{"id":103149,"date":"2003-07-10T06:34:38","date_gmt":"2003-07-10T04:34:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103149"},"modified":"2022-05-23T06:38:07","modified_gmt":"2022-05-23T04:38:07","slug":"schwabing","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/07\/10\/schwabing\/","title":{"rendered":"Schwabing"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Vorbemerkung der Redaktion:<\/span> Obwohl die nonkonformistische Literatur ehrlich und transparent zugleich sein wollte, war gegen Ende der 1960er nur schwer zu fassen. Der Zeitzeuge Erich M\u00fchsam \u00fcber Schwabing:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schwabing, habe ich fr\u00fcher schon einmal behauptet, ist, wie Montmartre, weniger ein geographischer als ein kultureller Begriff. \u00c4u\u00dferlich ein M\u00fcnchener Stadtteil wie jeder andere, mit L\u00e4den, langen Stra\u00dfen, hohen Wohnh\u00e4usern, einzelnen Villenstra\u00dfen, in den an den Englischen Garten angrenzenden Bezirken und mit sehr gemischter Bev\u00f6lkerung: reiche Leute, hohe Beamte, Staatspension\u00e4re, Professoren, Studenten, Kleinb\u00fcrger, viel Arbeiter und ganz n\u00f6rdlich, wo die H\u00e4user niedrig und sp\u00e4rlich sind, noch durchaus rustikales Ackerb\u00fcrgertum. Gewisse Partien haben ganz den d\u00f6rflichen Charakter gewahrt, den Schwabing vor hundert Jahren hatte, als es noch nicht durch eine gro\u00dfst\u00e4dtische Hauptstra\u00dfe an M\u00fcnchen herangebaut, noch nicht von der Residenz als Au\u00dfenviertel aufgenommen war. Da gibt es noch, rund um eine alte kleine Kirche herum, schiefgestellte, l\u00e4ndliche H\u00e4uschen und mit m\u00e4chtigen B\u00e4umen bestandene Bierg\u00e4rten vor verhutzelten Gastwirtschaften, wo einmal die M\u00fcnchener B\u00fcrgerfamilien bei ihren Sonntagsnachmittagsausfl\u00fcgen den Verderb der guten Sitten am Hofe der Lola Montez beklagt haben m\u00f6gen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies alles ist nichts, was den Stadtteil Schwabing wesentlich von anderen St\u00e4dten oder Vororten unterschiede, die, ehedem winzige Bauerngemeinden, von nahe gelegenen Metropolen verschluckt wurden und sich deren Anspr\u00fcchen nach und nach akklimatisierten. Dennoch ist Schwabing von etwas Besonderem ausgezeichnet, von einer andern Art Lebensgeist, als er sonst waltet, von einer eigenen seelischen Atmosph\u00e4re im Dunstkreis seiner Wohnst\u00e4tten. Architektonisch kommt das kaum zur Geltung, denn nur einem aufmerksamen Beobachter w\u00fcrde auffallen, wie ungew\u00f6hnlich viele H\u00e4user in den eint\u00f6nigen, von keinerlei Sch\u00f6nheitssinn in den Stadtplan gezeichneten Stra\u00dfen mit gro\u00dfen, in quadratische Scheiben geordneten Dachfenstern versehen sind. Das sind die Ateliers, in denen sich jener besondere Schwabinger Geist zu Werken der bildenden Kunst in \u00d6l oder Gips zu materialisieren beflei\u00dfigt. Und es ist doch wohl auch nicht der k\u00fcnstlerische Schaffensflei\u00df, der die spezifisch Schwabinger Atmosph\u00e4re schafft; denn es kann nicht geleugnet werden, da\u00df das wichtigste Merkmal dieser Atmosph\u00e4re, die Regellosigkeit der Konvention im Verkehr zwischen den Menschen, in deren k\u00fcnstlerischer Produktion den allerschw\u00e4chsten Ausdruck findet. Ich habe gro\u00dfe K\u00fcnstler gekannt \u2013 in M\u00fcnchen und anderswo \u2013, die in ihren Werken die radikalsten Konventionsver\u00e4chter waren und in ihrem pers\u00f6nlichen Gebaren alles eher als Schwabinger Typen, und umgekehrt sah ich in Schwabinger Ateliers Bilder und Skulpturen, die sich mit pedantischer Sorgfalt an die akademische Konvention hielten, deren Sch\u00f6pfer aber in Erscheinung und Lebensf\u00fchrung allen westeurop\u00e4ischen Gepflogenheiten eine wahrhaft nihilistische Verh\u00f6hnung entgegenstellten. Das sind die Gestalten, die den Stadtteil Schwabing zum Kulturbegriff Schwabing machten \u2013 Maler, Bildhauer, Dichter, Modelle, Nichtstuer, Philosophen, Religionsstifter, Umst\u00fcrzler, Erneuerer, Sexualethiker, Psychoanalytiker, Musiker, Architekten, Kunstgewerblerinnen, entlaufene h\u00f6here T\u00f6chter, ewige Studenten, Flei\u00dfige und Faule, Lebensgierige und Lebensm\u00fcde, Wildgelockte und adrett Gescheitelte \u2013, die bei der denkbar gr\u00f6\u00dften Verschiedenheit voneinander (einer individuellen Verschiedenheit, die dem Juste-milieu ganz unbekannt ist) nur verbunden waren durch ihre gleich himmelweite Entfernung von eben diesem Juste-milieu, vereint waren in einer unsichtbaren Loge des Widerstandes gegen die Autorit\u00e4t der herk\u00f6mmlichen Sitten und des Willens, ihr individuelles Gehaben nicht unter die Norm zu beugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Welche lokalen Eigent\u00fcmlichkeiten Schwabings besondere Eignung zum Zentrum eines sozusagen experimentellen Gesellschaftsindividualismus bewirkten, kann ich nicht feststellen. Doch scheint die Entdeckung Schwabings nicht erst auf den Einzug der Boheme der achtziger Jahre gewartet zu haben, die von dort aus unter der F\u00fchrung Michael Georg Conrads den Sturm durchs Siegestor gegen die Propyl\u00e4en organisierte, deren Schatten die Villa sch\u00fctzte, wo Paul Heyse in grimmigem Eifer den Hellenismus einer etwas ramponierten Klassizit\u00e4t gegen den Banditismus modernen Geistes verteidigte. Schon vor jenen hundert Jahren, als die Erlesenheit des M\u00fcnchener Geistes sich in die Verse des K\u00f6nigs Ludwig I. und die Wortwitze des Hoftheater-Intendanturrates Moritz Gottlieb Saphir absetzte, suchte sich ein wirklich gro\u00dfer Geist und dabei einer der absonderlichsten K\u00e4uze seiner Zeit schon das damals v\u00f6llig abgelegene Dorf Schwabing zum Wohnsitz aus: Das war der Philosoph der Christologie, der Theosoph Franz von Baader, der t\u00e4glich nach M\u00fcnchen hineinspazierte, irgendeinen harmlosen Handwerksmann beim Knopf fa\u00dfte und ihm seine Fragen \u00fcber das Gottesbewu\u00dftsein oder seine mystische Soziet\u00e4tswissenschaft vorlegte. Der einfache Verstand des von Wissenschaft unbelasteten Gehirns sollte die Gelehrsamkeit des weisen Mannes regulieren. Welche prachtvolle Vorurteilslosigkeit, welch unz\u00fcnftlerisches Verfahren, welche echte und beste Schwabingerei!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies mag das eigentliche Charakteristikum des Begriffs Schwabing sein, die Unbek\u00fcmmertheit um das Urteil anderer Leute. Jeder Mensch ist ein Eigener; aber wer es zeigt, hei\u00dft anderswo ein Sonderling. Schwabing war eine Massensiedlung von Sonderlingen, und darin liegt seine p\u00e4dagogische Bedeutung. Schwabings auff\u00e4llige Minderheit bewirkte bei der unauff\u00e4lligen Mehrheit, da\u00df sie nicht mehr auffiel. Ja, ganz M\u00fcnchen gew\u00f6hnte sich an das Ungew\u00f6hnliche, lernte Toleranz und g\u00f6nnte der Seltsamkeit ihr Lebensrecht. Jeder, der l\u00e4ngere Zeit in M\u00fcnchen gelebt hat, erinnert sich eines Zigarrenh\u00e4ndlers mit grauem Knebelbart, dessen Haare unter dem Hut hervorstachen, zu einem grauen Zopf geflochten und mit einem Schleifchen zusammengehalten. Der Mann \u2013 ich wei\u00df nicht, ob er noch lebt \u2013 wohnte selbst gar nich in Schwabing, aber es war eine Frucht Schwabingscher Erziehung, da\u00df er sich trug, wie es ihm pa\u00dfte, und eine noch weit sch\u00f6nere Frucht Schwabinger Einfl\u00fcsse war, da\u00df sich in ganz M\u00fcnchen kein Mensch \u00fcber den Frisurindividualismus des Mitb\u00fcrgers aufregte. Daran, da\u00df sich jemand \u00fcberhaupt nach ihm umsah, war mit Sicherheit ein Fremder zu erkennen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im allgemeinen war die Langhaarigkeit der Schwabinger M\u00e4nner so wenig wie die Kurzhaarigkeit vieler Schwabinger Frauen \u2013 Lotte Pritzel und Emmy Hennings brauchten den Bubikopf nicht erst von der Mode geschnitten zu bekommen \u2013 noch die Samtkittel der Schwabinger Maler ein wichtiges Kennzeichen Schwabings. Kennzeichen war nur, da\u00df jeder seine Aufmachung selbst bestimmte, einer von Eitelkeit, ein anderer von Bequemlichkeit, der dritte von Stilgef\u00fchl und mancher auch von seinem Schneider beraten. Uniformit\u00e4t gab es h\u00f6chstens in dem \u00c4sthetenzirkel um Stefan George. Dort trug man hochgeschlossene Westen mit schwarzen Krawattent\u00fcchern bis zum Kinn und d\u00fcnne silberne Ketten, die um den Hals gelegt waren und in einer Westentasche verschwanden. Das geh\u00f6rte zu der Weihe, zu welcher die Zugeh\u00f6rigkeit zu jenem Kreise verpflichtete; denn so trug sich der Meister selbst, dem Franziska zu Reventlow, \u00bbdie Gr\u00e4fin\u00ab, respektwidrig den Namen \u00bbWeihenstefan\u00ab angeh\u00e4ngt hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es wird wohl 1905 gewesen sein, da\u00df ich zum ersten Male einige Zeit angemeldeter Einwohner M\u00fcnchens und selbstverst\u00e4ndlich Schwabings war. Zum Stammlokal wurde das Caf\u00e9 Stefanie gew\u00e4hlt, an der Peripherie des K\u00fcnstlerviertels, im M\u00fcnchener Quartier latin gelegen. Hier verkehrten massenhaft Maler, Schriftsteller und Genieanw\u00e4rter jeder Art, auch viele ausl\u00e4ndische K\u00fcnstler, Russen, Ungarn und Balkanslawen, kurz das, was der M\u00fcnchener Eingeborene in den Sammelnamen \u00bbSchlawiner\u00ab zusammenfa\u00dft. Ein Ecktisch war f\u00fcr eine Anzahl Ber\u00fchmtheiten reserviert, deren einige dem Schachspiel oblagen, andere die Tagesereignisse auf den Gebieten der Literatur, der Kunst und des Theaters er\u00f6rterten. Dort lernte ich Max Halbe kennen und Max Dauthendey und habe dann jahrelang an dem Ecktisch fast t\u00e4glich Schach gespielt mit Roda Roda und Gustav Meyrink, mit dem Syndikus der M\u00fcnchener Kunstakademie Professor Eugen von Stieler und mit dem \u00bbMajor\u00ab, dem Maler und Schriftsteller August von Hoffmann-Bestenhof, einem ehemaligen \u00f6sterreichischen Offizier, mit dem Maler Max Nonnenbruch und vielen anderen. Auch den \u00fcberaus feinen, klugen und ironischen baltischen Romancier Graf Eduard Keyserling habe ich dort noch getroffen, bevor er, blind und gel\u00e4hmt, ganz an den Rollstuhl gefesselt war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im eigentlichen Schwabing lag das Caf\u00e9 Leopold, wo Albert Langen und seine Mitarbeiter vom \u00bbSimplicissimus\u00ab ihre Erholung suchten. Da sa\u00df Karl Wolfskehl mit den \u00fcbrigen J\u00fcngern Stefan Georges, und hier kam ich zum erstenmal mit der einzigartigen Frau in Ber\u00fchrung, deren gro\u00dfe Pers\u00f6nlichkeit, die sich nur im Milieu Schwabings frei entfalten konnte, allein gen\u00fcgen w\u00fcrde, um Schwabings Bedeutung als Kulturbegriff sicherzustellen: der Gr\u00e4fin Franziska zu Reventlow. Von dieser au\u00dferordentlichen Frau, dem innerlich freiesten und nat\u00fcrlichsten Menschen, dem ich begegnet bin, gleichm\u00e4\u00dfig ausgezeichnet von h\u00f6chstem weiblichem Charme, gepflegtester geistiger Kultur, kritischster Klugheit, anmutigstem Humor und vollkommenster Vorurteilslosigkeit, wird in anderen<a href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/M%C3%BChsam-Werke+Bd.+2\">[565]<\/a> Zusammenh\u00e4ngen mehr zu sagen sein. Vom Schwabinger Gesamtmilieu aber erh\u00e4lt man ein vortreffliches Bild, wenn man sich mit dem wundervollen Buch besch\u00e4ftigt, das auf \u00fcber zw\u00f6lfhundert Seiten die \u00bbGesammelten Werke\u00ab der Gr\u00e4fin (so nannten wir Freunde sie, wenn wir von ihr sprachen, so riefen wir sie, wenn wir zu ihr sprachen \u2013 es lag keinerlei Wertung darin, nur eine Bezeichnung) zusammenfa\u00dft. Die Tageb\u00fccher \u2013 sie brechen 1910 ungef\u00e4hr da ab, wo meine eigenen Erinnerungen durch seltsame Konspirationen mit den Erlebnissen der Gr\u00e4fin zusammengeraten \u2013 beleben auf jeder Seite St\u00e4tten, Namen, Stimmungen und, obwohl bis dahin meine Wege die ihrigen nur fl\u00fcchtig kreuzten, Situationen, die eine Art famili\u00e4rer Zusammengeh\u00f6rigkeit Schwabings offenbaren, eine Gemeinsamkeit des Erlebens aller, auch ohne mitwirkende Beteiligung aller. Das k\u00f6stlichste Bild Schwabings \u2013 mindestens eines bestimmten Ausschnittes dieser kulturgeographischen Kuriosit\u00e4t \u2013 hat die Gr\u00e4fin in dem Buch gezeichnet, das den Namen tr\u00e4gt \u00bbHerrn Dames Aufzeichnungen oder Begebenheiten aus einem merkw\u00fcrdigen Stadtteil\u00ab. Da lernt man dieses \u00bbWahnmoching\u00ab kennen mit seinen Riten und Ekstasen, seinen Verstiegenheiten und seiner Geheim spr\u00e4che \u2013 es ist eine ebenso liebensw\u00fcrdige wie schonungslose Verh\u00f6hnung des reinen \u00c4sthetentums, das sich zufriedengab, wenn es die gro\u00dfen Probleme der Menschheit in ein klingendes Wort und ein genie\u00dferisches Seufzen eingefangen hatte. Es gibt noch ein anderes Dokument, das die Geheimnisse der Stefan-George-Gemeinde mit ihrer liturgischen Rhythmik, nur f\u00fcr Eingeweihte verst\u00e4ndlich, dem Gel\u00e4chter Schwabings preisgab: Das war eine in f\u00fcnf hektographierten Nummern erschienene Zeitung, die den Namen f\u00fchrte \u00bbSchwabinger Beobachter\u00ab; sie kam vor meiner M\u00fcnchener Zeit heraus \u2013 in den Tageb\u00fcchern 1904 erw\u00e4hnt \u2013, doch hat die Gr\u00e4fin sie mir einmal zu lesen gegeben. Die Betroffenen sollen sehr entsetzt gewesen sein, als sie herausbekamen, da\u00df die Hauptt\u00e4terin die allseits umschw\u00e4rmte Reventlow war; denn sie hatte das affektierte Getue derart l\u00e4cherlich gemacht, da\u00df von Weihe und Gloria noch Jahre sp\u00e4ter einiger Respekt abgebr\u00f6ckelt war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe selbst das Weihezeremoniell um den Meister herum nie mitgenossen. Pers\u00f6nliche Beziehungen pflegte ich allerdings mit vielen, die zeitweilig mitten dazwischen gesteckt hatten, so mit Friedrich Huch, dem feinen Prosadichter, der leider fr\u00fch gestorben ist, und dem Graphiker Rolf von Hoerschelmann; aus dem engsten Kreis um Stefan George kannte ich nur Karl Wolfskehl n\u00e4her; erst bedeutend sp\u00e4ter kam ich auch mit Rainer Maria Rilke in F\u00fchlung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein v\u00f6llig anderes Schwabing lebte in den Bohemelokalen der T\u00fcrkenstra\u00dfe: der \u00bbDichtelei\u00ab und dem \u00bbSimplicissimus\u00ab. Dort traf sich vagabundierendes K\u00fcnstlertum und an keine Zeremonien gebundene Fr\u00f6hlichkeit aller Art Au\u00dfenseiter. In der \u00bbDichtelei\u00ab machte ich die Bekanntschaft Frank Wedekinds, und zwar auf nicht ganz salonf\u00e4hige Art. Wir kannten uns vom Sehen und kamen an verschiedene Tische desselben Lokals zu sitzen. Erst da, wohin der Zufall die G\u00e4ste einer Wirtschaft manchmal gleichzeitig hinaustreibt, kamen wir nebeneinander zu stehen, wobei Wedekind mit einer h\u00f6flichen Verbeugung seinen Namen nannte und ein Gespr\u00e4ch begann, das einen kernigen Spruch Martin Luthers zum Ausgangspunkt nahm. Er lud mich dann an seinen Tisch, wo ich Maria Delvard, Marc Henry und andern vorgestellt wurde, die ich fast alle schon gesehen hatte und bei denen, wie bei Wedekind selbst, der \u00dcbergang zur offiziellen Begr\u00fc\u00dfung nur noch eine Formalit\u00e4t war. Wahrscheinlich h\u00e4tte mich jener Abend auch ohne Wedekinds originelle Initiative an seinen Tisch gef\u00fchrt; denn die Gesellschaft wuchs dauernd, und die meisten, die sich noch einfanden, waren bereits meine Bekannten, darunter Scharf, Dauthendey, Hanns von Gumppenberg und diverse Schwabinger Damen. Max Halbe war zu jener Zeit wieder oder noch mit Wedekind verkracht. Daher wurde ich erst viel sp\u00e4ter zum Besuch<a href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/M%C3%BChsam-Werke+Bd.+2\">[567]<\/a> seiner Kegelbahn eingeladen. Dar\u00fcber und \u00fcber meine langj\u00e4hrige pers\u00f6nliche Verbindung mit Frank Wedekind ist noch zu berichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als die Wirtin der Dichtelei, Kathi Kobus, wenige H\u00e4user entfernt die K\u00fcnstlerkneipe Simplicissimus er\u00f6ffnete, begleiteten sie die meisten ihrer Stammg\u00e4ste ins neue Lokal. Viele meiner M\u00fcnchener Freundschaften hatten hier ihren Ursprung. Die Maler Albert Weisgerber, Max Unold, die Dichter Hans B\u00f6tticher (jetzt: Joachim Ringelnatz), Balder Olden und viele andere waren dort regelm\u00e4\u00dfige G\u00e4ste, andere, die ich von Berlin kannte, traf ich dort wieder, so Ferdinand Hardekopf und Emmy Hennings. Ich glaube, dort habe ich auch meinen Freund C.G. von Maa\u00dfen zuerst getroffen, den ewigen Herausgeber der gro\u00dfen E.-T.-A.-Hoffmann-Ausgabe, Bibliophilen, Satiriker und Lebensk\u00fcnstler, diesen gelehrten Sp\u00f6tter und ironischen B\u00fccherwurm. Unsere Freundschaft, urspr\u00fcnglich wohl erwachsen auf dem Boden gemeinsamer Freude an B\u00fcchern und Bordeauxwein, hat trotz der gr\u00f6\u00dften Verschiedenheit unserer Anschauungen standgehalten, \u00fcber Krieg und Revolution und \u00fcber die langen Jahre meiner zwangsweisen Entfernung aus der menschlichen Gesellschaft \u2013 bis auf den heutigen Tag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schwabing! Ich denke an zahllose Stunden der Vergn\u00fcgtheit, der Besinnung und des k\u00fcnstlerischen Genusses. Ich denke an Faschingsn\u00e4chte von ma\u00dfloser Ausgelassenheit und an Menschen von seltsamem Gehaben, aber genialer Beweglichkeit des Geistes, so an den Psychiater Dr. Otto Gro\u00df, den bedeutendsten Sch\u00fcler Sigmund Freuds, dem es wohl zu danken ist, da\u00df die Psychoanalyse aus der einseitigen Betrachtung des Lebens von der sexualen Seite herausfand zur Erkenntnis der sozialen Bedingtheit des seelischen Erlebens. Ich denke an die trefflichen Schwabinger M\u00e4dchen, die Leben und Liebe vorurteilsfrei und unbefangen zu nehmen und zu geben verstanden. Ich denke an die freie seelische Luft, die Schwabing durchwehte und den Stadtteil zu einem kulturellen Begriff machte. Das ist alles vorbei. Gewisse Ereignisse veranla\u00dften den M\u00fcnchener Hofbr\u00e4ub\u00fcrger, Ansto\u00df zu nehmen an den freien Schwabinger Sitten, und er ging ans Ausr\u00e4umen. Das geschah gr\u00fcndlich; selbst Rainer Maria Rilke wurde ausgewiesen. Jetzt besch\u00e4ftigt man sich in M\u00fcnchen mit der Frage, warum das geistige Leben der Stadt anscheinend darniederliege. Ja \u2013 warum wohl?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-98331 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/ErichMu\u0308hsam.jpg\" alt=\"\" width=\"239\" height=\"256\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/ErichMu\u0308hsam.jpg 239w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/ErichMu\u0308hsam-160x171.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 239px) 100vw, 239px\" \/>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Obwohl die nonkonformistische Literatur ehrlich und transparent zugleich sein wollte, war gegen Ende der 1960er nur schwer zu fassen, die Redaktion entdeckt die Keimzelle des Nonkonformismus in der die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/12\/10\/die-keimzelle-des-nonkonformismus\/\">Romantiker-WG in Jena<\/a>. Zu den Gr\u00fcndungsmythen der alten BRD geh\u00f6rt die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/04\/01\/nonkonformistische-literatur\/\">Nonkonformistische Literatur<\/a>, lesen Sie dazu auch ein Portr\u00e4t von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/04\/04\/vauo\/\">V.O. Stomps<\/a>, dem Klassiker des Andersseins. Kaum jemand hat die L\u00fcckenhaftigkeit des <em>Underground<\/em> so konzequent <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/09\/24\/underground\/\">erz\u00e4hlt<\/a> wie N\u00ed Gudix und ihre <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/08\/23\/kritik-an-der-literarischen-alternative\/\">Kritik an der literarischen Alternative<\/a> ist berechtigt. Ein Portr\u00e4t von N\u00ed Gudix findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/16\/da-lernst-du-die-menschen-kennen\/\">hier<\/a> (und als Leseprobe ihren <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/12\/30\/hausaffentango\/\">Hausaffentango<\/a>). Lesen Sie auch die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/09\/24\/erinnerungen\/\">Erinnerungen an den Bottroper Literaturrocker<\/a> von Werner Streletz und den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/09\/28\/rip-bruno\/\">Nachruf<\/a> von Bruno Runzheimer. Zum 100. Geburtstag von Charles Bukowski, eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/08\/16\/ledertasche-geborgt\/\">Doppelbesprechung<\/a> von Hartmuth Malornys Ruhrgebietsroman <em>Die schwarze Ledertasche<\/em>. 1989 erscheint Helge Schneiders allererste Schallplatte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26990\"><em>Seine gr\u00f6\u00dften Erfolge<\/em><\/a>, produziert von Helge Schneider und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/07\/20\/klangkloetzchen\/\">Tom T\u00e4ger<\/a> im Tonstudio\/Ruhr. Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26709\">Portr\u00e4t <\/a>der einzigartigen Proletendiva aus dem Ruhrgebeat auf KUNO. In einem Kollegengespr\u00e4ch mit Barbara Ester dekonstruiert A.J. Weigoni die <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/10\/09\/ruhrgebietsromantik\/\">Ruhrgebietsromantik<\/a><\/em>. Mit<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6071\"> Kersten Flenter<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/06\/23\/killroy-review\/\">Michael Sch\u00f6nauer<\/a> geh\u00f6rte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/24\/polyphone-ich-erzaehlungen\/\">Tom de Toys<\/a> zum\u00a0Dreigestirn des deutschen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/01\/05\/bewegung\/\">Poetry Slam<\/a>. Einen Nachruf von Theo Breuer auf den Urvater des Social-Beat finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/03\/07\/hubsch-revisited\/\">hier<\/a> \u2013 Sowie selbstverst\u00e4ndlich his <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/06\/25\/wie-was-social-beat-ist-und-warum-und-warum-nicht\/\">Masters voice<\/a>. Und Dr. Stahls kaltgenaue <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2002\/06\/26\/social-beat-vs-digitales-dasein\/\">Analyse<\/a>. \u2013 Constanze Schmidt beschreibt den Weg von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26080\">Proust zu Pulp<\/a>. Ebenso eindr\u00fccklich empfohlen sei Heiner Links <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42272\">Vorwort<\/a> zum Band Trash-Piloten. Inzwischen hat sich Trash andere Kunstformen erobert, dazu die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\">Aufmerksamkeit<\/a> einer geneigten Kulturkritik. In der Reihe <em>Gossenhefte<\/em> zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen, der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Die KUNO-Redaktion bat A.J. Weigoni um einen Text mit Bezug auf die Mainzer Minpressenmesse (MMPM) und er kramte eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/05\/31\/treff-der-titanen\/\">Realsatire<\/a> aus dem Jahr 1993 heraus, die er f\u00fcr den Mainzer Verleger Jens Neumann geschrieben hat. J\u00fcrgen Kipp \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/06\/01\/geschichte-und-aufgaben-des-mainzer-minipressen-archives-mmpa\/\">Aufgaben des Mainzer Minipressen-Archives<\/a>. Ein w\u00fcrdiger Abschlu\u00df gelingt Boris Kerenski mit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/03\/30\/wer-war-ist-noch-social-beat\/\">Stimmen aus dem popliterarischen Untergrund<\/a><strong>.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Vorbemerkung der Redaktion: Obwohl die nonkonformistische Literatur ehrlich und transparent zugleich sein wollte, war gegen Ende der 1960er nur schwer zu fassen. Der Zeitzeuge Erich M\u00fchsam \u00fcber Schwabing: &nbsp; Schwabing, habe ich fr\u00fcher schon einmal behauptet, ist, wie Montmartre,&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/07\/10\/schwabing\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":104,"featured_media":98331,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1237],"class_list":["post-103149","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-erich-muhsam"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103149","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/104"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=103149"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103149\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":103151,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103149\/revisions\/103151"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98331"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=103149"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=103149"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=103149"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}