{"id":103170,"date":"2003-06-12T10:56:49","date_gmt":"2003-06-12T08:56:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103170"},"modified":"2025-02-22T05:41:55","modified_gmt":"2025-02-22T04:41:55","slug":"die-fackel-ein-analoger-blog","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/06\/12\/die-fackel-ein-analoger-blog\/","title":{"rendered":"Die Fackel, als  analoger Blog betrachtet"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Als er starb, schien er sich \u00fcberlebt zu haben. Da er f\u00fcnfzehn Jahre sp\u00e4ter aufzuerstehen begann, sahen wir, da\u00df er \u00fcberlebt hatte und uns \u00fcberleben wird.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Hans Weigel<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die Fackel<\/em> und seine B\u00fccher waren, obwohl urspr\u00fcnglich lukrativ, zu einem Verlustgesch\u00e4ft geworden, und Karl Kraus starb fast mittellos. Die Erl\u00f6se seiner vielen Lesungen hatte er ausnahmslos f\u00fcr gemeinn\u00fctzige Zwecke gespendet. Der Nachlass reichte knapp hin, um die Kosten des Begr\u00e4bnisses zu decken. Ein weiteres Heft der Fackel h\u00e4tte er vielleicht nicht mehr finanzieren k\u00f6nnen. Ein Karl-Kraus-Archiv wurde gerade eben rechtzeitig vor 1938 in die Schweiz gebracht: was in Wien blieb, wurde gepl\u00fcndert und vernichtet. Obwohl es keinen geschlossenen Nachlass gibt, befindet sich ein gro\u00dfer Teil davon heute in der Wienbibliothek im Rathaus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kraus und seine Zeit hatten sich auseinandergelebt. Wenig lie\u00df darauf schlie\u00dfen, dass die nach seinem Tod durch andere Geschehnisse tiefgreifend ver\u00e4nderte Nachwelt ihm Interesse entgegenbringen w\u00fcrde. Und wirklich: Kraus ist postum noch mehr als zu Lebzeiten ein \u201eGeheimtipp\u201c, mag auch sein Werk von Zeit zu Zeit in literarischen Kanons empfohlen werden. Viele seiner Schriften behandeln Wiener Aff\u00e4ren von vor hundert Jahren; man muss nicht den \u201ebildungsfernen Schichten\u201c angeh\u00f6ren, um diesen Stoff uninteressant zu finden, und ein vollst\u00e4ndiges Verst\u00e4ndnis ist nur im Kontext der Zeitgeschichte und des <em>Fackel<\/em>-Laufs m\u00f6glich \u2013 <em>idiosynkratisch \u00f6sterreichisch<\/em> nannte es jemand aus dem englischen Sprachraum, dessen Leser zus\u00e4tzlich durch die Sprachbarriere gehindert werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und dennoch ist das Werk zeitlos. Es findet Leser, die sich von Kraus\u2019 Meisterschaft der satirischen Form angezogen f\u00fchlen \u2013 eine Satire, die in einer solchen Weise aus der Sprache lebt, dass Kraus\u2019 Werke sehr schwer \u00fcbersetzbar sind. Viele Themen der <em>Fackel<\/em> sind auch nach einem Jahrhundert nicht erledigt. Dass Kraus sich keiner Ideologie, Schublade oder Partei unterordnete, vielmehr (fast) jedem auf die Zehen trat, hat seine Popularit\u00e4t bereits zu Lebzeiten begrenzt; er konnte weder der S\u00e4ulenheilige der Revolution noch der Reaktion sein, seine Schriften waren weder f\u00fcr Bibelkreis noch f\u00fcr Synagoge geeignet, und weder Patriarchen noch Emanzen konnten mit ihm voll \u00fcbereinstimmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kraus\u2019 Werk ist also heute wie damals im Vergleich zu seiner Bedeutung wenig bekannt. Man muss allerdings bedenken, dass Kraus einer der ganz wenigen (wie etwa Kurt Tucholsky) ist, denen es gelang, mit <em>journalistischen<\/em> Arbeiten die <em>schriftstellerische<\/em> Spitze zu erreichen und deren Werke zum Tagesgeschehen einer l\u00e4ngst vergangenen Zeit heute noch gesch\u00e4tzt und gelesen werden. Tats\u00e4chlich sind die meisten seiner Gegner heute \u00fcberhaupt nur \u2013 au\u00dfer als Fu\u00dfnote in Geschichtsb\u00fcchern \u2013 bekannt, weil sie von der <em>Fackel<\/em> <em>erledigt<\/em> wurden. Dies macht aber auch das bis heute Umstrittene an Kraus aus: dass er im \u201eErledigen\u201c ma\u00dflos war und kaum ein noch so bedeutender Zeitgenosse seinen Kampagnen entgehen konnte. 1984 schrieb Hellmut Andics von Kraus\u2019 \u201eDemoliert\u00e4tigkeit an literarischen Denkm\u00e4lern\u201c mit der <em>Fackel<\/em> als \u201eExekutivorgan einer kulturellen Sittenpolizei, und mit der Mentalit\u00e4t eines Pr\u00fcgelpolizisten ging Karl Kraus auch gegen die intellektuelle Unterwelt vor. Was \u201eUnterwelt\u201c war, entschied er selbst als Ankl\u00e4ger, Richter und Henker in einer Person.\u201c Selbst im Tod hoffte Kraus nicht auf Ruhe, im Gegenteil:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Wortverbunden bleib ich den Gestalten,<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>gegen die ich mich des Geistes wehre.<\/em> [\u2026]<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Dreist entrei\u00df ich mich dem faulen Frieden,<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>nichts zu haben als die Totenstille<\/em> [\u2026]<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Todesfurcht ist, da\u00df Natur mich bringe<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>einst um alles mir lebendige Grauen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Jener ewigen Ruh ist nicht zu trauen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ich will leiden, lieben, h\u00f6ren, schauen: <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>ewig ruhlos, da\u00df das Werk gelinge!<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf die \u00f6sterreichische Literatur hat er bis zur Gegenwart gro\u00dfe Wirkung. Repr\u00e4sentativ daf\u00fcr ist die Haltung Elias Canettis, der sich als Goethe-Leser von der unbedingten Verpflichtung auf Kraus als Vorbild befreite, seine dann sehr kritische Haltung aber nach der Publikation von Kraus\u2019 Briefwechsel mit Sidonie N\u00e1dh\u00e9rny in den siebziger Jahren \u00e4nderte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Die Fackel<\/b> war eine von Karl Kraus von 1899 bis 1936 herausgegebene satirische Zeitschrift.<\/p>\n<div id=\"attachment_102191\" style=\"width: 209px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-102191\" class=\"wp-image-102191 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1999\/11\/Fakel_Cover-199x300.jpg\" alt=\"\" width=\"199\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-102191\" class=\"wp-caption-text\">Die Fakel, ein analoger Blog<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192\u00a0<\/strong> Karl Kraus war der erste Autor, der die kulturkritische Kommen\u00adtie\u00adrung der Welt\u00adlage zur Dauer\u00adbesch\u00e4f\u00adtigung erhob. Seine Zeit\u00adschrift \u201eDie Fackel\u201c war gewisser\u00adma\u00ad\u00dfen der erste <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/01\/29\/die-fackel\/\">Kultur-Blog<\/a>. Wir begreifen die Gattung des Essays als eine Versuchsanordnung, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen. Auch ein Essay handelt ausschliesslich mit Fiktionen, also mit Modellen der Wirklichkeit. Wir betrachten Michel de Montaigne als einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/04\/23\/die-ehe-ist-ein-vertrag-nur-der-erste-anfang-ist-frei\/\">Blogger aus dem 16. Jahrhundert<\/a>. Henry David Thoreau gilt als Schriftsteller auch in formaler Hinsicht als eine der markantesten Gestalten der klassischen amerikanischen Literatur. Als sorgf\u00e4ltig feilender Stilist, als hervorragender Sprachk\u00fcnstler hat er durch die f\u00fcr ihn <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/07\/12\/walden-life-in-the-woods\/\">charakteristische Essayform<\/a> auf Generationen von Schriftstellern anregend gewirkt. Die Redaktion nimmt Rosa Luxemburg beim Wort und versucht in diesem Online-Magazin auch \u00fcberkommene <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/05\/01\/wie-entstand-die-maifeier\/\">journalistische Formen<\/a> neu zu denken. Enrik Lauer zieht die Dusche dem Wannenbad vor. Warum erstere im Sp\u00e4tkapitalismus \u2013 zum Beispiel als Zeit und Ressourcen sparend \u2013 zweiteres als Form der K\u00f6rperreinigung weitgehend verdr\u00e4ngt hat, ist einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/25\/wohlbefinden\/\">eigenen Betrachtung<\/a> wert. Ulrich Bergmann setzte sich mit den Wachowski-Br\u00fcdern und der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/06\/the-matrix-has-you\/\">Matrix<\/a> auseinander. Zum Thema K\u00fcnstlerb\u00fccher finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">weitere Betrachtungen<\/a> von J.C. Albers.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als er starb, schien er sich \u00fcberlebt zu haben. Da er f\u00fcnfzehn Jahre sp\u00e4ter aufzuerstehen begann, sahen wir, da\u00df er \u00fcberlebt hatte und uns \u00fcberleben wird. Hans Weigel Die Fackel und seine B\u00fccher waren, obwohl urspr\u00fcnglich lukrativ, zu einem Verlustgesch\u00e4ft&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/06\/12\/die-fackel-ein-analoger-blog\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":254,"featured_media":102191,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[4006,202],"class_list":["post-103170","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-johannes-schmidt","tag-karl-kraus"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103170","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/254"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=103170"}],"version-history":[{"count":6,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103170\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":106597,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103170\/revisions\/106597"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/102191"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=103170"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=103170"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=103170"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}