig dahingibt, um dem Sittengesetz gem\u00e4\u00df zu handeln \u2013 oder ob der Verbrecher unter dem Zwange des Gewissens sein Leben mit eigner Hand zerst\u00f6rt, um die Uebertretung jenes Gesetzes an sich zu bestrafen, so steigt unsre Achtung f\u00fcr das Sittengesetz zu einem gleich hohen Grad empor; und, wenn ja noch ein Unterschied statt f\u00e4nde, so w\u00fcrde er vielmehr zum Vortheil des Letztern ausfallen, da das begl\u00fcckende Bewu\u00dftseyn des Rechthandelns dem Tugendhaften seine Entschlie\u00dfung doch einigerma\u00dfen konnte erleichtert haben, und das sittliche Verdienst an einer Handlung gerade um eben so viel abnimmt, als Neigung und Lust daran Antheil haben. Reue und Verzweiflung \u00fcber ein begangenes Verbrechen zeigen uns die Macht des Sittengesetzes nur sp\u00e4ter, nicht schw\u00e4cher; es sind Gem\u00e4hlde der erhabensten Sittlichkeit, nur in einem gewaltsamen Zustand entworfen. Ein Mensch, der wegen einer verletzten moralischen Pflicht verzweifelt, tritt eben dadurch zum Gehorsam gegen dieselbe zur\u00fcck, und je furchtbarer seine Selbstverdammung sich \u00e4usert, desto m\u00e4chtiger sehen wir das Sittengesetz ihm gebieten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber es gibt F\u00e4lle, wo das moralische Vergn\u00fcgen nur durch einen moralischen Schmerz erkauft wird, und die\u00df geschieht, wenn eine moralische Pflicht \u00fcbertreten werden mu\u00df, um einer h\u00f6hern und allgemeinern desto gem\u00e4\u00dfer zu handeln. W\u00e4re Koriolan, anstatt seine eigene Vaterstadt zu belagern, vor Antium oder Korioli mit einem r\u00f6mischen Heere gestanden, w\u00e4re seine Mutter eine Volscierin gewesen, und ihre Bitten h\u00e4tten die nehmliche Wirkung auf ihn gehabt, so w\u00fcrde dieser Sieg der Kindespflicht den entgegengesetzten Eindruck auf uns machen. Der Ehrerbietung gegen die Mutter st\u00fcnde dann die weit h\u00f6here <em>b\u00fcrgerliche<\/em> Verbindlichkeit entgegen, welche im Collisionsfall vor jener den Vorzug verdient. Jener Commendant, dem die Wahl gelassen wird, entweder die Stadt zu \u00fcbergeben, oder seinen gefangenen Sohn vor seinen Augen durchbohrt zu sehen, w\u00e4hlt ohne Bedenken das Letztere, weil die Pflicht gegen sein Kind der Pflicht gegen sein Vaterland billig untergeordnet ist. Es emp\u00f6rt zwar im ersten Augenblick unser Herz, da\u00df ein Vater dem Naturtriebe und der Vaterpflicht so widersprechend handelt, aber es rei\u00dft uns bald zu einer s\u00fc\u00dfen Bewunderung hin, da\u00df sogar ein moralischer Antrieb, und wenn er sich selbst mit der Neigung gattet, die Vernunft in ihrer Gesetzgebung nicht irre machen kann. Wenn der Korinthier Timoleon einen geliebten aber ehrs\u00fcchtigen Bruder Timophanes ermorden l\u00e4\u00dft, weil seine Meinung von patriotischer Pflicht ihn zu Vertilgung alles dessen, was die Republik in Gefahr setzt, verbindet, so sehen wir ihn zwar nicht ohne Entsetzen und Abscheu diese naturwidrige, dem moralischen Gef\u00fchl so sehr widerstreitende Handlung begehen, aber unser Abscheu l\u00f6\u00dft sich bald in die h\u00f6chste Achtung der heroischen Tugend auf, die ihre Ausspr\u00fcche gegen jeden fremden Einflu\u00df der Neigung behauptet, und im st\u00fcrmischen Widerstreit der Gef\u00fchle eben so frey und eben so richtig, als im Zustand der h\u00f6chsten Ruhe entscheidet. Wir k\u00f6nnen \u00fcber republikanische Pflicht mit Timoleon ganz verschieden denken; das \u00e4ndert an unserm Wohlgefallen nichts. Vielmehr sind es gerade solche F\u00e4lle, wo unser Verstand nicht auf der Seite der handelnden Person ist, aus welchen man erkennt, wie sehr wir Pflichtm\u00e4\u00dfigkeit \u00fcber Zweckm\u00e4\u00dfigkeit, Einstimmung mit der Vernunft \u00fcber die Einstimmung mit dem Verstande erheben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ueber keine moralische Erscheinung aber wird das Urtheil der Menschen so verschieden ausfallen, als gerade \u00fcber diese, und der Grund dieser Verschiedenheit darf nicht weit gesucht werden. Der moralische Sinn liegt zwar in allen Menschen, aber nicht bey allen in derjenigen St\u00e4rke und Freiheit, wie er bei Beurtheilung dieser F\u00e4lle vorausgesetzt werden mu\u00df. F\u00fcr die Meisten ist es genug eine Handlung zu billigen, weil ihre Einstimmung mit dem Sittengesetz leicht gefa\u00dft wird, und eine andere zu verwerfen, weil ihr Widerstreit mit diesem Gesetz in die Augen leuchtet. Aber ein heller Verstand und eine von jeder Naturkraft also auch von moralischen Trieben (insofern sie instinktartig wirken) unabh\u00e4ngige Vernunft wird erfodert, die Verh\u00e4ltnisse moralischer Pflichten zu dem h\u00f6chsten Princip der Sittlichkeit richtig zu bestimmen. Daher wird die nehmliche Handlung, in welcher einige wenige die h\u00f6chste Zweckm\u00e4\u00dfigkeit erkennen dem gro\u00dfen Haufen als ein emp\u00f6render Widerspruch erscheinen, ob gleich beide ein moralisches Urtheil f\u00e4llen; daher r\u00fchrt es, da\u00df die R\u00fchrung an solchen Handlungen nicht in der Allgemeinheit mitgetheilt werden kann, wie die Einheit der menschlichen Natur und die Nothwendigkeit des moralischen Gesetzes erwarten l\u00e4\u00dft. Aber auch das wahrste und h\u00f6chste Erhabene ist, wie man wei\u00df, Vielen Ueberspannung und Unsinn, weil das Maa\u00df der Vernunft, die das Erhabene erkennt, nicht in allen dasselbe ist. Eine kleine Seele sinkt unter der Last so gro\u00dfer Vorstellungen dahin, oder f\u00fchlt sich peinlich \u00fcber ihren moralischen Durchmesser auseinander gespannt. Sieht nicht oft genug der gemeine Haufe da die h\u00e4\u00dflichste Verwirrung, wo der denkende Geist gerade die h\u00f6chste Ordnung bewundert?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So viel \u00fcber das Gef\u00fchl der moralischen Zweckm\u00e4\u00dfigkeit, in so fern es der tragischen R\u00fchrung und unsrer Lust an dem Leiden zum Grund liegt. Aber es sind demohngeachtet F\u00e4lle genug vorhanden, wo uns die Naturzweckm\u00e4\u00dfigkeit selbst auf Unkosten der moralischen zu erg\u00f6tzen scheint. Die h\u00f6chste Consequenz eines B\u00f6sewichts in Anordnung seiner Maschinen erg\u00f6tzt uns offenbar, obgleich Anstalten und Zweck unserm moralischen Gef\u00fchl widerstreiten. Ein solcher Mensch ist f\u00e4hig, unsre lebhafteste Theilnahme zu erwecken, und wir zittern vor dem Fehlschlag derselben Plane, deren Vereitlung wir, wenn es wirklich an dem w\u00e4re, da\u00df wir alles auf die moralische Zweckm\u00e4\u00dfigkeit beziehen, aufs feurigste w\u00fcnschen sollten. Aber auch diese Erscheinung hebt dasjenige nicht auf, was bisher \u00fcber das Gef\u00fchl der moralischen Zweckm\u00e4\u00dfigkeit, und seinen Einflu\u00df auf unser Vergn\u00fcgen an tragischen R\u00fchrungen behauptet wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zweckm\u00e4\u00dfigkeit gew\u00e4hrt uns unter allen Umst\u00e4nden Vergn\u00fcgen, sie beziehe sich entweder gar nicht auf das Sittliche, oder sie widerstreite demselben. Wir genie\u00dfen dieses Vergn\u00fcgen <em>rein<\/em>, so lange wir uns keines sittlichen Zwecks erinnern, dem dadurch widersprochen wird. Eben so wie wir uns an dem verstand\u00e4hnlichen Instinkt der Thiere, an dem Kunstflei\u00df der Bienen u.\u00a0d.\u00a0gl. erg\u00f6tzen, ohne diese Naturzweckm\u00e4\u00dfigkeit auf einen verst\u00e4ndigen Willen, noch weniger auf einen moralischen Zweck zu beziehen, so gew\u00e4hrt uns die Zweckm\u00e4\u00dfigkeit eines jeden menschlichen Gesch\u00e4fts an sich selbst Vergn\u00fcgen, sobald wir uns weiter nichts dabey denken als das Verh\u00e4ltni\u00df der Mittel zu ihrem Zweck. F\u00e4llt es uns aber ein, diesen Zweck nebst seinen Mitteln auf ein sittliches Princip zu beziehen, und entdecken wir alsdann einen Widerspruch mit dem letztern, kurz, erinnern wir uns, da\u00df es die Handlung eines moralischen Wesens ist, so tritt eine tiefe Indignation an die Stelle jenes ersten Vergn\u00fcgens, und keine noch so gro\u00dfe Verstandeszweckm\u00e4\u00dfigkeit ist f\u00e4hig, uns mit der Vorstellung einer sittlichen Zweckwidrigkeit zu vers\u00f6hnen. Nie darf es uns lebhaft werden, da\u00df dieser Richard III., dieser Jago, dieser Lovelace <em>Menschen<\/em> sind, sonst wird sich unsre Theilnahme unausbleiblich in ihr Gegentheil verwandeln. Da\u00df wir aber ein Verm\u00f6gen besitzen und auch h\u00e4ufig genug aus\u00fcben, unsre Aufmerksamkeit von einer gewissen Seite der Dinge freywillig abzulenken und auf eine andere zu richten, da\u00df das Vergn\u00fcgen selbst, welches durch diese Absonderung allein f\u00fcr uns m\u00f6glich ist, uns dazu einladet und dabey festh\u00e4lt, wird durch die t\u00e4gliche Erfahrung best\u00e4tigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht selten aber gewinnt eine geistreiche Bosheit vorz\u00fcglich de\u00dfwegen unsre Gunst, weil sie ein Mittel ist, uns den Genu\u00df der moralischen Zweckm\u00e4\u00dfigkeit zu verschaffen. Je gef\u00e4hrlicher die Schlingen sind, welche Lovelace Klarissens Tugend legt, je h\u00e4rter die Proben sind, auf welche die erfinderische Grausamkeit eines Despoten die Standhaftigkeit seines unschuldigen Opfers stellt, in desto h\u00f6herem Glanz sehen wir die moralische Zweckm\u00e4\u00dfigkeit triumphieren. Wir freuen uns \u00fcber die Macht des moralischen Pflichtgef\u00fchls, welches die Erfindungskraft eines Verf\u00fchrers so sehr in Arbeit setzen kann. Hingegen rechnen wir dem consequenten B\u00f6sewicht die Besiegung des moralischen Gef\u00fchls, von dem wir wissen, da\u00df es sich nothwendig in ihm regen mu\u00dfte, zu einer Art von Verdienst an, weil es von einer gro\u00dfen Zweckm\u00e4\u00dfigkeit des Verstandes zeugt, sich durch keine moralische Regung in seinem Handeln irre machen zu lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Uebrigens ist es unwidersprechlich, da\u00df eine zweckm\u00e4\u00dfige Bosheit nur alsdann der Gegenstand eines vollkommenen Wohlgefallens werden kann, wenn sie vor der moralischen Zweckm\u00e4\u00dfigkeit zu Schanden wird. Dann ist sie sogar eine wesentliche Bedingung des h\u00f6chsten Wohlgefallens, weil sie allein vermag, die Uebermacht des moralischen Gef\u00fchls recht einleuchtend zu machen. Es gibt davon keinen \u00fcberzeugendern Beweis, als den letzten Eindruck, mit dem uns der Verfasser der Klarissa entl\u00e4\u00dft. Die h\u00f6chste Verstandeszweckm\u00e4\u00dfigkeit, die wir in dem Verf\u00fchrungsplane des Lovelace unfreiwillig bewundern mu\u00dften, wird durch die Vernunftzweckm\u00e4\u00dfigkeit, welche Klarissa diesem furchtbaren Feind ihrer Unschuld entgegen setzt, glorreich \u00fcbertroffen, und wir sehen uns dadurch in den Stand gesetzt, den Genu\u00df beider in einem hohen Grad zu vereinigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In so ferne sich der tragische Dichter zum Ziel setzt, das Gef\u00fchl der moralischen Zweckm\u00e4\u00dfigkeit zu einem lebendigen Bewu\u00dftseyn zu bringen, in so fern er also die Mittel zu diesem Zwecke verst\u00e4ndig w\u00e4hlt und anwendet, mu\u00df er den Kenner jederzeit auf eine gedoppelte Art durch die moralische und durch die Naturzweckm\u00e4\u00dfigkeit erg\u00f6tzen. Durch jene wird er das Herz, durch diese den Verstand befriedigen. Der gro\u00dfe Haufe erleidet gleichsam blind die von dem K\u00fcnstler auf das Herz beabsichtete Wirkung, ohne die Magie zu durchblicken, vermittelst welcher die Kunst diese Macht \u00fcber ihn aus\u00fcbte. Aber es gibt eine gewisse Klasse von Kennern, bey denen der K\u00fcnstler gerade umgekehrt, die auf das Herz abgezielte Wirkung verliert, deren Geschmack er aber durch die Zweckm\u00e4\u00dfigkeit der dazu angewandten Mittel f\u00fcr sich gewinnen kann. Gleichg\u00fcltig gegen den Inhalt werden diese blo\u00df durch die Form befriedigt. Sie vergeben eine Verletzung dieser selbst der gelungensten Wirkung nicht, und wollen lieber bey einer zweckm\u00e4\u00dfigen Anordnung den Zweck, als bey dem vollkommen erreichten Zweck die Zweckm\u00e4\u00dfigkeit der Mittel verlieren. In diesen sonderbaren Widerspruch artet \u00f6fters die feinste Kultur des Geschmackes aus, besonders wo die moralische Veredlung hinter der Bildung des Kopfs zur\u00fcckbleibt. Diese Art Kenner suchen im R\u00fchrenden und Erhabenen nur das Sch\u00f6ne; dieses empfinden und pr\u00fcfen sie mit dem richtigsten Gef\u00fchl, aber man h\u00fcte sich, an ihr Herz zu appelliren. Alter und Kultur f\u00fchren uns dieser Klippe entgegen, und diesen nachtheiligen Einflu\u00df von beyden gl\u00fccklich besiegen, ist der h\u00f6chste Karakterruhm des gebildeten Mannes. Unter Europens Nationen sind unsre Nachbarn die Franzosen diesem Extrem am n\u00e4chsten gef\u00fchrt worden, und wir ringen, wie in allem so auch hier, diesem Muster nach.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-99271 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Friedrich_Schiller-220x300.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"300\" \/>KUNO hat ein Faible f\u00fcr die frei drehende Phantasie. Wir begreifen die Gattung des Essays als eine Versuchsanordnung, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen. Auch ein Essay handelt ausschliesslich mit Fiktionen, also mit Modellen der Wirklichkeit. Wir betrachten Michel de Montaigne als einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/04\/23\/die-ehe-ist-ein-vertrag-nur-der-erste-anfang-ist-frei\/\">Blogger aus dem 16. Jahrhundert<\/a>. Henry David Thoreau gilt als Schriftsteller auch in formaler Hinsicht als eine der markantesten Gestalten der klassischen amerikanischen Literatur. Als sorgf\u00e4ltig feilender Stilist, als hervorragender Sprachk\u00fcnstler hat er durch die f\u00fcr ihn <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/07\/12\/walden-life-in-the-woods\/\">charakteristische Essayform<\/a> auf Generationen von Schriftstellern anregend gewirkt. Karl Kraus war der erste Autor, der die kulturkritische Kommen\u00adtie\u00adrung der Welt\u00adlage zur Dauer\u00adbesch\u00e4f\u00adtigung erhob. Seine Zeit\u00adschrift \u201eDie Fackel\u201c war gewisser\u00adma\u00ad\u00dfen der erste <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/01\/29\/die-fackel\/\">Kultur-Blog<\/a>. Die Redaktion nimmt Rosa Luxemburg beim Wort und versucht in diesem Online-Magazin auch \u00fcberkommene <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/05\/01\/wie-entstand-die-maifeier\/\">journalistische Formen<\/a> neu zu denken. Enrik Lauer zieht die Dusche dem Wannenbad vor. Warum erstere im Sp\u00e4tkapitalismus \u2013 zum Beispiel als Zeit und Ressourcen sparend \u2013 zweiteres als Form der K\u00f6rperreinigung weitgehend verdr\u00e4ngt hat, ist einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/25\/wohlbefinden\/\">eigenen Betrachtung<\/a> wert. Ulrich Bergmann setzte sich mit den Wachowski-Br\u00fcdern und der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/06\/the-matrix-has-you\/\">Matrix<\/a> auseinander. Zum Thema K\u00fcnstlerb\u00fccher finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">weitere Betrachtungen<\/a> von J.C. Albers. Last but not least: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25524\"><em>VerDichtung \u2013 \u00dcber das Verfertigen von Poesie<\/em><\/a>, ein Essay von A.J. Weigoni in dem er dichtungstheoretisch die poetologischen Grunds\u00e4tze seines Schaffens beschreibt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie sehr auch einige neuere Aesthetiker sichs zum Gesch\u00e4ft machen, die K\u00fcnste der Phantasie und Empfindung gegen den allgemeinen Glauben, da\u00df sie auf Vergn\u00fcgen abzwecken, wie gegen einen herabsetzenden Vorwurf zu vertheidigen, so wird dieser Glaube dennoch, nach wie vor,&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/05\/09\/ueber-den-grund-des-vergnuegens-an-tragischen-gegenstaenden\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":73,"featured_media":99271,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[497],"class_list":["post-103188","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-friedrich-schiller"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103188","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/73"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=103188"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103188\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":103189,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103188\/revisions\/103189"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99271"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=103188"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=103188"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=103188"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}